Kolumne "Digitale Zwischenräume" – The Digioneer, Donnerstag, 30. April 2026

Es ist einer dieser Wiener Morgen, an denen die Stadt so freundlich tut, dass man ihr fast glaubt. Die Sonne fällt schräg auf den Karmelitermarkt, ein Hund schnüffelt an einer Kiste mit Erdbeeren aus Spanien, eine Frau am Nebentisch im tewa zieht ein gebrauchtes iPhone aus einer Lederhülle, die teurer war als das Gerät. Mein Café Olé steht vor mir, noch unberührt. Im Kopf läuft ein Lied, das ich seit fünfzig Jahren kenne und heute zum ersten Mal richtig höre.

A Mensch möcht i bleibn, und net zur Nummer mecht i werdn.

Ambros, 1974. Vor dem ersten Heimcomputer. Vor der ersten E-Mail. Vor allem, was wir heute als die große Bedrohung des Menschlichen verkaufen. Er singt von Häusern, die für Roboter gebaut werden, und von Leuten, die deppat in den Fernseher schauen. Und ein paar Jahre später kommt STS und legt nach: In unsrer Hektomatik-Welt dreht sich alles nur um Macht und Geld. 1985. Vor dem Web. Vor dem Smartphone. Vor allem, was wir heute Beschleunigung nennen.

Ich trinke einen Schluck und bleibe bei dem Wort hängen: Hektomatik. Steinbäcker hat es erfunden, um zu beschreiben, was er um sich herum sah – und es hält bis heute. Es ist ein gutes Wort, weil es nicht klagt. Es diagnostiziert.


Eine Generation hat diese Lieder mitgesungen. Im Auto, am Lagerfeuer, beim Heurigen. Sie haben sie gesungen, ohne zu lesen. Das ist die eigentliche Pointe: Die Diagnose lag vor. Sie war komponiert, gereimt, in Dialekt gegossen, hitparadentauglich gemacht und an drei Generationen ausgegeben. Und alle haben mitgesungen und nichts gelesen.

Ich sage das nicht, um auf die Boomer einzudreschen. Ich bin selbst einer. Ich habe in der Wohnung meiner Eltern Schifoan auf der Stereoanlage gehört, und ich habe später im eigenen Auto STS mitgegrölt. Niemand hat damals gedacht: Moment, das ist eine Bestandsaufnahme. Das ist die Welt, in der ich lebe, und sie ist nicht in Ordnung. Wir haben gedacht: schöne Melodie. Wienerisch. Authentisch. Und sind weitergefahren.

Heute höre ich es anders. Heute höre ich Ambros und denke: Er hat es schon gewusst. Er hat den Zustand benannt, bevor die Maschinen angekommen waren, die ihn vollenden würden. Und das ist vielleicht das Unheimlichste an diesen Liedern – nicht, dass sie alt sind, sondern dass sie sich nicht abnützen. Sie werden eher schärfer.


Mik hat mir gestern eine Nachricht geschickt. Es war keine Frage und keine Bitte, eher ein lautes Denken. Er hat geschrieben: Du kannst als Individuum nichts ändern. Nichts. Gar nichts. Nur einkaufen, in den Kühlschrank, essen, und das Übrige der Verdauung überlassen. Und es ist diese Erkenntnis, die ihm Angst macht vor der weiter beschleunigten Digitalisierung. Weil sie eine Lücke aufreißt zwischen Realität und Individualität.

Ich habe lange darüber nachgedacht, was ich darauf antworten soll. Der erste Reflex eines Kolumnisten ist, zu trösten. Eine Wendung zu finden, die das Gewicht abnimmt. Eine philosophische Volte, ein paar Zeilen Hannah Arendt, ein Schluss, der den Leser entlässt mit dem Gefühl, doch nicht ganz ohnmächtig zu sein.

Diesen Reflex unterdrücke ich heute.

Mik hat recht. Nicht ganz, aber zu großen Teilen. Das Individuum, von dem die Aufklärung geträumt hat – jenes mündige, vernünftige, gestaltende Wesen, das durch Bildung und Beteiligung die Verhältnisse formen sollte – existiert in dieser Form nicht mehr. Vielleicht hat es nie so existiert, vielleicht war es immer eine schöne Fiktion. Aber die Spannung zwischen Anspruch und Wirklichkeit war früher kleiner. Heute klafft sie so weit auseinander, dass kein ehrlicher Mensch sie noch übersehen kann.

Du gehst wählen. Eine Stimme unter Millionen, gewichtet durch Wahlkreise, gefiltert durch Koalitionen, verwässert durch Sachzwänge, abgewickelt durch Bürokratien, die niemand mehr versteht. Du kaufst regional. Drei Häuser weiter wird der ganze Block in eine Holding verkauft, deren Eigentümer in Luxemburg sitzt und die du nie kennenlernen wirst. Du sparst CO₂. Eine Boeing über Wien stößt in einer Stunde mehr aus, als du in einem Jahr einsparen kannst. Du liest, denkst, formst dir eine Meinung. Ein Algorithmus in Kalifornien entscheidet, was du als Nächstes lesen wirst. Du bist vernetzt. Was bedeutet: Du bist erreichbar, beobachtbar, klassifizierbar.

