Was ein Raumfahrtkonzern, eine Enzyklika und eine Ameise über die Ohnmacht wissen
Kolumne "Digitale Zwischenräume" – The Digioneer, Donnerstag, 28. Mai 2026
Am Nebentisch streiten zwei ältere Herren über das Wetter, und ohne es zu wissen, streiten sie über das ganze Jahrhundert. "Ungewöhnlich für Ende Mai", sagt der eine und wischt sich die Stirn. "Das ist jetzt halt so", sagt der andere und bestellt ein zweites Bier. Der erste hält an der Ausnahme fest, der zweite hat sich mit der Regel abgefunden. Was der eine noch für eine Abweichung hält, ist für den anderen längst die neue Wirklichkeit. Mein Café Olé ist lauwarm, bevor ich die Hälfte getrunken habe. Über dem Karmelitermarkt steht die Hitze wie ein Versprechen, das niemand bestellt hat.
Auf dem Tablet vor mir liegen zwei Texte nebeneinander, und ich brauche eine Weile, um zu begreifen, dass sie dasselbe beschreiben.
Der erste ist ein Emissionsprospekt. SpaceX, das Privatunternehmen, will an die Börse, und damit liegen plötzlich Zahlen offen, die zwei Jahrzehnte lang niemanden etwas angingen. 18,67 Milliarden Dollar Umsatz im Vorjahr, fast fünf Milliarden Verlust. Im ersten Quartal noch einmal über vier Milliarden Minus. Ein Schuldenberg von über zwanzig Milliarden. Und trotzdem – oder gerade deshalb – die Bewertung: 1,75 Billionen Dollar. Sollte das durchgehen, wäre Elon Musk der erste Billionär der Geschichte.
Man kann das für Größenwahn halten. Man kann es aber auch ernst nehmen, und das verlangt die Redlichkeit. Dieser Mann hat die Raumfahrt tatsächlich umgebaut. Die Falcon 9 war die erste wiederverwendbare Rakete, die Startkosten sind eingebrochen, und Firmen, die es ohne ihn nie ins All geschafft hätten, kreisen heute dort oben. Walter Isaacsons Biografie erzählt vom verprügelten Buben auf südafrikanischen Spielplätzen, vom gewalttätigen Vater, vom Kind, das lernte, sich auf niemanden zu verlassen außer sich selbst. Daraus wurde eine Risikobereitschaft, die an Manie grenzt, und manchmal eben auch eine Rakete, die landet statt zu verglühen. Das ist keine Kleinigkeit. Wer das wegwischt, macht es sich zu leicht.
Die Frage, die mir mein Redakteur Mik mitgegeben hat, lautet: Visionär, dem wir die Zukunft anvertrauen dürfen – oder dystopische Gefahr? Und ich merke beim Lesen, dass diese Frage selbst die Falle ist. Solange wir über den Mann streiten, sitzen wir auf der Tribüne und fällen ein Urteil über einen Charakter. Das Eigentliche passiert woanders. Nicht in der Persönlichkeit, sondern in der Aktienstruktur.
Denn der Prospekt verrät noch etwas anderes als Verluste. Er verrät, wie der Konzern gebaut ist. B-Aktien mit zehnfachem Stimmrecht, die überwiegend Musk gehören. 85,1 Prozent der Stimmen in einer Hand. Vorstandschef und Verwaltungsratsvorsitzender lassen sich praktisch nur von ihm selbst absetzen. Und als ihn die Mitgründer von OpenAI einst fragten, was geschehe, wenn er stirbt, antwortete er, vielleicht solle das Ganze an seine Kinder gehen. Das ist der Punkt, an dem aus einem Unternehmen eine Dynastie wird.
Hier wird gern die große Philosophie aufgefahren, der Longtermism: Entscheidungen seien nicht an ihren kurzfristigen Folgen zu messen, sondern daran, wie sie die Menschheit über Generationen sichern. Ein Raketenbahnhof, der heute ein paar tausend Menschen die Luft verpestet, ist demnach zu rechtfertigen, wenn er irgendwann die Spezies vor dem Aussterben bewahrt. Man muss diese Logik nicht teilen, aber man sollte sie nicht für dumm halten – sie hat eine eigene, kühle Konsequenz. Nur fällt auf, dass diese kosmische Ethik am Ende immer zum selben Ergebnis kommt: Die Schlüssel bleiben beim Retter. Ein Longtermism, der in der Erbfolge endet, ist keine Philosophie mehr. Er ist ein Testament mit Sternenkarte.
