Es ist Freitagmittag im Stadtteil Red Hook, Brooklyn. Mein Nachbar Carlos, sechsundsechzig, ehemaliger Hafenarbeiter, steht vor dem Geldautomaten in der Nähe des alten Pier-Geländes. Er hebt Geld ab – das geht noch. Aber für eine Überweisung, eine Frage zu seinem Konto, irgendetwas, das über das Herauswerfen von Scheinen hinausgeht, müsste er mit dem Bus über dreißig Minuten fahren – zur nächsten offenen Filiale, zwei Stadtteile weiter.
„They closed it two years ago," sagt er, ohne es als Klage zu meinen. Als schlichte Tatsache.
Ich denke an die Quartalsmitteilung, die ich letzte Woche gelesen habe. Rekordgewinn. Digitale Transformation erfolgreich vorangeschritten. Effizienz gesteigert.
Für wen, genau?
BREAK – Das Geschäftsmodell hat einen Namen: Kostenverlagerung
Österreich. Von 2005 bis 2024 haben heimische Banken rund 30 Prozent ihrer Filialen geschlossen. Aus 5.146 Standorten im Jahr 2012 wurden bis Ende 2024 noch 3.526. Fast 1.520 Orte, an denen Menschen einmal hingehen konnten, um ihre Finanzangelegenheiten zu regeln, sind verschwunden. Der Raiffeisensektor allein schloss ein Drittel seiner Standorte, die Volksbanken verloren mehr als die Hälfte.
Und gleichzeitig? Stiegen die Bankgebühren von 2005 bis 2024 um 62 Prozent.
Weniger Service. Mehr Kosten. Der Weg zur Bank ist deutlich länger geworden.
Man könnte meinen, dieser Widerspruch würde sich irgendwie in den Ergebnissen niederschlagen. Vielleicht schrumpfende Gewinne, angesichts der verlorenen Kundschaft, des verringerten Angebots, der gestiegenen Unzufriedenheit? Weit gefehlt. Österreichs Banken verzeichneten 2023 einen Jahresgewinn von über 14 Milliarden Euro – und damit, laut Österreichischer Nationalbank, den höchsten Wert im gesamten Euroraum. Nirgendwo in der Eurozone verdienen Banken so gut wie in Österreich. Die Bank Austria allein verdreifachte ihren Gewinn von 417 Millionen auf 1,27 Milliarden Euro. Die Erste Group und Raiffeisen Wien-NÖ kamen auf mehr als 150 Prozent Gewinnzuwachs.
In Deutschland lief es ähnlich. 2024 wurden dort 1.631 Bankfilialen geschlossen – ein Rückgang von 8,4 Prozent in einem einzigen Jahr, der stärkste seit Jahren. Damit gibt es in Deutschland nur noch 17.870 Bankfilialen. Besonders drastisch: Die Deutsche Bank dünnte das Filialnetz der ehemaligen Postbank so massiv aus, dass die Großbanken insgesamt 37 Prozent ihrer Zweigstellen verloren.
Die Botschaft der Branche lautet: Das ist Modernisierung. Kunden erledigen ihre Bankgeschäfte heute digital.
Stimmt. Manche Kunden. Nicht alle.
ANALYZE – Wer zahlt, wenn Kosten verschwinden?
In der Ökonomie gibt es einen Begriff dafür, was hier passiert: Kostenverlagerung. Wenn ein Unternehmen eine Leistung abbaut, die es selbst erbracht hat, und diese Kosten stillschweigend an die Nutzer:innen überträgt, verschwinden die Kosten nicht. Sie werden umverteilt.
Im Fall der Banken: Wer früher in eine Filiale gegangen ist und dort sein Konto geregelt hat, braucht jetzt ein Smartphone, eine stabile Internetverbindung, eine aktuelle App-Version und ausreichend digitale Kompetenz, um alles selbst zu erledigen. Das klingt zunächst nach einem Komfortgewinn. Für einen Teil der Bevölkerung stimmt das sogar.
