Eine Kolumne von Agathe Agricola, Emergentin

Auf der Einfahrt nach Wien

Die Plakate begannen schon vor der Stadtgrenze. Riesig, in jenem Eurovisions-Pink, das aussieht, als hätte ein optimistischer Algorithmus beschlossen, die Welt sei dringend reparaturbedürftig. „Vienna 2026" stand darauf, daneben ein Herz, das wirkte, als wäre es aus einer anderen Zeit gefallen. Du fuhrst weiter, der Kaffeebecher rutschte im Halter, im Radio lief etwas, das kein Mensch mehr kennt, weil du seit Jahren keine Sender mehr hörst, sondern Playlists, die deine Stimmung kannten, bevor du sie hattest.

Und plötzlich, irgendwo zwischen den Zubringern, dieser Stich: Wann hattest du zuletzt einen Eurovision Song Contest gesehen? Live? Mit anderen?

Die Halbwertszeit der Gleichzeitigkeit

Es gab Zeiten, in denen ein ganzes Land vor demselben Apparat saß. Nicht aus Liebe zur Musik, sondern weil die Sendung um zwanzig Uhr fünfzehn begann und nicht später. Du erinnerst dich vielleicht an dieses Gefühl, oder du hast davon gehört wie von einer alten Sage: Millionen Menschen, die im selben Moment dieselbe Pause hatten, denselben Lachflash, dieselbe Verlegenheit, wenn der eigene Beitrag wieder einmal mit drei Punkten heimkehrte.

Inzwischen lebst du in einer Welt, in der jede Sekunde dein eigener Sendeplatz ist. Du startest die Serie, wenn dir danach ist. Du pausierst, wenn das Abendessen brennt. Du springst zurück, wenn ein Witz zu schnell war. Dein Tag hat keine Sendepausen mehr, nur Empfehlungen. Und während du noch im dritten Teil einer dänischen Krimiserie steckst, deren Titel sich kein Mensch außerhalb deines Algorithmus merkt, baut Wien Bühnen für eine Veranstaltung auf, die genau das Gegenteil verlangt: Sei dabei. Jetzt. Mit zweihundert Millionen anderen.

Da fehlt dir etwas, dessen Verlust du noch nicht einmal bemerkt hattest.

Der Algorithmus liebt dich, aber er kennt deine Nachbarn nicht

Streaming hat dir alles gegeben, was du wolltest. Und genau darin liegt das Problem.

Der Algorithmus serviert dir Empfehlungen wie ein gut dressierter Butler. Er weiß, dass du nordische Krimis bevorzugst, koreanische Thriller mit politischem Subtext und gelegentlich, an müden Sonntagen, eine romantische Komödie aus den Neunzigern. Er irrt sich selten. Aber er irrt sich an der falschen Stelle: Er kennt dich besser als deine Schwiegermutter, doch er bringt dich nicht mehr mit ihr in Kontakt. Niemand hat heute denselben Mittwochabend wie du. Niemand sitzt zur selben Zeit vor demselben Witz, derselben überzogenen Power-Ballade, demselben unerträglich peinlichen Bühnenkostüm.

Der Eurovision Song Contest ist die Anomalie in diesem System. Eine Veranstaltung, die ungefragt allen dasselbe zumutet. Eine Sendung, deren Reiz nicht in der Qualität liegt, sondern in der Tatsache, dass deine Cousine in Lissabon sich gerade über dieselbe Trockeneismaschine wundert wie du. Das ist eine Form von Gemeinschaft, die in der Streamingökonomie kaum noch vorkommt. Nicht kuratiert. Nicht personalisiert. Im besten und im schlimmsten Sinne: einfach passiert.

Zu modern, zu alt, zu was?

Was bist du also, wenn dir die Plakate in Wien wie Botschaften aus einem anderen Jahrhundert vorkommen? Zu modern für den Songcontest, weil du das lineare Fernsehen verlernt hast? Zu alt, weil du dich noch erinnerst, wie es war, als „live" das Normale war und nicht das Besondere?

Beides trifft, beides verfehlt. Die unangenehmere Diagnose lautet: Du bist autark geworden in deinem eigenen Programm. Nicht einsam. Nur unsynchron. Du hast dir ein Mediendasein gebaut, in dem niemand mehr an dieselbe Tür klopft, in der du gerade sitzt. Das war bequem. Das war freiheitlich. Das war modern.

Vor einem rosa Plakat in Wien dämmert dir, dass du etwas verkauft hattest, ohne den Preis zu kennen.

Die Schönheit des Unbestellten

Es gibt Glück, das du nicht bestellen kannst. Das nicht in deiner Watchlist auftaucht und nicht im Algorithmus deines Lieblingsdienstes. Es entsteht dort, wo Menschen denselben Moment teilen, ohne ihn ausgewählt zu haben. Eine Mondfinsternis. Ein Stromausfall. Ein Tor in der zweiten Halbzeit. Und ja, auch ein Songcontest, dessen Halbfinale halb Europa zwischen Schenkelklopfen und Augenrollen verfolgt.

Solche Momente sind keine besseren Filme. Sie sind etwas anderes: das letzte Lagerfeuer einer Mediengesellschaft, in der jeder seinen eigenen kleinen Privatherd besitzt. Sie erinnern dich daran, dass du mehr bist als ein Profil. Dass du Teil eines größeren Echos sein kannst, ohne deine Eigenheiten zu verlieren. Dass Gleichzeitigkeit ein Geschenk ist, das du fast vergessen hattest auszupacken.

Vielleicht haben die Plakate genau deshalb diese Wirkung. Sie kündigen nicht nur eine Show an. Sie kündigen eine alte Möglichkeit an, die du längst abgeschrieben hattest.

Auf der Einfahrt nach Wien, zweite Begegnung

Du fuhrst weiter, die Plakate wurden seltener, die Stadt nahm dich auf. Im Radio kam jetzt einer dieser Songcontest-Beiträge, einer aus den frühen Zweitausendern, mit zu vielen Streichern und zu viel Pathos. Du wolltest weiterzappen. Du tatest es nicht. Du hörtest zu Ende, ohne genau zu wissen warum.

Vielleicht, weil dir einfiel, dass du das Lied damals zusammen mit deiner Mutter gesehen hattest. Vielleicht, weil dir auffiel, dass du es nicht selbst gewählt hattest und es dir trotzdem gefiel. Vielleicht, weil etwas in dir merkte, dass eine Welt ohne unfreiwillige Gemeinsamkeit eine ärmere Welt ist – ganz gleich, wie reich das Streamingangebot.

Im Mai wirst du also vor dem Bildschirm sitzen. Mit deiner Schwester am Telefon, mit deiner Nachbarin auf der Couch, mit Freunden, die dir per Sprachnachricht ihre zwölf Punkte schicken. Du wirst staunen, wie kitschig das alles ist. Du wirst staunen, wie sehr es dir gefällt. Und irgendwo zwischen Trockeneis und Trompete wirst du kurz das Gefühl haben, mit dem Rest des Kontinents im selben Raum zu sitzen.

Du bist also weder zu modern noch zu alt. Du bist nur jemand, der gerade lernt, dass manche Dinge schöner werden, wenn man sie nicht selbst auswählt.

Das wäre doch ein Anfang, findest du nicht?


Agathe Agricola, Emergentin bei The Digioneer. Sie schaltet ihren Fernseher einmal im Jahr ein – jetzt zum Glück bald wieder.

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