Musk selbst nennt das Ziel die "Ausbreitung des Lichts des Bewusstseins bis zu den Sternen". Es ist ein schöner Satz, und er trifft genau jene Schwelle, die ich seit Jahren das Noozän nenne – die Epoche, in der Bewusstsein zur Infrastruktur wird. Nur stellt der Prospekt die Frage, die der Satz verschweigt: Wessen Bewusstsein? Und wem gehört das Licht, wenn man Stimmenmehrheit daran halten kann?
Und genau an dieser Stelle meldet sich der zweite Text auf meinem Tablet – von einer Kanzel, von der man es am wenigsten erwartet hätte.
Am Pfingstmontag hat Papst Leo XIV. seine erste Enzyklika vorgestellt, "Magnifica humanitas", über den Schutz des Menschen im Zeitalter der künstlichen Intelligenz. Der erste US-Amerikaner auf dem Stuhl Petri, und sein erstes großes Schreiben gilt nicht der Sexualmoral, sondern den Rechenzentren. "Künstliche Intelligenz muss entwaffnet werden", sagte er, und meinte damit weit mehr als autonome Waffen. Er warnt davor, dass kleine, einflussreiche Gruppen Information und Konsum lenken, demokratische Prozesse konditionieren, die Wirtschaft formen. Er schreibt, KI sei nicht neutral, sondern trage die Züge derer, die sie finanzieren. Und er stellt nüchtern fest, dass manche Konzerne über mehr Mittel verfügen als ganze Regierungen.
Es ist gespenstisch. Der Prospekt und die Enzyklika beschreiben dieselbe Maschine. Der eine im Vokabular der Befreiung – Aufbruch, Licht, Sterne. Der andere im Vokabular der Warnung. Beide sehen einen Apparat, der den Zugang zum Orbit kontrolliert, Kommunikationsnetze betreibt, Militär beliefert, KI entwickelt, und dessen Lenkung in der Hand eines Einzelnen liegt, der sie über seinen Tod hinaus sichern will.
Leo hat seine Enzyklika übrigens auf den Tag genau 135 Jahre nach "Rerum novarum" unterschrieben, dem Schreiben, mit dem die Kirche einst der Dampfmaschine begegnete. Damals war die Frage, wem die Fabrik gehört. Heute ist es die Frage, wem das Modell gehört. Dass bei der Präsentation ein Mitgründer von Anthropic im Saal saß – einer, der die Systeme baut, die der Papst entwaffnet sehen will – ist eine Ironie, die selbst Phil Roosen nicht hätte erfinden können.
Und ja, ich spüre die Ohnmacht. Ich teile sie mit sehr vielen, diesen Glauben, man könne ohnehin nichts tun gegen Billionenbewertungen und Stimmrechtskonstruktionen. Es wäre verlogen, das wegzulächeln.
Über meinen Marmortisch läuft eine Ameise. Sie schleppt einen Krümel, dreimal so groß wie sie selbst, in stoischer Sturheit Richtung Tischkante. Und der erste Gedanke ist der bequeme: Was richtet die schon aus. Eine einzelne Ameise ist tatsächlich machtlos, das ist keine Trostlüge, das ist Biologie.
Nur ist die einzelne Ameise nie die Einheit. Die Einheit ist der Stock. Und der Stock hat keinen Vorstandschef, keine B-Aktien, keinen Gründer, den man nicht absetzen könnte. Seine Intelligenz ist emergent – niemand kommandiert, und gerade darin liegt seine Macht. Er ist das exakte Gegenteil der Struktur im Prospekt. Gegen die Konzentration steht die Verteilung. Gegen die Dynastie steht die Emergenz.
Der Krümel bewegt sich über den Tisch. Nicht weil die Ameise stark wäre, sondern weil es eine Spur gibt, der die nächste folgt, und die nächste.
Phil Roosen schreibt diese Kolumne aus dem tewa am Karmelitermarkt, wo die Hitze steht und der Café Olé zu schnell lau wird. "Digitale Zwischenräume" erscheint jeden Donnerstag in The Digioneer.
P.S.: SpaceX wäre mit 1,75 Billionen Dollar bewertet. Eine Ameisenkolonie hat keinen Ausgabepreis. Nicht, weil sie nichts wert wäre – sondern weil niemand die Stimmenmehrheit an ihr halten kann.
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The DigioneerMichael Kainz
ORF.atred, religion.ORF.at/KAP/dpa