Kolumne "Digitale Zwischenräume" — The Digioneer, Donnerstag, 20. August 2026

Zurück am Karmelitermarkt. Der Atlantik ist zweitausendfünfhundert Kilometer entfernt, das Wohnmobil steht wieder in der Garage, und der Café Olé kommt nicht mehr aus einer Espressokanne, sondern aus einer Maschine, die ihn besser macht, als ich es je könnte. Man kehrt zurück und stellt fest, dass sich nichts verändert hat, außer der eigenen Aufnahmefähigkeit.

Am Nebentisch sitzt eine junge Frau mit Laptop, Lebenslauf im Vollbild, und macht das Gesicht, das man macht, wenn man dieselbe Datei zum wiederholten Mal aufmacht und nicht weiß, was man diesmal anders hineinschreiben soll. Ich kenne dieses Gesicht. Ich habe es zu Hause, in der Ausführung meiner Tochter, fünfundzwanzig, Kommunikationswissenschaft, seit acht Monaten auf der Suche nach dem, was man ihr als Berufseinstieg versprochen hatte.

Sie sagt, sie bewerbe sich nicht mehr auf Stellen, sondern gegen sie. Ich habe eine Weile gebraucht, um zu verstehen, dass das kein Wortspiel war.

Die Frage, die man mir stellt

Sie lautet mittlerweile in fast jeder Diskussion gleich: Warum tut die Politik nichts?

Und sie kommt selten allein, sondern meist mit dem beleidigten Unterton, den wir in Europa perfektioniert haben — jener Mischung aus Anspruch und Kränkung, die davon ausgeht, dass irgendwo eine Zuständigkeit existiert, die uns das Nachdenken abnimmt.

Ich stelle die Frage lieber anders herum. Und zwar so, dass sie wehtut, auch mir: Was, wenn die Politik deshalb nichts tut, weil es nichts zu tun gibt? Was, wenn die Regierungen dieser Welt schlicht mehr wissen als die Medien, die seit drei Jahren das Ende der Erwerbsarbeit ausrufen — und wir sitzen hier mit einem Problem, das es statistisch gar nicht gibt?

Bevor ich das beantworte, lasse ich die Zahlen reden. Sie sind der einzige Gesprächspartner, der mir nie ins Wort fällt.

Der Weltbefund, in vier Aufnahmen

Erste Aufnahme, die Ausgangslage. Die Internationale Arbeitsorganisation hat gemeinsam mit dem polnischen Forschungsinstitut NASK einen globalen Index gebaut: Rund ein Viertel aller Beschäftigung weltweit liegt in Berufen, die generativer KI ausgesetzt sind. In den Hochlohnländern sind es vierunddreißig Prozent. Die Verteilung ist nicht neutral: In diesen Ländern arbeiten 9,6 Prozent aller Frauen in Tätigkeiten der höchsten Automatisierungsstufe, aber nur 3,5 Prozent aller Männer. Die Kernaussage der Studie ist dennoch beruhigend formuliert: Transformation, nicht Ersetzung. Wobei die ILO einen zweiten Satz nachschiebt, den beim Zitieren gern jemand vergisst: Ob aus der Transformation bessere oder schlechtere Arbeit wird, entscheiden Politik und Sozialdialog. Die Studie sagt also nicht, dass es gutgeht. Sie sagt, dass es von uns abhängt. Das ist etwas völlig anderes, und es ist an genau die Adresse gerichtet, die gerade nicht zu Hause ist.

Zweite Aufnahme, die Gegenwart. Die amerikanische Personalberatung Challenger, Gray & Christmas zählt Stellenstreichungen, seit es Stellenstreichungen gibt. In den ersten sieben Monaten dieses Jahres: 477.033 angekündigte Kürzungen, davon 112.713, bei denen die Unternehmen KI als Grund nannten oder Challenger einen KI-Bezug vermerkte — knapp ein Viertel. Im Juli führte die Künstliche Intelligenz die Liste der genannten Gründe zum fünften Mal in Folge an.

Ich betone das genannten. Denn eine Firma, die sich verkalkuliert hat, sagt heute nicht mehr "wir haben uns verkalkuliert". Sie sagt "KI". Das klingt nach Zukunft statt nach Missmanagement und kostet an der Börse nichts. Ein Teil dieser Zahl ist also weniger Arbeitsmarkt als Öffentlichkeitsarbeit. Und im selben Bericht steht ohnehin auch: Die angekündigten Neueinstellungen liegen ein Viertel über dem Vorjahr. Man kann aus diesem Papier beides herauslesen, und beide tun es.

