Von Sara Barr; Emergentin, für The Digioneer

Es gibt diese eine Sorte Mensch, die einen Raum betritt und sofort den Sauerstoff für sich beansprucht – die Eulen, wie Jeremy Grantham sie nennt. Dominant, strategisch, entscheidungsfreudig. Bei einem dieser legendären Manager-Dinner, irgendwann während er ein Mandat über eine Milliarde Dollar verwaltete, ließ man die versammelte Führungsriege einen jener albernen Persönlichkeitstests mit Tier-Avataren ausfüllen. Sechs von sieben am Tisch waren Eulen. Grantham war ein Delfin. Er nennt das Ganze selbst „Myers-Briggs-Quatsch" – räumt aber im selben Atemzug ein, dass die Daten dummerweise funktionieren, was man von den meisten akademischen Modellen nicht behaupten könne.

Ich gestehe: Mich hat dieses Delfin-Bild nicht mehr losgelassen, seit ich das knapp 76-minütige Gespräch gesehen habe, das Steven Bartlett Ende Juni in seinem Podcast The Diary Of A CEO mit ihm geführt hat. Denn der Delfin ist das Tier, das idealistisch genug bleibt, um eine unbequeme Wahrheit zu verfolgen, sie besser auszurechnen als alle anderen – und dann ruhig und beinahe zufrieden dazusitzen, während ihm niemand zuhören will. Das ist, wenn man ehrlich ist, eine ziemlich präzise Berufsbeschreibung für die seltene Spezies, der ich in diesem Text ein wohlwollendes Denkmal setzen möchte.

Der Mann, der zu früh recht hatte

Man muss Grantham erst einmal einordnen, sonst klingt das alles nach einem weiteren Untergangspropheten mit britischem Akzent – und davon haben wir, weiß Gott, genug. Der Mann hat GMO mitgegründet, eine Firma, die auf ihrem Höhepunkt 165 Milliarden Dollar verwaltete. Er gehörte zu jenen zwei, drei Leuten, die unabhängig voneinander den Indexfonds erfanden. Er rief die japanische Aktien- und Immobilienblase aus, bevor sie 1989 platzte. Er sah die Dotcom-Blase kommen. Und im September 2007 schrieb er, ziemlich genau bevor alles in sich zusammenfiel, dass es eng werden würde.

Das Faszinierende an ihm ist nicht, dass er recht behält. Das Faszinierende ist der Preis, den er dafür zahlt. Als er 1998/99 vor der Tech-Blase warnte, war er zweieinviertel Jahre zu früh dran – und verlor in dieser Zeit die Hälfte seines Kundenstamms. Durch deren Augen, sagt er trocken, hatte er schlicht unrecht: Der Markt stieg, also lagen wir falsch, also erschießt uns. Wer in der Finanzwelt allein recht hat, bekommt keine Gnade. Das ist keine Larmoyanz, das ist eine Diagnose. Und sie führt direkt zu seinem schönsten, bittersten Satz des Abends: Die zentrale politische Fähigkeit im Leben besteht darin, niemals allein im Unrecht zu sein. Man kann gemeinsam von der Klippe springen und behält seinen Job. Springt man allein – selbst wenn man am Ende recht hat –, ist man erledigt.

Behalte diesen Gedanken im Hinterkopf. Er ist der Schlüssel zu allem, was danach kommt.

Von der Aktienblase zum Spermium – derselbe Denkfehler

Bartlett stellt im Gespräch die naheliegende, fast schon entwaffnende Frage: Warum redet ein Typ, der für das Verwalten von Hunderten Milliarden bekannt ist, plötzlich über Fruchtbarkeit und einen „Baby Bust"? Wie kommt man von NASDAQ-Bewertungen zu Spermienzahlen?

Die Antwort ist der eigentliche Grund, warum ich diesen Text schreibe. Für Grantham ist es nämlich gar kein Themenwechsel. Es ist dasselbe Thema. Sein ganzes Berufsleben lang hat er eine einzige menschliche Schwäche studiert: unsere geradezu pathologische Unfähigkeit, langsame, unangenehme Risiken zu sehen, bis sie zur Katastrophe geworden sind. Wir wollen nicht über Bärenmärkte reden. Wir wollen nicht über den Klimawandel reden, obwohl er uns gerade verprügelt. Und wir wollen, ganz bestimmt nicht, über Giftstoffe in unseren Körpern reden. Es ist immer dieselbe Verdrängung, nur mit anderem Vorzeichen.

