Kolumne "Digitale Zwischenräume" – The Digioneer, Donnerstag, 9. Juli 2026
Am Karmelitermarkt flirrt die Luft schon um neun Uhr morgens. Vor dem tewa liegen die ersten Marillen der Saison in ihren Steigen, dieses satte Orange, für das die deutsche Sprache eigentlich ein eigenes Wort bräuchte, und der Standler ruft seine Preise in einer Lautstärke, die nur Wiener Hitze erzeugen kann – gereizt und gemütlich zugleich. Ich trage Kurzarm. Meine Cordsakko-Monate beginnen frühestens im Oktober wieder.
Zwei Tische weiter beobachte ich zwei Menschen, die nichts voneinander wissen, aber gerade an derselben Kolumne mitschreiben. Der Herr am Fenstertisch isst eine Marille. Nicht nebenbei, nicht als Zwischendurch-Snack, sondern mit einer Konzentration, die du heute fast schon verdächtig findest. Er schält sie mit dem Daumennagel, betrachtet das Fruchtfleisch, isst. Kein Handy, keine Zeitung, kein Ziel außer der Marille selbst.
Die Frau am Nachbartisch hat einen Laptop offen, einen Browser-Tab mit der Meldung aus Berlin: Die deutsche Alterssicherungskommission hat diese Woche ihr 33-Punkte-Paket vorgelegt, das gesetzliche Rentenalter soll künftig automatisch an die Lebenserwartung gekoppelt werden, Vorbild Schweden. In Wien läuft die passende Debatte prompt mit, in der gewohnten Choreographie: Die einen fordern endlich ein "ideologiefreies" Gespräch übers Antrittsalter, die Gewerkschaft kontert, dass eine höhere Zahl nichts nützt, wenn schon jetzt drei von zehn Beschäftigten bezweifeln, gesund bis zur Pension durchzuhalten. Beide haben recht, und genau das macht die Sache unangenehm. Wer heute 65 wird, darf statistisch mit deutlich mehr gesunden Jahren rechnen als sein Großvater. Wer als Pflegerin oder am Bau arbeitet, hat von diesem Durchschnittswert herzlich wenig, weil sein Körper sich nicht an Statistik Austria hält.
Neunzig ist kein biblisches Alter mehr, über das man nur in Sonntagspredigten stolpert. Es ist eine Zahl, die längst in offiziellen Modellen steht: 1972 lag die österreichische Lebenserwartung bei 70 Jahren, heute bei 82, bis Ende des Jahrhunderts rechnet man mit knapp 90 bei Männern und über 92 bei Frauen. Wir bekommen im Schnitt ein zweites halbes Leben geschenkt. Und die einzige Frage, auf die Berlin, Wien und die Kommentarspalten dazwischen kommen, lautet: Wie viel davon soll noch gearbeitet werden.
Das ist die eigentliche Pointe, und sie hat mit dem Pensionsalter nur am Rande zu tun. Du kennst das Modell: Schule, Arbeit, ein bisschen Urlaub dazwischen, Pension. Vier Kästchen, in dieser Reihenfolge, ohne Rückfragen. Kein Naturgesetz, sondern eine Verwaltungserfindung des späten 19. Jahrhunderts, gebaut für ein Leben, das kurz nach dem letzten Kästchenwechsel endete. Seither wurde an den Kästchen herumgeschraubt, länger hier, kürzer da, die Grenzen verschoben – am Modell selbst hat niemand gerührt. Wir bekommen zwanzig, dreißig zusätzliche Jahre und schieben sie ins letzte, am schlechtesten durchdachte Kästchen, mit der stillen Erwartung, dass sich das Leben dort schon von selbst sortiert.
