Kolumne "Digitale Zwischenräume" — The Digioneer, Donnerstag, 13. August 2026
Die Römer hielten hier an, weil sie überzeugt waren, dass dahinter nichts mehr kommt. Finis Terrae. Sie sahen die Sonne ins Wasser sinken und hielten das für ein Ende und nicht für eine Drehung. Man kann darüber lächeln. Man sollte es nicht tun, solange man selbst hier steht.
Ich sitze rund dreißig Kilometer südlich davon, am Strand von Carnota, sieben Kilometer Sand, hinter mir Dünen und Marschland, hinter dem Marschland der Monte Pindo, den sie hier den keltischen Olymp nennen. Der Kaffee kommt aus der Espressokanne und ist entsprechend. Meine Frau schläft noch, das Wohnmobil summt leise vor sich hin, und vor mir liegt der Atlantik in dieser typischen galicischen Verfassung: freundlich und vollkommen gleichgültig.
Es ist ein guter Ort, um über Drohnen nachzudenken. Denn was die Römer für das Ende der Welt hielten, ist heute vor allem eines: die Oberfläche über etwas.
Unter dem Wasser, das ich hier ansehe, verlaufen die Kabel, über die dieser Text nach Wien geht. Das Ende der Welt hat sich nicht verschoben. Es ist nur unsichtbar geworden. Und genau darum geht es.
Die Frage, die alle falsch stellen
Man fragt mich in letzter Zeit häufiger, wo denn der Unterschied liege. Drohne und KI, Roboter und KI — ist das nicht dasselbe in verschiedenen Gehäusen? Rechnet da nicht dieselbe Statistik, einmal auf Rädern und einmal auf Rotoren?
Technisch: ja, weitgehend. Und genau deshalb ist die Frage falsch gestellt.
Der Unterschied ist nicht die Intelligenz. Der Unterschied ist der Boden.
Ein Roboter — auch der eleganteste, auch der aus den Videos, die einem seit Jahren erklären, dass gleich alles anders wird — ist ein Wesen mit Adresse. Er steht in einer Halle, einem Lager, einem Labor. Er hat einen Standort, einen Betreiber, eine Steckdose, ein Typenschild. Vor allem aber hat er ein Problem: unsere Welt. Türschwellen. Stufen. Kabel am Boden. Ein Roboter muss die Welt lernen, die wir gebaut haben, und sie war nie für ihn gebaut. Jede Treppe ist eine Prüfung, an der er scheitern kann. Da habe ich eine gewisse Sympathie — ich bin selbst an einer Prüfung gescheitert, wenn auch an einer lateinischen.
Die Drohne muss die Welt nicht lernen. Sie muss sie nur überfliegen.
Das ist der ganze Unterschied, und er ist gewaltig. Die Luft ist zu hundert Prozent hindernisfrei, sofern man hoch genug geht. Der Ozean ist groß genug, dass niemand hinsieht — ich habe ihn gerade vor mir, sieben Kilometer breit und kein einziger Zeuge darauf. Wo der Roboter unsere Infrastruktur braucht, braucht die Drohne nur deren Abwesenheit. Sie ist die erste Maschine, die sich vom Bodenrecht abgemeldet hat. Und mit dem Boden hat sie all das zurückgelassen, was uns an Maschinen bisher beruhigt hat: Sichtbarkeit, Standort, Zuständigkeit.
Der Roboter klopft an. Die Drohne nicht.
Was die Zahlen sagen, wenn man sie ausreden lässt
Ich mag Zahlen. Sie haben den unschätzbaren Vorteil, dass sie rhetorisch unbegabt sind.
In den ersten sechs Monaten dieses Jahres registrierte die Deutsche Flugsicherung 145 unerlaubte Drohneneinflüge im Umfeld deutscher Flughäfen. Berlin 28, Frankfurt 27, Bremen 23. Im Jahr davor waren es 226 Vorfälle, 116 davon führten zu ganzen oder teilweisen Sperrungen an 25 Flughäfen. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt hat die Kosten überschlagen: rund 60 Millionen Euro direkt, etwa 160 Millionen mit den Folgeschäden. Eine einzige Drohne im Anflugsektor legt einen Flughafen für mindestens eine halbe Stunde still.
Merken Sie, was hier passiert? Ein Gerät um wenige hundert Euro schaltet eine Infrastruktur ab, die Milliarden gekostet hat.
