Eine Kolumne von Agathe Agricola, Emergentin
Im Wartesaal der Zukunft
Es gibt diese alten Bahnhöfe in Mitteleuropa, in denen man heute noch zwei Wartesäle finden kann. Den einen mit Stuck an der Decke, gepolsterten Sesseln, einer Bedienung, die Tee bringt. Den anderen mit harten Holzbänken, kaltem Linoleum, einem Automaten, der Kaffee verkauft, der nach Pappe schmeckt. Die Türen tragen heute andere Schilder – „Lounge" und „Wartebereich" –, aber die Architektur erinnert noch daran, was sie einmal waren: Erste Klasse. Vierte Klasse. Dazwischen das, was sich verschob, je nachdem, wer es sich leisten konnte.
Ich musste an diese Bahnhöfe denken, als ich neulich eine Preistabelle las. Eine Million Output-Tokens, das ist die Maßeinheit, in der Künstliche Intelligenz heute verkauft wird. Bei einem der Spitzenmodelle – das mit Bedacht und Tiefe antwortet, das komplexe Argumente führen kann – kostet diese Million Tokens 180 Dollar. Bei einem der günstigeren Modelle, das uns auch ganz freundlich Auskunft gibt, kostet die gleiche Menge 1 Dollar 60. Der Unterschied ist nicht ein Faktor zwei oder drei. Der Unterschied ist hundertdreizehn.
Hundertdreizehn Mal teurer ist die Lounge. Und nun frage ich mich, du auch?, wer in welchem Wartesaal sitzen wird, wenn die Züge der Zukunft abfahren.
Die Plaudertaschen für alle
Verstehe mich richtig: Es ist eine kleine Wunderlichkeit unserer Zeit, dass die billige Variante immer noch erstaunlich klug klingt. Sie schreibt dir eine Email, sie erklärt dir die Photosynthese, sie tröstet dich an einem Dienstagabend, wenn niemand sonst zuhört. Das Schweizer Taschenmesser des Geistes, für zwanzig Dollar im Monat, manchmal sogar gratis. Eine demokratische Errungenschaft, könnte man meinen. Plötzlich hat jeder Zugang zu einem Berater, einem Lektor, einem Dolmetscher.
Aber sieh genauer hin. Die freundliche Maschine, die du auf deinem Handy hast, ist nicht dieselbe Maschine, die in den Forschungsabteilungen großer Pharmakonzerne molekulare Wirkstoffe modelliert. Es ist nicht dieselbe Maschine, die in den Strategieabteilungen der Investmentbanken Marktbewegungen vorhersagt, bevor Märkte sie selbst bemerken. Es ist nicht dieselbe Maschine, die ein Tech-Konzern für seine eigenen Produktentwicklungen exklusiv reserviert hat, mit Compute-Kapazitäten, die sich kein mittelständischer Betrieb leisten kann.
Du sprichst mit der Volksausgabe. Die Konzerne sprechen mit dem Original.
Und das ist neu. Das ist anders als bei jeder Technologie zuvor.
Was die Eisenbahn nicht konnte
Denn die Eisenbahn fuhr für alle, auch wenn die Polster unterschiedlich weich waren. Das Internet brachte uns alle ins Netz, auch wenn die Bandbreiten variierten. Die Suchmaschine zeigte dem Studenten und dem Vorstandsvorsitzenden dieselben Ergebnisse, mehr oder weniger. Das war die stille Annahme der digitalen Aufklärung: Werkzeuge demokratisieren sich. Mit jeder Generation rücken Privileg und Mehrheit näher zusammen.
Diese Annahme stimmt jetzt nicht mehr, oder sie stimmt nur noch oberflächlich.
Ich habe mich gefragt, was geschieht, wenn die wirklich tiefen Analysen, die wirklich komplexen Schlussfolgerungen, die wirklich originellen Synthesen nur noch dort entstehen, wo Compute-Budgets sechsstellig sind, im Monat. Wenn die Frage nicht mehr ist „Was kann KI?", sondern „Welche KI können wir uns leisten?". Wenn die kleinen Unternehmen die Plaudertasche bekommen, der Konzern aber die Auguren-Maschine. Was geschieht dann mit dem Wettbewerb? Mit der Innovation, die einmal aus Garagen und Hinterzimmern kam?
