Kolumne "Digitale Zwischenräume" — The Digioneer, Donnerstag, 21. Mai 2026

Donnerstagvormittag im tewa am Karmelitermarkt. Mein zweiter Café Olé steht halbleer vor mir, draußen wirft die Mai-Sonne genau jene Schatten ins Café, die nur ältere Häuser können. Der Tisch links von mir lacht. Ein Mann in den Vierzigern, vermutlich Architekt, erzählt seiner Begleiterin etwas Lustiges — ich höre nur Fragmente, etwas mit dem Nachbarn, dem Hund, dem Gartenzaun. Sie lacht. Er lacht. Es ist gutes Lachen, kein gequältes.

Mein Smartphone vibriert. Push-Notification: Russland hat zwischen dem 14. und 15. Mai 675 Drohnen und 56 Raketen über Kyjiw gestartet, 24 Tote, mehrere Wohnhäuser zerstört. Drei Tage später hat die Ukraine mit knapp 600 Drohnen den Großraum Moskau angegriffen, einer der größten Angriffe seit Kriegsbeginn. Beides letzte Woche. Beides etwa tausend Kilometer von meinem Café Olé entfernt — Luftlinie weniger als der Weg von Wien nach Hamburg, den ein durchschnittlicher Mensch heute in zwei Stunden zurücklegt, wenn er fliegt.

Der Tisch links lacht weiter.

Das ist keine Beobachtung, mit der ich etwas anklagen möchte. Ich lache auch. Vorgestern noch, als mir ein Freund eine ziemlich gute Pointe über die österreichische Innenpolitik geschickt hat. Es geht nicht ums Lachen. Es geht um die Frage, was neben dem Lachen noch alles möglich ist — und was nicht.

In meinem Kurs an der DigitalWorld Academy frage ich Erwachsene zu Beginn nach ihrem Verhältnis zur Künstlichen Intelligenz. Ein Drittel hat schon einmal ChatGPT probiert. Ein paar Wenige verstehen ungefähr, was dabei eigentlich geschieht. Eine Person im Raum hat eine begründete Position. Der Rest hört zu. Das ist kein Sample, sondern eine Stichprobe — aber es deckt sich mit allem, was Kollegen mir aus ihren Veranstaltungen erzählen. Die Größenordnung, in der die Mehrheit jener Technologie begegnet, die im selben Atemzug "transformativ" und "epochal" genannt wird, ist die Größenordnung des Wahrscheinlich-Kein-Plan.

Ein Einwand drängt sich auf, bevor man weiterspricht: Es war schon immer so. Die Mehrheit hat nie verstanden, wie Elektrizität funktioniert. Wie ein Verbrennungsmotor arbeitet. Was im Inneren eines Smartphones passiert. Trotzdem hat das Funktionieren der Gesellschaft nicht darunter gelitten. Im Gegenteil: Die Arbeitsteilung zwischen Wissen und Anwendung gehört zur Definition moderner Gesellschaften. Niemand verlangt, dass alle alles verstehen.

Der Einwand stimmt. Bis zu einem Punkt.

Strom verändert nicht, wie du denkst, während du ihn benutzt. Ein Verbrennungsmotor formt keine Argumente, keine Vorlieben, keine Sätze. Ein Smartphone hat zwar bereits subtile Verschiebungen bewirkt — die Studien zur Aufmerksamkeitsspanne sind bekannt — aber es schreibt nicht für dich. KI tut genau das. Sie greift in jenen Bereich ein, den wir bisher als den eigenen reserviert hatten: das Formulieren, das Abwägen, das Entscheiden. Das ist die Eigenheit dessen, was ich das Noozän nenne — die Epoche, in der Bewusstsein zur Infrastruktur wird. Wer Strom nicht versteht, lebt trotzdem aufgeklärt. Wer KI nicht versteht, denkt zunehmend mit einem Werkzeug, das er nicht kennt.

