Kolumne „Digitale Zwischenräume" – The Digioneer, Donnerstag, 2. Juli 2026

Seit einer Woche steht über Wien diese Hitze, an die vierzig Grad, Tag um Tag, und der tewa am Karmelitermarkt hält mit einem müden Ventilator dagegen. Ich trinke meinen Café Olé trotzdem heiß, aus Gewohnheit, vielleicht aus Trotz. Am Tisch zwei Reihen weiter füllt ein älterer Herr im kurzärmeligen Hemd, den Strohhut neben sich auf dem Sessel, mit der Andacht eines Notars seinen Lottoschein aus. Sechs Kreuze, ein Innehalten, ein siebtes. Ich sehe ihm gern zu. Es liegt etwas beinahe Rührendes in dieser kleinen wöchentlichen Hoffnung, die er da auf zwei Euro fünfzig setzt – und ich gestehe gleich am Anfang: Den Lottoschein würde ich ihm nie nehmen. Merk dir diesen Satz. Wir kommen darauf zurück.

Während der Mann mit dem Strohhut also seine Kreuze setzt, hat die Republik am Montag etwas Größeres vor. ÖVP, SPÖ und NEOS haben einen Entwurf zur Novelle des Glücksspielgesetzes in Begutachtung geschickt, und sein Kern ist keine Verschärfung, sondern eine Öffnung. Künftig soll im Online-Glücksspiel nicht mehr ein einziger Konzessionär die Lizenz halten, sondern jeder, der die Anforderungen erfüllt – Kapitalgesellschaft, Aufsichtsrat, mindestens zehn Millionen Euro Stammkapital. Der Standard hat dem Ganzen eine flotte Pop-Zeile übergehängt: If you can't beat 'em, join 'em. Das ist tatsächlich die Logik. Und es ist das ehrlichste Geständnis dieser Reform.

Denn dieser Satz beschreibt nicht eine Strategie. Er beschreibt eine Kapitulation.

Der Schiedsrichter nimmt am Spieltisch Platz

Stell dir das Bild vor. Jahrzehntelang stand der Staat am Rand des Tisches. Er war nicht der sympathischste Aufseher, er hatte selbst die Hand im Spiel, sein Monopol roch schon lange nach Pfründe statt nach Schutz. Aber er stand am Rand. Er verlas die Hausordnung. Mit der Novelle setzt er sich nun selbst hin, schiebt die Jetons und kassiert die Lizenzgebühr von allen, die mitschieben dürfen.

Es lohnt sich, an dieser Stelle nüchtern zu bleiben, denn die patriotische Erzählung vom „österreichischen Glücksspiel", das man schütze, ist ohnehin längst hohl. Die Casinos Austria gehören mehrheitlich, zu 68 Prozent, der tschechischen Allwyn-Gruppe des Milliardärs Karel Komárek. Der Staat ist im eigenen Monopol nur noch Minderheitseigentümer. Wir verteidigen also kein Tafelsilber. Wir verwalten den Anteil eines Auswärtigen am Verlust der Schwächsten – und nennen das Standortpolitik.

Das beste Argument der Gegenseite – ernst genommen

Ich mache es mir nicht zu leicht. Das stärkste Argument für die Öffnung ist kein dummes. Es geht so: Rund 70 Prozent des Online-Glücksspiels laufen laut mehreren Studien ohnehin illegal, nur etwa ein Drittel spielt beim konzessionierten Anbieter. Das Verbot existiert online nur auf dem Papier. Wer es nicht legalisieren kann, der solle es wenigstens regulieren – mit echtem Spielerschutz statt mit einer Fiktion von Kontrolle.

Und der Entwurf liefert diesen Schutz auch, das gehört fair gesagt. Ein zentrales, anbieterübergreifendes Sperrregister, das Selbstsperren und Betreibersperren erstmals zusammenführt. Einzahlungslimits, die der Verfassungsgerichtshof 2022 zu Recht eingefordert hat, weil die alten existenzgefährdend waren. Banken und Zahlungsdienstleister, die künftig die Konten illegaler Anbieter blockieren müssen, Visa und PayPal eingeschlossen. Das ist nicht nichts. Das ist mehr, als wir je hatten.

