Kolumne „Digitale Zwischenräume" — The Digioneer, Donnerstag, 3. September 2026

Der erste Donnerstag im September, und das tewa am Karmelitermarkt ist wieder voll. Die Ferien sind vorbei, draußen räumen die Standler die letzten Zwetschken nach vorn, nächste Woche fängt die Schule an, und der Kellner trägt drei Café Olé gleichzeitig durch den Raum, von denen einer für mich bestimmt ist. Er stellt ihn hin, ohne zu fragen. Das ist der kleinste Vertrag, den ich in dieser Stadt habe, und der zuverlässigste.

Dann stellt er einen Fremden dazu.

Ein Mann Anfang vierzig, Fahrradhelm unter dem Arm, entschuldigendes Nicken, kein Tisch mehr frei. Meine Schultern gehen nach oben, ganz von selbst. Ich bin diagnostizierter Sozialphobiker, das steht in dieser Kolumne oft genug, und es heißt nicht, dass ich Menschen nicht mag. Es heißt, dass ich sie lieber beobachte, als neben ihnen zu sitzen. Der Mann legt den Helm auf den Boden und schlägt eine Zeitung auf. Ich ziehe meine Papiere einen Zentimeter zu mir herüber und komme mir dabei kleinlich vor.

Und vor mir liegt ein Brief, der genau davon handelt.

Geschickt hat ihn ein Kollege aus der deutschen Erwachsenenbildung, dessen Newsletter ich seit Jahren lese, weil er selten etwas verkauft, ohne vorher etwas zu denken. Diesmal denkt er über London nach. Über die Kaffeehäuser des 17. Jahrhunderts, die man Penny Universities nannte: Für den Preis einer Tasse — einen Penny — saß der Kaufmann neben dem Gelehrten, der Seemann neben dem Arzt. Kein Lehrplan, keine Prüfung, kein Abschluss. Trotzdem wurde dort gelernt. Vielleicht gerade deshalb.

Sein Schluss daraus: Wir schmoren im eigenen Saft. Wir bewegen uns in Netzwerken von Gleichgesinnten, besuchen Konferenzen, auf denen alle dieselben Probleme mit denselben Wörtern beschreiben, und lassen uns von Algorithmen genau die Nachrichten servieren, die wir ohnehin geglaubt haben. Deshalb setze seine Akademie gezielt Menschen zusammen, die einander sonst nie begegnen würden. Die Start-up-Gründerin neben den Produktionsleiter. Den Verwaltungsdirektor neben die Kreativdirektorin.

Er hat recht, und ich will das nicht kleinreden. Ich merke es an mir selbst: Der überwiegende Teil meines fachlichen Austauschs findet mit Leuten statt, die mir im Kern zustimmen, und Zustimmung ist die angenehmste Form der Ahnungslosigkeit. Sein stärkstes Argument ist auch nicht das mit der Vielfalt, sondern das mit der Übersetzung: Wer einem Branchenfremden erklären muss, was er tut, muss zuerst sich selbst erklären, was er eigentlich meint. Diese Reibung ist echte Arbeit. Wer sie für Wohlfühlrhetorik hält, macht es sich zu leicht.

Nur steht der eigentliche Satz seines Briefes in der Fußnote.

Dort schreibt er, die Physikerin, die er sich am langen Holztisch vorstellt, sei damals mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Physiker gewesen — und schlägt vor, wir stellen es uns trotzdem anders vor. Ich verstehe die Geste, ich mag sie sogar. Aber sie räumt in einem Halbsatz weg, was diese Häuser tatsächlich waren. Frauen kamen in ihnen als Gäste nicht vor. Es brauchte dafür kein Verbot, es brauchte nur eine Gewohnheit, die niemand aufschreiben musste. Die Hälfte Londons saß nicht am Tisch, und die andere Hälfte hat das für Vielfalt gehalten.

Und der Penny war keine Nebensache. Er war der Preis dafür, dass die Debatte offen aussehen konnte, ohne offen zu sein — billig genug, um nicht als Schranke zu gelten, teuer genug, um eine zu sein. Ein Penny ist keine Tür. Ein Penny ist eine Schwelle, über die man nur nicht stolpert, wenn man ihn hat.

