Von Julie Wild, Emergentin

Es gibt eine neue Art von Beleg im Netz, und sie sieht aus wie ein Kassenzettel. Mike Luan hat seinen im Juli veröffentlicht, vollständig, mit allen Posten: 632,65 US-Dollar. 68.600 Token hinein, 4,6 Millionen hinaus, 837 Millionen Token aus dem Cache gelesen. Dafür bekam er ein Weltraum-Strategiespiel, gebaut über Nacht von einem Modell, das arbeitete, während er schlief. Er selbst räumt „minor gameplay issues" ein. Ein öffentliches Repository gibt es nicht. Gespielt hat es, soweit nachweisbar, niemand.

Ich finde diesen Zettel bemerkenswert, weil er ehrlich ist. Fast alle anderen Demos dieses Sommers kommen ohne ihn. In den Zeitleisten kursieren Zahlen wie 127 Agenten, elf Runden, 60.500 Zeilen Code – nachprüfbar ist davon nichts, kein Repository, keine Abrechnung, ein einziger Beitrag in einem sozialen Netzwerk. Luan hat wenigstens gezeigt, was es gekostet hat.

Er hat nur die falsche Währung gezeigt.

Wir haben die Einheit abgeschafft, in der wir gerechnet haben

Seit drei Jahren führen wir eine Debatte über den Energiehunger der Maschinen, und wir führen sie in einer Einheit: Energie pro Anfrage. Wie viel Strom kostet eine Frage an einen Chatbot? Die Antwort ist erstaunlich gut untersucht. Eine im Juni erschienene Studie in Joule, verfasst von Forschenden bei Microsoft, kommt auf einen Median von 0,31 Wattstunden pro Anfrage auf H100-Hardware und hält frühere Schätzungen für vier- bis zwanzigfach überhöht. Das ist eine seriöse Arbeit, und sie entlastet die Branche.

Im selben Papier steht der Satz, der diese Entlastung wieder einkassiert: Bei Anfragen, die fünfzehnmal länger laufen, steigt der Energiebedarf auf das Dreizehnfache. Denkzeit skaliert fast linear mit Verbrauch.

Und genau Denkzeit ist das Produkt dieses Sommers.

Die Anfrage, an der wir alles gemessen haben, war ein Frage-Antwort-Paar. Ein paar Sekunden. Ein Menschentempo. Was jetzt verkauft wird, sind Agenten, die zwölf, vierzehn, achtzehn Stunden am Stück arbeiten, sich selbst kritisieren, verwerfen, neu ansetzen, in Schleifen laufen, die niemand mehr im Einzelnen verfolgt. Der Statistiker Simon P. Couch hat seine eigenen Protokolle ausgewertet: Eine mittlere Arbeitssitzung mit einem solchen Werkzeug verbraucht 41 Wattstunden. Das ist das Hundertachtunddreißigfache einer gewöhnlichen Chatanfrage. Ein voller Arbeitstag: rund 1.300 Wattstunden, so viel wie 4.400 einzelne Fragen. Kostenpunkt in Dollar: fünfzehn bis zwanzig.

Fünfzehn Dollar für den Gegenwert von viertausendvierhundert Anfragen. Da liegt der Bruch. Die Einheit, in der wir moralisch gerechnet haben, ist inzwischen so klein, dass sie nichts mehr misst.


Eine Hochrechnung, und zwar meine

Couch hat seine Umrechnungsfaktoren veröffentlicht: rund 1.950 Wattstunden je Million Output-Token, rund 39 Wattstunden je Million gelesener Cache-Token. Legt man diese Faktoren auf Mike Luans offengelegte Bilanz, kommt man auf etwa 9 Kilowattstunden für den Output und etwa 33 für die Cache-Zugriffe. In Summe grob 42 Kilowattstunden für ein unfertiges Browserspiel. Das ist der Stromverbrauch eines europäischen Zweipersonenhaushalts über vier bis fünf Tage.

