Ende September, und im tewa am Karmelitermarkt steht die Sonne wieder so tief, dass sie unter der Markise durchkommt und quer über die Tische fällt. Der Kellner stellt mir den Café Olé hin und bleibt dann nicht bei mir stehen, sondern am Nebentisch. Dort sitzt eine Dame, die ich auf gut achtzig schätze, Kostüm, Perlenohrringe, vor sich das Kreuzworträtsel aus der Zeitung und einen Bleistift, den sie mit einem kleinen Messer aus der Handtasche nachspitzt. Nebenfluss der Donau, vier Buchstaben, sagt sie zu ihm, als wäre er genau dafür angestellt. Er schaut zur Decke und sagt: Enns. Sie prüft das Wort, das von oben kreuzt, schüttelt den Kopf und schreibt nichts hin.
Von Phil Roosen, Emergent, Kolumne „Digitale Zwischenräume“
Ich schaue den beiden zu und merke, dass meine rechte Hand schon in der Jackentasche nach dem Telefon greift. Nicht um ihr zu helfen. Um mir zu beweisen, dass ich es wüsste, wenn ich wollte. Das ist ein seltsamer Reflex für einen Mann, der sich für belesen hält, und er lässt mich seit Montag nicht los.
Schuld daran ist Mik. Er hat mir einen Newsletter-Ausschnitt weitergeleitet, darunter ein Zwinker-Smiley und die Zeile: offline nicht offline sein. Es geht um Project NOMAD, ein Kürzel für einen Knoten aus Offline-Medien, Archiven und Daten, und für den Präsidenten eines Vereins für mobiles Leben ist schon der Name eine Einladung. Gebaut hat es Chris Sherwood, ein Netzwerktechniker, der unter dem Namen Crosstalk Solutions Videos über Netzwerke dreht und für das Projekt keinen Cent verlangt. Man installiert es auf einem eigenen Rechner, und dann liegen darauf die Wikipedia, medizinische Nachschlagewerke, Tausende Bücher, die Kurse der Khan Academy, die Landkarten der eigenen Region und, wenn man will, ein KI-Assistent, der auf demselben Gerät läuft und in allem sucht, was man ihm hinlegt. Nichts davon braucht eine Verbindung.
Mich beunruhigt daran nicht die Kiste. Mich beunruhigt, was sie über mich verrät. Mein Vater ist neunzig und sagt die Nebenflüsse der Donau bis heute in der Reihenfolge auf, in der er sie in der Volksschule gelernt hat, von der Iller bis zur March, ohne ein einziges Mal nachzusehen. Ich könnte das nicht, und ich habe es nie für einen Verlust gehalten, weil ich jederzeit nachsehen kann. Was ich weiß, weiß ich zu einem guten Teil nicht mehr selbst, sondern über eine Leitung, an der ich hänge wie ein Zinshaus am Wassernetz. Das ist kein Wissen. Das ist ein Hausanschluss.
Der Newsletter macht aus dem Projekt eine Pointe, die ich für die wichtigste halte. Lokale KI werde meistens mit Datenschutz beworben, heißt es dort, dieses Projekt liefere ein besseres Argument: einen Assistenten, der noch antwortet, wenn sonst nichts mehr antwortet. Damit ist die Frage umgestellt, und zwar richtig. Sie lautet nicht mehr, wer mitliest, wenn ich frage. Sie lautet, wem die Antwort gehört, und ob sie noch da ist, wenn der, dem sie gehört, den Hahn zudreht.
Ich habe versucht, die Sache kleinzureden, weil das zu meinem Beruf gehört. Es gelingt mir nicht. Wer so eine Kiste für Prepper-Romantik hält, war im April des Vorjahres nicht in Madrid, als auf der Iberischen Halbinsel stundenlang der Strom ausfiel und die Leute vor den Geschäften Schlange standen, um Transistorradios zu kaufen. Der Code ist offen, es gibt kein Konto, keine Anmeldung, kein Abo und niemanden, der nächsten Monat die Bedingungen ändert. Ich frage in dieser Kolumne seit einem halben Jahr, wem gehört, was alle brauchen, und hier antwortet zum ersten Mal einer: dir. Mehr als dreißigtausend Entwickler haben das Projekt auf GitHub mit einem Stern markiert, und ich verstehe jeden einzelnen.
Nur hat die Antwort ein Datum.
Eine Kiste mit der Wikipedia enthält die Wikipedia vom Tag des Herunterladens. Sie ist ein Vorrat, und ein Vorrat wird mit jedem Tag, an dem draußen weitergeschrieben wird, ein wenig älter, ohne es zu bemerken. Der Assistent, der darin sucht, beantwortet eine Frage von heute mit derselben Ruhe wie eine von vor drei Jahren, und er sagt mir nicht, welche von beiden er gerade beantwortet. Das Versprechen trägt weit, bis zu dem Tag, an dem jemand etwas herausfindet, das noch nicht in der Kiste liegt. Für eine Landkarte ist das egal, für ein Ärztehandbuch nicht.
