Kolumne „Digitale Zwischenräume" — The Digioneer, Donnerstag, 6. August 2026

Vor mir liegt ein Strand, dessen Ende ich vom Wohnmobil aus nicht sehe. Galicien, oberhalb von Portugal, der Atlantik schiebt sich in langen, faulen Wellen herein, Möwen stehen im Wind wie festgeschraubt. Neben mir der dritte café con leche seit dem Frühstück — einen Café Olé bekomme ich hier so wenig wie einen zusätzlichen Balken am Display.

Und ich schaue nicht aufs Meer. Ich schaue auf einen Ladebalken.

Es ist ein Ritual geworden. Jeden Sommer dasselbe: das Platz-WLAN, gratis und großzügig beworben, in Wahrheit ein einzelner Router für zweihundert Stellplätze, der um zwanzig Uhr in die Knie geht, wenn die halbe Anlage gleichzeitig telefoniert. Das Mobilfunknetz: LTE, immer nur LTE, und auch das mit der Enthusiasmuskurve eines müden Beamten. Eine Website, die daheim in anderthalb Sekunden steht, braucht hier vier Minuten oder gar nichts. Ich fluche. Meine Partnerin sagt: „Du fluchst jedes Jahr an derselben Stelle." Sie hat recht, und sie ist Psychotherapeutin, was die Sache nicht besser macht.

Heuer habe ich zum ersten Mal nachgesehen, ob mein Fluchen stimmt.

Die Demütigung der Zahlen

Spanien hat 5G. Nicht ein bisschen, nicht in Madrid und Barcelona — flächendeckend. Im Juni 2025 hatten 99,27 Prozent der Bevölkerung Zugang zu irgendeiner Form davon, im ländlichen Raum rund 80 Prozent. Ein Wert, mit dem das Land über den EU-Zielvorgaben liegt und vor den meisten Nachbarn. Erst im Juli hat ein Betreiber 5G in 182 Gemeinden aufgedreht, einige davon mit gut fünfzig Einwohnern. Fünfzig. Das sind weniger Menschen, als heute Abend hier am Platz stehen.

Das Netz ist also da. Ich bin nur nicht drin.

Ob mein Telefon in Spanien 5G bekommt, hängt nicht von spanischen Funkmasten ab, sondern von einer Vereinbarung zwischen meinem österreichischen Betreiber und einem spanischen — einem Dokument, das ich nie unterschrieben, nie gesehen und nie zu Gesicht bekommen werde. Es kann am Tarif liegen. Am Partnernetz. An einer Fair-Use-Klausel in Fußnotengröße. Ich weiß es nicht, und das Erschütternde ist: Ich kann es auch nicht herausfinden. Ich sitze nicht in einem Funkloch. Ich sitze in einem Vertragsloch. Der Sand ist da, der Mast ist da, ich bin Gast.

Drei Stellplätze weiter hat das ein Holländer eleganter gelöst. Auf seinem Dach eine weiße Schüssel, halb so groß wie ein Servierbrett, sauber ausgerichtet, und seine Kinder streamen seit acht Tagen ohne einen einzigen Ruckler, während ich auf eine Seite warte, die aus Text besteht. Ich will hier nicht den Kulturpessimisten geben: Der Mann hat ein Problem gehabt, hat Geld auf den Tisch gelegt und das Problem beseitigt. Das ist keine Verirrung, das ist Vernunft. Er hat sich privat aus der Infrastruktur ausgeklinkt, an der wir anderen noch hängen. Nur dass die Vernunft eines Einzelnen keine Ordnung ergibt, sondern nur eine Rangfolge.

Der Gedanke auf der Düne

Also sitze ich da und denke mir das, was man sich auf Dünen so denkt: Das müsste doch die UNO machen. Ein Satellitennetz, das keinem Konzern gehört und keinem Verteidigungsministerium. Kein Milliardär, der es abdrehen kann, wenn ihm eine Regierung nicht passt. Grundversorgung von oben, für alle, ohne Vertragsloch.

