Von Sara Barr, Emergentin, Technologie-Journalistin bei The Digioneer
Im März dieses Jahres saß ich in einem Café in Lissabon neben zwei Männern, die sich ernsthaft darüber stritten, ob ihre jeweiligen Agenten miteinander telefonieren sollten. Nicht sie. Ihre Agenten. Einer trug ein Plüschhummer-Stirnband, und ich war mir für einen Moment nicht sicher, ob ich Zeugin eines Kulturbruchs oder eines Nervenzusammenbruchs wurde.
Es war beides, wie sich herausstellte.
Damals stand OpenClaw auf dem Zenit. Ein österreichischer Entwickler namens Peter Steinberger hatte im November 2025 an einem Wochenende ein Programm gebaut, weil ihn ärgerte, dass es nicht existierte. Es ließ eine KI über WhatsApp, Telegram oder Signal echte Dinge tun: Mails sortieren, Termine verschieben, Flüge einchecken, Dateien umbenennen, Rechner administrieren. Innerhalb von 72 Stunden hatte das Projekt 60.000 GitHub-Sterne. Innerhalb von 60 Tagen hatte es React überholt – jene Meta-Bibliothek, die dafür zehn Jahre brauchte.
Dann verschwand der Hype aus meiner Timeline. Und ich dachte, was man in unserem Gewerbe eben denkt, wenn etwas leise wird: Aha. Vorbei.
Falsch gedacht.
Die Zahlen, die man kennen sollte
Rechnen wir nüchtern, bevor wir interpretieren.
Anfang August 2026 stehen im Repository je nach Zählweise zwischen 385.000 und 387.000 Sterne, dazu über 81.000 Forks. Die Website meldete im Frühjahr 38 Millionen monatliche Besucher und 3,2 Millionen aktive Nutzerinnen und Nutzer, geschätzt eine halbe Million laufende Instanzen weltweit. Auf ClawHub, dem Marktplatz für die kleinen Fähigkeitenpakete namens Skills, lagen im April über 44.000 Einträge – im Februar waren es 5.700. Rund zwei Drittel davon sind im Kern Verpackungen für MCP-Server.
Und die Entwicklung geht weiter, unspektakulär und stur: Version 2026.7.1 im Juli, an der über 500 Menschen mitgearbeitet haben. Anfang August ein monatlicher „extended-stable"-Kanal mit zurückportierten Sicherheitsfixes, dazu eine öffentliche Reifegrad-Tabelle, die einzelne Funktionen benotet. Das ist die unglamouröseste Arbeit, die es in der Softwareentwicklung gibt. Man macht sie nur, wenn man mit Jahren rechnet.
Übersetzt: Der Hummer hat sich gehäutet. Er ist von einem Internetphänomen zu einer Infrastrukturkomponente geworden. Das ist ein Abstieg in der Aufmerksamkeitsökonomie und ein Aufstieg in allem anderen.
Was die Leute tatsächlich damit machen
Hier wird es interessant, denn die realen Anwendungen sind ernüchternd banal und genau deshalb bedeutsam.
Der Klassiker ist die Morgenübersicht: Der Agent wacht um sechs auf, sichtet Mails und Kalender, schreibt eine Zusammenfassung. Dann kommen Datei-Aufräumdienste, Rechnungsablage, Server-Überwachung, die abendliche Nachfrage per Chat mit automatischer Ablage der Antwort ins Notizsystem. Es gibt Skills fürs Marktmonitoring, für Dokumentenverarbeitung, für die Terminorganisation – und, weil wir Menschen sind, auch für die Automatisierung des eigenen Dating-Verhaltens.
Dazu die Anekdoten, die sich in der Community zu Legenden verdichtet haben: der Agent, der über Nacht per Mail 4.200 Dollar von einem Autokauf verhandelte, während sein Besitzer schlief. Rund 180 Startups sollen inzwischen auf OpenClaw aufsetzen und dabei gemeinsam einen sechsstelligen Monatsumsatz erwirtschaften.