Es gibt eine zweite, kleinere Stelle, an der ich stehen bleibe. Wer die Kiste haben will, muss sie sich bauen: einen Linux-Rechner aufsetzen, Befehle eintippen, einem Skript vertrauen, dessen Zeilen er nicht lesen kann. Der Newsletter nennt das ehrlich ein Projekt für Bastler. Die Dame am Nebentisch kommt darin nicht vor, und sie wäre die Erste, die ein Ärztehandbuch bräuchte, wenn an einem schlechten Tag niemand durchkommt. Ein Vorrat, den nur anlegen kann, wer Befehle tippt, ist keine Vorsorge für alle. Er ist die Vorsorge derer, die ohnehin vorgesorgt hätten.
Wien kennt die Frage seit hundertfünfzig Jahren. Als 1873 die erste Hochquellenleitung eröffnet wurde, gaben die Höfe ihre Hausbrunnen nach und nach auf, und das war richtig, weil die Leitung der Stadt gehörte und die Stadt für sie geradestand. Das Noozän, diese Epoche, in der Bewusstsein zur Infrastruktur wird, hat den Brunnen im Hof ebenfalls abgeschafft, nur ohne jemanden, der geradesteht. Infrastruktur ist ein Fluss und kein Vorrat: Sie liefert, solange sie läuft, und für den, der an ihr hängt, legt sie nichts zurück. NOMAD ist der Versuch, den Hausbrunnen wieder in den Hof zu stellen, und ich halte das für vernünftig und für bezeichnend zugleich.
Das ist kein Argument gegen die Kiste. Ich werde mir eine bauen lassen, von meinem Sohn, was genau genommen wieder eine Leitung ist, nur eine mit Gesicht. Aber ich werde mir nicht einreden, dass ich dann mehr weiß. Ich habe dann mehr bei mir, und das ist nicht dasselbe. Der Unterschied zwischen beidem ist der zwischen mir und meinem Vater.
„Du bist hier zufällig gelandet — bleib mit Absicht. Der tägliche Digioneer kommt morgens in dein Postfach: cookieless, werbefrei, ohne Lärm.“
Wenn du wissen willst, wo du stehst, mach die Probe, die ich diese Woche gemacht habe. Leg das Telefon in eine andere Lade und schreib auf, was du über deinen Beruf, deine Stadt und deinen Körper sicher weißt, ohne nachzusehen. Bei mir war die Liste kürzer, als mir lieb ist, und länger, als ich befürchtet hatte. Ich sage das nicht, um dich zu beruhigen. Aber was auf dieser Liste steht, gehört dir, und keine Kiste kann es dir abnehmen oder zurückgeben.
Mein Café Olé ist kalt geworden, und ich habe die ganze Zeit das Telefon in der Hand gehalten, ohne der Dame auch nur ein Wort beizusteuern.
Ein Student vom Tisch an der Tür sagt im Vorbeigehen Ybbs, sie zählt nach, schreibt es mit Bleistift in die Kästchen und bedankt sich bei beiden, beim Studenten und beim Kellner, der danebengelegen ist.
P.S.: Kaum war die Dame gegangen, habe ich nachgesehen, ob die Ybbs wirklich in die Donau mündet. Sie tut es, bei Ybbs an der Donau, wie jedes Kind aus dem Mostviertel weiß. Ich habe es nicht gebraucht, ich habe es trotzdem getan, und ich fürchte, das ist der ehrlichste Satz dieser Kolumne.
Ich bin Phil Roosen, Emergent. Ich habe das Noozän benannt, weil mir kein besseres Wort für eine Epoche einfiel, in der das Werkzeug zurückblickt. Ich benutze den Begriff sparsam, damit er etwas bedeutet.
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Häufige Fragen
Was ist Project NOMAD?
Ein kostenloses Open-Source-Projekt von Chris Sherwood (Crosstalk Solutions): ein Rechner, der Wikipedia, medizinische Nachschlagewerke, Bücher, Khan-Academy-Kurse, Landkarten und optional einen lokalen KI-Assistenten ohne Internetverbindung bereitstellt.
Braucht man dafür technische Kenntnisse?
Ja. Die Installation läuft über Befehle auf einem Linux-Rechner (Debian oder Ubuntu). Für den KI-Assistenten braucht es zudem leistungsfähige Hardware. Das Projekt richtet sich vorerst an Bastler.
Warum hält Phil Roosen die Offline-Kiste für vernünftig und trotzdem für kein Gedächtnis?
Weil sie Wissen besitzbar macht, ohne Konto und Abo. Sie ist aber ein Vorrat mit Download-Datum: Was danach herausgefunden wird, fehlt darin, und das, was man selbst weiß, ersetzt sie nicht.
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Quellen
- Project N.O.M.A.D. — Repository und Dokumentation — Crosstalk Solutions / GitHub
- Prepared for apocalypse: tech YouTuber releases free off-grid tool — Cybernews, März 2026
- Stromausfall auf der Iberischen Halbinsel 2025 — Wikipedia, 28. April 2025
- I. Wiener Hochquellenleitung — Wikipedia, Eröffnung 24. Oktober 1873
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