Es ist Dienstagabend in Bushwick. Ich sitze in einer Bar, die früher mal eine Autowerkstatt war – Backsteinwände, exponierte Rohre, an der Decke hängt ein altes Werbeschild für Motoröl. Neben mir am Tresen sitzt ein Typ Anfang vierzig, Bart, abgewetzte Carhartt-Jacke. Er war mal Senior Copywriter bei einer mittelgroßen Agentur in Manhattan. War.
„ChatGPT macht meinen Job in zwanzig Minuten", sagt er und dreht sein Glas. „Nicht so gut wie ich. Aber neunzig Prozent so gut. Und das reicht."
Er ist nicht arbeitslos. Er ist jetzt Freelancer, schreibt Prompts statt Texte, verdient ein Drittel von früher. „Mein Vermieter interessiert sich nicht dafür, dass ich mich gerade neu erfinde."
Genau das ist der Punkt, an dem Europa hängt – seit Jahren. Wir haben eine Debatte über das bedingungslose Grundeinkommen, die so alt ist, dass sie Kinder hätte haben können. Und wir führen sie immer noch, als wären wir im Jahr 2010.
BREAK – Die Debatte ist die Warteschleife
Schauen wir auf die Zahlen, die in den letzten Monaten auf den Tisch kamen. Die ILO hat im Mai 2025 gemeinsam mit Polens nationalem Forschungsinstitut den bisher detailliertesten globalen Index zur KI-Exposition veröffentlicht: Eine von vier Stellen weltweit liegt in einem Berufsfeld, das bereits messbar von generativer KI betroffen ist. In Hochlohnländern – also dort, wo du und ich arbeiten – sind es 34 Prozent. Bei Frauen ist die Exposition fast doppelt so hoch wie bei Männern.
Das Weltwirtschaftsforum legte im Januar 2025 nach: Bis 2030 werden weltweit 170 Millionen neue Stellen entstehen, 92 Millionen verschwinden. Eine strukturelle Umwälzung von 22 Prozent des Arbeitsmarkts. Netto klingt das gut. Für die einzelne Person, deren Job in der „92 Millionen"-Spalte landet, ist es eine Katastrophe.
Und Österreich? Hier hatten wir 2022 ein Volksbegehren zum Grundeinkommen mit fast 169.000 Unterschriften. Reichte locker für die Behandlung im Nationalrat. Der Sozialausschuss erledigte das Thema mit dem Hinweis, das sei „illusorisch". Punkt. Akte zu. Die Wirtschaftskammer rechnet seither bei jeder Gelegenheit vor, dass ein BGE 108 Milliarden Euro kosten würde – fast die gesamten Steuereinnahmen des Landes – und „Leistungsbereitschaft schaden" würde.
Währenddessen hat OpenAI-Chef Sam Altman in den USA das größte private BGE-Pilotprojekt der Geschichte finanziert. Drei Jahre lang, 1.000 Dollar monatlich an 1.000 Menschen in Texas und Illinois. Ergebnis im Juli 2024: Die Empfänger arbeiteten 1,3 Stunden weniger pro Woche. Eine Kaffeepause. Den Rest investierten sie in Gesundheit, Bildung, Familie, Bewerbungen für bessere Jobs.
Und Altman macht das nicht aus Menschenliebe. Er macht das, weil er weiß, was sein Unternehmen mit dem Arbeitsmarkt anstellen wird.
ANALYZE – Die falsche Frage
Wenn du die österreichische und deutsche BGE-Debatte verfolgst, hörst du immer dieselben drei Sätze:
- „Es ist nicht finanzierbar."
- „Es zerstört die Arbeitsmoral."
- „Es entwertet die Leistung der Fleißigen."
Diese Sätze sind nicht falsch. Sie sind nur die Antworten auf eine Frage, die wir nicht mehr stellen sollten.
Die alte Frage lautet: Wie sichern wir Menschen, die nicht arbeiten?
