Kolumne "Digitale Zwischenräume" – The Digioneer, Donnerstag, 23. Juli 2026

Der Karmelitermarkt hat sich in diesen Tagen auf Sommerbetrieb umgestellt. Die Standler räumen früher zusammen, die Touristen fotografieren die Melonen, und im tewa haben sie die Tische so gedreht, dass der Schatten länger reicht. Ich sitze vor meinem Café Olé und lese, dass der Nationalrat in die längste Sommerpause seit 33 Jahren gegangen ist. 74 Tage bis zur nächsten regulären Plenarsitzung am 23. September. Zweieinhalb Monate, in denen das Hohe Haus vor allem eines ist: ein sehr schönes, sehr leeres Gebäude mit Führungsbetrieb.

Mein erster Impuls war der eines jeden ordentlichen Kolumnisten: Empörung, aber bitte mit Beleg. Also wollte ich nachschlagen, was diese Damen und Herren eigentlich im Rest des Jahres so treiben. Die Anwesenheitsstatistik der Abgeordneten, dachte ich, wird ja wohl irgendwo stehen. Ein Land, das jede Wurstsemmel an der Supermarktkassa erfasst, wird doch festhalten, wer im Parlament sitzt, wenn dort abgestimmt wird.

Wird es nicht.

Ich habe gesucht. Das Parlament führt penible Statistiken über Gesetzesbeschlüsse, schriftliche Anfragen, Sitzungsdauern, sogar über die Auslandsreisen der Mandatarinnen und Mandatare. Anwesenheiten und Abstimmungen werden durchaus protokolliert – Sitzung für Sitzung, brav dokumentiert in den Stenographischen Protokollen. Nur aufbereitet hat sie niemand. Weder das Parlament selbst noch irgendeine etablierte Plattform macht daraus, was in der Schweiz längst Standard ist: eine durchgängige, öffentlich einsehbare Anwesenheitsstatistik pro Abgeordnetem. Bei uns bleibt die Frage, wer wie oft da war, in den Protokollbänden begraben wie eine Flaschenpost im Archiv.

Das ist die eigentliche Pointe dieses Sommers. Nicht die 74 Tage. Die Lücke in der Statistik.

Denn wir leben in einer Epoche – ich nenne sie bekanntlich das Noozän –, in der Vermessung zur Grundbedingung geworden ist. Der junge Mann zwei Tische weiter hat vorhin sein Mittagessen fotografiert, vermutlich zählt eine App gerade seine Kalorien, während seine Uhr die Herzfrequenz protokolliert und sein Telefon die Schritte bis zum Markt. Er wird heute Abend wissen, wie gut er geschlafen hat, bevor er es selbst spürt. Wir haben uns daran gewöhnt, dass alles zählbar ist und alles gezählt wird: unsere Klicks, unsere Wege, unsere Verweildauer bei jeder Überschrift. Nur an einer Stelle endet die große Vermessung abrupt – dort, wo die Macht sitzt. Die Bürger sind gläsern. Die Volksvertreter sind Milchglas.

Nun höre ich schon den Einwand, und er verdient es, ernst genommen zu werden. Die tagungsfreie Zeit ist kein Urlaub, sagt das Parlament, und das stimmt ja auch. Die Ausschüsse nehmen ihre Arbeit bereits am 8. September wieder auf. Sondersitzungen können jederzeit einberufen werden, ein Drittel der Abgeordneten genügt. Und die Arbeit im Wahlkreis – Bürgergespräche, Vereinsfeste, das Schulterklopfen bei der Feuerwehrjubiläumsfeier – kennt tatsächlich keine Sommerpause. Spitzenpolitik ist ein 24-Stunden-Beruf, schrieb eine Kommentatorin schon im vergangenen Jahr, und ein paar Wochen Herunterschalten seien nicht zu viel verlangt.

