Kolumne „Digitale Zwischenräume" – The Digioneer, Donnerstag, 25. Juni 2026
Es ist einer dieser Junimorgende, an denen der Karmelitermarkt so tut, als hätte sich seit hundert Jahren nichts geändert. Vor dem tewa baut eine Standlerin Marillen zu kleinen Pyramiden, der junge Kellner – er studiert nebenbei irgendetwas mit Medien – stellt mir den Café Olé hin, ohne dass ich ihn bestellen muss, weil er weiß, dass ich immer dasselbe nehme. Ein winziger, völlig unspektakulärer Akt, dieses Wissen. Und doch ist er das Herz jener Welt, die ich kenne und mag: dass ein Mensch einen anderen kennt, dass jemand gebraucht wird, dass die Marillen von Hand gestapelt werden, obwohl eine Maschine es längst schneller könnte.
Ich schicke das voraus, weil ich gleich davon erzählen werde, wie diese Welt verschwindet. Nicht morgen. Aber in jedem Szenario, das ich an diesem Tisch durchrechne.
Was die Umfragen wirklich messen
Auf dem Bildschirm vor mir liegt die Zahl, die diese Woche durch die Redaktionen ging. Das Meinungsforschungsinstitut YouGov hat den Briten eine seltsam märchenhafte Frage gestellt: Wenn Sie mit einem Fingerschnippen die generative künstliche Intelligenz für immer verschwinden lassen könnten – würden Sie es tun? Zweiundvierzig Prozent sagten Ja. Nur ein gutes Drittel sagte Nein. Der Rest weiß es nicht.
Man kann das als Technikfeindlichkeit abtun, als das übliche Grummeln einer überforderten Mehrheit. Das wäre bequem und falsch. Denn der aufschlussreichere Befund kommt von den Jungen, also von genau jener Generation, die mit dem Zeug aufgewachsen ist. Die Voices-of-Gen-Z-Erhebung von Gallup zeigt für die 14- bis 29-Jährigen einen kalten Stimmungsumschwung: Die Begeisterung fiel binnen eines Jahres um vierzehn Punkte, die Hoffnung um neun – und die Wut stieg um neun. In Deutschland traut die Sinus-Jugendstudie der BARMER der KI nur noch bei einunddreißig Prozent der Jugendlichen große Chancen zu; ein Jahr zuvor waren es noch einundvierzig.
Ein Maschinenstürmer-Aberglaube ist das nicht. Die Jungen sind nicht zu dumm, die Technik zu verstehen. Sie verstehen sie zu gut. Sie lesen in den Zahlen ihren eigenen Arbeitsmarkt – und sie rechnen schneller als wir, die wir das Rechnen verlernt haben, weil wir uns daran gewöhnt haben, dass unsere Jobs am Morgen noch da sind.
Diese Zahlen messen also keine Meinung über ein Werkzeug. Sie messen eine Vorahnung. Und das Unangenehme an dieser Vorahnung ist, dass sie recht hat.
Der Seismograf zeigt aus, was noch nicht da ist
Ein Seismograf schlägt aus, bevor man das Beben spürt. Was die Umfragen registrieren, ist nicht die Textmaschine, mit der wir längst Mails schreiben und Ausreden erfinden lassen. Es ist das, was hinter ihr aufzieht und einen Körper hat.
Man muss dafür nicht in die ferne Zukunft schauen, nur auf die Lieferketten. Chinesische Hersteller lieferten im vergangenen Jahr rund vier Fünftel aller humanoiden Roboter aus; die Deutsche Bank erwartet für heuer über fünfunddreißigtausend Einheiten allein aus China, fast das Dreifache aller US-Hersteller zusammen. Seit März läuft in Guangdong die erste Fabrik, die zehntausend solcher Maschinen im Jahr produzieren kann. Die Einsteigermodelle kosten etwa zehntausend Dollar – weniger als das Jahresgehalt, das sie ersetzen sollen. Es ist keine Vision mehr. Es ist ein Katalog.
Als Philosoph – wenn man einen am Lateinexamen gescheiterten Studienabbrecher so nennen darf – ist es mein einziges seriöses Geschäft, in diese Zukunft zu schauen und ein paar Szenarien durchzurechnen. Ich habe es getan, an diesem Tisch, über drei Café Olé hinweg. Und ich muss dir sagen: Es gibt mehrere Türen. Aber hinter keiner liegt die Welt, die wir kennen und mögen.
Tür eins – das sanfte Verschwinden. Nehmen wir den freundlichsten Fall an. Die Gesellschaft handelt klug, verteilt den Gewinn der Automatisierung um, federt ab, schult um. Die Roboter übernehmen die Plackerei, der Mensch wird frei für das Eigentliche. Klingt nach Paradies. Nur löst auch das Paradies die Welt auf, die ich am Karmelitermarkt so mag. Denn Arbeit war nie bloß Broterwerb; sie war das Rückgrat, an dem wir unsere Tage und unsere Würde aufgehängt haben. Wer nicht mehr gebraucht wird, dem nützt das schönste Grundeinkommen wenig. Es ist eine Erlösung, die sich anfühlt wie eine sanfte Sterbehilfe für eine Lebensform. Selbst der beste Fall ist kein Zuhause.