Nur löst es das Problem an der falschen Stelle.

Man legalisiert den Einbruch nicht, weil die meisten Einbrüche ungesühnt bleiben. Man verfolgt sie. Die Werkzeuge dafür liegen längst bereit und werden von niemandem benutzt: Bis zu sechs Monate Freiheitsstrafe nach Paragraph 168 Strafgesetzbuch, bis zu 60.000 Euro je Ausspielung nach dem Glücksspielgesetz. Die IBANs der illegalen Anbieter könnte man auch blockieren, ohne ihnen im selben Atemzug einen legalen Markt zu eröffnen. Wer das Schwert hat und es nicht zieht, sollte nicht behaupten, er sei wehrlos.

Und dann ist da das Detail, das alles verrät. Das neue Sperrregister umfasst Casino, Automaten und Online – Lotto bleibt ausgenommen. Das Gesetz selbst zieht damit die Grenze, um die es eigentlich geht. Es weiß genau, welches Spiel den Menschen frisst und welches nicht. Es schreibt die Trennlinie wörtlich hinein – und vergibt dann Lizenzen für alles auf der falschen Seite davon. Der Suchtkoordinator der Stadt Wien lobt den Spielerschutz und merkt im selben Atemzug an, dass Sportwetten dem Glücksspielgesetz nach wie vor gar nicht unterstehen. Eine Reform, die ihre eigene Grenze kennt und sie umgeht: Das ist keine Strenge. Das ist ein Geschäftsmodell mit Beipackzettel.

Wer braucht das eigentlich

Hier hilft eine schlichte Frage, die in der ganzen Debatte erstaunlich selten gestellt wird. Wer braucht dieses geöffnete Glücksspiel?

Der Mensch, der nicht süchtig ist, braucht es nicht. Wenn du einen schönen Abend willst, gibt es bessere Wege, hundert Euro auszugeben. Ein Essen mit Menschen, die du magst. Ein Escape Room, in dem ihr eine Stunde lang lacht und schwitzt und am Ende stolz auf euch seid. Ein Konzert. Eine Reise mit dem Wohnmobil bis dorthin, wo das Handynetz endet. Niemand mit klarem Kopf und ein bisschen Fantasie verlässt den Roulettetisch reicher an Erlebnis. Das Vergnügen am Glücksspiel ist für den Gesunden bestenfalls ein Schauer, den er sofort wieder vergisst.

Der Mensch, der süchtig ist, braucht es erst recht nicht. Er braucht das Gegenteil: Schutz, Distanz, eine Hand, die ihn vom Tisch wegführt. Was er bekommt, ist eine besser möblierte Falle. Ein Einzahlungslimit von 1.680 Euro im Monat ist für den Gesunden eine absurd hohe Schwelle und für den Kranken eine Erlaubnis. Das ist kein Schutz. Das ist eine Dosierung, fein genug eingestellt, dass weitergespielt wird.

Damit bleibt nur eine ehrliche Antwort auf die Frage, wem die Öffnung dient: den Betreibern und der Steuerschätzung. Sonst niemandem.

Die Eintrittskarte

Und das führt zur Eintrittskarte. Die zehn Millionen Euro Stammkapital, die der Entwurf von jedem Bewerber verlangt, sind keine Hürde, die man mit Können nimmt. Sie prüfen eine einzige Eigenschaft: ob du sie schon hast. Geprüft wird das Kapital, nicht der Charakter. So sucht der Staat seine Konzessionäre nach exakt dem Kriterium aus, das garantiert, dass es um nichts anderes geht als ums Geld – hinein darf nur, wer es bereits besitzt, und der einzige Grund, hineinzuwollen, ist, mehr davon zu machen. Stell dir für einen Moment eine Prüfung vor, die stattdessen nach der Integrität fragt, nach der Moral, nach dem Grund: Warum willst du das tun? Vielleicht gäbe es ja eine gute Antwort – Umweltschutz, soziale Gerechtigkeit, etwas, das bleibt. Du weißt so gut wie ich, dass diese Antwort nie kommt. Die ehrliche lautet immer gleich: weil ich das Geld habe. Reichtum ist hier keine Schranke, die jemand überwindet. Reichtum ist die Bewerbung.