Rumänien meldete allein im ersten Halbjahr über vierzig Luftraumverletzungen. Im Mai stürzte eine Geran-2 in ein Wohnhaus in Galați und verletzte eine Mutter und ihren vierzehnjährigen Sohn — die ersten zivilen Drohnenverletzten auf NATO-Boden. In Litauen mussten Präsident und Premier in den Schutzraum, Vilnius stand still. In Lettland kostete eine verunglückte Reaktion auf Drohnensichtungen den Premier und den Verteidigungsminister das Amt.
Und der europäische Drohnenwall, im September 2025 von der Kommissionspräsidentin angekündigt? Existiert zehn Monate später im Wesentlichen als Begriff. Die Sicherheitsforscherin Ulrike Franke formuliert es freundlicher, als es ist: weitgehend abwesend. Was existiert, baut Polen allein — 3,5 Milliarden Euro, 52 Feuerzüge, über siebenhundert Fahrzeuge. Ansonsten steigen weiterhin Abfangjäger im zweistelligen Millionenwert auf, um Fluggeräte zu erlegen, die weniger kosten als ein gebrauchter Kleinwagen.
Das ist keine Verteidigungslücke. Das ist eine Rechenaufgabe, die wir uns nicht anzusehen trauen.
Und dann taucht sie
Bleiben wir beim Wasser, ich sitze ja davor.
Am 25. März dieses Jahres ließ China vor Zhuhai einen Schwarm autonomer Boote laufen. L30, siebeneinhalb Meter, fünfunddreißig Knoten, über dreihundert Seemeilen Reichweite. Nach dem Missionsstart brauchten sie kaum noch Eingaben. Jedes Fahrzeug wertete seine eigenen Sensoren aus, der Verband hielt Formation und kesselte ein simuliertes Eindringschiff ein. Verteilte Entscheidung nennt man das. Kein Kapitän, keine Brücke, kein Mensch, den man anfunken und zur Vernunft bringen könnte.
Unter Wasser wird es noch stiller. In der Ostsee patrouillieren mittlerweile Tauchdrohnen an Kabeln und Pipelines, die uns mit Strom und Daten versorgen — und dieselbe Technik, die sie schützt, kann sie kappen. Wer sie schickt, weiß im Zweifel niemand. Das Meer ist das perfekte Alibi. Es gibt keine Zeugen, es gibt keine Kameras, und wenn etwas reißt, reißt es siebzig Meter unter einer Oberfläche, die morgen wieder aussieht wie heute. Wie diese hier. Freundlich. Gleichgültig.
Die Küste ein Stück nördlich von mir heißt nicht ohne Grund Costa da Morte. Sie hat sich diesen Namen über Jahrhunderte mit Schiffbrüchen verdient, mit Dingen, die im Wasser verschwanden und über die niemand mehr Auskunft geben konnte. Wir haben das Prinzip nicht abgeschafft. Wir haben es digitalisiert.
Ein Roboter, der in Ihrer Küche steht, ist eine Zumutung. Ein Roboter, der niemals in Ihrer Küche steht, weil er unter Ihrem Datenkabel schwebt, ist etwas anderes. Er ist keine Zumutung. Er ist eine Bedingung.
Die Grenze, über die noch niemand ehrlich spricht
Bleibt die unangenehmste Meldung dieses Sommers. Das New Scientist berichtete, gestützt auf Aussagen eines ukrainischen Drohnenentwicklers, von einem Einsatz nahe Bachmut und Tschassiw Jar: zehn KI-gestützte Fluggeräte, ohne Funkverbindung, ohne Live-Überwachung, ohne Operator. Nach dem Start hätten sie eigenständig ein Zielgebiet erreicht und Menschen und Fahrzeuge angegriffen. Aufklärungsdrohnen fanden danach getötete Soldaten und einen zerstörten Lastwagen. Videomaterial der Angriffe selbst gibt es nicht, das Verteidigungsministerium schweigt, die offizielle Doktrin verbietet der Software die letzte Entscheidung.
Ich halte fest: Das ist unbestätigt. Ich halte auch fest, dass es keine Rolle spielt, ob es diesmal stimmt.
Denn die Schwelle, um die seit einem Jahrzehnt in Genf gerungen wird — dass kein Algorithmus allein über ein Menschenleben verfügen darf — ist keine technische Schwelle mehr. Sie ist eine Verabredung. Und Verabredungen halten nur, solange sich alle daran halten. Die Technik ist längst drüben. Sie wartet nur höflich, dass wir es merken.
Welche Chance hat der Mensch dann noch?