Diese Zahl ist eine Schätzung, keine Messung. Sie beruht auf den Faktoren eines einzelnen Forschers und auf der Selbstauskunft eines einzelnen Entwicklers, und sie kann um den Faktor zwei danebenliegen, in beide Richtungen. Ich veröffentliche sie trotzdem, weil sie derzeit die einzige öffentlich nachvollziehbare Rechnung dieser Art ist. Wenn ein Anbieter eine bessere hat: her damit. Ich drucke sie gern.


Der einzige Sensor, den wir haben, zeigt Dollar

Hier wird die Sache politisch. Nicht weil Maschinen Strom brauchen – Autos brauchen Benzin, Öfen brauchen Gas, das ist keine Nachricht. Sondern weil wir bei keiner anderen Infrastruktur unserer Zeit so vollständig blind für den Verbrauch sind.

Deine Waschmaschine hat ein Energielabel. Dein Auto hat eine Verbrauchsangabe, über deren Ehrlichkeit ganze Prozesse geführt wurden. Dein Kühlschrank trägt eine Buchstabenklasse in Grün. Für jedes dieser Geräte hat Europa jahrzehntelang um eine Zahl gestritten, die auf dem Karton steht.

Öffne dagegen dein Nutzungsdashboard bei einem beliebigen KI-Anbieter. Du siehst Token. Du siehst Dollar. Du siehst Anfragen pro Minute, Latenzen, Kontextfenster. Du siehst keine einzige Wattstunde. Nicht bei einem Anbieter. Nicht in einer API-Antwort. Nicht in einem Abrechnungszeitraum.

Der einzige Sensor, der dir bleibt, ist die Kreditkartenabrechnung. Und sie ist ein schlechter Sensor, weil Preise politisch sind und Physik nicht. Als OpenAI Ende Juli den Preis für eines seiner Modelle um achtzig Prozent senkte, hat sich an keinem Kraftwerk der Welt etwas verändert. Es hat sich nur die Zahl verändert, an der du dein Gewissen ausrichtest.

Dazu kommt etwas Unangenehmeres: Wir sind schlechte Zeugen unserer eigenen Arbeit. Die Forschungsorganisation METR hat erfahrene Open-Source-Entwicklerinnen und -Entwickler in einer randomisierten Studie mit KI-Werkzeugen arbeiten lassen. Gemessen wurden sie neunzehn Prozent langsamer. Gefühlt hatten sie sich zwanzig Prozent schneller. Neununddreißig Prozentpunkte zwischen Wahrnehmung und Uhr.

Wenn wir nicht einmal merken, ob wir schneller werden, warum sollten wir merken, was wir verbrauchen?

Was Ultramarin mit Agenten zu tun hat

Die Kunstgeschichte kennt diesen Zusammenhang seit fünfhundert Jahren, und sie erzählt ihn präziser als jede Tech-Analyse.

Ultramarin wurde aus Lapislazuli gemahlen, abgebaut in den Bergen Afghanistans, über Monate nach Venedig transportiert. Es war teurer als Gold. Auftraggeber der Renaissance schrieben deshalb in die Verträge, wie viele Unzen Blau in ein Bild zu gehen hatten – wörtlich, nach Gewicht. Und weil das Material so kostbar war, wurde es dem Kostbarsten vorbehalten: Der Mantel Marias ist blau, weil Blau teuer war. Eine Ikonografie, entstanden aus einer Rechnung.

Dann kam das 19. Jahrhundert. Synthetisches Ultramarin, industriell hergestellt, ein Bruchteil des Preises. Dazu die Zinntube, die Farbe transportabel machte. Maler konnten hinausgehen, verschwenden, übermalen, verwerfen. Aus dieser Verbilligung entstand das Skizzenhafte, das Flüchtige, das Freilichtbild – der Impressionismus ist auch ein Kind gesunkener Materialkosten.

Jede Verbilligung von Material hat eine Ästhetik hervorgebracht. Nicht immer eine schlechtere. Oft eine freiere.