Die neue Frage lautet: Was tun wir, wenn der Wert menschlicher Arbeit kollabiert, während die Wertschöpfung auf Rekordhochs läuft?
Das ist keine Spielerei mit Worten. Das ist die Geschichte der nächsten zehn Jahre.
Schau dir die McKinsey-Zahlen an: Bis 2030 könnten in den USA bis zu 30 Prozent der heute geleisteten Arbeitsstunden automatisiert sein. Eine Studie der Universität Notre Dame hat vergangenes Jahr erstmals gezeigt, dass höhere KI-Exposition tatsächlich messbar mit reduzierter Beschäftigung, höherer Arbeitslosigkeit und kürzeren Arbeitszeiten korreliert – nicht in der Theorie, sondern in den US-Arbeitsmarktdaten zwischen 2022 und 2025.
Das Geld verschwindet ja nicht. Es wandert. Vom Lohnempfänger zum Plattformbesitzer. Vom Steuerzahler zur steueroptimierten Holding in Dublin. Vom Mittelschichtsjob ins Aktiendepot von ein paar Dutzend Tech-CEOs in Kalifornien.
Und genau hier wird die Debatte spannend – auch unangenehm.
Eine 2025 in Frontiers in Artificial Intelligence erschienene Analyse von Jean-Christophe Bélisle-Pipon stellt eine Frage, die in Österreich noch niemand laut ausspricht: Warum sind ausgerechnet die KI-Eliten – Musk, Altman, Andreessen – plötzlich so begeistert vom Grundeinkommen?
Die Antwort ist unangenehm: Ein BGE, das Menschen gerade so über Wasser hält, legitimiert die Konzentration der Wertschöpfung in den Händen weniger. Es macht aus Bürgern Empfänger. Aus Mitgestaltenden Almosenempfänger einer post-arbeitsbasierten Ökonomie, deren Spielregeln andere schreiben.
Das ist die zweite Falle. Die erste ist, BGE als Faulheitsförderung zu denken. Die zweite ist, es als Ruhigstellungsmechanismus für eine Bevölkerung zu denken, der man die Teilhabe entzogen hat.
Beide Fallen führen in dieselbe Sackgasse.
Und beide haben dieselbe blinde Stelle: Sie diskutieren über das BGE, ohne über die Geldströme zu reden, aus denen es finanziert werden müsste.
BUILD – Befähigung statt Almosen
Estland hat in der digitalen Verwaltung ein Prinzip etabliert, das ich in dieser Kolumne immer wieder erwähne, weil es so verdammt gut ist: Befähigung statt Verbot. Der Staat baut Infrastruktur, damit Menschen Dinge tun können – statt Hürden, damit sie es nicht tun.
Genau so müssen wir das BGE denken.
Nicht als Sozialleistung. Nicht als Almosen. Nicht als Beruhigungspille für die Verlierer der KI-Revolution. Sondern als Ermöglichungsinfrastruktur – wie Trinkwasser, wie Stromnetz, wie der digitale Personalausweis. Als Boden, auf dem Menschen sich neu erfinden, weiterbilden und gründen können, ohne in Existenzangst zu erstarren.
Und – jetzt kommt der Punkt, an dem die WKO-Standardrede vom „unfinanzierbaren BGE" zusammenbricht: Die Finanzierungsfrage ist längst beantwortet. Sie wird nur nicht gestellt.
Die GTS: Eine Steuer, die der digitalen Wirklichkeit folgt
In Österreich existiert seit Jahren ein durchgerechnetes Konzept, das die KI-Frage und die BGE-Frage zusammenführt: die Geldtransaktionssteuer (GTS), von Michael Kainz konzipiert und in mehreren Beiträgen auf The Digioneer ausführlich diskutiert. Parallel dazu hat die Johannes Kepler Universität Linz mit der Mikrosteuer ein verwandtes Modell vorgelegt.