Die Wurzel, an die sich keiner traut

Und jetzt der Gedanke, der die ganze Sache umdreht. Ein Glücksspielmarkt lebt nicht von den Gelegenheitsspielern. Er lebt von denen, die nicht aufhören können. Die Sucht ist nicht der bedauerliche Nebeneffekt des Geschäfts, sie ist seine Substanz. Nimm die Spielsüchtigen aus der Rechnung, und das Haus verhungert.

Also denk den Spielerschutz zu Ende, statt ihn als Feigenblatt an eine Liberalisierung zu heften. Wenn dieses Spiel schon Geld abwirft, dann gehört dieses Geld – jeder Euro Reingewinn – in die Therapie genau jener Menschen, aus deren Krankheit es stammt. Nicht ein Promillesatz für einen Hilfsfonds zur Gewissensberuhigung. Der ganze Gewinn. In dem Moment, in dem das Geschäft seine eigene Heilung finanzieren muss, wird es sich auflösen, denn es kann von nichts anderem leben als von der Krankheit, die es dann beseitigt. Das ist kein Verbot per Paragraph. Das ist ein Verbot durch Logik.

Übrig bliebe der Herr mit dem Strohhut und seinem Lottoschein. Und das ist völlig in Ordnung. Lotto behalten, weil es niemanden in den Abgrund zieht – das Gesetz selbst nimmt es ja aus dem Sperrregister, weil es das weiß. Den großen Sack dahinter zumachen. Die Illegalen, die es ohnehin immer geben wird, mit den Mitteln verfolgen, die seit Jahren ungenutzt im Gesetzbuch stehen, und diese Mittel schärfen, statt Lizenzen zu verteilen. Das ist die Reform, die ein Staat schreibt, der noch Schiedsrichter sein will.

Der Entwurf, der jetzt in Begutachtung liegt, ist das Gegenteil. Er nimmt das eine Spiel, das harmlos ist, aus dem Schutzregister – und konzessioniert all die, die es nicht sind. Das ist keine Ordnung des Marktes. Das ist die Bank, die am Tisch Platz nimmt und behauptet, sie hätte damit jemanden beschützt.


Phil Roosen, Emergent, schreibt diese Kolumne aus dem tewa am Karmelitermarkt, wo der Ventilator gegen vierzig Grad verliert und die Gespräche am Nebentisch trotzdem die wärmeren sind. Seine Kolumne „Digitale Zwischenräume" erscheint jeden Donnerstag in The Digioneer.

P.S.: Der Mann mit dem Strohhut ist aufgestanden, hat seinen Schein gefaltet und in die Hemdtasche gesteckt, dorthin, wo andere ihre Brieftasche tragen, und den Hut aufgesetzt. Ein Spiel, das man in der Hemdtasche nach Hause trägt und am Donnerstag vergisst. Genau dieses Spiel lässt die Reform in Ruhe. Alles andere, das man nicht mehr nach Hause trägt, weil es einen nicht mehr nach Hause lässt, bekommt jetzt eine Lizenz. Man muss kein Spieler sein, um zu erkennen, wer hier gerade gewonnen hat. Das Haus gewinnt immer. Neuerdings sitzt der Staat mit am Tisch und tut, als wäre er der Türsteher.

Offenlegung: Der Mergitor (Michael Kainz) hat Anfang zwanzig ein paar Jahre bei Casinos Austria gearbeitet, damals, als er noch nicht so gescheit war. Man darf diese Zeilen mit dem Misstrauen eines lesen, der den Tisch von der anderen Seite kennt – oder mit dem Zutrauen.

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