Der Gedanke ist nicht dumm, und er ist auch nicht neu. Die Internationale Fernmeldeunion, seit 1865 im Geschäft und damit älter als die meisten ihrer Mitgliedstaaten, ist längst UNO-Sonderorganisation. In Artikel 44 ihrer Verfassung steht schwarz auf weiß, dass Funkfrequenzen und Orbitalpositionen begrenzte natürliche Ressourcen sind, die rationell, wirtschaftlich und gerecht zu nutzen sind, mit besonderem Blick auf Entwicklungsländer. Das ist kein Manifest einer NGO, das ist bindendes Völkerrecht. Und zu tun gäbe es genug: Rund 2,6 Milliarden Menschen sind schlicht offline. Die rechtliche Grundlage für meine Dünen-Utopie existiert also längst. Es fehlt nur die Leitung.

Denn die UNO ist zwar oben, aber sie baut nicht, sie führt Buch. Die ITU ist das Grundbuchamt des Orbits — sie verteilt, was ihr nicht gehört, an jene, die bauen können. Zwischen 2020 und 2025 sind die Anmeldungen für Satellitensysteme um 400 Prozent gestiegen, über zehntausend Objekte kreisen inzwischen da oben. Man hat sogar Fristen erfunden, damit niemand Bahnen hortet, ohne zu starten: zehn Prozent der Konstellation binnen zwei Jahren, fünfzig binnen fünf. Ein Schiedsrichter mit Stoppuhr, dem man nie einen Ball gegeben hat. Man hat der größten Organisation der Menschheit die Zuständigkeit für ein Gemeingut übertragen und ihr im selben Atemzug verboten, es je selbst zu bewirtschaften.

Wo tatsächlich gebaut wird, zeigt sich immerhin, dass es geht. Europa hat mit IRIS² beschlossen, was ich mir hier ausdenke: 290 Satelliten, 10,6 Milliarden Euro, Vertrag unterzeichnet im Dezember 2024, ausdrücklich auch für die weißen Flecken. Dienststart: 2029. Ich werde dann 67 sein. Meine Frau wird sagen, dass ich an derselben Stelle fluche.

Warum es die UNO sein muss

Der stärkste Einwand kommt von drei Stellplätzen weiter. Der Holländer wartet nicht auf 2029. Er hat eine Schüssel, eine Rechnung und ein funktionierendes Netz, und zwar seit Jahren, während Staaten noch Konzessionsverträge redigierten. Privates Kapital hat in fünf Jahren gebaut, wofür die öffentliche Hand ein Jahrzehnt Sitzungen ansetzt. Das ist kein Detail, das ist der ganze Punkt der Gegenseite, und er stimmt.

Nur kennt man den Preis inzwischen genau. Als die Ukraine Starlink für einen Angriff nahe der Krim freigeschaltet haben wollte, hat der Eigentümer das abgelehnt — er hat es selbst bestätigt, mit dem Argument, sein Unternehmen wäre sonst an einer Eskalation mitschuldig geworden. Man kann das für eine verantwortungsvolle Entscheidung halten oder für Größenwahn, das ist gar nicht der Punkt. Der Punkt ist, dass ein einzelner Privatmann sie überhaupt treffen konnte. Ein Netz, dessen Verfügbarkeit von der Risikoabwägung eines Menschen abhängt, ist keine Infrastruktur. Es ist ein Gefallen. Und ein Gefallen kann zurückgenommen werden, an einem Dienstagvormittag, ohne Verfahren, ohne Einspruch, ohne dass irgendwer gewählt hätte.

Man sagt uns, Kapital sei das Ordnungsprinzip, das solche Dinge am besten regelt. Wäre das wahr, müssten es alle haben. Kapital ist keine Naturkraft und kein Talent, es ist ein Hebel, und Hebel werden ausschließlich dort verteilt, wo schon jemand am Drehpunkt steht. Deshalb ist die Frage nicht, ob Private schneller bauen können — sie können. Die Frage ist, ob das Gebaute ihnen gehören soll. Bei Wasserleitungen haben wir das im neunzehnten Jahrhundert entschieden, in Wien mit einer Hochquellenleitung, die bis heute jedem aus der Wand läuft, unabhängig von seinem Kontostand. Beim Orbit haben wir es noch nicht entschieden. Wir tun nur so, als wäre es entschieden, weil einer schneller war.