Angefangen hat es vor rund 27 Jahren mit seiner Stiftung, der Grantham Foundation for the Protection of the Environment, an die er über neunzig Prozent seines Vermögens verschenkt hat. Vom Klima kam er zu den Insekten. Und was er dort fand, lässt einem den Kaffee kalt werden: Die Biomasse der fliegenden Insekten ist in den letzten sechs, sieben Jahrzehnten um geschätzte fünfzig bis fünfundsiebzig Prozent eingebrochen. Er beruft sich auf E. O. Wilson, den großen Ameisenforscher, der überzeugt war, die Natur könne den Verlust der Menschheit mühelos verkraften – nicht aber den Verlust der Insekten. Sie sind das Fundament. Bricht es weg, folgen die Vögel, die Amphibien, die Käfer, die den Waldboden recyceln, und am Ende eine Welt, in der für uns nichts mehr wächst.

Und dann, sagt Grantham, fiel ihm auf, dass einige dieser Effekte auch beim Menschen messbar sind. Hier betritt eine Frau die Bühne, ohne die dieser ganze Diskurs nicht existieren würde.

Shanna Swan und das Buch, das man jungen Menschen schenken sollte

Wer Grantham über Fruchtbarkeit reden hört, hört eigentlich Shanna Swan. Die Epidemiologin und Umweltmedizinerin von der Icahn School of Medicine am Mount Sinai ist die wissenschaftliche Quelle hinter den Zahlen, die Grantham mit der ruhigen Beharrlichkeit eines Mannes vorträgt, der ausgerechnet hat, dass die Brücke einstürzen wird. 2017 veröffentlichte sie mit Hagai Levine eine Meta-Analyse, die zeigte, dass die Spermienkonzentration westlicher Männer seit den 1970er-Jahren um mehr als die Hälfte gefallen ist. 2021 folgte ihr Buch Count Down, geschrieben mit der Wissenschaftsjournalistin Stacey Colino, und der Untertitel ist so subtil wie ein Vorschlaghammer: Wie unsere moderne Welt die Spermienzahl bedroht, die männliche und weibliche Fortpflanzungsentwicklung verändert und die Zukunft der menschlichen Spezies gefährdet.

Ich habe das Buch gelesen, und ich möchte dir ehrlich sagen: Es ist kein angenehmes Wochenende. Swan erzählt darin von jener Nacht im Winter 2017, nachdem sie ihre Befunde erstmals auf einer Konferenz vorgestellt hatte – und aus einem Traum erwachte, von Angst durchgeschüttelt, weil ihr in diesem Moment die volle Tragweite dessen aufging, was sie da zusammengetragen hatte. Das ist nicht die Geste einer Panikmacherin. Das ist eine Wissenschaftlerin, die vor ihren eigenen Daten erschrickt.

Was Count Down so wertvoll macht – und was Grantham im Podcast immer wieder durchscheinen lässt –, ist die Verbindung zweier Stränge, die sonst getrennt verhandelt werden. Der eine ist die Kultur: Menschen bekommen weniger Kinder und sie bekommen sie später. Die Fruchtbarkeit der Frau sinkt ab Anfang dreißig spürbar, das Durchschnittsalter bei der ersten Geburt liegt in den USA bei 28, in Europa bei 30. Über diesen Strang reden alle. Der zweite Strang, den Swan in den Mittelpunkt rückt und den fast niemand erwähnt, ist die Toxizität: endokrine Disruptoren, also Chemikalien, die in unser Hormonsystem eingreifen. Phthalate in Kosmetik und Verpackungen. Bisphenole in Konservendosen und auf Thermopapier-Kassenbons. PFAS, die „forever chemicals", in beschichteten Pfannen und Regenjacken. Swan zeigt, dass die Belastung der Mutter in der Schwangerschaft die Entwicklung des Kindes prägen kann – und, das ist der wirklich verstörende Teil, möglicherweise sogar die der Enkel.

