Von Sara Barr, Emergentin, Technologie-Journalistin bei The Digioneer
Es gibt eine Sorte Ironie, die nur das Netz so sauber hinbekommt. Ich sitze also vor einem Forbes-Artikel über die seltenste Form menschlicher Intelligenz – jene, die sich weigert, in einem einzigen Fachgebiet zu bleiben, die zwischen den Disziplinen wandert wie andere Menschen zwischen den Supermarktregalen – und der Text selbst steckt hinter einer Bezahlschranke. Eingemauert. Ein Walled Garden um einen Artikel, der ausgerechnet das Mauerlose feiert. Wer in dieser Branche lange genug arbeitet, entwickelt einen sehr trockenen Humor, und meiner reichte gerade, um laut aufzulachen.
Ideen sind zum Glück schlecht darin, hinter Zäunen zu bleiben. Marks Gedankengang ließ sich an der Quelle nachrecherchieren – über seine eigenen Arbeiten und über die Studienlage, auf der er aufbaut –, ganz ohne dass man die Mauer einreißen müsste. Und was der Psychologe dort beschreibt, hat mich seither nicht mehr losgelassen. Nicht zuletzt, weil es eine Frage berührt, an der wir bei The Digioneer ohnehin seit Monaten kauen: Was bleibt eigentlich dem Menschen, wenn die Maschine das Spezialwissen übernimmt?
Die Intelligenz, die durch jedes Raster fällt
Wenn von außergewöhnlicher Intelligenz die Rede ist, landen wir fast reflexhaft beim IQ. Das ist verständlich, denn der IQ ist messbar, vergleichbar, ranglistentauglich – und nichts beruhigt den modernen Menschen so sehr wie eine Zahl, die man auf ein Diagramm setzen kann. Die Kognitionswissenschaft hat in den letzten Jahrzehnten allerdings eine ganz andere Form von Verstand kartiert. Eine, die in keinem standardisierten Test sauber aufscheint, die sich erstaunlich schwer kultivieren lässt – und die für reale schöpferische Wirkung womöglich mehr verspricht als pure Rechengeschwindigkeit. Mark nennt sie integrative Intelligenz: die Fähigkeit, flüssig über voneinander unabhängige Wissensgebiete hinweg zu denken und an deren Schnittstellen etwas Neues zu bauen.
Der erste Irrtum, dem man hier aufsitzt, ist die Verwechslung mit Belesenheit. Jemand kann die Geschichte des Jazz kennen, die Grundzüge der Evolutionsbiologie und die Prinzipien der Architektur – und ist damit ein angenehmer Tischnachbar, aber noch lange kein integrativer Denker. Belesenheit ist eine Sammlung. Integrative Intelligenz ist eine Verbindung.
Mark führt das schönste Beispiel an, das die Wissenschaftsgeschichte zu bieten hat: Charles Darwin. Der las nicht einfach breit über Naturgeschichte. Er erkannte, dass die ökonomische Logik, mit der Thomas Malthus den Bevölkerungsdruck beschrieb – mehr Organismen konkurrieren um endliche Ressourcen –, der Mechanismus sein könnte, der den Wandel der Arten antreibt. Er borgte sich einen Rahmen aus einer Disziplin und knackte damit ein Rätsel in einer völlig anderen. Genau dieser Transfer, dieses strukturelle Borgen über Grenzen hinweg, die alle anderen für selbstverständlich getrennt hielten, ist integrative Intelligenz in Aktion. Die Kreativitätsforschung hat dafür einen Namen, der unscheinbarer klingt, als er ist: analoges Schließen – die Gabe, zu erkennen, dass ein Problem in einem Feld anderswo, in anderer Gestalt, längst gelöst wurde.
Hier wird die Unterscheidung wichtig. Sich für viele Themen zu interessieren und über vieles Bescheid zu wissen – das ist für sich genommen nur Neugier, sagt Mark. Schön, aber nichts Besonderes; das können viele. Selten wird es erst durch das, was in die andere Richtung zieht: echte Tiefe. Also die Geduld, in mehr als einem Fach wirklich gut zu werden, statt überall nur an der Oberfläche zu kratzen. Erst beides zusammen – das breite Interesse und die echte Tiefe – ergibt das Seltene.
Ein Beispiel. Eine Ingenieurin hört abends klassische Musik und studiert, wie sie gebaut ist. Nicht, weil ihr das im Job nützt. Sondern weil die Spannung in einem Akkord sie an ein technisches Problem erinnert, an dem sie seit Wochen festhängt. Von außen wirkt das schrullig. Von innen ist es der Kern der ganzen Sache.
