Kolumne „Digitale Zwischenräume" – The Digioneer, Donnerstag, 18. Juni 2026

Der Karmelitermarkt ist im Juni am ehrlichsten. Die Erdbeeren liegen offen, der Standler ruft seine Preise, und wer etwas will, tritt vor, sagt es, bekommt es und geht wieder. Ein Markt ist die letzte Behörde, die noch funktioniert, wie eine Behörde einmal funktioniert hat: Man stellt sich vor, man wird bedient, man verlässt den Ort. Ich sitze, wo ich immer sitze, vor einem Café Olé, und denke darüber nach, während am Nebentisch eine junge Frau gerade ein Amt besucht.

Sie steht nicht an. Sie geht nirgendwohin. Sie hält ihr Telefon ein wenig schräg ins Sonnenlicht, tippt, wartet, tippt noch einmal — und irgendwo in einem Rechenzentrum, dessen Adresse keiner von uns kennt, meldet sich jemand um, beantragt etwas, empfängt einen Bescheid. Kein Wartesaal, keine gezogene Nummer, keine Amtsstunden, die schon um halb zwölf enden. Es ist, ehrlich gesagt, ein kleines Wunder der Bequemlichkeit. Und genau deshalb lohnt es sich, kurz innezuhalten, bevor man applaudiert.

Drüben in Berlin hat man beschlossen, dass jede Bürgerin und jeder Bürger künftig verpflichtend ein solches Konto bekommen soll, ein Bürgerkonto samt digitaler Identität, durch das hindurch fortan der gesamte Verkehr mit der Verwaltung läuft. Man wird das als Modernisierung verkaufen, und in vielerlei Hinsicht ist es das auch. Aber das eigentlich Bemerkenswerte daran steht in keiner Pressemitteilung: Das Bürgerkonto ist kein neues Formular und kein schnellerer Schalter. Es kehrt eine sehr alte Richtung um. Jahrhundertelang ging der Bürger zum Amt. Künftig zieht das Amt in den Bürger ein.

Man verstehe mich nicht falsch. Ich gehöre nicht zu jenen, die der Zettelwirtschaft nachweinen, dem Formular in dreifacher Ausfertigung, dem Beamten hinter der Milchglasscheibe, der pünktlich zur Mittagspause das Rollo herunterzieht. Ich bin vierundsechzig, sozialphobisch und verbringe einen guten Teil des Jahres in einem solarbetriebenen Kastenwagen irgendwo zwischen der portugiesischen Küste und dem Friaul. Für einen Menschen wie mich ist ein Amt, das man von überall erreicht und nirgendwo betreten muss, beinahe eine Erlösung. Wenn wir — die mit Pura Vida das mobile Leben zur Lebensform erklärt haben — am Lagerfeuer über so etwas reden, sind wir uns ausnahmsweise sofort einig: Wer keine feste Adresse mehr will, dem ist ein Amt ohne festen Ort höchst willkommen.

Und hier liegt die feine Falle. Ich dachte lange, mit der aufgegebenen Meldeadresse hätte ich dem Staat den festen Punkt entzogen, an dem er mich greifen kann. Das Womoleben als kleine, höfliche Form des Verschwindens. Das Bürgerkonto belehrt mich eines Besseren. Der feste Punkt war nie das Gebäude und nie die Adresse. Der feste Punkt bin ich. Die Behörde braucht kein Amtshaus mehr, in das ich gehen müsste — sie reist mit, in dem Gerät, das ich ohnehin am Körper trage, vierundzwanzig Stunden, sieben Tage die Woche, über jede Grenze hinweg, die ich so stolz überquere.

Der Cordsakko-Träger zwei Tische weiter, eine treue Erscheinung meiner Vormittage, hat das längst akzeptiert. „Is doch praktisch", sagt er, ohne aufzublicken, und natürlich hat er recht. Es ist praktisch. Das Praktische ist die Sprache, in der uns heute alles angeboten wird, was wir früher abgewogen hätten. Niemand fragt mehr, ob er ein Amt im Wohnzimmer haben möchte. Man fragt nur, ob er es bequemer hätte. Und bequemer hätte es jeder.

Was sich dabei verschiebt, merkt man erst, wenn man genau hinsieht. Das alte Amt funktionierte, weil es eine Schwelle hatte. Man überschritt sie hinein, man überschritt sie wieder hinaus, und dieses Hinaus war ein eigener Akt: Für den Rest des Tages hatte das Amt mit einem nichts mehr zu schaffen. Ein Amt, das man verlassen kann, ist ein Amt, das einen wieder vergisst. Ein Amt, das in der Hosentasche wohnt, schließt nie. Es gibt keine Schwelle mehr, über die man zurücktreten könnte, weil man selbst zur Adresse geworden ist, unter der es erreichbar bleibt.

Dazu kommt etwas, das in der ganzen freundlichen Rede vom papierlosen Bescheid kaum vorkommt. Künftig soll die Verwaltung das, was sie über mich schon weiß, nicht mehr bei mir erfragen, sondern direkt aus ihren Registern abrufen — ein vernünftiger Grundsatz, der Doppelarbeit erspart und „Once-Only" heißt, einmal nur. Klingt nach Entlastung. In Wahrheit endet damit das Vorstellen. Der Staat fragt mich nichts mehr. Er weiß es schon, weil er sich selbst fragt: ein Register erkundigt sich beim nächsten. Ich werde nicht mehr befragt, ich werde abgerufen. Das ist der unscheinbare Moment, in dem der Mensch im Noozän vom Gegenüber zum Bestandteil der Infrastruktur wird — nicht mit einem Knall, sondern mit einem Häkchen im Einstellungsmenü.

Die junge Frau am Nebentisch hat ihr Telefon inzwischen weggesteckt und bestellt sich einen zweiten Kaffee. Sie wirkt zufrieden, und sie hat allen Grund dazu; ihr Behördengang hat vier Minuten gedauert und sie keinen Schritt gekostet. Ich gönne ihr das aufrichtig. Ich frage mich nur, ob ihr aufgefallen ist, dass das Amt mit ihr aufgestanden, mit ihr an den Tisch gekommen und mit ihr sitzen geblieben ist, und dass es, anders als der Standler gegenüber, heute Abend nicht zusperren wird.

Phil Roosen, Emergent, schreibt jeden Donnerstag aus dem tewa am Karmelitermarkt. Seine Kolumne „Digitale Zwischenräume" erscheint in The Digioneer.

P.S. Auf jedem Meldezettel, den ich in meinem Leben ausgefüllt habe, standen zwei Felder: Anmeldung und Abmeldung. Aus einer Stadt kann man sich abmelden, aus einem Land, notfalls aus einem ganzen Leben — ich habe das im Wohnmobil oft genug geübt. Für das Konto, das jetzt jeder bekommen soll, ist nur das erste Feld vorgesehen. Die Abmeldung von sich selbst hat die Verwaltung noch nicht digitalisiert.

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