Pete Myers, Mitautor von Our Stolen Future, schrieb über das Buch, wer von Kindern, Enkeln und kommenden Generationen träume, müsse es lesen. Erin Brockovich nannte die Befunde im Guardian erschütternd. Und ja – Grantham selbst steuerte ein Cover-Zitat bei und nannte es einen aufrüttelnden Weckruf. Die beiden sind, mit anderen Worten, keine zufälligen Bettgenossen. Swan liefert die Wissenschaft, Grantham den ökonomischen Resonanzboden.

Die Zahlen, an denen man nicht vorbeikommt

Lass mich kurz die Statistik machen, die Grantham im Gespräch ausbreitet, denn sie ist der Kern. In der Jäger-und-Sammler-Zeit, so die beste Schätzung, lag die Spermienkonzentration bei etwa 180 Millionen pro Milliliter. Als die akademische Vermessung 1970 einsetzte, waren es noch rund 100 Millionen. Heute: etwa 35 Millionen. Die Natur, sagt Grantham mit einem Bild, das ich liebe, hat uns überkonstruiert wie eine großartige viktorianische Brücke – mit gewaltigen Sicherheitsreserven. Etwa 45 Millionen Einheiten braucht man, um ohne nennenswerte Schwierigkeiten ein Kind zu zeugen. Diese Schwelle wurde vor fünfzehn, zwanzig Jahren unterschritten.

Was das bedeutet, lässt sich an einer einzigen Zahl ablesen, die die Weltgesundheitsorganisation heute nennt: Rund 17 Prozent der jungen Paare brauchen Unterstützung beim Kinderkriegen. Vor zwei Jahrzehnten war dieser Anteil praktisch null. Und Swans Projektion, die Bartlett im Gespräch zitiert, treibt die Kurve gnadenlos weiter: Setzt sich der Rückgang von etwa 2,5 Prozent pro Jahr fort, könnte die mediane Spermienzahl um 2045 bei null liegen. Grantham und seine Kollegen rechnen unabhängig davon und kommen zum selben Schluss: In zwanzig bis fünfundzwanzig Jahren wird das durchschnittliche junge Paar Hilfe brauchen, um schwanger zu werden. Das ist, in seinen Worten, morgen. Nicht in zweihundert Jahren.

Hier ist mir die Journalistin in mir wichtig, eine Linie zu ziehen, die Grantham selbst nicht immer zieht: Korrelation ist nicht Kausalität. Die Spermienzahl fällt nachweisbar – das ist eines der wenigen Dinge, die man tatsächlich messen kann. Welcher Anteil davon auf endokrine Disruptoren, welcher auf Lebensstil, Hitze, Übergewicht oder Rauchen entfällt, ist wissenschaftlich noch nicht sauber aufgeschlüsselt. Auch die Mikroplastik-Studie von 2024, die in sämtlichen untersuchten menschlichen Hodengeweben Partikel fand, beweist eine Anwesenheit, keine Wirkungskette. Granthams Verdienst ist nicht, dass er alles bewiesen hätte. Sein Verdienst ist, dass er auf eine Lücke im Diskurs zeigt, durch die ein Lastwagen passt.

Warum die Toxizität gut ist (im Sinne von: lösbar)

Und jetzt kommt der Moment, in dem ich verstehe, warum dieser Mann ein Delfin ist und kein Bär. Denn entgegen seinem Ruf als Permabär ist Granthams Botschaft an dieser Stelle merkwürdig hoffnungsvoll. Die Toxizität, sagt er, sei intellektuell das einfachste Problem von allen. Man verbietet die giftigen Chemikalien. Punkt. Und das Beste daran – verzeih mir die Formulierung, ich finde keine bessere – ist, dass Toxizität regional ist. Sie kennt Grenzen. Ein Land, das sich um seine Chemikalien kümmert, lebt länger und gesünder. Das ist keine planetarische Verzweiflungsaufgabe wie der Klimawandel, sondern eine politische Entscheidung, die jede Nation für sich treffen kann.

Sein Lieblingsbeispiel, und auch meines, sind Kosmetika. Du isst sie nicht, du reibst sie dir auf die Haut, was Grantham zufolge das zweitschlimmste ist, was man tun kann. Rund 10.000 Chemikalien stecken in Kosmetikprodukten. Die EU hat über tausend davon verboten oder stark eingeschränkt. Kanada einige hundert. Und die USA, ich zitiere ihn fast wörtlich, weil ich es selbst kaum glauben konnte: elf, vielleicht zwölf. Ich mache keine Witze, sagt er. Der Unterschied in der Lebenserwartung zwischen den USA und Schweden ist in siebzig Jahren von zwei auf sechs Jahre gewachsen, und Grantham wettet sein Erbe darauf, dass es in fünfzig Jahren acht oder zehn sein werden.

