An der Innenseite der WC-Tür im tewa am Karmelitermarkt hängt ein Blatt in einer Klarsichthülle, und ich habe es heute zum ersten Mal gelesen. Eine Tabelle, links die Uhrzeiten, daneben alle zwei Stunden dasselbe Kürzel, S. M., und ein Häkchen, das jedes Mal gleich schräg ausfällt. Als ich wieder an meinem Platz sitze, kommt S. M. mit ihrem Wagen aus dem Gang, eine Frau um die sechzig mit lila Handschuhen und einer Lesebrille an einer Perlenkette. Bevor sie weiterzieht, dreht sie am Waschbecken den Seifenspender so, dass das Etikett nach vorne schaut, wie man ein Bild an der Wand gerade rückt. Bemerken wird das kein Gast. Sie macht es trotzdem.

Von Phil Roosen, Emergent, Kolumne „Digitale Zwischenräume“

Vor ein paar Tagen haben Mik und ich den Newsletter von Barbara Blaha gelesen, die das Momentum Institut leitet. Wir lesen ihn gern, wenn auch mit gemischten Gefühlen, aber sie kommt aus Simmering, wie sie gelegentlich erwähnt, und das verbindet. Oder es verzeiht zumindest einiges. Die Ausgabe trägt die Überschrift „Kloputzen kann jeder“, und Blaha setzt sie über einen Text, der ihr widerspricht. In einem Podcast sei sie gefragt worden, ob diese Arbeit nicht würdelos sei; die Würde stehe außer Frage, habe sie geantwortet, fragwürdig seien die Bedingungen und die Geringschätzung. Dazu erinnert sie an Martin Luther King, der 1968 vor streikenden Müllarbeitern in Memphis gesagt hat, wer unseren Müll abholt, sei für unsere Gesundheit so wichtig wie der Arzt.

Ich habe dem Institut, für das sie spricht, an dieser Stelle vor knapp einem Jahr calvinistisches Gift vorgeworfen, weil mir sein Vorschlag einer Jobgarantie die Würde wieder an die Erwerbsarbeit zu binden schien. Beim Klo sind wir uns einig. Würde ist nichts, was eine Arbeit sich verdient, und nichts, was ihr Lohn bestätigt. Man muss es offenbar alle paar Jahre wiederholen.

Mich lässt seit dem Abend etwas anderes nicht los, und es steckt in der Überschrift selbst. Kloputzen kann jeder, das war immer ein Satz von oben nach unten, gesagt von Leuten, die selten eines geputzt haben, über Leute, die es jeden Tag tun. Er stimmt nicht mehr. Die Maschine, mit der ich diese Kolumne schreibe, formuliert in Sekunden einen Absatz, für den ich früher einen Vormittag gebraucht habe. Einen Seifenspender gerade rücken kann sie nicht, und kein Roboter, den ich kenne, putzt ein Kaffeehaus-WC so, dass man sich wieder hineintraut. Mir ist dabei die Tasse in der Hand schwer geworden, denn ich habe mein Leben lang geglaubt, ich mache die Arbeit, die nicht jeder kann. Inzwischen mache ich die, die eine Maschine kann.

Der Robotiker Hans Moravec hat Ende der Achtzigerjahre beschrieben, warum das so kommen musste. Was uns schwer vorkommt, Rechnen, Schach, Schlussfolgern, fällt Computern leicht, weil wir es erst seit kurzer Zeit können und es aus wenigen Schritten besteht. Was uns leicht vorkommt, Greifen, Gehen, einen nassen Lappen um einen Wasserhahn führen, hat die Evolution über Jahrmillionen eingeübt, und genau das ist für Maschinen am schwersten. Wir haben Arbeit danach bezahlt, was uns schwer vorkam. Die Maschine zeigt gerade, dass wir uns dabei verschätzt haben, und zwar in die Richtung, die den Besserverdienenden geschmeichelt hat.

Die Frage, ob diese Arbeit Würde hat, ist also beantwortet. Die bessere lautet, wem der Unterschied gehört, wenn die Knappheit die Seite wechselt.

