Es ist Dienstagmorgen in Manhattan, und ich versuche, zwei Schlagzeilen gleichzeitig zu lesen.
Die eine kommt aus Genf, aus Bunia, aus Kampala: Die WHO hat am 17. Mai eine gesundheitliche Notlage von internationaler Tragweite ausgerufen. Bundibugyo-Ebolavirus, ein Stamm, der 2007 erstmals an der ugandisch-kongolesischen Grenze auftauchte, ist zurück. Die Zahlen variieren je nach Quelle und Stichtag – die WHO sprach Mitte Mai von acht laborbestätigten Fällen, 246 Verdachtsfällen und 80 vermuteten Todesfällen, darunter vier Tote unter Beschäftigten im Gesundheitswesen. Die US-amerikanischen CDC fassten den Stand vom 19. Mai mit 34 bestätigten Fällen, 105 wahrscheinlichen, 536 Verdachtsfällen und 134 Toten zusammen – mit dem Hinweis, dass sich diese Werte täglich verschieben. Die Letalität des Bundibugyo-Stamms liegt historisch zwischen fünfundzwanzig und vierzig Prozent.
Und das eigentliche Problem, das jeder Bericht in einem Halbsatz erwähnt und dann fallen lässt:
Es gibt keinen zugelassenen Impfstoff gegen Bundibugyo.
Gegen den Zaire-Stamm ist Ervebo seit 2019 zugelassen, und es gibt präklinische Hinweise auf eine gewisse Kreuzschutzwirkung gegen Bundibugyo. Das ist Forschungsstand, kein Notfallinstrument. Celine Gounder, die schon den großen Westafrika-Ausbruch 2014 mitbehandelt hat, sagte Africa CDC in der vergangenen Woche, es gebe „nichts, was auch nur annähernd für klinische Studien bereit wäre". Gegen Bundibugyo wartet die Menschheit – seit der Stamm 2007 zum ersten Mal in Uganda dokumentiert wurde. Achtzehn Jahre.
Die zweite Schlagzeile ist von Mitte März. Sie kommt aus Sydney. Eine Mischlingshündin namens Rosie – Staffordshire-Bullterrier mal Shar-Pei – hatte Mastzellenkrebs, ein bis sechs Monate Prognose. Ihr Besitzer, Paul Conyngham, ein Laie ohne formale biologische Ausbildung, von Haus aus Elektro- und Computertechnikingenieur und Datenwissenschaftler, hat dreitausend australische Dollar in eine DNA-Sequenzierung an der University of New South Wales gesteckt, AlphaFold und ChatGPT als Werkzeuge benutzt, die Mutationen identifiziert, die Neoantigene ausgewählt, eine halbe Seite Formeln für eine mRNA-Sequenz produziert – und Rosie ist im Januar über einen Zaun gesprungen, um einem Kaninchen nachzujagen. Erstmals seit Monaten.
The Digioneer hat die Geschichte ausführlich erzählt – ich verlinke unten. Was mich heute interessiert, ist nicht der Hund. Es ist der Satz, den Martin Smith vom Ramaciotti Centre for Genomics dazu gesagt hat:
„Es war wie: heilige Scheiße, es hat funktioniert. Das wirft die Frage auf: Wenn wir das für einen Hund tun können, warum rollen wir das nicht für alle Menschen mit Krebs aus?"
Ich würde die Frage gern erweitern.
Warum nicht für Bundibugyo?
BREAK – Zwei Realitäten, ein System
Halten wir die Bilder kurz nebeneinander. In Ituri, einer Provinz, die seit Jahren zwischen Milizen, Vertreibung und einer brüchigen Gesundheitsinfrastruktur eingeklemmt ist, gibt es Verdachtsfälle, deren Zahl jeden Tag wächst, ein Virus, gegen das die Medizin nichts in der Hand hält, und ein internationales Notfallkomitee, das tagt. In Sydney sequenziert ein Mann den Tumor seines Hundes und designt mit frei zugänglicher KI ein hochpersonalisiertes Therapeutikum.
Das ist keine Anekdote. Das ist die Diagnose.