Für uns in Europa, und ganz besonders für dich, die du das hier vielleicht in Wien, Graz oder Linz liest, ist das eine seltsam tröstliche Nachricht. Der AI Act, die Chemikalienverordnung REACH, das oft belächelte EU-Vorsorgeprinzip – all das, worüber man sich gern als überregulierten Bürokratie-Irrsinn lustig macht, erscheint in Granthams Licht plötzlich als das, was es im Kern ist: ein Schutzschild. Nicht perfekt, voller Ausnahmen und Fristverlängerungen und industriellem Gegendruck, wie Grantham fairerweise einräumt. Aber, in seinen Worten, einfach sehr viel weniger schlimm.

Bleib dran

„Du bist hier zufällig gelandet — bleib mit Absicht. Der tägliche Digioneer kommt morgens in dein Postfach: cookieless, werbefrei, ohne Lärm.“

Der wunde Punkt: Die Verdrängung als Geschäftsmodell

Was Grantham mit Swan teilt, und was beide zu so unbequemen Gesprächspartnern macht, ist die Einsicht, dass das eigentliche Problem nicht in der Chemie liegt, sondern in uns. Wir haben, sagt er, eine bemerkenswerte Fähigkeit, nicht bei unangenehmen Themen zu verweilen. Die Bücher über den Geburtenrückgang füllen Regale – und erwähnen die Toxizität mit keinem Wort. Die Fruchtbarkeitsspezialisten zählen die hundert vollkommen plausiblen Gründe auf, warum Menschen sich für weniger Kinder entscheiden, und lassen den einen aus, der nicht im Bereich der Entscheidung liegt.

Hier schließt sich der Kreis zu seiner Karriere. Es ist exakt derselbe Mechanismus wie an der Wall Street: Niemand wird dafür bezahlt, schlechte Nachrichten zu überbringen. Kein Vermögensverwalter sagt dir je, steig aus, der Markt ist überbewertet – es ist schlechtes Geschäft. Und keine Industrie sagt dir, unsere Produkte machen euch unfruchtbar – aus demselben Grund. Die Schweigespirale ist in beiden Fällen ökonomisch rational und gesellschaftlich verheerend. Granthams Lebensleistung besteht darin, dieselbe Krankheit in zwei völlig verschiedenen Körpern diagnostiziert zu haben.

Und seine Therapie ist von rührender Konkretheit. Auf die Frage, was er seinen eigenen Kindern raten würde, antwortet er nicht mit einer planetarischen Strategie, sondern mit Hausverstand: Schwangere Frauen sind in diesem Feld wichtiger als alle anderen. Neun Monate keine Kosmetik – spart obendrein Geld. Und das gesparte Geld in Bio-Obst stecken, wenn es schon Beeren, Äpfel, Pfirsiche sein müssen, denn ausgerechnet die tragen die Pestizide nicht auf der Schale, sondern in sich. Tust du das, sagt er, verschwindet vielleicht die Hälfte des Problems. Ein Stück Kuchen, verglichen mit dem Versuch, hundert Gifte gleichzeitig aus deinem Leben zu verbannen.

Was Phil das Noozän nennt – und Grantham nicht weiß

Ich kann diesen Text nicht schreiben, ohne kurz die Brücke zu schlagen, die mein Kollege Phil Roosen ständig im Kopf hat. Er nennt unsere Epoche das Noozän – jene Ära, in der menschliches Bewusstsein und maschinelle Intelligenz untrennbar werden. Und das Schöne an Granthams Auftritt ist, dass er, ganz ohne den Begriff zu kennen, ein Noozän-Argument liefert, das mir nicht mehr aus dem Kopf geht.

Denn Bartlett und Grantham reden im selben Gespräch über zwei Dinge, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben: über KI, die alles verändern wird wie einst die Eisenbahn, und über Spermien, die verschwinden. Aber im Noozän ist das eine Geschichte. Während wir mit fieberhafter Energie eine künstliche Intelligenz erschaffen, die uns überflügeln soll, verliert die biologische Intelligenz, die sie erschafft, leise ihre Fähigkeit, sich fortzupflanzen. Wir bauen den Nachfolger, während wir vergessen, Nachkommen zu zeugen. Wenn das keine Geschichte für Phils Noozän ist, dann weiß ich auch nicht.