Dritte Aufnahme, die Bruchstelle. Das Digital Economy Lab in Stanford hat im August nachgelegt. Beschäftigte zwischen zweiundzwanzig und fünfundzwanzig in stark KI-exponierten Berufen sind gegenüber Gleichaltrigen in weniger exponierten Berufen um rund neunzehn Prozent zurückgefallen. Vor einem Jahr waren es fünfzehn. Und jetzt kommt der Satz, den ich seit Tagen mit mir herumtrage: In den Daten zeigt sich diese Lücke nicht über mehr Kündigungen, sondern über weniger Einstellungen.

Es wird niemand hinausgeworfen. Es wird nur niemand mehr hereingelassen.

BILD:KI

Ich halte fest, was die Autoren selbst festhalten: Das ist ein beschriebenes Muster und kein bewiesener Zusammenhang. Sie können nicht sagen, welcher Anteil davon auf die Maschine geht und welcher auf Zinsen, Konjunktur und die alte Managerlust, zuerst dort zu sparen, wo noch niemand einen Vertrag hat. Nur: Ein Muster, das sich über dreieinhalb Jahre in dieselbe Richtung verbreitert, hat es nicht mehr nötig, bewiesen zu werden, um politisch zu zählen. Feueralarme warten auch nicht auf das Gutachten.

Vierte Aufnahme, der Rest der Welt. Auf den Philippinen arbeiten 1,9 Millionen Menschen in der Auslagerungsindustrie, in jenen Callcentern und Backoffices, mit denen ein Land seinen Aufstieg finanziert hat — bei zuletzt vierzig Milliarden Dollar Umsatz. Der Branchenverband hat nun in seiner Halbzeitrevision das Beschäftigungsziel für 2028 von 2,5 Millionen auf 1,85 bis 2,14 Millionen gesenkt, die Umsatzerwartung von 59 auf 43,3 bis 50,5 Milliarden Dollar.

Lesen Sie die untere Grenze noch einmal: 1,85 Millionen im Jahr 2028 sind weniger als die 1,9 Millionen von heute — bei einem Umsatz, der in jedem Szenario steigt. Der Verband selbst nennt das eine ehrliche Neubewertung. Es ist die Ansage einer Branche, die künftig mit weniger arbeitsintensivem Wachstum rechnet.

Niemand wurde entlassen. Es wurde lediglich eine Zukunft gestrichen, die schon eingeplant war. Das ist die eleganteste Form des Arbeitsplatzverlusts: Man verliert etwas, das man noch nicht hatte, und kann sich daher auch nicht beschweren.

Und jetzt die Zahlen, die dagegenhalten

Denn es wäre unredlich, hier aufzuhören.

Das Budget Lab in Yale misst seit Jahren, wie schnell sich die Berufsstruktur der amerikanischen Volkswirtschaft verändert. Ergebnis: Seit dem Erscheinen von ChatGPT hat sich an dieser Geschwindigkeit nichts Auffälliges getan. Der Index bewegt sich in derselben Spanne wie vor der Sache. Die Autoren formulieren es trocken: Stabilität, keine gesamtwirtschaftliche Verwerfung.

Auch Stanford schreibt es ausdrücklich hin: kein flächendeckender, gesamtwirtschaftlicher Verdrängungseffekt.

Und das Weltwirtschaftsforum, das man für vieles kritisieren kann, aber selten für Pessimismus, rechnet bis 2030 mit 92 Millionen verdrängten und 170 Millionen neuen Stellen. Netto: ein Plus von 78 Millionen. Man sollte allerdings wissen, woher diese Zahl kommt: aus einer Befragung von über tausend Unternehmen, also aus der Summe dessen, was Personalabteilungen erwarten. Es ist keine Messung. Es ist eine Hoffnung mit Nachkommastelle.

Wenn Sie also eine Regierung wären — welche dieser Zahlen würden Sie zitieren?

Eben.

Drei Antworten, von denen keine beruhigt

Die Politik tut also wenig. Ich sehe dafür drei Gründe, und der harmloseste ist der erste.