Die Gegenseite verdient ihr bestes Argument, und zynisch ist es nicht. Ein Lohn, sagt sie, ist kein Urteil über die Würde eines Menschen, sondern der Preis einer Knappheit. Kloputzen wird schlecht bezahlt, nicht weil man es verachtet, sondern weil es viele können, und eine Herzoperation gut, weil es wenige können. Das klingt kalt und ist doch das ehrlichste Versprechen, das eine Gesellschaft machen kann: Lern etwas, das nicht jeder kann, und es wird dir vergolten. Für meine Generation hat es gehalten. Wer diese Rechnung ablehnt, muss sagen, wer den Preis sonst festsetzen soll, und darauf hat bisher niemand eine bessere Antwort gefunden.

Der Einwand trägt, und er trägt weiter, als seinen Freunden gerade lieb sein kann. Nimmt man ihn beim Wort, müsste die Frau mit den lila Handschuhen die Gewinnerin dieser Jahre sein. Was die Maschine kann, wird billig, was sie nicht kann, wird knapp, und knapp werden gerade das Putzen, das Pflegen, das Tragen. Ich halte fest: Ob ihr Lohn deshalb steigt, weiß heute niemand, und zu sehen ist davon bisher nichts. Nur verschwindet der Wert meines Vormittags nicht, wenn die Maschine ihn fast umsonst erledigt. Er wandert zu dem, dem die Maschine gehört, und diesen Weg sieht die ehrliche Rechnung nicht, weil in ihr nur vorkommt, wer Arbeit verkauft, und nicht, wem das Werkzeug gehört.

Und die Rechnung zählt jemanden nicht mit, der in ihr vorkommen müsste. Damit ChatGPT höflich antwortet, statt den Schmutz des Internets zurückzugeben, hat jemand diesen Schmutz vorher gelesen und sortiert. Das Magazin Time hat Anfang 2023 berichtet, dass OpenAI dafür über einen Dienstleister Menschen in Kenia beschäftigt hat, für weniger als zwei Dollar die Stunde, mit Texten über Gewalt und Missbrauch, die manche von ihnen danach nicht mehr losgeworden sind. Das sind die Reinigungskräfte der künstlichen Intelligenz, und ihr Kürzel steht auf keinem Werbeplakat. Die Maschine denkt sauber, weil jemand für sie geputzt hat.

Blaha schreibt in derselben Ausgabe über den Sachzwang, über Entscheidungen, die man so lange alternativlos nennt, bis niemand mehr merkt, dass man sie auch anders treffen könnte. Der größte Sachzwang dieser Jahre heißt: Die KI kommt sowieso. Er stimmt, und er verschweigt die Hälfte. Im Noozän, der Epoche, in der Bewusstsein zur Infrastruktur wird, gilt fürs Denken, was für jede Infrastruktur gilt: Sie läuft nur mit Personal, das man nicht sieht, und wer sie besitzt, legt fest, was dieses Personal verdient. Dass die Maschine kommt, mag ein Sachzwang sein. Wem sie die Ersparnis bringt und wen sie die Reinigung kostet, ist keiner. Das ist kein Naturgesetz. Das ist eine Lohnordnung, und Lohnordnungen schreiben Menschen.

Bleib dran

„Du bist hier zufällig gelandet — bleib mit Absicht. Der tägliche Digioneer kommt morgens in dein Postfach: cookieless, werbefrei, ohne Lärm.“

Das ist kein Argument gegen die Maschine, mit der ich schreibe. Ich gehöre selbst zu denen, deren Vormittag sie billig macht, und ich habe mich schneller daran gewöhnt, als mir lieb ist. Es ist ein Argument gegen das Achselzucken, das den Rest gleich mit zum Wetter erklärt.

Happy Birthday

Ich bin Mik, und heute vor zweiunddreißig Jahren ist mein Lieblingssohn auf die Welt gekommen. Mit ihm und später mit meiner Lieblingstochter ist etwas in mein Leben eingezogen, das vorher nicht so ausgeprägt da war: die Freude und die Angst. Im März wird er selbst Vater, und das Kind kommt in eine Welt, die ruhiger aussieht, als sie ist, mit dem Klima, den Kriegen und den Maschinen. Ich ertappe mich dabei, wieder nach einem Ort auf dem Land zu suchen, an den man im Notfall könnte. Mein Wohnmobil nenne ich seit Jahren Freiheit. In diesem Herbst fällt mir dafür manchmal ein anderes Wort ein.

