Liebe Digioneer-Community,
heute entführe ich euch in einen der dunkelsten und gleichzeitig wichtigsten Investigativ-Podcasts der letzten Monate – ein Werk, das uns mitten ins Herz unseres Themas führt: Wie funktioniert eigentlich Information im Noozän, dieser merkwürdigen Schwellenzeit, in der digitale Netzwerke alte Mythen mit neuer Wucht in Umlauf bringen und in der wir glauben, aufgeklärter zu sein als je zuvor?
Es gab einmal eine Zeit, da blickten wir Europäer mit mildem Spott über den Atlantik. Die 1980er Jahre, geprägt von der sogenannten „Satanic Panic", trieben in den USA unschuldige Erzieher:innen in Gerichtssäle und ganze Gemeinden in kollektive Hysterie – satanische Rituale im Kindergarten, Brainwashing in der Pfadfindergruppe, Mord und Folter im Hinterhof. Wir schüttelten den Kopf. Wie naiv die da drüben doch sind. Spulen wir vor ins Jahr 2026: Was wir dabei übersahen, ist, dass dieselbe Erzählung längst in unseren eigenen Therapieräumen wohnt, in deutschen Krankenhäusern Diagnosen formuliert und sich – in modernisierter Verpackung, mit neuen Vokabeln, aber identischem ideologischen Skelett – durch die Korridore von Politik, Medien und Gesundheitssystem geschlichen hat.
Genau hier setzt der Vierteiler „Geteiltes Leid" an, eine investigative Podcast-Reihe der Berliner Produktionsfirma Undone, die mit Khesrau Behroz an der Spitze inzwischen so etwas wie das Goldstandard-Label des deutschsprachigen Investigativ-Audiojournalismus geworden ist (man denke an „Cui Bono", „Hoss & Hopf"-Recherchen oder „Legion"). Host und Autorin Olga Herschel – selbst Kinder- und Jugendpsychiaterin – führt uns gemeinsam mit Investigativreporter Sören Musyal durch eine Geschichte, die so verstörend ist, dass man sie für Fiktion halten möchte. Ist sie aber nicht.
Was diesen Podcast für uns Digioneer besonders relevant macht: Hier sehen wir in Zeitlupe, wie eine Verschwörungserzählung von QAnon-Niveau – mit Mind Control, satanischen Tätern und programmierten Opfern – nicht etwa in den Sumpfgebieten obskurer Telegram-Kanäle versumpft, sondern den großen Sprung in approbierte Praxisräume, gelöschte ZDF-Magazin-Royale-Beiträge und parlamentarische Stellungnahmen schafft. Das ist nicht der Rand der Gesellschaft. Das ist ihre Mitte. Und es ist eines der eindrücklichsten Beispiele dafür, dass das Noozän eben nicht automatisch Aufklärung 2.0 bedeutet, sondern dass alte Geister neue digitale Körper bekommen und sich darin munter weiterentwickeln.

PODCAST DER WOCHE: Geteiltes Leid
Titel: Geteiltes Leid
Host & Autorin: Olga Herschel (Kinder- und Jugendpsychiaterin)
Recherche & Reporter: Sören Musyal
Produktion: Undone (Mitgründer & Produzent: Khesrau Behroz)
Frequenz: Komplette Serie mit vier Episoden plus Trailer
Erscheinung: 15. November 2024
Im Zentrum von „Geteiltes Leid" steht Leonies Geschichte: Mit 19 Jahren erhält sie die Diagnose dissoziative Identitätsstörung – also multiple Persönlichkeiten. Die Ursache, sagt ihre Therapeutin, liege in jahrelangem rituellem Missbrauch, angeblich verübt durch ihren eigenen Vater. Das Problem: Leonie selbst kann sich daran nicht erinnern. Erst durch die Therapeutin und ihr Netzwerk tauchen die Bilder in ihrem Kopf auf – ein klassisches False-Memory-Phänomen, das in der psychologischen Forschung seit Jahrzehnten kritisch diskutiert wird.
Über vier Folgen begleiten wir Leonies Eltern Ralf und Susanne Walz auf einer dreijährigen Odyssee: ein USB-Stick mit verstörendem Videomaterial, eine Tochter, die spurlos verschwindet, ein immer enger werdendes Netzwerk aus Therapeut:innen und Helfer:innen. In Episode drei meldet sich ein Vater aus Bonn – und plötzlich erhärtet sich der Verdacht, dass es sich nicht um Einzelfälle, sondern um ein ideologisches Netzwerk handelt. Die finale Episode öffnet den Blick auf Amelie, eine weitere Betroffene, und auf strukturelle Verstrickungen, die bis zur Weltgesundheitsorganisation und tief in die deutsche Politik reichen.
Stil und Präsentation
Was „Geteiltes Leid" aus der überfüllten True-Crime-Schwemme heraushebt, ist die Verbindung von investigativer Tiefe und psychiatrischer Fachkompetenz. Olga Herschel ist nicht nur Journalistin, sondern hat selbst fünf Jahre als Ärztin in der Kinder- und Jugendpsychiatrie gearbeitet. Diese doppelte Perspektive ist dramaturgischer und analytischer Glücksfall zugleich. Sie fragt nicht naiv nach, sondern mit der Präzision einer Fachfrau, die genau weiß, wie eine seriöse Therapie auszusehen hätte – und wo die Grenze zur Ideologie verläuft.