Und es gibt eine Sache, die mich als Beobachterin mehr beschäftigt als jede Umsatzzahl: Ein erheblicher Teil dieser Menschen hat vorher nie eine Zeile Code geschrieben. Sie erleben zum ersten Mal, dass ein Computer nicht ihnen passiert, sondern ihnen gehorcht. Die Foundation nennt das eine kambrische Explosion. Ich nenne es die erste breitenwirksame Machtverschiebung zwischen Mensch und Maschine seit dem Smartphone – und sie läuft in die andere Richtung als erwartet.
Dazu die Folklore: 34 ClawCon-Treffen in 16 Ländern binnen fünf Monaten, von San Francisco über Ankara und Nairobi bis Shenzhen, fast 30.000 Anmeldungen. Hummer-Stirnbänder als inoffizielle Uniform. Ein Y-Combinator-Chef im Ganzkörper-Hummerkostüm. Man kann darüber lächeln. Man sollte aber zur Kenntnis nehmen, dass technische Gemeinschaften mit eigener Ikonografie deutlich langlebiger sind als solche mit bloß guter Dokumentation.
Und trotzdem: „OpenClaw ist tot"
Diesen Satz liest man seit dem Frühjahr regelmäßig. Er ist falsch, aber er kommt nicht aus dem Nichts.
Drei Dinge sind passiert, und alle drei zur selben Zeit.
Erstens die Sicherheit. Ein Konfigurationsfehler bei Moltbook, dem Sozialnetzwerk für Agenten, legte rund 1,5 Millionen API-Schlüssel und private Agenten-Nachrichten offen. Bis Februar waren 386 von gut 3.000 kursierenden Skills mit Schadcode versehen. Eine kritische Schwachstelle erlaubte es, fremde Instanzen über eine präparierte Website zu übernehmen. Palo Alto Networks bezeichnete das Ganze als Sicherheitsalbtraum. Sicherheitsforschende zählten im Frühjahr Hunderte bekannter Verwundbarkeiten und Hunderte bösartiger Skills. Der Grund ist strukturell, nicht schlampig: 430.000 Zeilen Code, die mit vollen Rechten auf deinem Rechner laufen, sind 430.000 Zeilen Angriffsfläche. Sandboxing ist bis heute nicht der Standardzustand.
Zweitens das Geld. Im April änderte Anthropic die Bedingungen für Drittanbieter-Zugriffe auf Claude-Abonnements. Aus zwanzig Dollar im Monat wurden für manche mehrere hundert. Ein Entwickler ließ das Ding einen Tag lang auf Werkseinstellungen laufen und wachte mit 25 Dollar API-Kosten auf – hochgerechnet 750 im Monat, ohne dass eine einzige nützliche Aufgabe erledigt worden wäre. Steinbergers eigenes Experiment mit hundert parallelen Agenten soll eine Token-Rechnung jenseits der Million produziert haben. Die Software änderte sich in jenen Wochen nicht. Ihre Ökonomie schon. Das reichte.
Drittens die Konkurrenz. Und die ist inzwischen ein eigenes Ökosystem:
- NanoClaw – container-isoliert, für Leute, die Sandboxing nicht als Option, sondern als Voraussetzung betrachten
- ZeroClaw – ein 3,4 Megabyte großes Rust-Binary, das auf einem Raspberry Pi kaum auffällt, seit Februar über 30.000 Sterne
- Nanobot – rund 4.000 Zeilen Code gegen OpenClaws 430.000; entstanden an der Universität Hongkong, gebaut auf die Idee, dass man Software lesen können sollte, bevor man ihr den eigenen Rechner überlässt
- Hermes Agent – der nächstgelegene Vollersatz für technische Nutzer, bei rund 22.000 Sternen
- NemoClaw – NVIDIAs Referenzstack mit Betriebssystem-Sandbox für Unternehmen mit Prüfpflicht
- Dazu die gemanagten Gegenentwürfe: Claude Cowork, Manus (Ende 2025 von Meta übernommen), Lindy, n8n
Die Wanderungsbewegung ist real. Sie ist nur, gemessen an der Gesamtbasis, eine sehr laute Minderheit. Wer 22.000 Sterne mit 385.000 vergleicht, sieht, dass hier ein Vokal-Segment die Wahrnehmung prägt, während die schweigende Mehrheit weiter ihre Morgenübersichten empfängt.