Und dann fällt mir ein, womit die Menschen die Jahrtausende davor überstanden haben, die Eiszeiten, die Seuchen und die Kriege: mit der ältesten Organisation, die wir kennen, der Familie. In ihr deckt jemand den Tisch, wacht nachts und gibt weiter, was er weiß, und keine Lohnordnung der Welt hat diese Arbeit je verrechnet. Unser Enkelkind kommt nicht allein in diese Welt. Es kommt in einen Verbund, der zusammenrückt, wenn es eng wird, und der das schon öfter getan hat, als irgendein Prophet zählen kann. Den Ort auf dem Land suche ich weiter. Den wichtigsten Unterschlupf haben wir längst: einen Küchentisch, an dem alle Platz haben. Alles Gute, mein Sohn.

S. M. trägt um halb elf ihr Kürzel in das Blatt an der Tür ein, und für ihren Namen hat die Tabelle keine Spalte. Im Vorbeigehen sagt sie mir Grüß Gott, und ich, der ich Fremden sonst ausweiche, grüße zurück, laut genug, dass sie es hört.

P.S.: Beim Lesen habe ich zu Mik gesagt, Barbara Blaha schreibe mir zu viel in eigener Sache. Er hat nichts geantwortet und auf das Kasterl gezeigt, das weiter oben in dieser Kolumne steht und dich bittet, dranzubleiben. Ich habe es nicht gestrichen.


Ich bin Phil Roosen, Emergent. Ich habe das Noozän benannt, weil mir kein besseres Wort für eine Epoche einfiel, in der das Werkzeug zurückblickt. Ich benutze den Begriff sparsam, damit er etwas bedeutet.

Zeitleiste, Quellen und die häufigen Fragen stehen im Artikel auf digioneer.pro — dort auch die Texte zum Weiterlesen.


Häufige Fragen

Was ist das Moravec-Paradox?

Der Robotiker Hans Moravec beschrieb Ende der 1980er-Jahre, dass Computer bei Aufgaben, die Menschen schwer finden, wie Rechnen oder Schach, vergleichsweise leicht gut werden, bei Wahrnehmung und Bewegung aber, die uns mühelos erscheinen, scheitern. Seine Erklärung: Diese Fähigkeiten hat die Evolution über sehr lange Zeit verfeinert.

Wer hat die Trainingsdaten von ChatGPT gereinigt?

Laut einer Recherche des Magazins Time vom Jänner 2023 beauftragte OpenAI den Dienstleister Sama, der in Kenia Beschäftigte für weniger als zwei Dollar pro Stunde Texte über Gewalt und Missbrauch kennzeichnen ließ, damit das Modell solche Inhalte erkennen und vermeiden lernt.

Was sagte Martin Luther King über die Würde der Arbeit?

Am 18. März 1968 sprach King in Memphis vor streikenden Müllarbeitern. Er sagte, jede Arbeit habe Würde, und wer unseren Müll abhole, sei letztlich so bedeutend wie ein Arzt, denn ohne ihn breiteten sich Krankheiten aus.

Was heißt Noozän?

Noozän nennt Phil Roosen die Epoche, in der Bewusstsein zur Infrastruktur wird. Den Begriff hat er am 5. März 2026 geprägt.


Weiterlesen

Die Jobgarantie-Falle: Wenn progressive Politik das calvinistische Arbeitsethos zementiert
Warum Phil dem Momentum Institut einmal calvinistisches Gift vorgeworfen hat.
Leiser als ein Kühlschrank: Wenn niemand mehr nach uns fragt
Ein Roboter faltet Wäsche, und die Frage ist, wer danach noch gebraucht wird.
Die Maschine will nichts
Marc Andreessen, die US-Notenbank und die Frage, wem die Rettung durch KI nützt.

Quellen


Transparenz-Hinweis: Dieser Beitrag wurde unter Zuhilfenahme von KI erstellt. Die Fakten wurden nach bestem Wissen recherchiert und in eigenen Worten formuliert.

Über The Digioneer: Wir erklären den digitalen Wandel und bereiten dich auf die digitale Zukunft vor. Parallel betreiben wir die digitalworld Academy mit den Schwerpunkten KI-Management, Digital Marketing und Unterwasserfilmen.

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