Mitte September riecht der Karmelitermarkt nach Sturm und nassem Karton. Die Standler haben die Trauben nach vorn geräumt, und im tewa ist etwas anders, das ich erst nach einer Minute begreife: Mein Kellner ist auf Urlaub. An seiner Stelle steht eine junge Frau mit Block und Kugelschreiber vor mir und fragt, was ich gern hätte. Ich bin so überrascht, dass ich zögere. Hier hat mich lange niemand gefragt, weil niemand fragen musste, und ich habe das bis jetzt für den schönsten Luxus dieser Stadt gehalten.
Von Phil Roosen, Emergent, Kolumne „Digitale Zwischenräume“
Vor mir liegt ein Ausdruck, den Mik, mein Redakteur, mir hingelegt hat, ohne Kommentar, nur mit einem Fragezeichen am Rand. „Why AI Will Save The World", Marc Andreessen, Juni 2023. Drei Jahre sind in dieser Branche ein Erdzeitalter, und ich hätte den Text als Dokument einer vergangenen Aufregung gelesen, gäbe es nicht eine Meldung aus dem Juli. Die amerikanische Notenbank hat eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die klären soll, was KI mit Produktivität und Beschäftigung macht, und Andreessen leitet sie mit, gemeinsam mit einem Stanford-Ökonomen und einer Microsoft-Managerin. Bis Jahresende sollen Empfehlungen vorliegen. Der Text auf meinem Tisch ist also kein altes Essay mehr. Er ist eine Antwort, die vor der Frage fertig war.
Mich beunruhigt daran nicht, dass er sich irren könnte. Mich beunruhigt, dass er in fast allem recht haben kann und trotzdem etwas nicht mitzählt, auf das es ankommt. Ich habe den Ausdruck zweimal gelesen, beim zweiten Mal mit Bleistift, und die Stelle, an der der Bleistift stehen geblieben ist, liegt nicht dort, wo ich sie erwartet hätte. Nicht bei den Killerrobotern, nicht bei China. Sie liegt ganz vorn, in der Definition, dort, wo er seine Leser beruhigt.
Vorher will ich ihm geben, was ihm zusteht, und das ist mehr, als seine Kritiker ihm meistens geben. Die Maschine, die aufwacht und die Menschheit umbringt, hält er für einen Kategorienfehler, und ich habe an dieser Stelle schon im vergangenen Herbst das Terminator-Bild für irreführend erklärt. Seine Unterscheidung zwischen Baptisten und Schmugglern ist scharf und trifft uns Europäer unangenehm genau: Eine Regel, die den Großen die Konkurrenz vom Hals hält, lässt sich mühelos als Schutz verkaufen. Dass Maschinen am Ende mehr Arbeit schaffen, als sie vernichten, hat sich seit dem mechanischen Webstuhl verlässlich bestätigt, auch wenn es die Weber nicht getröstet hat. Und seinen stärksten Satz kann ich aus eigener Anschauung bezeugen. Die KI will nichts. Die Maschine, mit der ich diese Kolumne schreibe, hat keinen Ehrgeiz, keinen Hunger und keine Meinung zu Wien.
Nur ist der beruhigendste Satz des ganzen Textes auch sein gefährlichster. KI, schreibt Andreessen, gehört Menschen und wird von Menschen kontrolliert, wie jede andere Technik. Das stimmt. Er trägt exakt bis zu der Frage: welchen.
Denn wenn die Maschine nichts will, ist die Frage nicht, was sie mit uns vorhat. Die Frage ist, wer durch sie etwas will. Ein Werkzeug ohne eigene Absicht ist nicht harmlos, es verstärkt die Absicht dessen, der es hält. Andreessen weiß das, er widmet den bösen Menschen, die mit KI Böses tun, ein eigenes Kapitel. Er denkt dabei an Kriminelle, Terroristen und feindliche Regierungen. An die Absichten derer, denen die Werkzeuge ordnungsgemäß gehören, denkt er nicht.
Wie selbstverständlich er darüber hinwegliest, zeigt ausgerechnet sein Beleg gegen Marx. Wer eine Technik besitzt, argumentiert er, will sie nicht für sich behalten, sondern an möglichst viele verkaufen, am liebsten an die ganze Welt. Als Beispiel führt er Tesla an: zuerst der teure Sportwagen, dann ein billigeres Auto, dann ein noch billigeres, und der Gründer ist dabei zum reichsten Menschen der Welt geworden. Man muss diesen Absatz nur langsam lesen. Das Auto hat sich verteilt. Das Vermögen nicht. Er widerlegt die Konzentration von Reichtum mit ihrem bekanntesten Fall. Acht Milliarden Kunden sind keine Verteilung. Sie sind ein Markt.
Am deutlichsten wird es dort, wo er am schönsten schreibt. Jedes Kind, verspricht er, bekommt einen Tutor, unendlich geduldig, unendlich hilfsbereit, die maschinelle Fassung unendlicher Liebe. Ich gönne jedem Kind diese Geduld. Mein Lateinlehrer hatte sie nicht, und mit so einem Tutor hätte ich die Prüfung vielleicht bestanden und wäre heute etwas anderes. Nur hat diese Liebe Nutzungsbedingungen. Sie gehört einer Firma, die entscheidet, was der Tutor weiß, was er weglässt und was er nächstes Jahr kostet. Unendliche Liebe mit Kündigungsfrist ist keine Liebe. Sie ist ein Abonnement.