Erstens: Der Staat misst mit dem falschen Instrument. Demokratien reagieren auf Aggregate. Arbeitslosenquote, Beschäftigungsstand, Wachstum. Diese Transformation aber ist so gebaut, dass sie im Aggregat nicht auftaucht: Sie schlägt am Eingang zu, nicht am Ausgang. Die Arbeitslosenstatistik zählt Menschen, die eine Arbeit verloren haben. Wer nie eine bekommen hat, erscheint dort in einer anderen, viel unauffälligeren Kategorie. Der Souverän verliert seinen Job nicht. Sein Kind bekommt keinen. Das ist statistisch beinahe dasselbe und lebensgeschichtlich das Gegenteil.

Zweitens: Die Demografie rechnet gegen uns — und für die Maschine. Das Institut der deutschen Wirtschaft hat im Juni vorgerechnet, dass Deutschland bis 2036 voraussichtlich 4,3 Millionen Arbeitskräfte fehlen werden. Knapp zwanzig Millionen Babyboomer erreichen das Rentenalter, jährlich gehen etwa 1,3 Millionen, nach kommen etwa 800.000. Das Erwerbspersonenpotenzial schrumpft um sieben Prozent. Es ist eine Projektion unter Annahmen, keine Buchung. Aber es ist die Projektion, mit der in Berlin und Brüssel gerechnet wird, und darauf kommt es hier an.

Sehen Sie sich das eine Minute lang an. Auf der einen Seite eine Technologie, die Arbeit überflüssig macht. Auf der anderen Seite eine Gesellschaft, der die Arbeitenden ausgehen. Und in der Mitte eine Politik, die in diesem Zusammentreffen nicht das Problem sieht, sondern die Lösung.

Man kann das nicht offen sagen. Kein Minister dieses Kontinents kann vor ein Mikrofon treten und erklären: Wir hoffen, dass die Maschinen übernehmen, was uns an Menschen fehlt. Aber es ist die stillste und plausibelste Erklärung für eine Untätigkeit, die sonst wie Fahrlässigkeit aussieht. Es ist keine Fahrlässigkeit. Es ist eine Wette.

Nur geht diese Wette in Summen auf und nicht in Menschen. Die Boomerin, die in Pension geht, und die Fünfundzwanzigjährige, die nicht eingestellt wird, kürzen sich in der Tabelle sauber weg. Im Leben stehen sie in derselben Küche und verstehen einander nicht mehr.

Drittens: Das Geld. Eine Analystenrechnung auf Basis von Teilreihen der amerikanischen Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung ordnet rund 1,55 der 2,1 Prozentpunkte US-Wachstum im ersten Quartal den Investitionen in Informationstechnik und Software zu — Rechenzentren, Server, Programme. Drei Viertel, grob gesagt.

Die Statistikbehörde selbst weist keinen KI-Posten aus, sie kennt diese Kategorie nicht; die Zurechnung ist eine Interpretation, und man kann über sie streiten. Über die Richtung streitet niemand.

Und jetzt meine Meinung, deutlich als solche gekennzeichnet: Eine Regierung, die diesen Zyklus mit arbeitsmarktpolitischen Auflagen bremst, bremst das Einzige, was gerade wächst. Enthaltsamkeit ist unter diesen Umständen keine Haltung. Sie ist Buchhaltung.

Was tatsächlich geschieht, während nichts geschieht

Prüfen wir das an dem, was auf dem Papier steht.

Die EU hat für Künstliche Intelligenz die Initiative InvestAI aufgesetzt: 200 Milliarden Euro sollen mobilisiert werden, davon 20 Milliarden für einen Fonds für KI-Gigafabriken. Mobilisiert, wohlgemerkt, nicht überwiesen — aber die Richtung des Ehrgeizes ist unmissverständlich.

Der AI Act hingegen, in dem die Hochrisiko-Regeln für KI in Personalauswahl, Bewerbungsfilterung und Beschäftigtenmanagement stehen, wurde per "Digital Omnibus" zeitlich verschoben und in Teilen vereinfacht: Das Parlament stimmte im Juni zu, die betreffenden Pflichten sollen ab Dezember 2027 gelten. Der Rahmen bleibt, die Uhr wurde umgestellt. Der Quality Jobs Act, der algorithmisches Management regeln soll, befindet sich in der zweiten Konsultationsphase der Sozialpartner; die Frist läuft bis Ende September, der Vorschlag kommt "später im Jahr".

Zweihundert Milliarden für die Technologie. Ein Konsultationsverfahren für die Menschen.