Das Prinzip ist verblüffend simpel: Statt Arbeit zu besteuern – die ja gerade verschwindet – besteuerst du jede Geldbewegung mit einem winzigen Prozentsatz. Bargeldlos, Bargeld via Registrierkassenpflicht, Banküberweisungen, Kreditkarten, Krypto, alles. Automatisch, in Echtzeit, ohne Anträge.
Die Zahlen, die das Team um Wakolbinger, Dreer und Schneider an der JKU Linz vorgelegt hat, sind hart: Eine Mikrosteuer von 1 Prozent auf alle bargeldlosen Transaktionen in Österreich generiert ein Steueraufkommen von rund 179 Milliarden Euro. Die WKO sagt, ein BGE würde 108 Milliarden Euro kosten.
Du musst nicht Wirtschaft studiert haben, um zu sehen: 179 ist mehr als 108.
Die GTS geht noch einen Schritt weiter. Sie erfasst auch Bargeldtransaktionen über die seit 2016 ohnehin bestehende Registrierkassenpflicht. Sie könnte den allergrößten Teil der bestehenden Steuern – Einkommenssteuer, Umsatzsteuer, Unternehmenssteuer – ersetzen. Lenkungssteuern für Mineralöl, CO₂, Tabak und Alkohol blieben erhalten, weil sie ja gar nicht der Einnahmensicherung dienen, sondern dem Verhalten.
Was du mit der GTS bekommst, ist genau das, was eine post-arbeitsbasierte Ökonomie braucht:
– Sie folgt dem Geld, nicht der Arbeit. Wenn KI-Plattformen Milliarden umsetzen, ohne nennenswert Lohnsteuer zu generieren, läuft die GTS dort einfach mit.
– Sie ist progressiv durch die Hintertür: Wer mehr Transaktionen hat – weil er mehr handelt, spekuliert, investiert –, zahlt mehr.
– Sie macht spekulative Hochfrequenzgeschäfte unattraktiver, weil jede Transaktion einen kleinen Tribut kostet.
– Sie ist automatisch, transparent und reduziert Steuervermeidung dramatisch.
Es gibt Gegenargumente, und ernsthafte: Datenschutzbedenken bei der lückenlosen Transaktionserfassung. Die Notwendigkeit internationaler Koordination, sonst entstehen Steuerhäfen. Politische Widerstände der Finanz- und Immobilienbranche, die gut vom Status quo leben. Diese Bedenken haben wir auf The Digioneer im großen Interview mit Dr. Huber als Kritiker und Michael Kainz als Erfinder durchgesprochen – sie sind real, aber sie sind lösbar.
Was nicht lösbar ist: ein Sozialstaat, der primär aus Lohnsteuern finanziert wird, in einer Wirtschaft, in der Lohnarbeit gerade umdefiniert wird.
Die fünf Bausteine eines BGE im Noozän
Wenn das Geld da ist – und das ist es, mit der GTS –, dann brauchen wir fünf Bausteine, damit aus einem BGE keine Stilllegungsprämie wird:
1. Kopplung an Bildung und Übergänge.
Ein BGE ist kein Ersatz für Weiterbildungsinfrastruktur, sondern ihr Fundament. Wer existenziell unter Druck steht, qualifiziert sich nicht um. Wer abgesichert ist, kann sechs Monate in eine KI-Zertifizierung investieren, statt den nächstbesten Lieferdienstjob anzunehmen.
2. GTS statt Lohnsteuer.
Die Finanzierung muss dort ansetzen, wo die Wertschöpfung stattfindet – in den Geldströmen, nicht in der schrumpfenden Lohnsumme. Eine Geldtransaktionssteuer von rund 1 Prozent auf alle Transaktionen finanziert nicht nur das BGE, sondern entlastet gleichzeitig die Arbeit.
3. Pilotprojekte mit Saturation.
Die Altman-Studie hatte einen Schwachpunkt: Sie verteilte Geld an Einzelpersonen. Aber BGE wirkt anders, wenn ganze Communities es bekommen – das hat ein indisches Pilotprojekt gezeigt, in dem sich nach Einführung ein Genossenschaftswesen bildete. Österreich hätte hier mit einer Modellregion einen echten Erkenntnisgewinn.