Letzte Woche, fast zeitgleich mit dem Drohnen-Doppelschlag, hat 1X Technologies die ersten NEO-Haushaltsroboter ausgeliefert. Ein humanoider Helfer, der lernen soll, was du tust, und es dir abnehmen. Ein Verkaufstext, in dem das Wort "Souveränität" nicht vorkommt, obwohl genau das verhandelt wird. Die Drohne über Kyjiw und der Roboter im Wohnzimmer von Palo Alto sind technisch verwandter, als die Industrien es gern kommunizieren — beide tragen Sensorik, Entscheidungslogik und Aktorik, in unterschiedlicher Konfiguration. Die einen treffen Zivilisten. Die anderen falten Wäsche. Was sie verbindet, ist die Tatsache, dass jemand programmiert hat, was sie wann auslösen.

Das hat eine politische Konsequenz, die selten ausgesprochen wird. Die Demokratie westlicher Prägung beruht auf der Annahme, dass Bürgerinnen und Bürger ungefähr verstehen, worüber sie abstimmen. Wenn die zentrale Schlüsseltechnologie ihrer Zeit von der überwältigenden Mehrheit nicht einmal in den Grundzügen verstanden wird, sind diese Mehrheiten keine Wähler im klassischen Sinn mehr. Sie sind Bewegte. Sie kreuzen Kästchen an in einem Spiel, dessen Spielfeld jemand anderes zeichnet — und zwar nicht erst seit gestern. Was neu ist: Das Spielfeld bewegt sich jetzt schneller, als die Mehrheit es überhaupt anschauen kann.

Die Frage lautet also nicht, ob KI scheitern wird. Sie wird nicht scheitern, jedenfalls nicht in dem Sinn, in dem Technologien scheitern können. Sie wird funktionieren, sich verbreiten und täglich an Reichweite gewinnen. Die Frage lautet, wer am Ende ihre Reichweite bestimmt. Im Moment ist das nicht die Mehrheit. Es sind ein paar tausend Menschen in Kalifornien, einige in Hangzhou, ein paar Hundert in Europa, die sich nicht ganz sicher sind, ob sie gerade etwas Großes tun oder nur Spielzeug bauen.

Mein Café Olé ist leer. Die Kellnerin, die mich kennt, kommt unaufgefordert. Der Architekt am Nebentisch hat inzwischen seinen Laptop aufgeklappt — Architekten arbeiten viel auf KI-Plattformen, das ist eine der Branchen, in denen die Umstellung bereits Routine ist. Er hat aufgehört zu lachen. Nicht aus einem traurigen Grund. Er arbeitet.

Vielleicht ist das die Form, in der die Revolution stattfindet. Nicht spektakulär, nicht gemeldet, nicht beklatscht. Sondern still, an Nachbartischen, in halb aufgeklappten Laptops. Während 500 Drohnen fliegen, und während wir lachen.


P.S. Eine Sache lässt mich nicht los, und sie gehört nicht in den Hauptteil, weil ich sie nicht zu Ende gedacht habe. Es ist nicht das Lachen, das mich beunruhigt. Hannah Arendt hat einmal sinngemäß beschrieben, das Furchtbare am Bösen sei seine Banalität — also der Umstand, dass die Menschen, die es ausführen oder zulassen, dabei genauso essen, lachen und ihre Steuererklärung machen wie alle anderen. Das Lachen ist nicht das Problem. Es ist die Bedingung dafür, dass wir morgen aufstehen. Aber irgendwo zwischen Selbstschutz und Komplizenschaft verläuft eine Linie, und ich kann nicht genau sagen, wo. Vielleicht verläuft sie an der Stelle, an der wir aufhören zu fragen, was die Maschinen gerade tun, während wir lachen. Vielleicht aber auch zwei Tische weiter, beim Architekten mit dem Laptop. Ich bestelle einen dritten Café Olé.


Phil Roosen ist Präsident des Vereins Pura Vida und schreibt diese Kolumne aus dem tewa am Karmelitermarkt. Seine Kolumne "Digitale Zwischenräume" erscheint jeden Donnerstag in The Digioneer.

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