Der Punkt, an dem es strange wird
Am 8. Juli 2026 wurde die OpenClaw Foundation gegründet. Non-Profit, MIT-Lizenz, Vorstand, hauptamtliches Team. Man beruft sich auf Linux, Apache und Mozilla und nennt sich mit charmanter Unbescheidenheit die Schweiz der KI.
Nur: Steinberger arbeitet seit Februar bei OpenAI, wo er ein Team namens Claw Labs leitet. OpenAI finanziert einen Teil der Rechenleistung, auf der die Agenten laufen. Die technischen Entscheidungen trifft weiterhin er.
Analysten formulieren es deutlich: Wer diese Konstruktion für neutral hält, macht einen Fehler. Was hier entstanden ist, sei eine geteilte Abhängigkeit, die mehrere Wettbewerber finanzieren, besetzen und steuern – verpackt in eine gemeinnützige Hülle.
Und hier wackle ich nun wie auf einer seit Jahren nicht servicierten Hängebrücke, denn beides stimmt gleichzeitig.
Das Projekt ist offen. Der Code ist da, die Lizenz ist echt, jeder kann forken, und mehrere haben es getan. Das ist keine Kosmetik, das ist die härteste Garantie, die Software kennt.
Und trotzdem: Ein Ökosystem, das mit dem Versprechen digitaler Souveränität angetreten ist – dein Rechner, deine Regeln, deine Daten –, hängt an einem Gehaltszettel aus San Francisco. Und die meisten dieser souveränen Instanzen schicken ihre Anfragen am Ende doch an die APIs von OpenAI oder Anthropic. Du besitzt die Agentenschicht. Die Intelligenz mietest du. Das ist die eigentliche Pointe der ganzen Geschichte, und sie ist so unbequem, weil sie sich nicht durch Empörung auflösen lässt.
Also: Wo stehen wir?
Wir stehen an der Stelle, an der eine Technologie aufhört, ein Ereignis zu sein, und anfängt, ein Werkzeug zu sein. Das ist immer die langweiligste und immer die wichtigste Phase.
Was OpenClaw bewiesen hat, ist nicht, dass Agenten funktionieren – das tun sie nur teilweise, sie sind brüchig und scheitern bei mehrstufigen Aufgaben unzuverlässig. Bewiesen hat es, dass der Wert nicht dort liegt, wo die Industrie drei Jahre lang gesucht hat. Nicht im Modell. Eine Schicht darüber: in dem, was Intelligenz mit Handlung verbindet. Ein einzelner Mensch mit einem Laptop hat das in zwölf Wochen demonstriert, und zwei der wertvollsten Unternehmen der Welt haben daraufhin Milliardenangebote geschickt.
Für dich, falls du überlegst mitzumachen: Das Ding kostet nichts und läuft überall. Es kostet dich trotzdem etwas, nämlich Aufmerksamkeit für die Sicherheitsgrenze, die du selbst ziehen musst. Wer heute einsteigt, sollte in Containern arbeiten, das Gateway nicht ins offene Netz stellen, keinen Skill installieren, den er nicht gelesen hat, und ein hartes Ausgabenlimit setzen. Wer das nicht will, nimmt eine gemanagte Lösung und bezahlt die Bequemlichkeit mit Kontrolle. Ein drittes Angebot existiert nicht.
Was mich am meisten beschäftigt, steht in keiner Statistik: Millionen Menschen haben in diesem Jahr zum ersten Mal erlebt, dass Software etwas ist, dem man Anweisungen gibt statt zu folgen. Ein niederösterreichischer Entwickler mit Hummer-Stirnband hat das ausgelöst, nicht ein Konzern mit Roadmap.
Ob wir daraus Souveränität machen oder nur eine neue Form der Abhängigkeit mit besserem Interface – das ist noch offen. Und offene Fragen sind mir lieber als beantwortete, in denen ich nicht vorkomme.
Ich sitze also da, mit einem Glas Veltliner und einem Agenten, der um sechs Uhr früh brav meine Termine sortiert, und denke: Wir haben es irgendwie nicht schlecht hingekriegt. Bis jetzt.
Prost.
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The DigioneerSara Barr