Aber bleiben wir ehrlich, das Beschönigende beiseite: Diese vierzig Jahre sind nicht neutral. Du arbeitest, um Geld zu verdienen. Das Geld gibst du für Dinge aus, von denen dir ein Algorithmus fünf Minuten, bevor du selbst davon wusstest, erzählt hat, dass du sie brauchst – wofür du weiterarbeiten musst. Ein geschlossener Kreis, der sich nicht dreht, weil du ihn brauchst, sondern weil sich am anderen Ende das Kapital von allein vermehrt, ganz ohne eigenes Zutun, für jeden Tag, den du darin verbringst. Vierzig Jahre so zu leben, ist eine sklavische Übung, auch wenn niemand mehr Ketten dazu braucht. Aufwachen hieße hier nicht, morgen zu kündigen. Es hieße, wenigstens einmal zu bemerken, für wen man eigentlich rennt. Dass am Ende selten ein neuer Mensch aus der Pension steigt, sondern einer, dem beigebracht wurde, jede wache Stunde entweder zu verdienen oder auszugeben, ist kein persönliches Versäumnis. Es ist das einzige Produkt, das dieses System zuverlässig liefert.
Der Herr mit der Marille hätte dazu vermutlich nichts zu sagen, und genau das ist sein Beitrag. Im Taoismus kennen weder der Fluss noch die Jahreszeit ein Renteneintrittsalter – Dinge geschehen, wenn ihre Zeit gekommen ist, nicht wenn ein Kalender es verlangt. Wu Wei, das Nicht-Erzwingen, gilt gern als Untätigkeit, ist aber ihr Gegenteil: die Kunst, nicht permanent gegen den eigenen Rhythmus zu arbeiten. Der Buddhismus legt eine Schicht drauf und fragt, wessen Zeit hier eigentlich verwaltet wird – das Ich, das sich die Pension "verdienen" soll, ist in dieser Lehre ohnehin keine feste Größe, sondern eine Konstruktion, die man Tag für Tag neu zusammensetzt. Beide Traditionen kennen kein Später, in dem das eigentliche Leben erst beginnt. Der Herr am Fenstertisch übt das gerade, ohne einen einzigen Sanskrit-Begriff zu kennen.
Und hier wird es unbequem, denn die Antwort ist nicht: mehr freie Zeit fordern, dann regelt sich der Rest. Ich habe später zufällig auf den Bildschirm der Frau geschielt, so wie man das am Nebentisch eben tut. Kein Pensionsrechner. Eine eigene Tabelle, sauber farbcodiert: "Sprachen (2), täglich 10.000 Schritte, Reiseziele – 37 offen." Sie plant ihre Pension wie ein Projekt mit Meilensteinen. Niemand zwingt sie dazu. Der Aufseher, vor dem wir am meisten kuschen, sitzt längst nicht mehr im Büro nebenan – er sitzt im eigenen Kopf und hat sich, sehr höflich, auch für die Freizeit selbst eine Einladung ausgestellt.
Das ist die Unfreiheit, die schwerer wiegt als jede Zahl aus Berlin oder Wien: Man könnte das Antrittsalter morgen auf sechzig senken, und die meisten von uns würden die gewonnenen Jahre trotzdem mit einer To-do-Liste füllen. Nicht weil es jemand verlangt, sondern weil wir nie gelernt haben, Zeit zu haben, ohne sie zu rechtfertigen.
Die eigentliche Reform wäre also keine Zahl, sondern eine Erlaubnis: Stunden zu haben, die du niemandem schuldest, die in keiner Tabelle auftauchen müssen und keinen Meilenstein brauchen. Darüber verhandelt in Berlin und Wien niemand, weil es sich schlecht in ein Sozialversicherungsgesetz gießen lässt. Vielleicht liefert deshalb die Marille am Ende die klarere Antwort als die Kommission.
Phil Roosen schreibt diese Kolumne vom tewa am Karmelitermarkt, bei einem Café Olé und, zur Abwechslung, in Kurzarm. Seine Kolumne "Digitale Zwischenräume" erscheint jeden Donnerstag in The Digioneer.
P.S.: Diese Kolumne war fertig, bevor mir auffiel, dass ich parallel eine Notiz-App offen hatte – "Dinge, die ich in der Pension unbedingt noch tun will", elf Punkte, zwei davon farblich als "dringend" markiert. Die Marille wäre enttäuscht von mir.