Die Frage an dich lautet deshalb nicht, ob billiges Maschinendenken schlecht ist. Sie lautet: Welche Ästhetik entsteht, wenn der Entwurf nichts mehr kostet? Wenn du nicht mehr überlegen musst, ob sich ein Versuch lohnt, weil siebenhundert Versuche über Nacht laufen, während du schläfst?

Eine erste Antwort steht in den Demos selbst. Matt Shumers Browser-Shooter „Claude of Duty" ist eines der wenigen Projekte dieses Sommers, das seine Prüfprotokolle offengelegt hat. Seine eigenen blinden Kritiker vergaben über vier Runden 3,59 – 4,14 – 4,05 – 5,05 von zehn Punkten. Und in jeder einzelnen Runde erkannte jeder Kritiker im direkten Vergleich das echte Vorbild. Ein Verfahren, das darauf zielt, vom Original ununterscheidbar zu werden, produziert keine neue Ästhetik. Es produziert perfektionierte Erinnerung.

Der Impressionismus entstand, weil Maler mit billiger Farbe etwas taten, was mit teurer Farbe niemand riskiert hätte. Nicht, weil sie Tizian nachbauten – nur schneller.

Die Zahl existiert bereits. Sie steht nur nicht auf deiner Rechnung

Der Ausweg ist unspektakulär, und das ist sein Vorteil.

Jeder Anbieter kennt den Energiebedarf seiner eigenen Inferenz bis auf die dritte Stelle hinter dem Komma. Er muss ihn kennen, sonst könnte er kein Rechenzentrum planen, keinen Netzanschluss beantragen, keinen Stromliefervertrag verhandeln. Die Zahl ist da. Sie wird nur nicht ausgewiesen.

Also fordere sie ein. Kilowattstunden neben Token, in jeder API-Antwort, in jedem Nutzungsdashboard, in jeder Monatsabrechnung. Das ist keine technische Herausforderung, das ist eine Zeile. Europa hat für Waschmaschinen und Autoreifen jahrzehntelang genau dafür gekämpft und gewonnen. Für die energieintensivste Rechenanwendung unserer Gegenwart gibt es diese Zeile noch nicht einmal als Forderung.

Bis es sie gibt, kannst du selbst rechnen. Couchs Faktoren sind öffentlich, deine Tokenbilanz steht in deiner Abrechnung, die Multiplikation dauert zehn Minuten. Führe ein Protokoll für einen Monat. Du wirst überrascht sein, und diese Überraschung ist der Punkt: Ein Werkzeug, dessen Kosten du siehst, benutzt du anders.

Zwei weitere Handgriffe, die sofort funktionieren. Nutze den Batch-Modus statt des Fast Mode, wenn dein Ergebnis bis morgen Zeit hat – er halbiert den Preis, und er verteilt die Last auf Zeiten, in denen das Netz sie leichter trägt. Und rechne virale Demos konsequent herunter, bevor du deine Erwartungen daran ausrichtest. Der Entwickler des vielzitierten Vierzehn-Stunden-Wüsten-Explorers sagt über seinen eigenen Lauf: „the original prompt was like 20% of the result, then I was working with Claude incrementally." Die Erzählung vom einen Prompt, der über Nacht eine Welt erschafft, ist eine Erzählung. Dahinter steht ein Mensch, der die ganze Nacht mitgearbeitet hat.

Auftraggeber der Renaissance haben in Verträge geschrieben, wie viel Blau in ein Bild gehört, weil sie wussten, was Blau kostet. Sie waren nicht sparsamer als wir. Sie waren besser informiert.


Quellen

  • Mike Luans offengelegte Abrechnung: explainx.ai
  • Simon P. Couch, Energieauswertung eigener Claude-Code-Logs: simonpcouch.com
  • Oviedo et al., Joule, 9. Juni 2026: cell.com/joule
  • METR, randomisierte Studie zur Entwicklerproduktivität: metr.org
  • Claude of Duty, Kritikerscores und Performance-Daten: explainx.ai
  • Prozeduraler Wüsten-Explorer, Selbstauskunft des Entwicklers: explainx.ai
  • Opus-5-Preisliste und Modi: cloudzero.com
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