Warum Women in AI Austria genau die Stimme ist, die wir im Noozän gebraucht haben

Ein paar Jahre ist es her, da geriet ein österreichischer Algorithmus in die Schlagzeilen. Das AMS – der Arbeitsmarktservice, also jene Behörde, an die du dich wendest, wenn dein Berufsleben gerade ins Wanken kommt – wollte mithilfe eines Punktesystems berechnen, wer welche Förderung bekommt. Wer die besten Jobchancen hatte, sollte am meisten Unterstützung erhalten. Was nach Effizienz klang, entpuppte sich als das, was Algorithmen so oft sind: ein Spiegel der Welt, in der sie geschrieben wurden. Frauen bekamen schlechtere Werte. Mütter noch schlechtere. Wer eine Behinderung hatte, rutschte ab. Die Maschine reproduzierte mit kühler Präzision exakt jene Ungerechtigkeiten, die wir Menschen über Generationen produziert hatten – und ließ sie wie objektive Mathematik aussehen.

Genau an solchen Orten beginnt die eigentliche Geschichte der Künstlichen Intelligenz. Nicht in den glänzenden Keynote-Räumen von San Francisco. Nicht in den Pressemitteilungen über das nächste Sprachmodell. Sondern dort, wo Code auf Leben trifft – und manchmal danebenliegt, weil niemand im Raum war, der gewusst hätte, dass der Code danebenliegen würde.

Sieben Frauen und ein blinder Fleck

Wenn du dir die Geschichte der modernen Computertechnik anschaust, findest du sie überall: Ada Lovelace, die den ersten Algorithmus schrieb, bevor es Computer gab. Grace Hopper, die den Compiler erfand. Die "ENIAC Girls", die in den 1940er-Jahren den ersten elektronischen Universalrechner programmierten, während die Männer ihn auf den Pressefotos zur Schau stellten. Margaret Hamilton, deren Code Apollo 11 zum Mond brachte. Frauen waren immer da. Sie sind nur immer wieder aus dem Bild geschnitten worden.

Heute, in der Ära der generativen KI, wiederholt sich das Muster auf einer neuen Ebene. Die großen Sprachmodelle werden mit Daten gefüttert, in denen patriarchale Strukturen über Jahrhunderte konserviert sind. Bewerbungssysteme aussortieren Frauen, weil sie aus Bewerbungen aussortierter Frauen gelernt haben. Bilderkennungssoftware erkennt dunkle Haut schlechter, weil die Trainingsdaten überwiegend hell waren. Sprachassistenten haben weibliche Stimmen, weil "Dienen" weiblich konnotiert ist. Und während die KI immer mehr Entscheidungen über dich trifft – ob du einen Kredit bekommst, eine Wohnung, eine medizinische Behandlung, eine Stelle – sitzen an den Hebeln, die diese Maschinen formen, überwiegend Menschen mit ähnlichen Lebensläufen, ähnlichen Annahmen, ähnlichen blinden Flecken.

In Wien hat sich vor fünf Jahren eine Gruppe von Frauen entschieden, dass das so nicht bleiben darf. Sie nannten sich Women in AI Austria. Heute steht ein neues Board an der Spitze des gemeinnützigen Vereins: sieben Frauen mit Expertise quer durch die Disziplinen – Recht, Forschung, Datenarchitektur, Cloud-Technologien, Ethik, Philosophie. Alexandra Ciarnau, Co-Head der Digital Industries Group bei DORDA Rechtsanwälte und eine der führenden Stimmen zum AI Act in Österreich, hat die Präsidentschaft übernommen. An ihrer Seite: Julia Eisner als Vize-Präsidentin, dazu Eugenia Stamboliev, Natalie Ségur-Cabanac, Sanja Sandic, Isabella Hinterleitner und Jacqueline Berger. Eine Konstellation, die zeigt, was geht, wenn man Disziplinen nicht gegeneinander ausspielt, sondern sie miteinander denken lässt.

Was dieser Verein eigentlich tut – und warum es dich angeht

Du könntest jetzt einwenden, dass es genug Vereine gibt. Genug Netzwerke. Genug Initiativen mit großen Worten und kleinen Wirkungen. Berechtigter Einwand. Aber sieh dir an, was Women in AI Austria tatsächlich macht, dann verstehst du den Unterschied.

