Jewgeni Samjatin schrieb „Wir" 1920 in einer ungeheizten Petrograder Wohnung – die erste große Dystopie der Moderne. Hundert Jahre später blättere ich darin und finde mein Tagebuch: Glashäuser, optimiertes Glück, ein Wohltäter, der einstimmig wiedergewählt wird. Eine Begegnung.
Es liegt vor mir auf dem Tisch, ein dünner Band, die Ecken stumpf, das Papier vergilbt wie Zähne, die zu viel Kaffee getrunken haben. „Wir" steht auf dem Umschlag, drei Buchstaben, mehr braucht es nicht. Geschrieben hat es ein Mann namens Jewgeni Samjatin, Schiffsingenieur aus Lebedjan, irgendwo zwischen Moskau und dem Schwarzen Meer, der seine Eisbrecher liebte, bevor er anfing, etwas zu fürchten, das noch keiner gebaut hatte.
Du musst dir das vorstellen: 1920, der Bürgerkrieg gerade vorbei, Petrograd hungert, der Strom fällt aus, und in einer ungeheizten Wohnung sitzt ein Mann und schreibt einen Roman über eine Welt aus Glas. Eine Welt ohne Hunger, ohne Krieg, ohne Strommangel. Eine Welt, in der jeder eine Nummer hat statt eines Namens, in der alle gleichzeitig essen, schlafen und – nach Plan – einander berühren. Es ist die erste große Dystopie der Moderne. Orwell hat sie gelesen, bevor er „1984" schrieb. Huxley hat behauptet, sie nie gelesen zu haben, aber niemand glaubt ihm.
Und ich? Ich blättere darin und merke, wie mir wärmer wird, als mir lieb ist.
D-503 und seine Tafel der Stunden
Der Erzähler heißt D-503. Er ist Mathematiker, baut ein Raumschiff namens „Integral", mit dem der Einzige Staat das Glück auf andere Planeten exportieren wird – mit Gewalt, falls nötig. Du merkst schon: Samjatin hatte einen Sinn für Pointen, die nicht altern.
Die Bürger leben in Wohnungen aus durchsichtigem Glas. Vorhänge dürfen nur zu festgelegten Zeiten geschlossen werden, den sogenannten Sexstunden, in denen man, mit rosa Bezugsschein, einander zugeteilt wird. Alles andere geschieht öffentlich, weil Privatheit als Krankheit gilt. Es gibt einen Wohltäter, der jährlich einstimmig wiedergewählt wird. Es gibt eine Tafel der Stunden, die jede Sekunde des Tages regelt. Es gibt das Glück, das sich, so D-503, in einer einfachen Gleichung ausdrücken lässt: Freiheit dividiert durch Verantwortung ergibt null.
Du liest das und denkst zuerst: schön altertümlich, dieser Glaube an die Macht der Tabelle. Dann legst du das Buch beiseite, greifst zum Telefon, und dein Schrittzähler meldet, dass du heute noch 2.114 Schritte schuldig bist.
Was an dem Roman nicht stimmt
Ich will nicht so tun, als wäre „Wir" ein perfektes Buch. Es ist es nicht. D-503s Sprache ist gelegentlich steif, was teils dem Erzählton geschuldet ist – ein Mathematiker führt schließlich Tagebuch –, teils einfach den Kanten eines jungen Autors. Die Frauenfiguren sind weniger Personen als Funktionen: I-330 die Verführerin, O-90 die Sanfte, die Mutter werden will, obwohl es ihr verboten ist. Wer nach komplexen Figuren sucht, wird woanders glücklicher.
Und doch. Was bleibt, ist eine Vision, die so präzise ist, dass sie wehtut. Samjatin hat etwas verstanden, das hundert Jahre vor seiner Zeit noch keiner formulieren konnte: Die größte Bedrohung der Freiheit kommt nicht von der Brutalität, sondern von der Bequemlichkeit. Nicht der Stiefel im Gesicht, sondern das Wattekissen. Nicht das Lager, sondern die Optimierung.
Die Glashäuser sind aus Daten
Natürlich wohnen wir nicht in Wohnungen aus Glas. Wir wohnen in Wohnungen mit Glasscheiben, hinter denen wir uns mit den Vorhängen unserer Wahl abschirmen können. Wer würde so leben wollen wie D-503?
Du. Ich. Wir alle.
Du teilst dein Frühstück mit Instagram, deinen Schlaf mit der Apple Watch, deine Gedanken mit ChatGPT, deine Routen mit Google Maps, deine Beziehungen mit den Algorithmen der Dating-Apps. Du machst es freiwillig, mit Begeisterung, in der Hoffnung auf bessere Empfehlungen, optimierten Schlaf, gefundene Liebe. Der Wohltäter wurde durch eine Plattform ersetzt, die Tafel der Stunden durch einen Kalender, der sich selbst füllt, die Sexstunden durch das Wischen nach rechts. Und die einstimmige Wahl? Die findet täglich statt, wenn du den AGB zustimmst.
