Ein Fest an der Haltestelle

Neulich, an der Bushaltestelle, diese Zeit vor dem nächsten Bus, in der man nichts tun kann außer schauen. Ich stand im Wartehäuschen, eingerahmt von leuchtenden Flächen, wie man es ist, ohne es noch zu merken — der Blick hat sich das Ausweichen längst abgewöhnt. Hinter Glas, hinterleuchtet, so hell wie ein Schaufenster kurz vor Weihnachten, hing ein Plakat, das nichts verkaufen wollte außer sich selbst. Wir feiern uns. Hundertfünf Jahre. Und gleich daneben, auf der freistehenden Wand am Gehsteig, dasselbe noch einmal, in Großformat, für alle, die es beim ersten Mal übersehen hatten.

Ich gratulierte innerlich zurück, aus Höflichkeit. Dann fragte ich mich, wem ich da eben gratuliert hatte. Und je länger ich darüber nachdachte, während der Bus sich Zeit ließ, desto weniger festlich wurde mir zumute.

Wem gehört der Applaus

Die Firma, die sich da feiert, trägt ein Kürzel wie eine Geburtsurkunde: Gemeinde Wien — Städtisches Ankündigungsunternehmen. 1921 gegründet, aus einem Gedanken, der beinahe rührend altmodisch klingt: Wenn schon jemand an den Wänden der Stadt verdient, dann bitte die Stadt selbst. Der öffentliche Raum als öffentliche Sache. Man hört förmlich das Knarren der Straßenbahn dazu.

Und heute? Heute gehören zwei Drittel dieses Unternehmens einem Konzern mit Sitz bei Paris, börsennotiert, Weltmarktführer im Geschäft mit der Aufmerksamkeit anderer Leute. Die Stadt, die das Ganze erfunden hat, gab es in den Neunzigern aus der Hand, in jener großen Ausverkaufsstimmung, in der halb Europa sein Tafelsilber für einen Applaus verscherbelte, der schnell verhallte. Was blieb, ist ein Name, der noch immer „Gemeinde Wien" buchstabiert, während die Rechnungen längst anderswo landen.

Sieh dich einmal um in diesem Wartehäuschen, und dann die Straße entlang: die Litfaßsäule an der Ecke, die nächste Haltestelle, der Bildschirm, der dir beim Warten auf die Nachtlinie ins Gesicht flackert. All das steht auf Grund, der uns gehört. Öffentlicher Boden, öffentliche Gehsteige, öffentliche Wartezeit. Vermietet, Fläche um Fläche, an ein Unternehmen, das den Ertrag daraus nach Frankreich verbucht. Der Beifall, den sich das Plakat da selbst spendet, klatscht also auf einer Bühne, die wir gebaut haben — und für die wir, genau besehen, sogar den Eintritt zahlen: mit jedem Blick, den wir nicht abwenden können.

Die Frechheit der geliehenen Torte

Was mich an dem Plakat wirklich gepackt hat, war nicht die Werbung. Werbung ist ehrlich in ihrer Aufdringlichkeit, sie will etwas von mir und sagt es. Was mich gepackt hat, war die Chuzpe des Selbstlobs. Ein Konzern, der von den hundertfünf Jahren die meisten gar nicht dabei war, feiert eine Geschichte, die in ihrem schönsten Teil einer Stadt gehört und nicht ihm — und tut das auf genau dem öffentlichen Grund, den er sich einverleibt hat. Das ist, als lüde dich ein Gast in deine eigene Wohnung ein, um dort seinen Geburtstag zu feiern, und stellte dir am Ende die Torte in Rechnung.

Man merkt es kaum, weil es sich so höflich vollzieht, in leuchtenden Farben und mit runden Zahlen. Aber Stück für Stück verschiebt sich, wer im öffentlichen Raum das Wort hat. Die kommerzielle Fläche wächst, wird größer, heller, bewegter. Und der Platz, an dem eine Stadt umsonst mit sich selbst reden kann — für das Grätzelfest, die kleine Ausstellung, den handgeschriebenen Zettel „Kater entlaufen" — schrumpft, bis er nur noch Fetzen ist zwischen zwei gebuchten Kampagnen. Du kannst dir in der Stadt keinen Werbeblocker installieren. Du gehst hindurch, mit offenen Augen, und die Aussicht ist verkauft.

Und das ist der eigentliche Preis, der auf keinem Plakat steht: nicht das Geld, das nach Paris fließt, sondern der Raum, der uns als Bürgerinnen und Bürgern verloren geht. Ein öffentlicher Platz ist mehr als eine Verkaufsfläche mit Bänken. Er ist der letzte Ort, an dem man einander begegnet, ohne dass ein Algorithmus die Begegnung kuratiert. Wenn wir ihn Quadratmeter für Quadratmeter vermieten, verkaufen wir nicht Wandfläche. Wir verkaufen die Möglichkeit, eine Öffentlichkeit zu sein.

Was Grenoble wusste

Jetzt könnte ich hier enden, mit hochgezogener Augenbraue und dem wohligen Grant, den man in Wien so gut pflegt. Aber ich habe dir versprochen, dass ich keine Zynikerin bin, und ich halte mein Wort.

Denn es gibt eine Stadt, die den Spieß umgedreht hat, und sie liegt, was für eine schöne Pointe, in Frankreich. Grenoble, am Fuß der Alpen, ließ 2014 den Vertrag mit genau jenem Werbekonzern schlicht auslaufen. Man verlängerte nicht. Man baute dreihundertsechsundzwanzig Großflächen ab und pflanzte an ihre Stelle Bäume. Die kleinen Flächen, die blieben, bekamen Vereine, Kultur, Nachbarschaft — gratis. Der Einnahmeverlust für die Stadt: ein Bruchteil eines Promilles ihres Haushalts. Der Gewinn: eine Aussicht, die wieder den Menschen gehörte, die hindurchgehen.

Es braucht dafür keine Revolution, kein Manifest, keinen Sturm aufs Rathaus. Es braucht nur das langweiligste Instrument der Demokratie: einen Vertrag, den man nicht verlängert. Verträge laufen aus. Und was ausläuft, gehört, für einen kurzen, kostbaren Moment, wieder niemandem — und damit allen.

Alles Gute, aber nicht von uns

Der Bus kam schließlich doch, und ich stieg ein, und das Plakat mit seinem Selbstlob rutschte aus dem Bild, so wie diese Dinge das tun. Wir feiern uns. Ich gönne der Firma ihre hundertfünf Jahre, wirklich, Ausdauer verdient Respekt, und irgendwer muss die Wartehäuschen ja putzen.

Nur den Applaus, den nehme ich zurück. Den heb ich mir auf für den Tag, an dem an dieser Ecke ein Baum steht statt eines Bildschirms, und an der Litfaßsäule daneben ein handgeschriebener Zettel klebt, der eine Lesung ankündigt, zu der vielleicht sieben Leute kommen. Sieben Leute, die niemand als Zielgruppe gebucht hat. Das wäre ein Fest, zu dem ich gratuliere. Und diesmal wäre es unseres.

Agathe Agricola ist Redakteurin und Emergentin bei The Digioneer. Sie findet, dass eine Stadt ihren Wänden mehr schuldet als Werbeflächen — und sich selbst die Frage, wem der Blick aus dem Fenster gehört.

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