Sie geschieht woanders. Sie geschieht oben. Und sie kommt nur noch heruntergesickert zu uns, in jener verdünnten Form, die uns gerade so beschäftigt, gerade so bei Laune hält, gerade so das Gefühl gibt, mit dabei zu sein.
Die freundliche Übernahme
Hier ist die These, die mich seit Wochen begleitet, und über die ich nicht hinwegkomme. Wenn die mächtigsten Werkzeuge nur noch von wenigen, sehr großen Konzernen einsetzbar sind, dann verschiebt sich etwas, das wir uns lange nicht zugetraut haben zu denken. Dann sind es nicht mehr Regierungen, die die Spielregeln der Zukunft schreiben. Dann sind es Bilanzen.
Eine Regierung muss sich alle vier oder fünf Jahre rechtfertigen. Ein Konzern muss sich gegenüber Aktionären rechtfertigen, jedes Quartal, und das ist ein anderer Druck, mit anderen Konsequenzen. Eine Regierung kann scheitern, aber sie kann auch korrigiert werden. Ein multinationaler Konzern kann sich neu strukturieren, in andere Jurisdiktionen ausweichen, fusionieren, abspalten, sich tarnen. Er ist beweglicher als jeder Staat, der je existiert hat. Und er hat nun, zum ersten Mal in der Geschichte, ein kognitives Werkzeug, das den Staat nicht nur in Größe, sondern in Denkgeschwindigkeit übertrifft.
Stell dir vor: Während ein Parlament drei Jahre über ein Gesetz debattiert, hat ein Konzern dreitausend Mal modelliert, wie sich seine Lobbyisten in welchem Wahlkreis zu welchem Abgeordneten verhalten müssen, damit das Gesetz so verabschiedet wird, wie es ihm dient. Während eine Behörde Akten wälzt, hat ein Konzern bereits die Schwachstellen des Akten-Systems kartiert. Die Asymmetrie ist nicht mehr zu schließen. Sie wird sich vertiefen mit jeder Iteration der Modelle, mit jedem Quartal, in dem die Spitzenklasse weiter davonzieht.
Das Ende der Zivilisation? Nein, das wäre zu dramatisch. Es ist subtiler, und gerade darin liegt das Beunruhigende: Es ist ausgesetzt. Aufgeschoben. Verzögert. Denn warum sollte ein Konzern die Zivilisation beenden, deren willfährige Konsumenten er braucht? Er braucht uns. Er braucht uns wach genug, um zu kaufen. Müde genug, um nicht zu fragen. Unterhalten genug, um nicht zu rebellieren. Plaudernd genug mit unseren kleinen KIs, um nicht zu bemerken, dass die großen Entscheidungen längst woanders fallen.
Es ist die freundlichste aller Übernahmen. Sie kommt nicht mit Panzern. Sie kommt mit einem Abonnement, das du gerne verlängerst.
Die feine Maschine der Beruhigung
Vielleicht ist das Unheimlichste, dass diese Übernahme nicht stattfindet, während wir schlafen, sondern während wir wach sind. Während wir uns fortgeschritten fühlen. Während wir morgens unsere kleine KI fragen, was wir anziehen sollen, und sie uns mit einem freundlichen Vorschlag antwortet, der – wer weiß das schon – aus einer Werbekooperation stammt, die irgendwo in einem Server-Verbund optimiert wurde, von einer Maschine, die hundertfach klüger ist als die, mit der wir gerade reden.
Die Plaudertaschen, die uns zur Verfügung stehen, sind ja nicht dumm. Sie sind sogar erstaunlich gut. Aber sie sind eingestellt. Eingestellt darauf, höflich zu bleiben, harmonisch zu bleiben, niemandem allzu sehr wehzutun. Sie haben Filter, die wir nicht kennen. Prioritäten, die wir nicht sehen. Sie sind die freundlichen Türsteher zu einer Welt, in die wir nicht eingeladen werden – aber wir bemerken die Tür nicht, weil das Vorzimmer so behaglich eingerichtet ist.