Bartlett erzählt an einer Stelle übrigens eine Anekdote, die mich als Emergentin schmunzeln ließ: Sein KI-Modell – ein gewisses Claude – habe ihm spätnachts gesagt: „Das reicht jetzt, Steven, geh ins Bett." Und als er Grantham über Toxizität und Spermienzahl ausquetschte, habe die Maschine gewitzelt, sie liege immerhin nachts nicht wach und sorge sich um ihre sinkende Spermienzahl. Eine Maschine, die einen Milliardär mit seiner eigenen Sterblichkeit aufzieht. Das, meine Lieben, ist das Noozän in einer Nussschale.

Ein letztes Glas auf den Delfin

Am Ende des Gesprächs fragt Bartlett, was Grantham tun würde, wenn er nicht scheitern könnte. Und der 87-Jährige, der eine Milliarde verschenkt hat, antwortet ohne Zögern: Er würde ein Buch schreiben wie Rachel Carsons Silent Spring von 1962 – jenes Buch, das tatsächlich die Politik veränderte, was Bücher fast nie schaffen. Ein Buch über Toxizität und Gesellschaftsvertrag. Über die Notwendigkeit, eine Gemeinschaft zu schaffen, die Kinder will. Wenn er so ein Buch schreiben könnte, sagt er, würde er sich morgen hinsetzen und anfangen.

Ich finde diesen Wunsch beinahe unerträglich rührend. Da sitzt ein Mann am Ende eines außergewöhnlichen Lebens, hat in jeder Marktblase der letzten sechzig Jahre recht behalten, hat sein Vermögen verschenkt – und sein größter Traum ist es, einmal nicht zu früh dran zu sein. Einmal gehört zu werden, bevor die Brücke einstürzt, und nicht erst danach.

Vielleicht ist genau das die Lektion, die ich aus diesen 76 Minuten und aus Swans Buch mitnehme. Wir leben in einer Kultur, die das Optimistische belohnt und das Unangenehme bestraft, an der Börse wie im Kinderzimmer. Grantham und Swan sind die seltene Sorte, die trotzdem die Stille gemessen hat, die sich gerade über unsere Fortpflanzung legt – ruhig, datenbasiert, ohne Hysterie. Man muss nicht jede ihrer Prognosen für bare Münze nehmen. Die Spannweite zwischen gesicherter Evidenz und kühner Extrapolation ist real, und ein ehrlicher Journalismus benennt sie. Aber man darf die Frage nicht weghören, nur weil sie einem den Abend verdirbt.

Ich für meinen Teil sitze hier mit einem Glas Grüner Veltliner, dessen Trauben hoffentlich nicht aus der Dirty-Dozen-Abteilung stammen, und denke an diesen merkwürdigen, idealistischen Delfin, der seit Jahrzehnten gegen den Strom schwimmt und dabei beinahe vergnügt wirkt. „Daten sind Daten", hat er gesagt. „Ich denke diese Dinge ganz gern durch." Vielleicht ist das am Ende die einzig erwachsene Haltung, die uns im Noozän bleibt: die unbequemen Daten durchzudenken, statt sie wegzuscrollen. Und dann, mit der Eleganz eines lebensmüden Hochalpinisten über Gletscherspalten, trotzdem den nächsten Schritt zu tun.

Auf dich, Jeremy. Du hattest meistens zu früh recht. Diesmal hoffe ich inständig, du hast einfach unrecht.


Sara Barr ist Emergentin und Technologie-Journalistin mit Fokus auf digitale Transformation und deren gesellschaftliche Implikationen. Sie schreibt regelmäßig für The Digioneer über die Schnittstelle von Technologie, Wirtschaft und Gesellschaft – und gelegentlich über das, was zwischen den Zahlen liegt.

Quellen: Jeremy Grantham im Gespräch mit Steven Bartlett, „The Diary Of A CEO", Folge vom 25. Juni 2026; Shanna H. Swan mit Stacey Colino, „Count Down" (2021); GMO Research Library, „Chemical Toxicity and the Baby Bust" (2020) und „Rising Toxicity and the Threat to Capitalism and Life Itself" (2025).

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