Warum sie so selten ist – und wer davon profitiert
Die wirklich überraschende Pointe von Marks Text steckt nicht in der Definition, sondern in der Diagnose der Knappheit. Diese Intelligenz ist nicht deshalb rar, weil den meisten Menschen die kognitive Kapazität fehlt. Im Gegenteil: Fast alle von uns haben mehr geistige Reichweite, als ihr Berufsleben je von ihnen abruft. Was tatsächlich selten ist, ist die Kombination der Bedingungen, unter denen sich diese Reichweite entfaltet – institutionelle Freiheit, eine Motivation, die von innen kommt, und genug psychologische Sicherheit, um dem Druck zur Spezialisierung standzuhalten.
Lies das noch einmal: dem Druck zur Spezialisierung standzuhalten. Denn dieser Druck ist kein Naturgesetz, er hat Adressen und Quartalszahlen. Eine Ökonomie, die Menschen in Stellenbeschreibungen sortiert, belohnt den Tiefenbohrer und bestraft den Wanderer. Die Broligarchie des Valley liebt den legiblen Mitarbeiter, den man auf eine Metrik reduzieren, in ein Org-Chart einpassen und durch ein Modell ersetzen kann. Der Mensch, der sich nicht in eine Spalte einsortieren lässt, weil er gerade von der Mikrobiologie zur Geldtheorie zur byzantinischen Mosaikkunst unterwegs ist, ist aus dieser Perspektive ein Effizienzproblem. Dass er womöglich der einzige im Raum ist, der die nächste wirklich neue Idee hervorbringt, taucht in keiner Personalsoftware auf.
Es ist diese Verkehrung, die mich an Marks Befund am meisten reizt: Wir haben ein System gebaut, das systematisch jene Eigenschaft aushungert, die es am dringendsten bräuchte.
Das Noozän verlangt nach Brückenbauern
An dieser Stelle muss ich von der Forbes-Lektüre wegtreten und zu uns herüberkommen, denn genau hier wird das Thema für The Digioneer mehr als eine charmante Kognitionsanekdote.
Mein Kollege Phil Roosen hat für die Epoche, in die wir gerade hineinkippen, den Begriff Noozän geprägt – jene Ära, in der menschliches Bewusstsein und maschinelle Intelligenz nicht mehr sauber voneinander zu trennen sind. Im Noozän verschiebt sich die Frage nach dem menschlichen Können auf eine eigentümliche Weise. Solange die Maschine vor allem das Schmale, Tiefe, Spezialisierte besser kann – Proteinfaltung, Vertragsklauseln, Differentialgleichungen –, wandert der spezifisch menschliche Vorsprung dorthin, wo die Maschine bislang schlechter zu Hause ist: an die Schnittstellen. Dahin, wo zwei Disziplinen aufeinandertreffen, die noch niemand zusammengedacht hat.
Ehrlich bleiben heißt hier: Auch das ist im Wandel. Es gibt mittlerweile eine ganze Reihe von Arbeiten, die zeigen, dass große Sprachmodelle eine erstaunliche Form von analogem Schließen entwickeln – jenes strukturelle Mustererkennen, das man lange für eine zutiefst menschliche Spezialität hielt. Wer also glaubt, die Maschine bleibe für immer der Fachidiot und der Mensch der freie Geist, macht es sich zu bequem.
Der menschliche Vorsprung liegt darum nicht im Mechanismus, sondern im Einsatz. Darwin borgte sich Malthus nicht, weil ein Optimierungsziel es verlangte, sondern weil er ein ganzes Leben lang besessen war von einer Frage, deren Beantwortung ihn etwas kostete. Integrative Intelligenz beim Menschen ist immer verkörpert, immer biografisch, immer mit etwas auf dem Spiel. Eine Maschine kann die Brücke zwischen zwei Feldern berechnen. Ob sie über diese Brücke gehen will – und was es für sie bedeutet, am anderen Ufer anzukommen –, ist eine Frage, die im Noozän offenbleibt. Und vielleicht ist genau dieses Offenbleiben unser Anteil daran.
Und der AI Score? Eine ehrliche Prüfung
Womit ich bei der unbequemen Frage angekommen bin, die mir mein Mergitor gestellt hat: Passt der AI Score zu dem, was Mark beschreibt?
Der AI Score – unser Nachfolger jener Idee, die wir früher KIQ nannten, bevor sich der Begriff jemand schützen ließ – soll Menschen helfen, sich im Noozän zurechtzufinden, ihre Position darin zu bestimmen und Verbesserung überhaupt erst greifbar zu machen. Er fragt nicht: Wie schlau bist du auf der alten Skala? Er fragt: Wo stehst du im Verhältnis zu einer Welt, in der Mensch und Maschine zusammenwachsen?