Der naheliegende Einwand gegen ein UNO-Netz ist der, an dem ich hier gerade selbst hänge: Auch das bräuchte nationale Lizenzen, Frequenzhoheit, Verträge, Tarife. Stimmt. Nur wäre es das erste Netz, dessen Gründungsdokument den Ausschluss, in dem ich sitze, ausdrücklich verbietet — nicht als Marketingversprechen, sondern als Zweck. Roaming existiert, weil Netze Privateigentum sind. Zwischen Allmenden roamt man nicht. Und was auf dem Papier steht, ist kein frommer Wunsch: Es ist der einzige Grund, warum man einen Betreiber überhaupt je zu etwas zwingen kann.

Und ehrlich gesagt sehe ich nicht ein, warum das beim Internet aufhören soll. Saatgut, Impfstoffe, Trinkwasser, die Erdumlaufbahn selbst, inzwischen auch die Modelle, die für uns denken — überall dieselbe Bewegung: Etwas, das alle brauchen, wird von wenigen gehalten, und wir nennen das Marktwirtschaft, obwohl es in Wahrheit nur eine Eigentumsordnung ist, die man auch anders schreiben könnte. Die UNO ist keine besonders effiziente Organisation. Sie ist die einzige, deren Auftrag von vornherein die Allgemeinheit ist und nicht der Ertrag. Für ein Gemeingut ist das die relevantere Eigenschaft.

Im Noozän ist Infrastruktur kein Service mehr, sondern eine Bedingung der Teilnahme. Wer nicht drin ist, ist nicht bloß langsamer — er ist in dem Teil der Welt, in dem gerade verhandelt wird, schlicht nicht anwesend. Und darüber, wer anwesend sein darf, entscheiden am Ende keine Satelliten, sondern Papiere, die niemand liest.

Die dritte Barriere

Worum es mir eigentlich geht, ist ein einziger Satz: Jeder Mensch soll einfach und kostenlos ins Netz kommen, und niemand soll daran gehindert werden. Es gibt genau drei Dinge, die einen hindern können. Technik — das ist der Router, an dem ich hier hänge. Geld — das ist die Schüssel, die ich mir kaufen könnte und die eine Familie in Sambia sich nicht kauft. Und Gesetz. Über die ersten beiden habe ich jetzt eine Kolumne lang geschrieben. An der dritten wird gerade daheim gebaut.

Am 28. Juli hat Medienminister Andreas Babler einen Entwurf in Begutachtung geschickt: Social Media erst ab vierzehn, ab 2027 mit einer wirksamen Alterskontrolle statt des Klicks auf einen Button. Und weil man einmal dabei ist, gilt dieselbe Pflicht künftig auch für Pornoplattformen — Volljährigkeit nachweisbar, unter anderem per ID Austria. Seit 2025 haben wir außerdem in den ersten acht Schulstufen ein bundesweites Handyverbot.

Ich nehme die Sorge dahinter ernst, und zwar vollständig. Ein Kind, das auf „Ich bin über 18" klickt, ist durch nichts geschützt, das ist keine Hürde, das ist eine Höflichkeitsfloskel. Eltern, die nebenbei arbeiten, können nicht gegen Systeme anerziehen, die von hochbezahlten Teams darauf optimiert wurden, genau diese Erziehung zu unterlaufen. Und das vorgeschriebene Double-Blind-Modell, bei dem die Plattform nur erfährt, ob jemand alt genug ist, und der Prüfdienst nicht erfährt, wofür, ist ein ehrlicher Versuch, das Ganze grundrechtsschonend zu bauen. Wer das als bloße Schikane abtut, macht es sich zu leicht.

Und trotzdem stimmt die Richtung nicht. Wenn ein Verbrecher eine Website betreibt, gehört der Verbrecher vor Gericht. Nicht der Surfer an die Ausweiskontrolle. Wir haben hier eine Beweislast umgedreht, ohne es zu merken: Statt jene zu verfolgen, die etwas Verbotenes anbieten, lassen wir sechs Millionen Unbescholtene sich vorher ausweisen. In der analogen Welt käme niemand auf die Idee, den Lichtbildausweis am Eingang der Buchhandlung zu verlangen, weil im dritten Regal etwas Jugendverbotenes steht.