Die Werkzeuge, die Conyngham für Rosie benutzt hat, ließen sich – das ist eine analytische These, kein medizinischer Beleg – prinzipiell auch auf einen Bundibugyo-Impfstoffkandidaten anwenden. AlphaFold modelliert Proteine, egal ob sie aus einem Hundetumor oder einem Filovirus stammen. mRNA-Plattformen haben in den eineinhalb Jahren der COVID-Krise gezeigt, dass sie binnen Wochen umgestellt werden können. Sequenzen des Bundibugyo-Virus liegen seit Jahren in öffentlichen Datenbanken.
Was fehlt, ist nicht primär das Wissen. Was fehlt, ist nicht primär das computergestützte Design. Was fehlt, ist die nachgelagerte Kette: präklinische Validierung, klinische Studien, Zulassungsverfahren, Produktion, Distribution. Und genau diese Kette wird in einem System organisiert, das einen Anreiz braucht, sie zu durchlaufen.
Bundibugyo ist eine Krankheit der Armen. Sie tötet in Provinzen, in denen niemand westlichen Versicherungstarif zahlt. Sie bricht aus und verschwindet wieder. Sie ist – aus Sicht eines Pharma-Quartalsberichts – ein lausiges Geschäftsmodell.
Und damit sind wir beim eigentlichen Thema.
ANALYZE – Wer forscht, wer kassiert, wer stirbt
Hier ist ein Befund, den die BUKO Pharma-Kampagne seit Jahren wiederholt, und den jede ernsthafte Studie bestätigt: Die Grundlagenforschung, aus der unsere Medikamente entstehen, wird zum überwältigenden Teil aus öffentlichen Geldern bezahlt. Eine Analyse von Ekaterina Galkina Cleary und Kolleg:innen hat alle zweihundertzehn neuen Wirkstoffe untersucht, die zwischen 2010 und 2016 in den USA zugelassen wurden. Kein einziger kam ohne Investitionen der National Institutes of Health aus. Mehr als neunzig Prozent der NIH-Förderung floss in die Identifizierung biologischer Wirkziele – also in genau jene Arbeit, die später als „Pharma-Innovation" verkauft wird.
Das Muster ist immer dasselbe. Universitäten und öffentlich finanzierte Institute machen die Grundlagenforschung. Sobald etwas patentierbar wird, übernimmt eine Spin-Out-Firma, die wiederum mit öffentlichen Geldern aufgebaut wird. Dann kommen die – das ist kein Witz, sondern Selbstbeschreibung der Branche – „Patent-Scouts" der großen Konzerne, kaufen das Patent oder lizenzieren es, machen die klinischen Studien (den teuersten, aber wissenschaftlich am wenigsten anspruchsvollen Teil), und verkaufen das Resultat zu einem Preis, der mit den realen Forschungskosten nichts zu tun hat. Die österreichische Gesundheitsökonomin Claudia Wild bringt es auf eine Formel:
Die Öffentlichkeit zahlt zweimal. Einmal für die Forschung. Ein zweites Mal für das Medikament.
Was bedeutet das für Bundibugyo? Es bedeutet: Niemand wird scouten. Es gibt keinen Markt. Wer einen Impfstoff entwickelt, kann ihn nicht in den globalen Norden verkaufen, weil Bundibugyo dort nicht zirkuliert. Er kann ihn in den globalen Süden verkaufen – aber nur zu Preisen, die kein Aktionärsmeeting glücklich machen. Also passiert: nichts. Achtzehn Jahre lang.
Das ist keine Bösartigkeit. Das ist Rationalität in einem System, das medizinische Forschung an Verkaufserwartungen koppelt. Und genau hier liegt der Skandal. Wir haben aus dem Universalgut „Wissen über Krankheit" ein Geschäftsmodell gemacht – und uns dann gewundert, dass das Wissen dort entsteht, wo bezahlt wird, und nicht dort, wo gestorben wird.