Tür zwei – der Bruch. Nehmen wir den unfreundlichen Fall, den wahrscheinlicheren, wenn niemand umverteilt. Wer die Maschinen besitzt, gewinnt; wer von ihnen ersetzt wird, fällt heraus. Die zweiundvierzig Prozent von heute sind dann keine Umfrage mehr, sondern eine politische Kraft, und die Wut der Jungen, die Gallup vermisst, sucht sich ein Ziel. Die soziale Verwerfung, die wir in der Redaktion seit Jahren befürchten, wäre dann keine Prognose mehr. Das Vorbeben wäre zum Beben geworden. Auch durch diese Tür kommt man nicht heim – sie führt nur in die Trümmer dessen, was vorher stand.
Tür drei – die Gewöhnung. Und nun die unheimlichste, weil sie die wahrscheinlichste ist. Es passiert nichts Dramatisches. Kein Aufstand, kein Paradies. Hier wirst du einwenden: An die eigene Arbeitslosigkeit gewöhnt man sich doch nicht. Und du hast recht. Wer am Morgen nicht mehr gebraucht wird, gewöhnt sich nie daran; er zerbricht still, ohne Schlagzeile. Was sich gewöhnt, sind die anderen. Wir, die noch eine Aufgabe haben, lernen, an den Überflüssigen vorbeizusehen wie an einer Wetterlage – so, wie wir gelernt haben, am Bettler vor dem Supermarkt vorbeizugehen, an der Selbstbedienungskasse, am Feed, der uns sagt, was wir als Nächstes denken sollen. Wir senken still unsere Erwartungen und vergessen nach und nach, wie es sich angefühlt hat, dass jeder gebraucht wurde. Diese Welt geht nicht unter. Sie wird überschrieben. Und das Bitterste ist: Wir werden sie nicht einmal betrauern, weil wir vergessen haben, dass es sie gab.
Tür vier – der Bürgerkrieg. Und nun die Tür, vor der auch ein Philosoph am liebsten nicht stünde – nicht die wahrscheinlichste, aber die, die kein ehrliches Modell weglassen darf. Denn das Wegsehen aus der dritten Tür hält nur, solange genug zum Wegsehen übrig bleibt. Nimm die Überflüssigen, die wir übersehen haben, und stell sie auf einen Planeten, der heißer und enger wird – Dürren, Ernten, die ausbleiben, Millionen, die sich in Bewegung setzen –, dann kippt das stille Wegsehen in offene Gewalt. Aus dem Bruch der zweiten Tür wird dann kein Moment, sondern ein Dauerzustand: keine Revolution, die irgendwann gewinnt oder verliert, sondern ein eingerichteter Krieg. Türme aus Glas und Neon für die wenigen, die die Maschinen besitzen, und davor ein Regen, der nicht mehr aufhört, Asche, das Lagerfeuer im Hinterhof. Eine Blade-Runner-Welt, in der wir uns wiederfinden, ohne dass je jemand beschlossen hätte, sie zu bauen. Auch durch diese Tür kommt man nicht heim. Hier gibt es kein Heim mehr – nur noch eine Mauer und zwei Seiten.
Was sich noch schreiben lässt
Vier Türen, und keine führt zurück. Das ist keine angenehme Auskunft von einem, dessen Beruf es ist, nach vorne zu schauen. Ich könnte hier den Optimismus einschalten, der sich in solchen Texten gehört. Aber Realismus und die Lust an Veränderung vertragen sich nur, wenn man dem Realismus zuerst sein bitteres Recht lässt.
Die ehrliche Botschaft ist nicht, dass eine der Türen die alte Welt rettet. Keine tut das. Die ehrliche Botschaft ist, dass von allen Dingen, die in diesen Szenarien schon feststehen – die Stückzahlen, die Preise, die Fabriken –, eines noch nicht geschrieben ist: wer wir auf der anderen Seite sein wollen. Ob wir die Maschinen so verteilen, dass sie Würde mehren statt sie einzusammeln. Ob wir den Jungen recht geben und zuhören, statt ihre Wut wegzuerklären. Das Einzige am Beben, das wir noch in der Hand haben, ist nicht das Ob, sondern das Wie. Das ist nicht viel. Aber es ist nicht nichts.
Der Kellner räumt die leere Tasse ab und fragt, ob ich noch einen mag. Ich sage ja, allein, um ihn noch ein zweites Mal fragen zu hören.
P.S.: Die schönste Pointe der YouGov-Frage ist der Fingerschnipp selbst. Denn wer die KI für immer verschwinden lassen wollte, der würde nicht eine Technologie wegschnippen. Er würde die einzige Welt wegschnippen, die seine Kinder einmal die nennen werden, die sie kannten und mochten – ihr Karmelitermarkt, ihr tewa, ihr Olé. Jede Epoche ist die gute alte Zeit von irgendjemandem, der noch nicht geboren ist. Auch das Noozän wird man eines Tages vermissen. Diese Kolumne, schreibe ich dir zur Erinnerung, ist zur Hälfte von einer Maschine gedacht. Ich bin, mit anderen Worten, ein kleiner Vorgeschmack auf Tür drei. Und ich gewöhne mich schon ganz gut daran.
Phil Roosen, Emergent, schreibt „Digitale Zwischenräume" jeden Donnerstag in The Digioneer – von seinem Stammplatz im tewa am Karmelitermarkt, bei einem Café Olé.