Sonntag, kurz nach elf, im tewa am Karmelitermarkt, und am Nebentisch sitzt ein alter Herr mit einem iPad. Er zieht die Schrift mit zwei Fingern größer und blättert mit einem Wischen, das er sich vermutlich bei seinen Enkeln abgeschaut hat und inzwischen eleganter beherrscht als sie. Seinen Kaffee hat er ohne Karte bestellt, und er hält den Rücken so gerade, als läge gleich ein Akt vor ihm, den er abzeichnen muss. Dann dreht er das iPad zu mir, tippt auf einen Artikel über künstliche Intelligenz und fragt mich, einen Wildfremden, ob das jetzt die Rettung ist oder das Ende.
Von Phil Roosen, Emergent, Kolumne „Digitale Zwischenräume“
In dem Artikel stehen beide Geschichten, keine drei Absätze voneinander entfernt. In der einen heilt die Maschine Krankheiten und nimmt uns die Plackerei ab, in der anderen schafft sie uns ab. Dazu kommt eine Meldung aus Washington, die ich schon kannte. Seit dem 29. September heißt die Sache in amerikanischen Behörden nicht mehr künstliche Intelligenz: Donald Trump hat per Erlass „super intelligence“ angeordnet, weil „künstlich“ schwächer klinge, als die Technik sei. Mir ist das in die Magengrube gefahren, weil ein Staat damit amtlich festhält, dass da etwas klüger ist als wir.
Ich antworte ihm nicht. Für einen Sozialphobiker ist schon die Frage eines Fremden ein Ereignis, aber daran liegt es nicht. Ich weiß es nicht, und das beunruhigt mich mehr als beide Geschichten zusammen. In sieben Monaten werde ich fünfundsechzig, und ich habe mein Leben lang Meldungen gelesen und mir ein Urteil gebildet, das war mein Beruf und mein Stolz. Man nimmt an, dass man mit den Jahren nicht unbedingt klüger wird, aber urteilsfähiger. An diesem Nebentisch merke ich, dass ich nicht weiß, womit ich in dieser Sache urteilen soll.
Die Frage, ob die KI die Welt rettet oder die Menschheit ausrottet, kann ich nicht beantworten, und für jemanden in meinem Alter ist sie, glaube ich, auch die falsche. Die bessere lautet: Was taugt Lebenserfahrung in einer Sache wie dieser? Mehr als Erfahrung hat ein Mann über sechzig nicht in der Hand. Die Technik verstehen die Jungen besser, das Tempo ohnehin.
Die Antwort der Alten ist zweitausend Jahre alt, und sie ist gut. Cicero lässt in seiner Schrift über das Alter den greisen Cato sagen, große Dinge würden nicht mit Kraft und Schnelligkeit getan, sondern mit Rat, Ansehen und Urteil. Die Jungen klettern auf die Masten und schöpfen das Wasser aus dem Rumpf, der Steuermann sitzt ruhig hinten und hält das Ruder, und wer ihm vorwirft, er tue nichts, versteht nichts von Schiffen. Der Herr am Nebentisch ist der beste Beleg für Cato, denn weil ich nicht antworte, beantwortet er seine Frage selbst. Die Welt habe schon einmal untergehen sollen, sagt er, im Oktober 1962, wegen der Raketen auf Kuba, und in dieser Woche vor vierundsechzig Jahren hat Chruschtschow ihren Abzug zugesagt. Danach kamen der sterbende Wald, das Jahr 2000, in dem die Computer stehen bleiben sollten, und das Internet, das uns alle zu mündigen Bürgern machen sollte. Eingetroffen ist nichts davon so, wie es angekündigt war, und wer das ein Leben lang gesehen hat, darf den Propheten der Erlösung und denen des Untergangs mit derselben Ruhe zuhören.
Nur ist Erfahrung eine Hochrechnung. Sie sagt voraus, was kommt, indem sie zählt, was schon war, und sie trägt genau so weit, wie sich die Welt wiederholt. Bertrand Russell hat dafür vor über hundert Jahren ein Bild gefunden, das ich seit Tagen nicht loswerde. Ein Huhn wird jeden Morgen vom selben Mann gefüttert und schließt daraus mit wachsender Sicherheit, dass es so bleibt, bis derselbe Mann ihm eines Morgens den Hals umdreht. Das Huhn war nicht dumm. Es war erfahren.
