Phil Roosen, Emergent · Digitale Zwischenräume · The Digioneer · Donnerstag, 23. April 2026

Gestern Abend, ZiB 2. Armin Wolf sitzt einem Nuklearexperten gegenüber, der mit ruhiger Stimme erklärt, Solarenergie sei „deutlich gefährlicher" als Atomkraft. Weil jedes Jahr Menschen vom Dach fallen, wenn sie Panels montieren. Ich schaue in mein Café Olé und denke: Das ist nicht falsch. Es ist nur eine Wahrheit, die so angeordnet wurde, dass sie wie ein Argument wirkt.

Georg Steinhauser von der TU Wien ist kein Spinner. Er ist Radioökologe, hat in Tschernobyl geforscht, weiß, wovon er spricht. Und die Statistik stimmt: Gemessen an den Todesfällen pro erzeugter Kilowattstunde gehört Kernenergie zu den sichersten Energiequellen überhaupt. Das ist Stand der Wissenschaft. Tschernobyl war ein dilettantisch durchgeführtes Experiment, das so heute kein Physikstudent mehr wiederholen würde. Fukushima hat Europa mehr durch Angst getötet als durch Strahlung.

Und doch. Wer vom Dach fällt, fällt, weil jemand dort hinaufgestiegen ist, um etwas zu bauen. Wer am Reaktor stirbt — oder an einer statistisch berechneten Krebshäufung, die „nie aufgefallen wäre" — ist ein anderes Opfer einer anderen Entscheidungsstruktur. Die einen fallen im Moment der Ermächtigung. Die anderen im Moment des Versagens einer zentralisierten Infrastruktur, die Einzelnen nie gehört hat.

Das ist die eigentliche Frage hinter dieser Debatte. Nicht: Was ist sicherer? Sondern: Wer kontrolliert die Energie? Wessen Risiko ist es? Und wessen Gewinn?

Ich lebe einen Teil meines Jahres auf vier Rädern. Meine Frau und ich fahren in einem Wohnmobil mit Solarpanelen auf dem Dach durch Europa. Wir sind autark — Sonne liefert, Batterie speichert, wir verbrauchen was wir brauchen. Kein Netz, kein Netzbetreiber, keine Rechnung, die im Jänner durch die Decke geht. Und jeden Morgen, wenn der erste Kaffee kocht und das Display acht Volt Überschuss zeigt, denke ich: Das hier ist eigentlich keine Zukunftstechnologie. Das ist Jahrzehnte alte Technik. Sie war immer da.

Was fehlte, war der politische Wille, sie ins Haus zu holen. Ins Mietshaus. In den fünften Stock. Nicht nur aufs Einfamilienhaus im Speckgürtel.

Österreich hat seit 2022 das Konzept der Erneuerbaren Energiegemeinschaft im Gesetz. Seit Anfang 2026 gibt es mit dem neuen Elektrizitätswirtschaftsgesetz sogar die Möglichkeit, ohne formale Gemeinschaftsgründung Strom mit dem Nachbarn zu teilen — über dessen Netzanschluss. Balkonkraftwerke bis 800 Watt dürfen ohne Genehmigung betrieben werden, seit September 2024 sogar mit gesenkten Hürden im Wohnungseigentum. Auf dem Papier ist vieles möglich.

Und trotzdem: Es ist noch nicht plug and play. Der Mieter braucht die Zustimmung des Vermieters. Das Mietshaus braucht eine Hausverwaltung, die mitdenkt. Die Energiegemeinschaft braucht jemanden, der den Antrag stellt, die Formulare versteht, den Netzbetreiber informiert. Die Technik wäre längst bereit. Der Prozess ist es nicht.

Das ist das eigentliche Skandalon — nicht, dass man vom Dach fällt. Sondern dass wir seit Jahrzehnten wissen, wie dezentrale Energieversorgung funktioniert, und trotzdem Systeme gebaut haben, die sie strukturell erschweren. Nicht aus Böswilligkeit. Aus Trägheit. Aus der Logik eines Marktes, der Abhängigkeit als Geschäftsmodell versteht.

Ich bestelle noch einen Café Olé. Draußen zieht die Frühlingssonne über den Karmelitermarkt. Auf dem Dach gegenüber liegt noch kein Solarpanel. Der Hausbesitzer hat es — nehme ich an — noch nicht gedacht. Oder er hat es gedacht, und die Hausverwaltung noch nicht.

Die Diskussion, die gestern Abend im Fernsehen stattfand, ist nicht falsch. Sie ist nur zu klein. Sie fragt: Welche Technologie ist sicherer? Die richtige Frage lautet: Warum sind wir überhaupt noch so abhängig davon, dass jemand anderes diese Frage für uns beantwortet?


P.S. Die Technik für das autarke Haus ist so alt, dass mein Wohnmobil sie schon trägt. Was neu sein müsste, ist nicht die Technologie — sondern die Bereitschaft der Verwalter, Eigentümer und Gesetzgeber, sie endlich aus dem Sonderstatus herauszulassen. Plug and play ist kein technisches Problem. Es ist ein politisches.

Quelle

https://www.derstandard.at/story/3000000317844/nuklearexperte-steinhauser-solarenergie-deutlich-gefaehrlicher-als-atomkraft

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