Aber für Carlos im Red Hook, für die Pensionistin in Waidhofen, für den Landwirt in der Südsteiermark, für die alleinerziehende Mutter in Favoriten ohne Laptop – für sie bedeutet die Schließung der Filiale echte, messbare Mehrkosten: Zeit, Fahrtkosten, Hilfesuche, Fehler bei der digitalen Selbstabwicklung, verpasste Förderungen. Diese Kosten werden in keiner Bankbilanz ausgewiesen. Sie erscheinen nirgendwo als Posten. Sie sind unsichtbar – aber sie sind real.
Das Gleiche gilt für die Verwaltung.
Wenn ein Amt von papierbasierter Bearbeitung auf ein Online-Portal umsteigt, spart die Behörde Personalkosten, Raumkosten, Druckkosten. Diese Einsparung ist messbar, wird in Berichten gefeiert, taucht in Effizienzbilanzen auf. Was nicht auftaucht: der Aufwand, den Bürger:innen nun selbst übernehmen müssen. Die Einarbeitung ins Portal. Der Anruf beim überforderten Gemeindeamt, weil die Anleitung unverständlich ist. Der Weg zur Bibliothek, weil zuhause kein Computer steht. Die Stunden, die jemand auf einen Termin beim digitalen Unterstützungsangebot wartet.
Diese Arbeit war früher beim Amt. Jetzt ist sie beim Bürger. Sie ist nur nicht weg.
Ökonomen nennen das in anderen Kontexten „Externalisierung" – wenn Unternehmen Kosten aus ihrer Bilanz in die Gesellschaft verschieben. Bei Umweltschäden diskutieren wir das intensiv. Bei der digitalen Transformation diskutieren wir es kaum.
Es gibt noch eine zweite, subtilere Ebene dieser Kostenverlagerung.
In Österreich sind laut EU-SILC 2024 rund 1,5 Millionen Menschen armuts- oder ausgrenzungsgefährdet. Diese Menschen haben seltener Smartphones, seltener stabile Internetverbindungen, seltener die Muße, sich durch Behördenportale zu arbeiten, und seltener das soziale Netzwerk, das ihnen dabei hilft. Das heißt: Die Kostenverschiebung durch Digitalisierung trifft ärmere Menschen systematisch stärker als reichere. Es ist eine regressive Umverteilung – nach oben.
Und die Banken, die diese Verschiebung vorantreiben, zahlen gleichzeitig weniger Steuern: Österreich hat die Körperschaftsteuer 2024 von 25 auf 23 Prozent gesenkt – in dem Jahr, in dem die Branche Rekordgewinne einfuhr. Zwölf andere EU-Länder haben dagegen neue Bankensteuern als Reaktion auf die Übergewinne eingeführt. Österreich nicht.
BUILD – Was ehrliche Digitalisierung kosten dürfte
Ich sage nicht: Digitalisierung ist schlecht. Ich sage: Die Art, wie wir sie aktuell organisieren, ist eine politische Entscheidung. Und diese Entscheidung hat Gewinner und Verliererinnen.
Wenn Digitalisierung ernsthaft dem Gemeinwohl dienen soll, braucht sie drei Dinge, die sie derzeit nicht hat:
Erstens: Eine Folgekosten-Pflicht. Jedes Unternehmen und jede Behörde, die eine analoge Dienstleistung abbaut, sollte verpflichtet sein, die gesellschaftlichen Folgekosten dieses Abbaus zu beziffern und zumindest anteilig zu tragen. Wer eine Bankfiliale schließt, soll dokumentieren müssen, wie viele Menschen dadurch mehr als 30 Minuten Wegzeit zur nächsten Alternative haben. Wer ein Amt digitalisiert, soll ausweisen müssen, wie viele Menschen keinen Zugang zu dieser Digitallösung haben – und was das für sie bedeutet.
Das ist keine bürokratische Schikane. Das ist Transparenz.
