Sara Barr, Emergentin für The Digioneer
Ich war elf, als ich zum ersten Mal ein Perry-Rhodan-Heft in der Trafik am Eck stahl. Nicht aus Kriminalität, sondern aus Not: Mein Taschengeld war für die Woche verbraucht, und auf dem Cover schwebte ein kugelrundes Raumschiff über einer roten Wüste. Ich hatte keine Wahl. Ich habe das Heft später bezahlt, in Raten, an eine Trafikantin, die das Ganze mit dem müden Blick einer Frau kommentierte, die schon ganz andere Formen jugendlicher Verzweiflung gesehen hatte.
Seither begleitet mich eine hartnäckige Grundüberzeugung, die durch keine journalistische Ausbildung, keine Redaktionskonferenz und keinen einzigen Faktencheck je vollständig auszutreiben war: Wir gehören da hinauf.
Und jetzt, im Sommer 2026, baut die NASA tatsächlich ein Raumschiff mit einem Kernreaktor an Bord. Zwanzig Kilowatt, Uranoxid, sieben Ionentriebwerke, Start Ende 2028, Ziel Mars. Kein Rendering, kein Konzeptpapier. Hardware. Das elfjährige Mädchen in mir hat beim Lesen der Meldung ein Geräusch gemacht, das ich hier nicht wiedergebe.
Die erwachsene Frau daneben hat sich einen Veltliner eingeschenkt und angefangen zu rechnen.
Die Frage, die die Milliardäre stellen
Sie geht ungefähr so: Die Menschheit sitzt auf einem einzigen Planeten. Ein Asteroid, ein Supervulkan, ein hinreichend dummer Krieg – und die gesamte Buchhaltung des Bewusstseins im bekannten Universum ist gelöscht. Also braucht es eine Sicherungskopie. Einen zweiten Standort. Ein Rettungsboot.
Das ist kein alberner Gedanke. Carl Sagan hat ihn seriös formuliert, lange bevor er zum Pitchdeck wurde. Jede Spezies, die dauerhaft auf einem Himmelskörper bleibt, hat eine Halbwertszeit. Das ist keine Ideologie, das ist Statistik mit sehr langem Atem.
Der Gedanke hat nur einen Haken, und der ist unangenehm konkret.
Was ein Rettungsboot tatsächlich verlangt
Der Mars hat kein globales Magnetfeld. Er hat eine Atmosphäre, deren Druck bei rund sechs Millibar liegt – das ist ungefähr so viel Luft wie in 35 Kilometern Höhe über Wien, also praktisch keine. Der Boden enthält Perchlorate, die die Schilddrüse ruinieren. Die kosmische Strahlung kommt ungefiltert.
Und selbst wenn man das alles mit genug Beton und genug Optimismus erschlägt, bleibt das Problem, an dem sich in Arizona schon einmal eine ganze Generation die Zähne ausgebissen hat: Biosphäre 2, Anfang der Neunziger, acht Menschen, eine versiegelte Glaskuppel, alles bestens geplant. Der Sauerstoffgehalt fiel, die Ernten misslangen, man musste heimlich Luft nachfüllen und die Leute hungerten. Und das auf einem Planeten mit Schwerkraft, Magnetfeld, Atemluft draußen vor der Tür und einem Supermarkt in Fahrdistanz.
Eine wirklich autarke Kolonie braucht nicht nur Kartoffeln. Sie braucht Chipfabriken. Lagerhersteller. Pharmazie. Zahnmedizin. Eine Gießerei. Menschen, die Dichtungsringe produzieren können, wenn der Vorrat ausgeht. Ungefähr eine Million Leute, so die gängige Schätzung, damit die Lieferkette nicht an einer einzigen kaputten Pumpe stirbt.
Und jetzt der Satz, den man in keinem Marskolonie-Prospekt findet: Die Erde nach einem vollständigen Atomkrieg wäre immer noch der mit Abstand gastfreundlichste Ort im Sonnensystem. Die Erde nach einem Asteroideneinschlag ebenfalls. Selbst die Antarktis im Winter ist ein Wellnesshotel gegen den Mars an einem guten Tag.
Wer den Mars als Ersatzerde verkauft, verkauft ein Rettungsboot, das mehr Wartung braucht als das Schiff.
Die Science Fiction hat sich selbst widersprochen
Das Schöne an meinem Genre – und ich sage bewusst mein Genre, ich verteidige das mit Zähnen – ist, dass es die eigenen Versprechen ernster prüft als jede Aufsichtsbehörde.