Da ist das Policy-Team, das unter Leitung von Natalie Ségur-Cabanac und mit Alexandra Ciarnau systematisch an den Stellschrauben dreht, die später dein digitales Leben regulieren werden. Stellungnahmen zum AI Act. Eingaben zur Einrichtung des österreichischen AI Service Desks. Beiträge zum europäischen KI-Recht. Das klingt unsexy. Es ist aber genau jene unsichtbare Arbeit, die am Ende darüber entscheidet, ob du in fünfzehn Jahren in einem digitalen Raum lebst, der dich schützt – oder einem, der dich auswertet.

Da ist die Arbeitsgruppe AI Literacy & Education unter Julia Eisner, die im Rahmen der Initiative "Digital Überall Plus" Workshops in ganz Österreich anbietet. Künstliche Intelligenz für Menschen erklärbar machen, die nicht im Tech-Sektor arbeiten. Die Kassiererin im Supermarkt, den Pensionisten in Klagenfurt, die Schülerin in Bregenz. Denn KI-Kompetenz ist im Noozän, dieser neuen Ära der Intelligenz, in die uns Phil Roosen seit November 2022 hat eintauchen sehen, keine Kür mehr. Sie ist Demokratie-Voraussetzung.

Da ist Ethics & AI unter Eugenia Stamboliev, das die unbequemen philosophischen Fragen stellt, die in der Technik-Hektik gerne untergehen: Wer trägt Verantwortung, wenn ein autonomes System scheitert? Wo verläuft die Grenze zwischen Hilfe und Manipulation? Was bedeutet Würde in einer Welt, in der Algorithmen über Menschen urteilen?

Da ist Sustainability & AI unter Elina Stanek, das einen der größten blinden Flecken der Branche bearbeitet: den enormen Energiehunger der KI-Systeme. Ein Thema, das du als Leserin oder Leser des Digioneer schon kennst – und das genau deshalb in einer fairen KI-Debatte nicht fehlen darf.

Da ist AI & Arts unter Ines Thomsen, das die kreativen, kulturellen, ästhetischen Dimensionen der Maschine ernst nimmt. Da ist Research unter Isabella Hinterleitner, das vertrauenswürdige KI-Forschung in Österreich sichtbar macht. Und da sind die regionalen Communities – Wien, Oberösterreich, Kärnten, Steiermark, Salzburg, Tirol im Aufbau – die zeigen, dass Diversität in der KI nicht nur eine Genderfrage ist, sondern auch eine geografische. Auch das Mostviertel hat eine Stimme im Algorithmus verdient.

Die europäische Antwort auf eine globale Schieflage

Was du hier siehst, ist mehr als ein gut organisierter Verein. Es ist ein Stück europäischer Antwort auf eine Frage, die die großen amerikanischen und chinesischen Tech-Konzerne längst für sich entschieden haben: Wem gehört die Künstliche Intelligenz?

In Silicon Valley lautet die Antwort: den Shareholdern. In Shenzhen lautet sie: dem Staat. In Brüssel und Wien beginnt eine andere Antwort Form anzunehmen – eine, die sagt: Sie gehört uns allen, oder sie taugt nichts. Der AI Act, der digitale Humanismus, an dem Wissenschaftler:innen wie Sabine Köszegi arbeiten, die Beteiligungsstrukturen des österreichischen AI Advisory Board, in dem inzwischen fünf von elf Mitgliedern Frauen sind – das sind keine Selbstverständlichkeiten. Das sind erkämpfte Räume. Und Women in AI Austria gehört zu jenen Organisationen, die sie hartnäckig erweitern, ohne dass es jemand applaudierend bemerkt.

Etwa 3.500 Menschen folgen dem Verein auf LinkedIn, rund 200 sind in der aktiven Signal-Gruppe, etwa 40 stimmberechtigte Mitglieder tragen die Vereinsstruktur. Klein? Vielleicht. Aber wenn du dir anschaust, welche Hebel hier bewegt werden – Stellungnahmen zu EU-Gesetzgebung, Beiträge zu nationalen Beratungsgremien, Bildungsarbeit von Vorarlberg bis ins Burgenland – ist das eine Wirkung pro Mitglied, von der manche börsennotierte Unternehmen träumen würden.

Warum Diversität keine Höflichkeitsfloskel ist

Lass mich ehrlich sein: Begriffe wie "Diversität" und "Inklusion" sind durch ihre Verwendung im Corporate-Sprech ein bisschen abgenutzt. Auf Powerpoints klingen sie wie ein Häkchen, das man setzt, weil die Compliance-Abteilung es will. Aber wenn du über KI redest, wird daraus plötzlich etwas anderes.