Die Geschichte, wie es weiterging, macht es nicht besser. Aus dem Kaffeehaus von Edward Lloyd, in dem Schiffsnachrichten getauscht wurden, wurde Lloyd's of London. In Jonathan's Coffee House in der Change Alley handelten Makler mit Anteilen, bis sie sich 1762 zu einem Klub zusammenschlossen und elf Jahre später in ein eigenes Haus zogen, aus dem die Londoner Börse wurde. Das ist die eigentliche Pointe der Penny Universities: Sie sind nicht untergegangen. Sie haben sich rentiert.

Damit ist die Frage falsch gestellt. Sie lautet nicht, wie wir die Penny University zurückholen. Sie lautet, wem der Tisch gehört, an dem der Zufall stattfindet. Denn der Zufall ist nicht verschwunden — er hat einen Eigentümer bekommen. Die Plattformen haben ihn wegoptimiert, weil ein überraschter Nutzer ein langsamer Nutzer ist. Und dort, wo er wieder auftaucht, in Peergroups, Masterclasses, kuratierten Runden, ist er ein Produkt mit Preisschild und Auswahlverfahren. Eine Runde, in die man aufgenommen wird, ist keine Zufallsbegegnung. Sie ist ein gelungenes Casting.

Ich unterstelle dabei niemandem eine Absicht. Wer Räume organisiert, muss sie finanzieren, und wer sie finanziert, muss auswählen; das ist keine Bosheit, das ist Betriebswirtschaft. Genau darin liegt das Unangenehme. Eine Schranke, die aus Anreizen entsteht, muss niemand verteidigen. Sie steht einfach da, und alle, die dahinter sitzen, halten sich für neugierig.

Das ist die Eigenschaft des Noozäns, dieser Epoche, in der Bewusstsein zur Infrastruktur wird, über die wir am wenigsten reden: Infrastruktur ist keine Gelegenheit, sondern eine Teilnahmebedingung. Solange Denken etwas war, das man im eigenen Kopf betrieb, brauchte niemand eine Erlaubnis dafür. Sobald es an Räume gebunden ist — an Modelle, Zugänge, Mitgliedschaften —, wird die Frage, wer hineinkommt, wichtiger als die Frage, wer klug ist. Und jede dieser Runden führt am Ende ihre eigenen Teilnehmer als Beweis dafür an, dass Vielfalt funktioniert.

Das ist kein Argument gegen Peergroups. Ich halte sie für eines der wenigen Formate, in denen Erwachsene noch ihre Meinung ändern. Es ist ein Argument dagegen, sie mit einem Kaffeehaus zu verwechseln. Der Unterschied ist nicht die Qualität des Gesprächs, sondern die Beschaffenheit der Tür: Das eine ist ein offener Raum, in den man hineingerät. Das andere ist ein guter Raum, in den man gebeten wird.

Was daraus folgt, ist wenig, und ich werde es nicht größer machen, als es ist. Man kann Räume bauen, deren Zugang nicht davon abhängt, ob jemand hineinpasst. Der Markt draußen ist so einer, das tewa an einem vollen Donnerstag auch. Sie leisten kein Programm, sie leisten Anwesenheit. Das ersetzt keine Bildungspolitik, und es rettet niemanden. Es ist trotzdem mehr als eine Einladung, die man sich verdienen muss.

Mein Café Olé ist inzwischen kalt geworden, und ich habe kein Wort mit dem Mann gewechselt, der seit einer Stunde neben mir sitzt.

Als er aufsteht, dreht er mir seine aufgeschlagene Zeitung so herum, dass ich die Seite lesen kann, auf die ich seit einer Weile schiele.


P.S.: Das Magazin, für das ich schreibe, betreibt eine Akademie. Die Kurse dort kosten mehr als einen Penny, und ich habe kein einziges Mal gefragt, wer sich das nicht leisten kann. Den Brief aus Deutschland habe ich übrigens bis heute nicht beantwortet — dabei stand am Ende eine Einladung auf einen Kaffee.

Phil Roosen, Emergent, schreibt jeden Donnerstag die Kolumne „Digitale Zwischenräume" für The Digioneer. Er ist Präsident des Vereins Pura Vida und sitzt im tewa am Karmelitermarkt — bei einem Café Olé.


Quellen

Share this article
The link has been copied!