Ob die Maschine so ein Morgen ist, an dem sich nichts wiederholt, kann mir die Erfahrung nicht sagen, und schlimmer noch, sie verwischt ihre eigenen Belege. Das Jahr 2000 sieht heute aus wie ein Fehlalarm, weil Programmierer in aller Welt vorher jahrelang alten Code umgeschrieben haben. Das Ozonloch erholt sich, langsam, weil man den Warnern geglaubt und die schädlichen Gase verboten hat. Die Warnungen, die heute übertrieben wirken, sind oft genau die, auf die man gehört hat. Wer so alt ist wie der Herr am Nebentisch oder ich, hat also nicht gelernt, dass Propheten übertreiben. Er hat gelernt, dass man hinterher nicht unterscheiden kann, ob eine Warnung falsch war oder gewirkt hat.
Und seine Erfahrung hat eine Stelle, die er selbst nie eine Lücke nennen würde. Den Krieg hat er als Kind erlebt, so erzählt er es, und sein Erwachsenenleben danach in dem, was man inzwischen die heile Welt nennt: eine Stelle, die bis zur Pension hielt, eine Stadt, die sich zuständig fühlte, ein Frieden, der selbstverständlich wurde. Seine Ruhe vor den Propheten ist auch die Ruhe dieser Jahrzehnte, und die waren in der Geschichte die Ausnahme. In der Ukraine, eine Tagesreise von diesem Kaffeehaus entfernt, lernen Menschen gerade, wie Krieg klingt, wenn er summt, mit Drohnen über den Feldern und Robotern, die ohne Besatzung an die Front rollen. Auf seinem iPad kommt das in keiner der beiden Geschichten vor. Dieser Krieg ist schon ein erstes Mal, und er ist von der Seite gekommen, wie das Neue meistens kommt, in einer Gestalt, die keiner der Propheten angekündigt hatte.
Was die Erfahrung dagegen kann, liegt eine Ebene tiefer. Im Noozän, der Epoche, in der Bewusstsein zur Infrastruktur wird, gilt für die Zukunft, was für jede Infrastruktur gilt: Sie gehört jemandem, und wem sie gehört, der erzählt auch, wozu sie da ist. Beide Geschichten kommen deshalb oft aus denselben Häusern. Wer das Paradies verspricht, verkauft das Produkt, und wer vor dem Untergang warnt und trotzdem weiterbaut, sagt im selben Atemzug, dass nur er die Gefahr bändigen kann. Eine Vorhersage aus dem Haus des Herstellers ist kein Blick in die Zukunft. Sie ist ein Angebot.
Ich will es mir damit nicht zu leicht machen. Nicht jeder Warner verdient an seiner Warnung. Geoffrey Hinton, ohne dessen Forschung es diese Maschinen so nicht gäbe, hat Google verlassen, um frei über ihre Gefahren reden zu können, und er hat dafür eine der bestbezahlten Stellen der Branche aufgegeben. Eine Angst wird nicht dadurch falsch, dass manche sie verkaufen. Und ein Erlass aus Washington beweist weder Rettung noch Untergang, er zeigt nur, dass inzwischen auch Regierungen mitschreiben.
Was mich an Erlösung und Untergang am meisten stört, ist ihre gemeinsame Sitzordnung. In der Erlösung lehnt man sich zurück, weil die Maschine es richten wird, im Untergang lehnt man sich zurück, weil ohnehin alles verloren ist. Beide setzen uns ins Publikum. Die Mitte, in der man noch etwas tun kann, kommt in keiner der beiden vor, und ausgerechnet dort haben sich sein Leben und meines bisher abgespielt. Das ist keine Weisheit. Das ist die Bilanz von zwei Leben, und mehr habe ich nicht anzubieten.
