Kolumne "Digitale Zwischenräume" – The Digioneer, Donnerstag, 14. Mai 2026
Das tewa am Karmelitermarkt ist heute halb leer. Christi Himmelfahrt, die Wienerinnen und Wiener sind am See, am Berg, manche auch nur im Schrebergarten. Mein Café Olé dampft noch unberührt vor mir. Ich scrolle durch die Meldungen der letzten Tage und bleibe an einem Satz hängen, der mich seither nicht mehr loslässt: Leiser als ein Kühlschrank.
So beschreibt das US-Unternehmen 1X Technologies seinen humanoiden Roboter NEO, der seit dem 6. Mai im kalifornischen Hayward in Serie produziert wird. Preis: zwischen 13.500 und 16.000 Dollar. Bestimmungsort: nicht die Fabrik, sondern Ihre Wohnung. Ihre Küche, Ihr Bad, der Korridor zwischen beidem. Eine Maschine in Menschengestalt, die staubsaugt, Wäsche faltet, das Geschirr räumt – und sich dabei entschuldigt, indem sie schweigt. Eine merkwürdig wienerische Pointe, finde ich. Wir, die wir uns über das Klappern der Tassen am Nebentisch beschweren können, bekommen jetzt einen Diener, der diese Sünde nicht begehen wird.
Am Nebentisch sitzt ein Mann in den Vierzigern, Laptop offen, Cappuccino daneben. Er telefoniert leise, ich höre nur Fragmente: "Restrukturierung", "neue Strategie", "schmerzhafte Entscheidungen". Buchhalter, mittleres Management, vielleicht Vertrieb. Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass das, was ihn gerade trifft, in wenigen Jahren die meisten von uns trifft. Auch mich. Auch dich, der du das gerade liest.
Der NEO ist nur ein Bauteil eines viel größeren Bildes. In Foshan, im Süden Chinas, läuft seit dem Frühjahr eine Fabrik, deren Designkapazität bei bis zu 50.000 humanoiden Robotern jährlich liegt. Unitree Robotics will 2026 zwanzigtausend Einheiten ausliefern, eine Vervierfachung gegenüber dem Vorjahr. Tesla beginnt mit Optimus in Fremont. Das Allen Institute for AI hat vor einer Woche ein Modell veröffentlicht, das humanoide Roboter laut eigenen Angaben siebenunddreißig Mal schneller lernen lässt als das Vorgängermodell. Branchenanalysten haben das laufende Jahr zum ersten Jahr der Massenkommerzialisierung verkörperter KI ausgerufen. Das ist kein Schlagwort. Das ist ein Lieferplan.
Und das ist der Moment, in dem wir kollektiv die Augen zumachen.
Wir erzählen uns Geschichten. Sie sind beruhigend und sie sind alt. Die erste Geschichte heißt: Bei jeder Automatisierungswelle sind neue Berufe entstanden. Stimmt. Nur dass diesmal die Maschine nicht eine bestimmte Tätigkeit ersetzt, sondern die menschliche Form selbst kopiert. Wer mit einer humanoiden Hand greift und auf zwei humanoiden Beinen steht, ersetzt nicht den Weber oder den Setzer, sondern den Universalarbeiter. Und der Universalarbeiter sind wir alle.
Die zweite Geschichte heißt: Wir werden ein bedingungsloses Grundeinkommen bekommen. Vielleicht. Aber von wem? Konzerne haben in ihrer ganzen Geschichte noch nie freiwillig Menschen ernährt, deren Arbeit sie nicht brauchten. Regierungen tun das, solange sie noch von mündigen Bürgern abhängen, die wählen und zurückwählen können. Wir aber – und das ist die unangenehme Pointe – haben unsere Mündigkeit über Jahrzehnte stillschweigend abgegeben. Wir wollten Bequemlichkeit, wir bekamen Apps. Wir wollten Auswahl, wir bekamen Algorithmen. Wir wollten nichts mehr selbst entscheiden müssen, und das hat geklappt. Wer aber nichts mehr entscheidet, wird auch nicht mehr gefragt.
Damit landen wir bei der Frage, die wir uns am wenigsten stellen wollen. Sie lautet nicht Was werden wir tun?, sondern: Wohin sollen wir gehen?
Knecht bei einem Bauern? Der Bauer hat selbst einen Roboter. Aussteigen, nach Lateinamerika, von den Früchten der Natur leben? Wir wissen nicht, welche davon giftig sind. Nach Afrika, dorthin, wo Menschen noch wissen, wie man eine Ziege schlachtet und ein Feuer ohne Tutorial entzündet? Wir wären dort die Hilflosen, nicht die Pioniere. Selbst die Sehnsucht nach einem einfachen Leben ist bei uns längst zur Konsumentscheidung geworden – mit Bio-Siegel, mit Outdoor-Marke, mit Instagram-Account zum Mitlesen.
Als Präsident von Pura Vida, einem Verein für mobiles Leben, weiß ich, wovon ich rede. Wir nennen uns autonom, weil wir mit Solarstrom und Satellitenempfang reisen. Aber unsere Autonomie endet am ersten Supermarkt. Wir sind die Bohème der digitalen Komfortzone, keine Subsistenzbauern. Ich schreibe diese Zeilen mit Worten, die mir nicht gehören, in einer Sprache, die ich nicht selbst erfunden habe, auf einem Gerät, das ich nicht reparieren kann, in einem Café, dessen Strom nicht ich erzeuge. Mein gesamtes Leben ist eine einzige Abhängigkeit, die nur gut funktioniert hat, solange ich noch jemand war, den jemand brauchte.
Hannah Arendt hat in Vita activa zwischen Arbeiten, Herstellen und Handeln unterschieden. Das Arbeiten – die tägliche Mühe ums Überleben – hielt sie für die niedrigste dieser Tätigkeiten, weil sie keine Spur hinterlässt: das Brot wird gegessen, der Lohn wird ausgegeben. Das Handeln dagegen – das Sich-Zeigen, das Reden und Streiten im öffentlichen Raum – war für sie das, was den Menschen zum Menschen macht. Wenn uns die Roboter nun also das Arbeiten abnehmen, müssten wir dieser Logik folgend erleichtert sein. Endlich Zeit für das Wesentliche. Aber das Handeln haben wir, lange bevor der erste Humanoide vom Band lief, gegen anderes eingetauscht – gegen Likes, gegen Scrolling, gegen die bequeme Stummheit des Konsumenten. Wir verlieren nicht nur die Arbeit. Wir haben den Rest schon vorher hergegeben.
Was bleibt also vom Menschen, wenn weder seine Arbeit gebraucht wird, noch sein Konsum finanzierbar ist, noch seine Stimme als Bürger ein Gewicht hat? Die Frage ist nicht düster, sie ist nicht dramatisch, sie ist nur unausweichlich. Christi Himmelfahrt, wenn man so will, ohne Auftrag für die, die zurückbleiben.
Der Mann am Nebentisch ist inzwischen aufgestanden. Er hat seinen Cappuccino bezahlt, den Laptop zugeklappt, ist hinausgegangen. Ich weiß nicht, wohin. Ich glaube, er weiß es selbst auch nicht.
Phil Roosen schreibt diese Kolumne aus dem tewa am Karmelitermarkt. Seine Kolumne "Digitale Zwischenräume" erscheint jeden Donnerstag in The Digioneer.
P.S.: Während ich diese Zeilen abschließe, fragt mich eine Anzeige auf meinem Handy, welches Auto mein nächstes sein soll. Ich werde sie nicht beantworten. Es scheint mir gerade nicht die dringendste Frage.