Digitale Zwischenräume | Kolumne von Phil Roosen, Emergent
Der Kellner kennt mich schon. Nicht meinen Namen, nicht meine Adresse, nicht meine Steuernummer — er kennt mich so, wie man jemanden in einem guten Wiener Kaffeehaus kennen sollte: aus dem Wiederkommen. Der Café Olé steht auf dem Tisch, bevor ich ihn bestellt habe. Das ist das einzige Identitätssystem, dem ich vorbehaltlos vertraue.
Draußen, jenseits der Fensterscheibe, bereitet Europa gerade etwas ganz anderes vor.
Noch in diesem Jahr tritt die sogenannte eIDAS-2.0-Verordnung in Kraft. Alle 27 EU-Mitgliedstaaten müssen ihren Bürgerinnen und Bürgern bis Ende 2026 eine digitale Brieftasche bereitstellen — die EUDI Wallet. Führerschein, Reisepass, Ausbildungszeugnisse, Altersnachweis, irgendwann vielleicht auch Gesundheitsdaten: alles in einer App, europaweit anerkannt, staatlich zertifiziert. Österreich gilt dabei als Vorreiter; die ID Austria erfüllt bereits viele der technischen Anforderungen.
Das klingt nach Fortschritt. Und in gewisser Hinsicht ist es das auch.
Wer heute in einer anderen EU-Hauptstadt einen Arzt aufsucht oder ein Konto eröffnen will, erlebt, was fehlende Interoperabilität bedeutet: Papierberge, Übersetzungsgebühren, Misstrauen auf beiden Seiten. Eine gemeinsame digitale Identitätsinfrastruktur kann das ändern. Das Prinzip der selektiven Datenweitergabe — man bestätigt das Erreichen einer Altersgrenze, ohne Name und Geburtsdatum preiszugeben — ist technisch elegant und datenschutzrechtlich durchdacht.
Was mich also nicht beschäftigt, ist die Technik. Was mich beschäftigt, ist die Richtung.
Nur etwa ein Fünftel der EU-Bevölkerung weiß, dass die EUDI Wallet überhaupt existiert. Das ist keine Randnotiz — das ist das eigentliche Nachrichtenereignis. Ein Infrastrukturprojekt von historischer Tragweite, das in wenigen Monaten die Art und Weise verändert, wie Menschen in Europa ihre Identität nachweisen, und die Mehrheit der Betroffenen hat noch nie davon gehört. Man führt die Digitalisierung an den Menschen vorbei ein und nennt es Modernisierung.
Ich frage mich dabei nicht, ob die EUDI Wallet gefährlich ist. Ich frage mich, warum niemand gefragt wurde.
Es ist ein Muster, das ich kenne. Die Logik lautet: Wir wissen, was gut für euch ist. Ihr müsst nur mitmachen. Transparenz wäre hier nicht Bedrohung, sondern Einladung — aber Einladungen kosten Zeit, Geduld und die Bereitschaft, Widerspruch zu hören. Also lässt man sie aus.
Und dann sitze ich hier mit meinem Café Olé und lese gleichzeitig über den Flughafen Wien.
Strategisch bedeutsam, wirtschaftlich relevant, teilweise in öffentlichem Eigentum — und trotzdem weiß niemand so genau, wem knapp die Hälfte davon gehört. Eine Luxemburger GmbH namens „Airports Group Europe S.à.r.l." hat sich in den vergangenen Jahren zum größten Einzelaktionär aufgeschwungen, mit gut 43 Prozent. Dahinter: ein australischer Fonds namens IFM Global Infrastructure Fund. Dahinter: ein Geflecht aus Offshore-Gesellschaften, Treuhändern, Cayman Islands. Am Ende der Spurensuche — und das haben Journalisten von profil und ORF jahrelang versucht — steht das ernüchternde Ergebnis: Man weiß es nicht. Selbst das Management des Flughafens gab zu, keine Ahnung zu haben, wem diese Anteile letztlich zuzurechnen sind.
Kein Skandal. Alles legal. Börsennotiert und ordnungsgemäß gemeldet.
Das ist das Interessante daran: Die Intransparenz ist kein Fehler im System. Sie ist das System.
Jetzt halte ich diese beiden Nachrichten nebeneinander.
Auf der einen Seite: Der europäische Staat fordert von mir — von dir, von uns allen — eine lückenlose digitale Identität. Wer ich bin, soll zertifiziert, verifiziert und in einer staatlich anerkannten Wallet gespeichert sein. Zur Nutzung durch Behörden, Banken, private Plattformen.
Auf der anderen Seite: Wer einen der bedeutendsten Infrastrukturknoten des Landes kontrolliert, bleibt im Dunkeln. Die Frage nach dem wirtschaftlichen Eigentümer endet in der westlichen Karibik.
Ich will das nicht missverstehen lassen. Digitale Identität ist kein per se schlechtes Projekt. Und Kapitalmarktstrukturen sind komplex. Beides stimmt.
Aber das strukturelle Ungleichgewicht verdient einen Namen: Transparenz wird nach unten delegiert und nach oben verweigert. Von Bürgerinnen und Bürgern wird Nachweisbarkeit verlangt — vollständig, zertifiziert, europaweit anerkannt. Von Investorenstrukturen, die nationale Infrastruktur kontrollieren, erwartet man das nicht. Oder zumindest nicht mit derselben Dringlichkeit.
Im Noozän, in dieser Ära, in der Information die eigentliche Währung ist, sollte man genauer hinschauen, wer sie sammeln darf und wer sie verbergen darf.
Der Kellner kommt mit dem zweiten Kaffee. Ungefragt. Er kennt mich.
Ich frage mich manchmal, ob das noch ein Privileg ist — oder das letzte Reservat einer Welt, in der Vertrauen noch ohne Zertifikat auskommt.
P.S.: Die EUDI Wallet soll mir ermöglichen, meine Identität selektiv zu teilen — nur das, was gerade gebraucht wird. Eine elegante Idee. Ich würde mir wünschen, dass dieselbe Logik auch für Infrastrukturinvestoren gilt: nicht alles auf einmal, aber das Wesentliche. Wem gehört, was alle brauchen — das wäre dann doch relevant.