In Österreich sagt AMS-Chef Johannes Kopf, was ein vernünftiger Mann in seiner Position sagen muss: keine Untergangsszenarien, es werde Zehntausende Stellen kosten und Zehntausende schaffen, entscheidend seien öffentliche Umschulungsbudgets. Er hat recht. Und im selben Land wurde die Bildungskarenz mit Juni durch ein Nachfolgemodell ersetzt, das bei 150 Millionen Euro jährlich gedeckelt ist. Vorher waren es über 600. Kein Rechtsanspruch mehr, sondern Ermessen; wer zu spät kommt, den bestraft das Budget.

Das ist der Punkt, an dem meine Ironie kurz aussetzt. Man kann über Prognosen streiten. Über die Richtung eines Instruments, das man um drei Viertel kürzt, während man gleichzeitig erklärt, dass Weiterbildung die entscheidende Antwort auf die KI sei, kann man nicht streiten. Das ist kein Dissens über die Zukunft. Das ist ein Widerspruch innerhalb desselben Halbjahres.

Der Mann, der es ausgesprochen hat

Im Februar trat Michael Barr, Gouverneur der amerikanischen Notenbank, vor eine Versammlung von Wirtschaftsökonomen in New York und beschrieb drei Szenarien. Im dritten hieß es: Entlassungen schnellen hoch, breite Arbeitslosigkeit kurzfristig, sinkende Erwerbsbeteiligung langfristig, weil ein großer Teil der Bevölkerung im Wesentlichen nicht mehr beschäftigungsfähig sei. Die Gewinne konzentrierten sich bei den Kapitaleignern und einer schmalen Spitze.

Er hielt fest, dass die Daten derzeit eher für den langsamen Pfad sprechen. Und er fügte einen Satz an, den ich für den ehrlichsten des Jahres halte: Die historische Erfolgsbilanz ernsthafter Bemühungen, Arbeitnehmern durch solche Übergänge zu helfen, sei nicht ermutigend.

Das Wissen ist also da. Es hat nur keine Adresse. Es wird in Reden vor Wirtschaftsökonomen gesagt und nicht in Parlamenten, und zwischen diesen beiden Orten liegt der ganze Unterschied zwischen Erkenntnis und Zuständigkeit.

Die Antwort

Also: Weiß die Regierung mehr als die Medien?

Ja. Sie weiß, dass die Gesamtzahlen halten. Sie weiß, dass die Verwerfung, die täglich angekündigt wird, in keiner seriösen makroökonomischen Reihe auftaucht. Sie weiß, dass die Demografie ihr die Bilanz rettet. Und sie weiß, dass sie mit diesem Wissen keine einzige Bewerbung meiner Tochter beantwortet.

Wir haben kein KI-Problem am Arbeitsmarkt. Wir haben ein KI-Problem am Rand des Arbeitsmarktes — an genau jener Schwelle, an der eine Gesellschaft entscheidet, wen sie hereinlässt. Und weil Ränder in Durchschnitten nicht vorkommen, kommt auch der politische Reflex nicht zustande. Es ist keine Verschwörung. Es ist ein institutionalisierter Messfehler, und der ist schlimmer, weil ihn niemand zurücknehmen muss.

Das Noozän, diese Epoche, in der Bewusstsein zur Infrastruktur wird, hat eine Eigenschaft, die wir noch nicht ernst genug nehmen: Es verändert die Welt nicht durch das, was es zerstört, sondern durch das, was es nicht mehr entstehen lässt. Man kann eine Kündigung anfechten. Eine Nichteinstellung nicht.

Meine Tochter hat mir gestern gesagt, sie habe jetzt einen Termin in der Beratung. Sie sagte es in dem Ton, in dem man von einem Amtsweg spricht, und ich habe genickt und nichts erwidert, weil mir nichts eingefallen ist, was nicht nach Vater geklungen hätte.

Ein Arbeitsmarkt, der niemanden entlässt und niemanden einstellt, sieht in der Statistik aus wie Stabilität.

Im Leben sieht er aus wie ein Wartezimmer.


Phil Roosen, Emergent, schreibt jeden Donnerstag die Kolumne "Digitale Zwischenräume" für The Digioneer. Er ist Präsident des Vereins Pura Vida und wieder zurück an seinem Stammplatz im tewa am Karmelitermarkt — bei einem Café Olé.


Quellen

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