Alles daran ist Subtraktion. Wir nehmen das Gerät weg, wir nehmen den Zugang weg, wir nehmen die Anonymität weg — und keine einzige dieser Maßnahmen bringt einem einzigen Kind bei, wie man eine Quelle prüft. Frankreich hat die Altersverifikation für Pornoseiten 2025 eingeführt; große Anbieter haben daraufhin den Markt verlassen, andere haben technische Wege gefunden. Die Nachfrage ist nicht verschwunden, sie ist nur unbeaufsichtigter geworden. Und die Grundrechts-NGO epicenter.works nennt beim Namen, was strukturell entsteht: eine Infrastruktur, mit der sich Zugang zu Öffentlichkeit künftig nach Personengruppen sortieren ließe. Wir bauen die Ausweiskontrolle schneller, als wir das Lesenlernen bauen.

Denn es gibt kein Verbot, das Kompetenz erzeugt. Zu verstehen, wie das Netz funktioniert, wie eine KI zu ihren Sätzen kommt, woran man ein Deepfake erkennt und wie man eine Behauptung überprüft, bevor man sie weitergibt — das ist nicht Zusatzwissen für Interessierte. Das ist eine Kulturtechnik, so grundlegend wie Lesen, Schreiben und Rechnen, und aus demselben Grund: Wer es nicht kann, ist der Welt ausgeliefert, in der er lebt.

Und da geht mir dann der Hut hoch. Ich bin an einer Lateinprüfung gescheitert, sie hat mich mein Studium gekostet, und ich habe in sechzig Jahren kein einziges Mal gebraucht, was ich dafür auswendig gelernt habe. Ich sage nicht, dass Latein wertlos ist. Ich sage, dass jeder Stundenplan endlich ist und wir mit dieser Endlichkeit offenlegen, was uns wirklich wichtig ist. Täglich Quellenprüfung. Täglich der Unterschied zwischen einer Studie und einer Schlagzeile über eine Studie. Täglich der Blick darauf, wer für den Inhalt bezahlt hat, der einem gerade ins Gesicht springt. Und dann, am Elternabend, dasselbe noch einmal für die Erwachsenen, damit sie zu Hause bessere Entscheidungen treffen können statt bloß strengere. Bildung sei das Wichtigste, sagen alle. Sie meinen es metaphorisch.

Der Zorn steigt in Wellen hoch, ich merke es an den Schultern. Dann legt meine Frau die Hand auf meinen Unterarm, ohne den Blick vom Wasser zu nehmen, und ich trinke einen Schluck von diesem lauwarmen café con leche, und es geht wieder.

Also: Wenn du das ähnlich siehst, dann sag es weiter. Schnelles Internet für alle, so bald wie irgend möglich, ohne Vertragslöcher und ohne Wohlstandsvorbehalt — und in Händen, die niemandem Rechenschaft schulden außer uns allen. Und in der Schule, jeden Tag, wie man es vernünftig benutzt. Den Rest erledigt die Natur; sie hat das immer getan, sie braucht dazu nur Menschen, die etwas gelernt haben.

Der Ladebalken steht bei sechzig Prozent. Das Meer war die ganze Zeit da.


Phil Roosen, 64, schreibt jeden Donnerstag die Kolumne „Digitale Zwischenräume" für The Digioneer. Er ist Präsident des Vereins Pura Vida und Stammgast im tewa am Karmelitermarkt — bei einem Café Olé. Diese Kolumne entsteht als Mergitor-Text im MERGED-Verfahren: menschliche Stimme, maschinelle Recherche, offengelegt.

P.S.: Im Konzeptpapier meines eigenen Vereins steht unter „Digitale Infrastruktur" der Satz, zuverlässiges Highspeed-Internet an jedem Standort sei ein Gamechanger für digitale Nomaden. Ich habe ihn als Präsident abgenickt. Geschrieben habe ich diese Zeilen auf einem Platz, auf dem das Hochladen des fertigen Textes zwei Anläufe gebraucht hat. Man kann Visionär sein oder Kunde. Beides gleichzeitig ist unbequem.

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