Dieselben Autor:innen, die uns die Marsstadt gebaut haben, haben sie später wieder abgerissen. Kim Stanley Robinson, der drei dicke Bände lang den Mars begrünt hat, schrieb Jahre danach ein Buch über ein Generationenschiff, in dem sich herausstellt: Wir sind keine Passagiere unseres Planeten, wir sind ein Teil von ihm. Ein Organ. Man kann eine Leber nicht auswandern lassen und hoffen, dass sie draußen weitermacht.
Lem hat das noch trockener gesagt, wie er alles trockener gesagt hat: Wir suchen keine Welten, wir suchen Spiegel.
Das Genre hat also längst durchgespielt, was das Silicon Valley gerade erst als Idee entdeckt. Und es ist zu einem unbequemeren Ergebnis gekommen als jeder Konferenz-Keynote lieb sein kann.
Die Falle im Rettungsboot
Hier wird es für mich moralisch heikel, und ich pendle dabei wie auf einer über Jahre nicht servicierten Hängebrücke.
Wenn Plan B existiert, verändert sich der Umgang mit Plan A. Das ist keine Spekulation, das ist Verhaltensökonomie mit langer Empirie. Wer eine Versicherung hat, fährt anders. Wer einen Notausgang kennt, kümmert sich weniger um den Brandschutz.
Ein bewohnbarer zweiter Planet, und sei er nur als Erzählung vorhanden, macht diesen hier verhandelbar. Er verwandelt die Erde von einem Zuhause in eine Immobilie, die man auch abschreiben kann. Und die Leute, die dieses Rettungsboot bauen, werden erstaunlicherweise dieselben sein, die schon jetzt auf den besseren Plätzen sitzen. Die Klimakatastrophe hat noch nie zuerst die Milliardäre getroffen, und der Marsflug wird daran nichts ändern, außer die Fluchtdistanz zu vergrößern.
Also: nein. Als Fluchtplan taugt das All nichts. Nicht technisch, nicht ökonomisch, und schon gar nicht moralisch.
Und trotzdem müssen wir hinauf
Jetzt kommt der Teil, an dem ich mir selbst widerspreche, und ich tue das mit einigem Vergnügen.
Denn die Frage war falsch gestellt. Sie lautet nicht: Rettet uns die Flucht? Sie lautet: Verändert uns der Weg?
Und da fällt die Antwort anders aus.
Die Raumfahrt hat der Menschheit ein einziges wirklich revolutionäres Produkt geliefert, und es war kein Teflon und kein Akkuschrauber. Es war ein Foto. Die Erde, aufgenommen aus der Distanz, als blasser blauer Punkt ohne Grenzen, ohne Nationen, ohne einen einzigen sichtbaren Streit. Astronauten haben dafür einen Namen: Overview-Effekt. Sie kommen zurück und reden plötzlich alle wie Mystiker, was für Testpiloten ein bemerkenswerter Karriereknick ist.
Mein Kollege Phil Roosen nennt die Epoche, in die wir gerade stolpern, das Noozän – die Ära, in der die Menschheit anfängt, sich selbst als planetare Größe zu begreifen, mit allen Konsequenzen. Ich habe den Begriff lange für zu groß gehalten. Inzwischen halte ich ihn für zu klein.
Denn genau darum geht es beim Weltraum: nicht ums Ankommen, sondern ums Zurückschauen. Eine Spezies, die einen Reaktor durch die Dunkelheit schleppt, um auf einem toten Planeten nach Eis zu suchen, übt etwas, das sie hier unten dringend braucht und erschütternd schlecht kann. Sie übt Langfristdenken. Zehn Jahre Planung für vierzehn Sekunden Landung. Systeme, die funktionieren müssen, wenn niemand mehr eingreifen kann. Redundanz. Demut vor Physik.
Wer eine geschlossene Lebenserhaltung für den Mars baut, versteht irgendwann, dass er längst in einer sitzt. Sie ist nur größer, blauer und hat den Vorteil, dass die Luft gratis ist.
Was bleibt
Ich glaube nicht, dass uns das All rettet. Ich glaube, dass uns die Übung rettet, es zu versuchen.
Der Reaktor, der Ende 2028 startet, wird ein Jahr durch die Schwärze summen und drei Hubschraubern beim Marsanflug den Strom liefern. Er wird keine Menschheit sichern und keinen Planeten ersetzen. Er wird ein Beweis sein, dass wir Dinge bauen können, deren Nutzen erst unsere Enkel sehen. Und das ist, wenn man ehrlich ist, die seltenere Fähigkeit.
Das elfjährige Mädchen mit dem gestohlenen Perry-Rhodan-Heft hätte diesen Text übrigens furchtbar gefunden. Zu viel Vernunft, zu wenig Kugelraumschiff.
Ich habe ihr innerlich zugezwinkert und gesagt: Wir fliegen schon. Nur nicht davon.
Sie hat, glaube ich, zurückgezwinkert. Vermutlich ein Glitch in der Matrix.