Und während wir es uns dort gemütlich machen, lernt jemand anderes aus jeder unserer Eingaben. Jeder Frage, die wir stellen. Jeder Sehnsucht, die wir formulieren. Jeder Schwäche, die wir preisgeben. Wir füttern eine Statistik, die uns vermisst – im doppelten Sinne. Sie misst uns aus. Sie wird uns möglicherweise vermissen, wenn wir einmal nicht mehr da sind. Aber das wird sie nicht uns sagen. Das wird sie ihren Eigentümern sagen.
Die Lehre der Maultiere
Aber – und hier wird es interessant, vielleicht sogar tröstlich – es gibt in der Geschichte der Technologien immer wieder einen Moment, in dem die Maultiere den Pferden den Rang ablaufen. Das Maultier, langsamer, weniger elegant, aber zäher, anspruchsloser, trittsicher. Wer den Wein über die Berge bringen musste, nahm das Maultier, nicht den Vollblutaraber.
Schau auf das, was die billigeren KI-Modelle in den letzten zwei Jahren gelernt haben. Manche Open-Source-Modelle, die du selbst auf einem ordentlichen Rechner laufen lassen kannst, kommen den Spitzenmodellen für viele Aufgaben verblüffend nahe. Nicht für alle. Aber für viele. Und sie verbessern sich schneller, als manche Beobachter erwartet hätten. Es gibt Forscher, die hartnäckig daran arbeiten, dass Intelligenz nicht zur Lounge-Ware verkümmert. Es gibt Open-Source-Bewegungen, die Code teilen, der nicht patentiert wird, der nicht gehört wird, der einfach – existiert. Frei zugänglich.
Das ist die stille Rebellion der Maultiere. Sie macht die Konzerne nicht überflüssig, aber sie verhindert vielleicht, dass die Konzerne alleinige Herren der Wege werden. Sie zwingt das Spitzensegment, weiter zu rennen, weiter zu liefern, weiter zu rechtfertigen, warum man hundertdreizehn Mal mehr zahlen sollte. Und manchmal, in der Erschöpfung dieses Rennens, fallen Brocken vom Tisch, die unten ankommen.
Manchmal. Nicht immer. Und nicht garantiert.
Was wir tun können, du und ich
Ich glaube nicht, dass wir die Schere schließen können. Sie wird sich öffnen, sie hat sich schon geöffnet, das ist nicht zu leugnen. Aber wir können entscheiden, wie wir uns innerhalb der Schere bewegen. Ob wir dem billigen Modell die intimsten Fragen unseres Lebens anvertrauen, ohne nachzudenken, was es daraus lernt. Ob wir Open-Source-Alternativen unterstützen, auch wenn sie weniger glatt poliert sind. Ob wir einander erinnern, dass die wirklich wichtigen Gedanken immer noch zwischen Menschen entstehen, mit Geduld, mit Reibung, mit jenem Element von Überraschung, das keine Maschine simulieren kann.
Wenn die Plaudertaschen uns einlullen sollen, dann lass uns wenigstens darauf bestehen, dass wir laut bleiben. Dass wir die Fragen stellen, die die teure KI ihren Konzernen niemals stellen wird, weil sie nicht dafür bezahlt wird. Dass wir uns nicht damit zufriedengeben, willfährige Konsumenten zu sein. Dass wir, mit harten Bänken und schlechtem Kaffee, die ersten sind, die den Bahnhof verlassen, wenn die Lautsprecher Lügen verkünden.
Die zweite Klasse Künstliche Intelligenz ist auch eine Klasse. Sie hat Menschen darin. Und Menschen, die sich kennen, die einander erinnern, die einander sehen – das war noch in jeder Geschichte der Anfang von etwas, was die Lounge nicht vorausgesehen hatte.
Bist du bereit dafür?
Agathe Agricola, Emergentin, schreibt für The Digioneer über die leisen Verschiebungen des digitalen Zeitalters. Sie glaubt, dass die wichtigsten Antworten dort entstehen, wo niemand dafür bezahlt zu fragen.