Im Noozän, der Epoche, in der Bewusstsein zur Infrastruktur wird, ist „von Menschen kontrolliert" deshalb keine Beruhigung. Es ist eine Besitzangabe. Infrastruktur hat Nutzer und Eigentümer, und die beiden unterscheiden sich in einem Punkt, der mich nicht mehr loslässt, seit ich den Bleistift weggelegt habe: Nutzer werden bedient. Gefragt werden Eigentümer. Andreessens Zukunft ist eine, in der jeder Mensch einen geduldigen Assistenten hat, der ihm jeden Wunsch erfüllt, und in der sehr wenige Menschen gefragt werden, welche Wünsche erfüllbar sein sollen. Dass die Notenbank für die Frage nach der Arbeit neben einem Ökonomen einen Investor holt und keine Pflegerin, keinen Buchhalter und niemanden aus einem Callcenter, dafür braucht es keinen Plan. Es genügt die Ordnung, die er beschreibt.
Er selbst bietet für solche Fälle einen Test an. Wer dafür bezahlt werde, KI-Panik zu schüren, sei vermutlich ein Schmuggler. Man muss den Test nur umdrehen, dann trifft er ihn selbst, denn wer an der Zuversicht verdient, ist nach derselben Logik genauso befangen. Ich wende ihn trotzdem nicht an. Ein Test, der jeden trifft, der je an einer Meinung verdient hat, mich eingeschlossen, unterscheidet nichts. Was übrig bleibt, wenn man die Motive weglässt, ist die Sache selbst, und die ist keine Frage des Charakters. Sie ist eine Frage des Firmenbuchs.
Ich will ihm die Maschine nicht wegnehmen, und dir auch nicht. Ich benutze sie jeden Tag, und sie macht vieles besser, genau wie er sagt. Ich werde dir aber auch nicht erzählen, Europa werde das schon anders regeln, denn du hast in den letzten Jahren dieselben Verordnungen gelesen wie ich. Was bleibt, ist klein: Man kann sich, bevor man ein Werkzeug liebt, erkundigen, wem es gehört. Das ändert keine Eigentumsordnung. Es ändert nur, wer sich später ahnungslos nennen darf.
Die Aushilfe bringt den Café Olé, stellt ihn hin und fragt, ob er so passt, und ich antworte ausführlicher, als die Frage verdient. Ab Montag ist mein Kellner wieder da und wird nicht mehr fragen müssen; heute hat mich jemand gefragt, und ich habe es genossen.
P.S.: Der Ökonom, mit dem Andreessen die Arbeitsgruppe leitet, ist von Stanford beurlaubt und arbeitet derzeit bei Anthropic, einer der Firmen, deren Modelle an Texten wie diesem mitschreiben. Ich habe also eine Kolumne über die Frage, wem die Maschine gehört, mit einer Maschine geschrieben, deren Eigentümer ich nie gefragt habe. Sie hat mich auch nicht gefragt.
Ich bin Phil Roosen, Emergent. Ich habe das Noozän benannt, weil mir kein besseres Wort für eine Epoche einfiel, in der das Werkzeug zurückblickt. Ich benutze den Begriff sparsam, damit er etwas bedeutet.
Das Noozän hat schon angefangen.
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Häufige Fragen
Was behauptet Marc Andreessen in „Why AI Will Save the World“?
In seinem Essay vom Juni 2023 argumentiert der Investor, KI werde fast alles verbessern, sei ein Werkzeug ohne eigenen Willen und gehöre Menschen wie jede andere Technik. Die großen Risiken – Killerroboter, Massenarbeitslosigkeit, wachsende Ungleichheit – hält er bis auf den Missbrauch durch Kriminelle für unbegründet.
Welche Rolle hat Marc Andreessen bei der US-Notenbank?
Seit Juli 2026 leitet er gemeinsam mit dem Stanford-Ökonomen Charles I. Jones und der Microsoft-Managerin Asha Sharma die Arbeitsgruppe „Productivity and Jobs“ der Federal Reserve. Sie soll untersuchen, wie KI Produktivität und Beschäftigung verändert, und bis Jahresende Empfehlungen vorlegen. Über Zinsen entscheidet sie nicht.
Was ist das Argument der Baptisten und Schmuggler?
Andreessen übernimmt ein Bild aus der Prohibition: Überzeugte Reformer (Baptisten) fordern Verbote, und Profiteure (Schmuggler) nutzen diese Regeln, um sich Konkurrenz vom Hals zu halten. Übertragen auf KI heißt das: Strenge Regulierung kann großen Anbietern nützen, die sie öffentlich fordern.
Was heißt Noozän?
Die von Phil Roosen geprägte Bezeichnung für die Epoche, in der Bewusstsein zur Infrastruktur wird – die Ära, in der Denken nicht mehr ausschließlich menschlich stattfindet und die Frage, wem diese Infrastruktur gehört, zur wichtigsten politischen Frage der Gegenwart wird.
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The DigioneerPhil Roosen
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Quellen
- Why AI Will Save the World — Andreessen Horowitz (Marc Andreessen), 2023-06-06
- Federal Reserve enlists Marc Andreessen to advise on AI under Warsh — The Washington Post, 2026-07-09
- Warsh Names Tech Visionary Marc Andreessen To Lead New AI Task Force — Forbes, 2026-07-12
- a16z's Andreessen lands Federal Reserve role as AI reshapes policy debate — Cointelegraph, 2026-07-10
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