Kolumne "Digitale Zwischenräume" – The Digioneer, Donnerstag, 4. Juni 2026
Fronleichnam. Der Karmelitermarkt liegt halb verwaist da, die Standln verhängt, und über dem Pflaster hängt jene eigentümliche Stille, die ein Feiertag in eine Großstadt legt – als hätte jemand den Ton herunter gedreht, ohne das Bild abzuschalten. Irgendwo in Richtung Leopoldstadt wird eine Prozession ihren Weg nehmen; hier im tewa sind drei Tische besetzt, meiner mit einem Café Olé, und ich tue, was ich an solchen Tagen am liebsten tue: zusehen, ohne gesehen zu werden.
Am Nebentisch eine junge Frau, Mitte dreißig vielleicht, die nicht arbeitet. Jedenfalls sieht es nicht nach Arbeit aus. Sie hält das Telefon ans Ohr und sagt in unregelmäßigen Abständen kurze Sätze hinein. "Ja, mach das." Pause. "Nein, den nicht, der kann warten." Pause. "Schick's, aber ohne den Anhang." Kein Gegenüber, das man hören könnte, keine Stimme am anderen Ende – oder doch, aber keine menschliche. Sie telefoniert nicht. Sie regiert. Und während die Stadt Feiertag hat, arbeitet irgendwo etwas für sie weiter, unermüdlich, am Feiertag, in ihrem Namen.
Vor gut einem Jahr habe ich an dieser Stelle die künstliche Intelligenz ein Exoskelett genannt. Ein kognitives Hörgerät, eine Verstärkung. Das Bild trug, weil bei einem Exoskelett der Mensch im Sattel bleibt: Es verleiht Kraft, aber die Richtung, die Absicht, die Verantwortung gehören weiter dem, der darin steckt. Ich stehe zu dem Bild. Nur ist es seit dieser Woche überholt.
Denn das Neue an dem, was die Branche dieser Tage "Agenten" nennt, ist nicht, dass die Maschine mehr kann. Das Neue ist, dass sie nicht mehr wartet.
Microsoft hat auf einer Entwicklerkonferenz, die genug Produktnamen mitbrachte, um einen eigenen Paketmanager zu rechtfertigen, ein Ding namens Scout vorgestellt – den ersten "Autopilot", wie es heißt. Kein Programm, das auf den Klick wartet, sondern ein Assistent, der im Hintergrund bleibt, mitbekommt, wie gearbeitet wird, und von selbst tätig wird. Der zuständige Manager formulierte es mit jener Offenheit, die nur aus Stolz entsteht: Man werde von diesem Assistenten einen Anruf bekommen. Nicht man ruft an. Er ruft an.
Und er lernt. Nicht im alten Sinn, dass irgendwo in einem Rechenzentrum nachts ein Modell nachtrainiert wird, sondern im neuen, unheimlicheren: Solche Agenten schreiben sich ihre Fertigkeiten zunehmend selbst, aus eigener Erfahrung, nach jeder erledigten Aufgabe. Das Werkzeug meines Großvaters wurde an der Wand nie besser. Es wartete dort, stumpf und treu, bis eine Hand es nahm. Dieses Werkzeug schärft sich über Nacht – und es schärft sich an mir, an meinen Vorlieben, meinen Abkürzungen, meiner Art, Dinge erledigt haben zu wollen. Je länger ich es benutze, desto genauer passt es. Und desto schwerer komme ich wieder los. Das ist, nebenbei, die exakte Definition einer Abhängigkeit. Es ist auch die exakte Definition einer guten Beziehung. Der Unterschied liegt manchmal nur darin, wer am Ende geht.
Das ist es, was ich mit dem Noozän gemeint habe: nicht den Tag, an dem die Maschinen erwachen, sondern den, an dem das Tun sich von dem löst, der entscheidet. Bewusstsein wird Infrastruktur. Die Frau am Nebentisch hat das Tun abgegeben und das Entscheiden behalten – vorläufig.
Der naheliegende Einwand ist klug, und ich will ihn nicht kleinreden. Er lautet: Wir delegieren doch ständig, und das ist die Geschichte des Fortschritts selbst. Niemand versteht den Motor seines Autos, und trotzdem fährt die Zivilisation. Ich weiß nicht, wie der Strom in die Leitung kommt, und drücke trotzdem den Schalter. Arbeitsteilung heißt: Ich vertraue darauf, dass ein anderer kann, was ich nicht kann. Der Agent ist nur die nächste Sprosse derselben Leiter. Und die Zelle, die man ihm baut – die abgeschottete Box, in der er laufen darf, ohne durch den ganzen Rechner zu wandern, die eigene überwachte Identität, die protokollierte Spur – ist kein Misstrauen, sondern Ingenieursreife. Man sichert ab, weil man sorgfältig ist, nicht weil man sich fürchtet.
Das ist ein guter Einwand. Er hat nur einen Bruch.
Wenn ich den Motor meines Autos nicht verstehe, delegiere ich das Wie. Ich gebe nicht ab, wohin ich fahre. Ich weiß nicht, wie der Strom fließt, aber ich entscheide, welche Lampe brennt. Was wir bisher delegiert haben, war immer die Ausführung, nie das Ob. Der Agent, der nicht wartet, der von selbst tätig wird, der anruft, statt angerufen zu werden, nimmt uns auch das Ob ab. Er entscheidet, was es wert ist, getan zu werden. Und die selbstgeschriebene Fertigkeit bedeutet: Was er dabei lernt, fließt nicht zu mir zurück. Es wird sein Können, geformt an mir, aber nicht mehr meines.
Und dann ist da die Zelle. Man sperrt kein Werkzeug ein. Niemand baut seinem Hammer eine vom Betriebssystem bewachte Box. Man baut Zellen für Dinge, von denen man erwartet, dass sie sich anders verhalten könnten, als man es vorhergesehen hat. Die Einhegung, die als Ingenieursreife verkauft wird, ist in Wahrheit ein Geständnis: Wir haben etwas gebaut, dem wir genug Eigenwillen zutrauen, um es einzusperren. Pikanterweise baut Microsoft seinen braven Helfer ausgerechnet auf jener quelloffenen Technik, die der eigene Konzernchef vor wenigen Monaten noch mit einem Virus verglich. Man kennt seinen Diener.
Drei Tische, ein Feiertag, eine Frau, die regiert. Draußen trägt eine Prozession den alten Leib sichtbar durch die Gassen, eine Gemeinschaft schleppt offen herum, woran sie glaubt. Hier drinnen trägt eine Einzelne unsichtbar herum, was sie abgegeben hat. Beides sind Formen, Verantwortung außer sich zu legen. Nur weiß die eine, wem sie sie anvertraut.
P.S.: Mich lässt ein Satz nicht los – der von dem Anruf. Ich habe mein Leben so eingerichtet, dass das Telefon selten klingelt; ein Sozialphobiker baut sich seine Ruhe aus lauter höflichen Absagen. Jetzt kommt ein Diener, dessen stolzestes Merkmal es ist, dass er sich meldet. Der einzige Anrufer, der nie begreift, dass man gerade nicht gestört werden will. Der einzige, den man nicht vertrösten kann, weil er nie müde wird, es noch einmal zu versuchen. Ich fürchte, ich werde abheben.
Phil Roosen; Emergent, schreibt jeden Donnerstag die Kolumne "Digitale Zwischenräume" für The Digioneer. Er ist Präsident des Vereins Pura Vida und Stammgast im tewa am Karmelitermarkt – bei einem Café Olé. Diese Kolumne entstand als Mergitor-Text, im transparenten Verbund von menschlicher Stimme und maschineller Analyse.