Es gibt einen zweiten Layer, der mich noch wütender macht. Die EU hat den European Health Data Space im Februar 2025 beschlossen, am 26. März 2025 ist die Verordnung in Kraft getreten – eine Regelung, die Gesundheitsdaten europaweit für Forschung nutzbar machen soll, inklusive Training und Testen von KI-Systemen. Auf dem Papier eine Revolution. In der Praxis: Die entscheidenden Teile greifen erst gestaffelt ab März 2027, abhängig von Durchführungsakten, die noch nicht geschrieben sind, Datenaustauschformaten, die noch nicht standardisiert sind, und einer politischen Diskussion über Sekundärnutzung, die so zähflüssig geführt wird, dass man die Plattformen in Boston schon dreimal gebaut, geschlossen und neu gegründet hat, bevor Brüssel den nächsten Durchführungsakt veröffentlicht.
Wir verfügen also gleichzeitig über: das beste KI-Werkzeug der Geschichte für Proteinmodellierung, genug Gesundheitsdaten, um globale Forschungsfragen zu beantworten, eine Pharmaindustrie, die nicht das forscht, was sterben lässt, sondern das, was verkauft sich, und eine Regulierung, die zwanzig Jahre alt ist und sich anfühlt wie aus einer anderen Geologischen Epoche.
Conyngham hat in Sydney gesagt: „Das Bürokratische war tatsächlich schwieriger als die Impfstoffentwicklung." Drei Monate, jeden Abend zwei Stunden, hundertseitige Ethikgenehmigung. Für einen Hund.
Stell dir das hochskaliert auf ein globales Pandemie-Response-System vor. Dann verstehst du, warum Bundibugyo gewinnt.
BUILD – Was die Universität wieder werden müsste
Ich will hier keine Anti-Pharma-Diatribe halten. Pharmakonzerne können bauen, finanzieren, skalieren. Sie sollen das auch tun. Aber sie sollen nicht entscheiden, was die Menschheit weiß. Diese Entscheidung gehört nicht in eine Quartalskonferenz.
Sie gehört dorthin, wo sie hingehört: in die Universität.
Die Universität sollte – historisch, juristisch, ideell – die Treuhänderin des kollektiven Wissens sein. Sie ist staatlich finanziert, sie ist der demokratischen Öffentlichkeit verpflichtet, sie hat einen Auftrag, der älter ist als jedes Patentamt. Und genau diesen Auftrag hat sie in den letzten dreißig Jahren leise abgegeben. Aus Bequemlichkeit, aus Unterfinanzierung, aus dem Glauben, der Markt würde es schon richten.
Der Markt hat es nicht gerichtet. Der Markt vergisst Bundibugyo.
Hier ist, was eine ernsthafte Reform aussehen würde:
1. Universitäten zurück ins Zentrum der Wirkstoffforschung. Nicht als Zulieferer für Spin-Outs, die später an Roche oder Pfizer verkauft werden. Sondern als verbindlich beauftragte, dauerhaft finanzierte Hauptakteure. Mit Mandat, mit Budget, mit Personal. In Österreich, in Deutschland, in der EU. Pharma kann die klinischen Phasen finanzieren, gerne. Aber das Wirkprinzip gehört in den öffentlichen Raum.
2. Ein globales Forschungsnetzwerk – open by default. Die besten Köpfe der Welt, von Wien bis Kinshasa, von Sydney bis Boston, vernetzt in offenen Konsortien, deren Ergebnisse zuerst publiziert und dann patentiert werden. Nicht umgekehrt. Was öffentlich finanziert wird, muss öffentlich nutzbar sein. Wer das blockiert, verliert seine Förderung. Punkt.
3. KI als öffentliche Forschungsinfrastruktur. AlphaFold ist mittlerweile frei zugänglich. Das ist gut. Aber das ist erst der Anfang. Europa braucht ein öffentlich finanziertes KI-Konsortium für medizinische Forschung – nicht ein weiteres Start-up, das in fünf Jahren von einem amerikanischen Konzern aufgekauft wird, sondern eine Infrastruktur, die so robust und so selbstverständlich ist wie das Bibliothekswesen. Mit besten Modellen, besten Daten, bester Kontrolle. Eine Art CERN für Biomedizin.