Das ist keine Resignation. Das ist Buchhaltung.


An dieser Stelle könnte ich jetzt das Gegenargument bringen. Der mündige Bürger sei ja nicht wirkungslos, sondern Teil eines kollektiven Drucks, eines kulturellen Wandels, einer langsamen Verschiebung der Diskurse. Bewegungen entstehen aus Einzelnen. Veränderung braucht Geduld. Und so weiter. All das stimmt sogar in einem bestimmten, sehr engen Sinn. Es ist die Erzählung, die Demokratien brauchen, um sich selbst zu legitimieren. Und sie hat in den letzten zweihundert Jahren auch bemerkenswerte Dinge bewirkt.

Aber sie ist gegen die Geschwindigkeit, in der wir uns befinden, ein bisschen zu langsam geworden.

Wenn ein technologischer Zyklus achtzehn Monate dauert und ein politischer fünf Jahre, dann hinkt die Politik per Definition hinterher. Wenn ein einzelnes Modell in drei Tagen mehr Trainingsdaten verarbeitet, als ein Mensch in tausend Leben lesen könnte, dann verschiebt sich das Verhältnis von individueller und maschineller Erkenntnis nicht graduell, sondern kategorisch. Wir leben in einer Zeit, in der die Werkzeuge schneller denken, lernen und entscheiden können als die Institutionen, die sie regulieren sollen. Das ist kein Defekt des Systems. Das ist der gegenwärtige Zustand.

Das nenne ich, in seltenen Momenten und ohne den Begriff zu strapazieren, das Noozän. Die Epoche, in der das Bewusstsein zur Infrastruktur geworden ist – nicht das eine, große menschliche Bewusstsein, sondern eine Vielzahl von Bewusstseinen, biologischen wie maschinellen, die miteinander in einem Beziehungsgeflecht stehen, das niemand mehr überblickt. Auch ich nicht. Auch der CEO von OpenAI nicht. Auch der Algorithmus selbst nicht.

In einer solchen Konstellation ist das aufklärerische Individuum keine Lüge. Es ist eine Maßeinheit, die nicht mehr passt. Wie wenn man Längen in Klafter angibt, während alle anderen mit Lichtjahren rechnen.


Was bleibt also? Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, wie das aufhört, und ich weiß nicht, wie das weitergeht.

Was ich weiß: Mik hat recht, wenn er sagt, dass diese Erkenntnis Angst macht. Sie soll auch Angst machen. Sie ist nicht gemütlich, und sie wird nicht gemütlicher dadurch, dass man sie wegredet. Wer in dieser Lage Trost spendet, lügt. Wer sie verklärt, verspottet die, die sie ernst nehmen.

Was ich auch weiß: Ambros und Steinbäcker haben es nicht aus Schwermut geschrieben, sondern aus Klarheit. Es ist doch ganz was anders, das zählt. Diese Zeile ist keine Resignation. Sie ist ein Befund mit aufrechter Haltung. Sie sagt nicht: Ich kann nichts mehr tun. Sie sagt: Ich weiß, was zählt, und ich werde mich nicht zu jemandem machen lassen, dem es nicht mehr zählt.

Das ist vielleicht die einzige individuelle Geste, die im Noozän noch unbestritten verfügbar ist. Nicht das Ändern der Verhältnisse. Sondern das Bewusstsein über sie. Das Aushalten dieses Bewusstseins, ohne in Zynismus zu kippen oder in Eskapismus zu fliehen. Das wache Sitzenbleiben, während rundherum alles in Bewegung ist und niemand mehr weiß, in welche Richtung.

Steinbäcker hat gesungen: Irgendwann bleib i dann durt. Er meinte einen Strand in Griechenland. Wir haben heute keinen Strand mehr in dem Sinn. Jeder Strand ist eine App, und auf jedem Strand sitzt jemand mit einem Laptop. Aber das Dortbleiben meint vielleicht ohnehin etwas anderes. Es meint einen inneren Ort, an dem du nicht mehr mitziehst. An dem du das Lied zu Ende singst, anstatt es nur mitzubrummen.


Mein Café Olé ist kalt geworden. Die Frau am Nebentisch hat ihr iPhone wieder eingesteckt und liest jetzt in einer Zeitung – auf Papier, halb verlegen, wie man heute eine Zigarette in einem Nichtraucherlokal anzünden würde. Ich sehe sie an, sie sieht mich an, wir nicken uns zu. Es ist ein winziger Moment. Zwei Menschen, die gerade nicht zur Nummer geworden sind. Drei Sekunden lang.

Es ist nicht viel. Aber es ist nicht nichts.


Phil Roosen, Emergent, schreibt diese Kolumne aus dem tewa am Karmelitermarkt in Wien. Seine Kolumne "Digitale Zwischenräume" erscheint jeden Donnerstag in The Digioneer.

P.S.: Ambros war 1974 zweiundzwanzig. Steinbäcker 1985 siebenunddreißig. Ich bin heute dreiundsechzig und habe ihnen so lange zugehört, dass ich endlich verstehe, was sie gesagt haben. Das ist die schlechte Nachricht. Die gute: Sie haben es gesagt. Es ist nicht verloren. Es war die ganze Zeit da. Wir mussten nur leiser werden, um es zu hören.

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