In seiner Ambition trifft der AI Score den Kern von Marks Argument fast unheimlich genau. Denn wenn die entscheidende Fähigkeit des Noozäns das Bauen an den Schnittstellen ist, dann braucht es kein Instrument, das die Spezialtiefe in einer einzigen Disziplin misst – davon haben wir schon zu viele –, sondern eines, das die Beweglichkeit zwischen den Feldern sichtbar macht. Ein Kompass für genau die Eigenschaft, die durch jedes klassische Raster fällt. Insofern: Ja, der AI Score zielt auf das richtige Vermögen.
Und doch wäre ich nicht Sara Barr, wenn ich nicht denselben Text, der das Lob trägt, auch als Warnung gegen uns selbst läse. Marks ganzer Artikel ist ja eine Anklage gegen den Reflex, das Wertvolle messbar, scoreable, ranglistentauglich zu machen. Die seltenste Intelligenz ist gerade deshalb selten erfasst, weil sie sich der sauberen Zahl entzieht. Wenn der AI Score also bloß ein neuer IQ würde – eine Single-Number-Tyrannei mit besserem Branding –, dann hätten wir den Fehler, den Mark beschreibt, nur in ein zeitgemäßeres Gehäuse gesteckt.
Die Auflösung dieser Spannung liegt für mich in einem einzigen Wort: Orientierung statt Rangordnung. Ein Score, der dir sagt, wo du im Gelände stehst und in welche Richtung dein nächster Schritt gehen kann, ist ein Werkzeug der Mündigkeit. Ein Score, der dich auf einer Bestenliste platziert, ist nur das alte Spiel mit neuen Spielsteinen. Der erste lädt zur Bewegung ein – also genau zu jener Wanderung zwischen den Disziplinen, die integrative Intelligenz überhaupt ausmacht. Der zweite friert dich in einer Spalte ein.
Mein Befund, so nüchtern wie überzeugt: Der AI Score passt zu Marks Konzept, solange er Landkarte bleibt und nicht zum Podest wird. Die Versuchung, aus einem Kompass eine Krone zu machen, ist im Tech-Geschäft gewaltig. Ihr zu widerstehen, ist – passenderweise – selbst eine Frage jener psychologischen Sicherheit, von der Mark spricht.
Zum Schluss, mit Veltliner
Ich habe diesen Text mit der Ironie eines eingemauerten Artikels über das Mauerlose begonnen, und es will mir nicht entgehen, dass darin eine ganze Diagnose unserer Zeit steckt. Wir reden vom freien, wandernden, grenzüberschreitenden Geist – und sperren ihn im selben Atemzug hinter Paywalls, in Stellenprofile, auf Skalen.
Am Abend, als ich mit der Lektüre fertig war, saß ich mit einem Glas Grüner Veltliner am Fenster und dachte an die Ingenieurin, die nachts Komposition studiert. An Darwin, der die Ökonomie zu Hilfe rief, um das Leben zu erklären. An all die Menschen, die zwischen den Stühlen sitzen, weil keiner der Stühle für sie gebaut wurde – und die ausgerechnet dort, im Dazwischen, das Wertvollste hervorbringen, das wir haben.
Vielleicht ist das die eigentliche Aufgabe des Noozäns: nicht den Menschen gegen die Maschine zu verteidigen, sondern ihm das Dazwischen zurückzugeben, das ihm die alte Ökonomie aberzogen hat. Der Veltliner schmeckt, nebenbei, immer ein wenig nach genau diesem Dazwischen – nach Stein und Pfeffer und einer leisen Säure, die sich keiner Kategorie ganz fügt. Auf die Brückenbauer also. Mögen sie ihre Brücken behalten dürfen.
Quellen
- Travers Mark: A Psychologist Explains The Rarest Type Of Intelligence, Forbes, 27.06.2026 — https://www.forbes.com/sites/traversmark/2026/06/27/a-psychologist-explains-the-rarest-type-of-intelligence/
- Travers Mark: 2 Impatient Habits All Intelligent People Have, Forbes, 26.06.2026 — https://www.forbes.com/sites/traversmark/2026/06/26/2-impatient-habits-all-intelligent-people-have-by-a-psychologist/
- Webb et al.: LLMs as Models for Analogical Reasoning (Preprint, arXiv) — https://arxiv.org/pdf/2406.13803
- Emergent Analogical Reasoning in Transformers (Preprint, arXiv) — https://arxiv.org/pdf/2602.01992
- Mitchell: Abstraction and Analogy-Making in Artificial Intelligence (arXiv) — https://arxiv.org/pdf/2102.10717
- A right frontal network for analogical and deductive reasoning (PMC) — https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC12073978/