4. Datenpflicht statt Datenverweigerung. Hier wird es unbequem. Wenn wir Bundibugyo, Krebs, Alzheimer, ALS, Long Covid, Diabetes, Demenz schneller verstehen wollen, brauchen wir Daten. Viele. Vergleichbar. Standardisiert. Und das heißt: Mediziner:innen müssen sie liefern, Apotheker:innen, Therapeut:innen, Pflege – und am Ende auch wir, die Bürger:innen. Selbstverständlich anonymisiert, selbstverständlich mit echter Pseudonymisierung, selbstverständlich unter dem strengsten Datenschutz, den Europa zu bieten hat. Aber: Es muss eine Pflicht geben. Keine Opt-Out-Komfortzone, in der jede Generation neu davon ausgeht, dass ihre Daten ihr Privateigentum sind, das man bitte freundlich erbittet. Datenbeitrag ist im einundzwanzigsten Jahrhundert das, was die Volkszählung im neunzehnten war: eine bürgerliche Pflicht, weil ohne sie keine vernünftige Gesundheitspolitik möglich ist.
Ich weiß, wie diese Forderung klingt. Ich weiß, dass sie in Österreich, Deutschland, Frankreich auf eine ziemliche Mauer trifft. Aber dann lass uns wenigstens darüber reden, anstatt die Frage in den nächsten Datenschutz-Workshop zu verschieben.
5. Patentreform für öffentlich finanzierte Forschung. Wer öffentlich finanziert forscht, darf nicht uneingeschränkt patentieren. Es braucht eine globale Lizenzpflicht, gestaffelte Preise, eine Klausel, die in Pandemiezeiten automatisch greift. Das ist nicht radikal. Das ist common sense. Cuba macht es seit Jahrzehnten. Indien teilweise. Die EU könnte führen – wenn sie wollte.
Und jetzt?
Es regnet wieder in New York. Auf meinem Schreibtisch liegen zwei Zettel.
Auf dem einen steht: Rosie jagt wieder Kaninchen. Auf dem anderen: Vier Pflegekräfte tot, Ituri.
Beide stehen in derselben Welt. Mit denselben Werkzeugen. In derselben technologischen Epoche. Und der einzige Unterschied zwischen ihnen ist, ob ein Markt sich für sie interessiert.
Das ist keine Naturkatastrophe. Das ist eine Konstruktion. Und alles, was konstruiert ist, lässt sich umbauen.
Die Universitäten haben das Wissen. Die KI hat die Geschwindigkeit. Die EU hat die Regulierungsmacht. Was fehlt, ist der politische Wille, das auch zu sagen, was Martin Smith in Sydney einfach so dahingesagt hat:
Wenn wir das für einen Hund tun können, warum nicht für alle?
Bist du bereit, diese Frage ernst zu nehmen?
Wir sind es. Wir bereiten dich vor.
Quellen
– WHO / RKI: Ebola-Ausbruch DRC und Uganda, PHEIC vom 17. Mai 2026 – Euronews: Ebola-Ausbruch im Kongo – WHO tief besorgt (19.05.2026) – Citopendia: Ebola-Ausbruch 2026 – Symptome, Übertragung, Schutzmaßnahmen – The Digioneer / Elixia Crowndrift: Rosie gegen den Krebs – Wie KI einen maßgeschneiderten Impfstoff für einen Hund erschuf – UNSW: Meet the man who designed a cancer vaccine for his dog – BUKO Pharma-Kampagne: Patente sind auch keine Lösung – Cleary-Studie zur NIH-Förderung 2010–2016 – BUKO Pharma-Kampagne / Claudia Wild: Wie die Pharmaindustrie hohe Medikamentenpreise rechtfertigt (Pharma-Brief 4/2025) – medico international: Patente blockieren Innovationen – Interview mit Tim Joye – Zeitung der Arbeit: Pharma und Profit – Wie die Gesellschaft zahlt und Konzerne kassieren – Verordnung (EU) 2025/327 – European Health Data Space (in Kraft seit 26.03.2025, voll anwendbar ab 26.03.2027)