4. Konditionalität abbauen, Komplexität ebenso.
In Österreich gibt es Sozialhilfe, Notstandshilfe, Wohnbeihilfe, Heizkostenzuschuss, Familienbeihilfe, Mietzinsbeihilfe – ein Dickicht aus Anträgen, Zuschlägen und Bedingungen, das Menschen mehr Stunden kostet als ein Vollzeitjob. Das radikale Once-Only-Prinzip aus Ausgabe 1 muss auch hier gelten: Eine Zahlung, eine ID, ein Zugang.
5. Politische Mitsprache absichern.
Das ist der Punkt, an dem ich mit Musk und Altman gründlich uneins bin: Ein BGE darf nicht der Ersatz für Mitbestimmung sein, sondern ihre Voraussetzung. Wer existenziell abgesichert ist, kann sich politisch engagieren, kann gewerkschaftlich organisieren, kann unbequem sein. Das BGE als demokratische Versicherungspolice gegen die Konzentration ökonomischer Macht.
Und jetzt?
Mein Sitznachbar in der Bar bestellt sich noch ein Bier. „Weißt du, was mich am meisten ärgert?", sagt er. „Nicht, dass die KI da ist. Sondern, dass uns niemand gefragt hat, wie wir damit leben wollen."
Er hat recht. Das ist der Kern.
Europa könnte in dieser Frage Vorreiter sein. Wir haben den Sozialstaat – auch wenn er erschöpft ist. Wir haben Datenschutz und KI-Regulierung. Wir haben mit der GTS und der Mikrosteuer durchgerechnete Finanzierungskonzepte, die die alte Lohnsteuer-Logik überwinden. Wir haben in den letzten zwei Jahren bewiesen, dass wir Tech-Konzerne durchaus zur Rechenschaft ziehen können, wenn wir wollen.
Aber wir verheddern uns in einer Debatte, die fünfzehn Jahre alt ist. Wir streiten über Anreize, während die Anreizstrukturen unter unseren Füßen wegbrechen. Wir streiten über Finanzierung, obwohl die Antwort auf dem Tisch liegt – wir müssten sie nur lesen.
Vielleicht ist die größte Warteschleife dieses Themas, dass wir auf eine perfekte Antwort warten, bevor wir die richtige Frage stellen.
Die richtige Frage ist nicht, ob Menschen ohne Arbeitspflicht moralisch verkommen.
Die richtige Frage ist, wie wir Würde und Teilhabe sichern, wenn Arbeit selbst gerade umdefiniert wird.
Und dann müssen wir den Mut haben, die Antwort auch zu lesen.
Bist du bereit?
Quellen
– The Digioneer: Die Mikrosteuer und die Geldtransaktionssteuer (GTS) – Michael Kainz
– The Digioneer: Die Geldtransaktionssteuer (GTS) und die Grundsteuer (GST) – Phil Roosen
– The Digioneer: Das große Interview zur Geldtransaktionssteuer und Grundsteuer – Jamie Walker
– JKU Linz / Wakolbinger, Dreer, Schneider: Konsumsteuer-finanziertes BGE in Österreich (PDF)
– ILO/NASK: Generative AI and Jobs – A Refined Global Index of Occupational Exposure (Mai 2025)
– UN News: AI threatens one in four jobs – but transformation, not replacement, is the real risk (Mai 2025)
– World Economic Forum: Future of Jobs Report 2025 (Januar 2025)
– OpenResearch: Unconditional Cash Study – Ergebnisse (Juli 2024)
– Bélisle-Pipon: AI, universal basic income, and power. Frontiers in Artificial Intelligence (Februar 2025)
– Universität Notre Dame: Advancing AI Capabilities and Evolving Labor Outcomes (2025)
– Volksbegehren Bedingungsloses Grundeinkommen Österreich, BMI
– WKO: Bedingungsloses Grundeinkommen – unnötig, unfinanzierbar und schädlich