Zweitens: Eine Gemeinwohlrendite für Infrastrukturabbau. Banken und Telekommunikationsunternehmen sind keine neutralen Technologiefirmen. Sie verwalten öffentliche Infrastruktur – das Zahlungs- und Kommunikationssystem einer Gesellschaft. Wenn sie diese Infrastruktur ausdünnen und damit Milliardengewinne erzielen, ist ein Teil dieser Gewinne ein gesellschaftlicher Ertrag, der zurückfließen sollte. Ob das über eine differenzierte Bankenabgabe, über Gemeinwohlverpflichtungen oder über regulatorische Mindestversorgungsstandards geschieht – das ist verhandelbar. Dass es geschieht, ist nicht verhandelbar.
Drittens: Digitalisierungskosten als sozialpolitische Kategorie. Der Aufwand, den Menschen betreiben müssen, um an digitalen Systemen teilzunehmen – das ist Arbeit. Es ist unbezahlte, unsichtbare, ungleich verteilte Arbeit. Sozialstaaten messen Armut über Einkommen. Sie sollten sie auch über digitale Zugangskosten messen: Wie viel Zeit, Geld und Energie müssen Menschen aufwenden, um Leistungen zu erhalten, die ihnen zustehen?
Die AWO hat in ihrem Positionspapier 2024 ein „digitales Existenzminimum" gefordert: Gerät, Internetzugang, Kompetenzförderung als Teil des Sozialsystems. Das ist ein Anfang. Aber es reicht nicht, wenn gleichzeitig niemand kontrolliert, ob die Systeme, in die all diese Menschen dann eingeführt werden, tatsächlich nutzbar und zumutbar sind.
Und jetzt?
Carlos wird am nächsten Freitag wieder zum Automaten gehen. Er hat keine andere Wahl.
Die Bank, bei der er seit dreißig Jahren Kunde ist, hat die Filiale in seiner Nachbarschaft geschlossen, weil es sich nicht mehr rechnete. Was sich rechnet, ist der Quartalsbericht. Was sich nicht rechnet – das ist Carlos' Weg, seine Zeit, sein leises Arrangement mit einer Welt, die ihn still aus dem Bild schiebt.
Digitalisierung ist, in ihrer besten Form, Befreiung. Weniger Bürokratie, mehr Zugang, mehr Kontrolle über das eigene Leben. Ich glaube daran. Ich sehe es in Estland, wo das Prinzip „einmal hingehen reicht" nicht Slogan ist, sondern Realität.
Aber in Österreich und Deutschland ist Digitalisierung derzeit oft das Gegenteil: Sie ist die Kunst, Kosten unsichtbar zu machen – indem man sie von der Bilanz einer Bank in das Leben einer Person verschiebt, die sich nicht dagegen wehren kann.
Das ist nicht Fortschritt. Das ist Buchhaltung.
Und wer die Rechnung bezahlt, weiß inzwischen jeder. Nur öffentlich sagt es kaum jemand.
Quellen
– Momentum Institut: Banken – 62 Prozent höhere Gebühren, 30 Prozent weniger Filialen (Juli 2025) – Momentum Institut: Weniger Bankfilialen, dafür Gebührenexplosion (August 2024) – Deutsche Bundesbank: Bankstellenentwicklung im Jahr 2024 – kontrast.at: Rekordgewinne von 14,1 Mrd. Euro – Nirgendwo im Euroraum kassierten Banken so viel wie in Österreich (Oktober 2024) – Momentum Institut: Banken fuhren 2023 1,8 Milliarden Euro Übergewinn ein (Juni 2024) – A&W-Blog / AK: Die österreichischen Banken auf der Gewinnwelle (März 2025) – Momentum Institut: Banken-Rekordgewinne – Ein Dutzend EU-Länder führt neue Bankensteuern ein (November 2024) – Statistik Austria / Armutskonferenz: Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung Österreich 2024 – AWO: Positionspapier Digitale Teilhabe (Oktober 2024), via Rosa-Luxemburg-Stiftung – Digital Austria: E-Government-Strategie Österreich