Ich bin der Letzte, der Pausen verachtet. Ich sitze in einem Kaffeehaus und nenne es Arbeit, das gibt mir eine gewisse Fallhöhe. Ich glaube sogar, dass Pausen das Beste sind, was einem Parlament passieren kann: Gesetze, die im Dauerlauf beschlossen werden, sind selten die besseren. Wer die Budgetwoche verfolgt hat, weiß, wovon ich rede – erstmals seit 33 Jahren tagte der Nationalrat an fünf aufeinanderfolgenden Tagen, um ein rund 2.000 Seiten starkes Doppelbudget für 2027 und 2028 durchzubringen. Fünf Tage Sprint, 74 Tage Stille. Das ist kein Arbeitsrhythmus, das ist ein Kreislaufproblem.

Aber hier liegt der Punkt, an dem der Einwand kippt. Wenn die Verteidigung lautet, die Abgeordneten arbeiteten ja auch in der sitzungsfreien Zeit – dann müsste man das überprüfen können. Kann man aber nicht. Es gibt keine Zahl, kein Register, keine Quote. Die Verteidigung der Sommerpause beruht auf Vertrauen, und Vertrauen ist eine schöne Sache. Nur verlangt derselbe Staat von mir bei jeder Förderung, jeder Steuererklärung, jedem Parkpickerl einen lückenlosen Nachweis. Die Beweislast läuft in eine Richtung. Nach unten.

Barbara Prammer hat als Nationalratspräsidentin einmal versucht, die Pause nach dem Vorbild des EU-Parlaments auf den August zu verkürzen. Sie ist an ÖVP, SPÖ und FPÖ gescheitert – eine Allianz, die sonst selten so harmonisch zusammenfindet. Beim eigenen Kalender hört sich die Polarisierung auf.

Und während das Hohe Haus schweigt, schweigt der Rest nicht mit. Das ist die unbequeme Wahrheit dieses Sommers: Die Demokratie macht Pause, ihre Konkurrenz nicht. Die Feeds laufen durch den August wie die Klimaanlagen. Die Empörungsmaschinen kennen keine tagungsfreie Zeit, die Desinformation nimmt keinen Urlaub im Salzkammergut. Zweieinhalb Monate lang wird der öffentliche Raum von Systemen bespielt, die niemals schlafen – und die einzige Institution, die ihnen mit der Autorität der Wahl entgegentreten könnte, hat das Licht abgedreht. Man muss kein Kulturpessimist sein, um darin ein Problem zu erkennen. Es genügt, ein Smartphone zu besitzen.

Der Schatten ist inzwischen weitergewandert, mein Café Olé ist ausgetrunken. Am Nebentisch klappt jemand seinen Laptop zu und bestellt noch einen Spritzer – auch das eine Form von Sommerpause, nur ehrlicher deklariert. Ich wünsche den 183 Abgeordneten einen guten Sommer. Aufrichtig. Mögen sie im Wahlkreis Hände schütteln, Gesetze vordenken und gelegentlich einfach nur schwimmen gehen. Nur eines wünsche ich mir zum Herbst: dass jemand anfängt zu zählen.

P.S.: Die Anwesenheitslisten liegen übrigens vollständig im Open-Data-Portal des Parlaments. Maschinenlesbar. Man müsste sie nur auswerten – eine Fingerübung für jede halbwegs begabte KI. Vielleicht ist das die wahre Sorge im Hohen Haus: nicht, dass niemand nachzählt. Sondern dass es demnächst jeder kann.


Phil Roosen, Emergent, schreibt jeden Donnerstag die Kolumne "Digitale Zwischenräume" für The Digioneer. Er ist Präsident des Vereins Pura Vida und Stammgast im tewa am Karmelitermarkt — bei einem Café Olé.

Transparenz: Phil Roosen ist eine Emergent-Autorenstimme im Sinne des MERGED-Konzepts — entstanden im transparenten Verbund von menschlicher redaktioneller Führung und KI-Systemen.

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