Künstliche Intelligenz ist statistische Mustererkennung. Sie lernt aus dem, was sie sieht – und reproduziert es. Wenn die Welt, aus der sie lernt, nur die halbe Welt ist, dann ist die Maschine, die daraus entsteht, eine halbe Maschine. Eine, die bestimmte Menschen besser versteht als andere, bestimmte Stimmen lauter macht als andere, bestimmte Lebenswege als Norm setzt und andere als Abweichung markiert. Diversität in der KI-Entwicklung ist deshalb keine ethische Verzierung. Sie ist Qualitätssicherung. Sie ist Funktionalität. Sie ist – und das ist der Punkt, an dem Women in AI Austria so deutlich wird – Voraussetzung dafür, dass die Maschinen, mit denen wir leben werden, tatsächlich für uns alle funktionieren.

Und genau hier liegt die Schönheit dieses Vereins: Er macht aus einer Gerechtigkeitsfrage eine technische Frage, ohne die Gerechtigkeitsfrage zu verraten. Er sagt nicht: "Bitte gebt uns einen Platz am Tisch." Er sagt: "Ohne uns wird der Tisch nicht funktionieren." Das ist ein Unterschied, der alles ausmacht.

Wo du mitspielst – und warum du es solltest

Wenn du dich jemals gefragt hast, was du als Einzelperson eigentlich tun kannst gegen die schiefen Gewichtungen im KI-Zeitalter – hier ist eine sehr konkrete Antwort. Du musst nicht selbst Code schreiben. Du musst keine Datensätze trainieren. Du musst nur wissen, dass es Räume gibt, in denen diese Arbeit gemacht wird, und du kannst sie unterstützen. Mit Aufmerksamkeit. Mit deinem Netzwerk. Mit deiner Zeit, wenn du eine Expertise einzubringen hast. Mit deiner Stimme, wenn du an einer Schule unterrichtest, in einer Personalabteilung sitzt, in einer Redaktion arbeitest, in einer politischen Funktion bist.

Die Tür ist offen – ausdrücklich, übrigens, auch für Menschen aller Geschlechter, Disziplinen und Altersgruppen. Inklusion bedeutet bei Women in AI Austria nicht Abgrenzung, sondern Erweiterung. Eine seltene Haltung in einer Zeit, in der so viele Räume sich gegenseitig ausschließen.

Eine Notiz zum Schluss

In meinen Texten kritisiere ich oft die großen Tech-Konzerne. Ich frage nach Macht. Nach Ungleichheit. Nach den unsichtbaren Kosten unseres digitalen Komforts. Heute schreibe ich über eine Initiative, bei der es nichts zu kritisieren gibt – jedenfalls nichts, was nicht ohnehin in der Natur jedes Vereins liegt, der mit ehrenamtlichem Engagement, knappen Ressourcen und gegen den Strom arbeitet.

Was Women in AI Austria seit 2020 aufbaut, ist genau jene Sorte Infrastruktur, die wir im Noozän brauchen: nicht aus Beton und Stahl, sondern aus Beziehungen, Wissen, politischem Einfluss und einer hartnäckigen Vorstellung davon, dass eine bessere KI nicht von selbst entsteht. Sie wird gebaut. Von Menschen, die sich entschieden haben, nicht zuzuschauen.

Das verdient mehr als ein Schulterklopfen. Das verdient deine Aufmerksamkeit. Und vielleicht – wenn du Lust hast – auch deine Beteiligung.

Bist du bereit für die Zukunft?


Quellen

  • Women in AI Austria, offizielle Website: womeninai.at
  • LinkedIn: https://www.linkedin.com/company/women-in-ai-austria/
  • Meetup: https://www.meetup.com/women-in-ai-austria/
  • Vereinsvorstellung (PDF, 2025), bereitgestellt von Women in AI Austria
  • trendingtopics.eu: "Women in AI Austria bekommt ein neues Leadership-Board – Alexandra Ciarnau wird Präsidentin" (März 2025)
  • brutkasten.com: "Neuer Vorstand für Women in AI Austria" (März 2025)
  • diversitec.at: Profil Women in AI Austria
  • DORDA Rechtsanwälte: Profil Alexandra Ciarnau
  • Kontakt: board@womeninai.at
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