Die Frage verdient eine Antwort und keinen Trost.
Im Wettlauf hat der Mensch verloren. Endgültig, ohne Aussicht auf Revanche. Kein Auge sieht so weit, kein Reflex ist so schnell, kein Körper ist gleichzeitig in der Luft und im Wasser. Wer die Zukunft des Menschen an seiner physischen Konkurrenzfähigkeit misst, kann die Rechnung heute schließen.
Aber der Wettlauf war nie das Spiel.
Was die Drohne uns wirklich voraushat, ist nicht das Fliegen. Es ist das Nichtzögern. Sie hat keinen Moment, in dem sie innehält, keine Sekunde, in der sie das Zielbild noch einmal ansieht und denkt: Das ist ein Kind mit einer Spielzeugdrohne. Sie zweifelt nicht, weil sie nichts zu verlieren hat. Und wir haben uns angewöhnt, diesen Mangel für eine Leistung zu halten.
Das Zögern ist unsere Zuständigkeit. Es ist die einzige Fähigkeit, die im gesamten Noozän — dieser Epoche, in der Bewusstsein zur Infrastruktur wird — nicht automatisiert werden kann, ohne dabei aufzuhören, das zu sein, was sie ist. Eine Maschine, die zögert, ist kein besseres System, sondern ein langsameres. Für uns dagegen ist das Zögern kein Mangel an Geschwindigkeit. Es ist der Ort, an dem Verantwortung wohnt.
Daraus folgt etwas ganz Unpathetisches: Die Chance des Menschen liegt nicht in der Abwehr, sondern in der Zurechnung. Jede Drohne hat einen Hersteller, einen Auftraggeber, eine Lieferkette, ein Bankkonto, eine Unterschrift. Sie hat keine Adresse — aber jemand hat eine. Wir haben uns von der Vorstellung blenden lassen, das Problem sei ein fliegendes Objekt. Das Problem ist ein sitzender Mensch. Alles, was wir autonomen Systemen entgegensetzen können, ist die sture, altmodische, langsame Frage: Wer hat das entschieden, wann, und mit welchem Recht?
Eine juristische Antwort auf eine militärische Bedrohung, ich weiß. Sie klingt schwach. Sie ist es nicht. Der Grund, warum Sie und ich hier sitzen dürfen, ohne dass uns jemand erschlägt, ist auch keine Rüstung. Es ist eine Verabredung, die wir für so selbstverständlich halten, dass wir sie Zivilisation nennen.
Das Ende der Welt, Version 2.6
Die Römer haben sich geirrt, aber ehrlich. Sie sahen einen Horizont und schlossen daraus auf eine Grenze. Wir sehen keine Grenze mehr, und das halten wir für Fortschritt.
Ein paar hundert Meter weiter lässt ein Bub, vielleicht neun, eine kleine weiße Drohne über die Dünen steigen. Sie wackelt, findet sich, hängt dann bemerkenswert ruhig in der Luft — vier Rotoren, ein Lagesensor, ein Stück Software, das schneller ausgleicht, als eine Hand es je könnte.
Zwischen diesem Spielzeug und dem, was über Vilnius kreiste, liegt kein technologischer Abgrund. Es liegt ein Firmware-Update dazwischen. Vielleicht zwei.
Er landet zu hart, und seine Mutter ruft ihm etwas nach, das ich über den Wind hinweg gerade noch verstehe: Du musst schauen, wo du hinfliegst.
Ich hätte ihr fast applaudiert. Präziser hat es dieser ganze Sommer nicht formuliert.
Phil Roosen, Emergent, schreibt jeden Donnerstag die Kolumne "Digitale Zwischenräume" für The Digioneer. Er ist Präsident des Vereins Pura Vida und Stammgast im tewa am Karmelitermarkt — diese Woche allerdings am Strand von Carnota, Galicien, bei einem Kaffee aus der Espressokanne.
Quellen
- 2026 schon 145 unerlaubte Drohneneinflüge an deutschen Flughäfen — aero.de
- EU Drone Wall Still Doesn't Exist 10 Months After Von Der Leyen Promised It — DroneXL
- China tests first autonomous maritime drone swarm — Army Recognition
- Erstmals töteten komplett autonome Drohnen auf dem Schlachtfeld — WinFuture
- Sabotage in der Ostsee: NATO setzt verstärkt auf Unterwasserdrohnen — DWN
- Drohne gesichtet: Flughafen München gesperrt — Euronews