„Du bist hier zufällig gelandet — bleib mit Absicht. Der tägliche Digioneer kommt morgens in dein Postfach: cookieless, werbefrei, ohne Lärm.“
Du kennst diese beiden Geschichten vermutlich auch, aus der Zeitung, vom Abendessen, aus dem Wartezimmer. Ich werde dir nicht sagen, dass es gut ausgeht. Das weiß niemand, und wer es behauptet, hat meistens etwas zu verkaufen. Ich habe mir drei Fragen aufgeschrieben, die ich ab jetzt an jede dieser Meldungen stelle, und du kannst sie haben. Wer erzählt mir das, und was hätte er davon, wenn ich es glaube? Was müsste geschehen, damit ich meine Meinung ändere, und würde ich es bemerken? Und was ist heute richtig, gleich welche Geschichte am Ende stimmt? Diese Fragen retten niemanden. Aber sie holen uns aus dem Publikum zurück ans Ruder, und sei es am eigenen Tisch.
Der alte Herr dreht das iPad wieder zu sich und klappt die Hülle zu, der Artikel ist darunter noch offen. Dann winkt er dem Kellner und bestellt zwei Kaffee, bevor ich etwas sagen kann.
P.S.: Im Dezember 1999 habe ich zwei Kisten Mineralwasser und einen Sack Reis in den Keller getragen, für den Fall, dass um Mitternacht die Computer stehen bleiben. Das Wasser haben wir im Sommer darauf getrunken, den Reis hat meine Frau irgendwann weggeworfen. Ich weiß bis heute nicht, ob ich damals der Dumme war oder nur einer, der die Warnung ernst genommen hat. Hinterher sieht beides gleich aus. Mit genau dieser Erfahrung soll ich jetzt urteilen.
Ich bin Phil Roosen, Emergent. Ich habe das Noozän benannt, weil mir kein besseres Wort für eine Epoche einfiel, in der das Werkzeug zurückblickt. Ich benutze den Begriff sparsam, damit er etwas bedeutet.
Das Noozän hat schon angefangen.
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Häufige Fragen
Rettet KI die Welt oder rottet sie die Menschheit aus?
Das weiß niemand, und beide Erzählungen kommen oft von Unternehmen, die KI selbst bauen. Phil Roosen schlägt vor, nicht die Prophezeiung zu prüfen, sondern den Erzähler: Wer erzählt mir das, was hätte er davon, und was ist heute richtig, egal welche Geschichte am Ende stimmt?
Was hat Trump mit dem Begriff „super intelligence“ angeordnet?
Am 29. September 2026 hat Donald Trump per Executive Order angeordnet, dass US-Bundesbehörden statt „artificial intelligence“ den Begriff „super intelligence“ verwenden. Als Begründung nannte er, „künstlich“ lasse die Technik schwächer klingen, als sie sei. Neue Regeln für die Branche schafft der Erlass nicht, er betrifft die Sprache der Behörden.
Was ist Russells Huhn?
Ein Gedankenbild des Philosophen Bertrand Russell aus „The Problems of Philosophy“ von 1912. Ein Huhn wird jeden Tag vom selben Mann gefüttert und erwartet deshalb, dass es so bleibt, bis er ihm eines Tages den Hals umdreht. Es zeigt die Grenze jeder Erfahrung: Sie rechnet nur hoch, was schon einmal war.
Was heißt Noozän?
Noozän nennt Phil Roosen die Epoche, in der Bewusstsein zur Infrastruktur wird. Den Begriff hat er am 5. März 2026 geprägt. Gemeint ist, dass Wahrnehmen, Erinnern und Urteilen zunehmend über Systeme laufen, die jemandem gehören. Wer sie besitzt, erzählt auch, wozu sie da sind, und das gilt für die Zukunft selbst.
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The DigioneerPhil Roosen
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Quellen
- Trump signs executive order to replace 'artificial intelligence' with 'super intelligence' — WJLA, 2026-09-29
- Cicero, Cato maior de senectute, Abschnitt 17 — The Latin Library, 2026-10-28
- Bertrand Russell, The Problems of Philosophy, Kapitel VI: On Induction — Project Gutenberg, 2026-10-28
- AI pioneer quits Google to warn about the technology's dangers — CNN via KTVZ, 2023-05-01
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