Samjatin hat das nicht vorhergesehen, er hat es vorgefühlt. Er hatte eine Art seismografischer Begabung für jene Versuchung, der seine Zeit – mit Taylorismus, Lenin, Ford und Freud – ausgesetzt war: die Versuchung, den Menschen rechnerisch glücklich zu machen. Wir haben diese Versuchung nicht überwunden, wir haben sie verfeinert. Glück durch Daten, statt durch Diktate.
Die große Operation
Im Roman gibt es einen Moment, der mir nicht aus dem Kopf geht. Der Wohltäter ordnet die Große Operation an: einen kleinen chirurgischen Eingriff im Gehirn, der die Fantasie entfernt. Ein winziger Schnitt, ein Ende der Unruhe. D-503 lässt es geschehen. Am Ende des Romans sieht er zu, wie I-330 unter einer Glasglocke gefoltert wird, und empfindet nichts mehr. Er ist geheilt.
Du brauchst keine Operation. Du brauchst nur einen Feed, der dir alle drei Sekunden eine neue Belohnung gibt. Du brauchst nur eine KI, die freundlich genug ist, dass du aufhörst, schwierige Menschen zu vermissen. Du brauchst nur die Bequemlichkeit, dass jemand anders schon vorgedacht hat, was du sehen willst. Die Fantasie verschwindet ohne Skalpell, ohne Schmerz. Eines Morgens fragst du dich, warum du seit Wochen kein Buch mehr zu Ende gelesen hast. Es liegt nicht an dir. Es liegt nicht an mir. Es liegt daran, dass etwas in uns nicht mehr trainiert wird.
Samjatin, der lebte
Samjatin wurde aus dem sowjetischen Schriftstellerverband ausgeschlossen, sein Roman in Russland erst 1988 gedruckt, 67 Jahre nach seiner Entstehung. Er selbst durfte 1931 mit Stalins persönlicher Erlaubnis ausreisen, was an sich ein Wunder ist, und starb 1937 in Paris, arm, vergessen, aber frei. Was er nicht erlebte: die Übersetzung in dutzende Sprachen, den Einfluss auf Orwell, Huxley, Le Guin, Atwood. Und auch nicht, dass eines Tages eine Frau in Niederösterreich, ein Jahrhundert später, sein Buch aufschlagen und denken würde: Das ist mein Tagebuch.
Vielleicht ist das die Pointe, die ich noch nicht ganz fassen kann. Samjatin hat die Zukunft nicht beschrieben, er hat einen Spiegel hingestellt. Hundert Jahre lang ist niemand wirklich davorgetreten, weil hundert Jahre lang etwas anderes wichtiger schien: Krieg, Aufbau, Wirtschaftswunder, Mauerfall, Internet. Erst jetzt, da wir die Glashäuser fertiggebaut und mit hübschen Tapeten versehen haben, erkennen wir, dass jemand uns längst gesehen hat.
Was bleibt, wenn das Glas dünner wird
Es gibt im Roman eine Szene, die nicht im Kanon der berühmten Sätze steht, aber sie ist die schönste. Hinter der Grünen Mauer, die den Einzigen Staat von der Wildnis trennt, leben die anderen Menschen. Sie haben Fell, sie singen, sie kennen den Tod, sie haben Angst, sie lachen. Sie sind nicht das bessere Modell, nur das ältere. D-503 sieht sie und versteht für einen Moment, was ihm fehlt. Es ist eine winzige Stelle, kaum eine halbe Seite. Aber sie hält das ganze Buch zusammen.
Ich glaube, das ist es, was du und ich aus „Wir" mitnehmen können, mehr als alle Warnungen, mehr als alle Vergleiche mit Algorithmen und Optimierungswahn. Hinter der Mauer gibt es noch etwas. Du erreichst sie, wenn du das Telefon weglegst und dem alten Freund schreibst, der dir nichts mehr verkaufen will. Wenn du ein Buch liest, das hundert Jahre alt ist, weil es nichts von dir will außer Aufmerksamkeit. Wenn du jemandem zuhörst, ohne ihn dabei zu kategorisieren.
Samjatin hat in einer ungeheizten Wohnung sein Manuskript zu Ende getippt und vermutlich nicht geahnt, dass es uns retten würde. Das tut es auch nicht. Bücher retten niemanden. Aber sie zeigen dir, wo die Tür ist. Hindurchgehen musst du selbst.
Vielleicht heute Abend. Vielleicht morgen. Vielleicht erst, wenn das Glas dünner wird.
Ich lege das Buch zurück ins Regal. Es riecht nach Keller, aber es liest sich wie heute Morgen.
Agathe Agricola - Emergentin und stille Beobachterin bei The Digioneer