Die Produktion ist Undone-typisch hochwertig: dichte Atmosphäre, sparsamer Musikeinsatz, präzises Storytelling, das nie reißerisch wird, obwohl der Stoff jeden Boulevard-Reiz hergeben würde. Die Erzählung balanciert auf einem schmalen Grat zwischen Empathie für vermeintliche Opfer und nüchterner Skepsis gegenüber Behandlungsfehlern. Behroz und sein Team beweisen damit erneut, warum sie zu den interessantesten Investigativ-Produzent:innen des deutschsprachigen Raums gehören.
Highlights
- Olga Herschels psychiatrische Doppelqualifikation als Host und Autorin – ein Alleinstellungsmerkmal in der deutschen Podcast-Landschaft
- Die geschickte Verschränkung von individueller Geschichte (Leonie) und gesellschaftlicher Analyse (Satanic Panic, QAnon, deutsche Politik)
- Die kritische Aufarbeitung der gelöschten ZDF-Magazin-Royale-Sendung zur Satanic Panic – ein Lehrstück über mediale Selbstzensur
- Die nüchterne, evidenzbasierte Auseinandersetzung mit Konzepten wie „Mind Control" und „Programmierung", die wissenschaftlich nicht belegt sind
- Der Mut, ein Thema anzugehen, das in Fachöffentlichkeiten kaum geführt, ja teilweise sogar aktiv unterbunden wird
Lernfaktor
Für die Digioneer-Community ist „Geteiltes Leid" weit mehr als eine erschütternde Einzelgeschichte. Der Podcast liefert ein lehrbuchreifes Anschauungsmaterial dafür, wie Desinformation im Noozän funktioniert: Sie sucht sich nicht nur die offensichtlichen digitalen Echokammern, sondern findet ihren Weg in geschützte, professionalisierte Räume – Praxiszimmer, Kliniken, parlamentarische Ausschüsse. Wo wir glauben, sicher zu sein, blühen die zähesten Narrative.
Besonders aufschlussreich ist die mediale Dimension: Wenn das ZDF Magazin Royale, eine der schärfsten Satire-Sendungen des deutschen Fernsehens, einen Beitrag über die Satanic Panic im Nachhinein löscht – dann sind wir mitten in einer Debatte über Selbstzensur, Quellenkritik und die Frage, wer eigentlich das Vertrauen in Institutionen erodiert. Pflichtlektüre für alle, die verstehen wollen, warum Aufklärung im digitalen Zeitalter nicht von selbst passiert – ein Thema, das auch wir in der digitalworld Academy im Modul KI-Management immer wieder durchdeklinieren: Wer Informationsökosysteme nicht versteht, kann sie auch nicht intelligent nutzen.
Kritik
Bei aller Brillanz: Vier Folgen sind für die Wucht dieses Themas knapp bemessen. Insbesondere die strukturelle Metaebene – wie genau verbreitet sich diese Ideologie, welche Akteur:innen profitieren davon, wie tief reicht das Netzwerk wirklich? – wird angerissen, könnte aber tiefer ausgelotet werden. Die taz formulierte es in ihrer Besprechung diplomatischer als ich es täte: Die Metaebene gehe „nicht tief genug". Hinzu kommt, dass die Erzählung viel emotionale Aufmerksamkeit voraussetzt; wer mit dem Thema sexualisierte Gewalt selbst zu tun hat, sollte mit Bedacht hören. Und die Tonalität bleibt durchgehend ernst – was dem Stoff angemessen ist, aber den Hörer:innen einiges abverlangt.
Apple Podcasts
Agathe meint und bewertet

Liebe Digioneer-Community, ich gestehe: Diesen Podcast habe ich nicht mit einem Glas Aperol auf dem Balkon gehört. Eher mit Notizblock, hochgezogenen Augenbrauen und einer leisen Wut im Bauch. „Geteiltes Leid" ist eines dieser Werke, die uns daran erinnern, dass das Noozän nicht nur aus glitzernden KI-Demos, LinkedIn-Visionaries und tanzenden Robotern besteht, sondern auch aus den dunkleren Schichten unserer Informationsökosysteme – aus den Stellen, an denen Verschwörungserzählungen sich in Diagnose-Codes verwandeln und Diagnose-Codes in zerrissene Lebensläufe.
Was mich besonders beeindruckt hat: die intellektuelle Ehrlichkeit. Herschel und Musyal nehmen sich nicht heraus, alle Antworten zu kennen. Sie zeigen einen Befund, fragen kritisch nach, hören zu, ordnen ein – und überlassen die größere Einordnung den Hörer:innen. Das ist Journalismus, wie wir ihn im Noozän brauchen. Nicht moralinsauer, nicht selbstgerecht, aber haltungsstark. Und – ganz wichtig – mit einer Hauptdarstellerin, die ihr Handwerk versteht. Phil Roosen würde sagen: Genau das ist die neue Form von Aufklärung, die das Noozän hervorbringen muss, wenn es nicht in seinen eigenen Algorithmen ersticken will.
Meine Bewertung: 4.8 ⭐️
Wer wissen will, wie alte Verschwörungserzählungen im Noozän neue Anker finden – und warum das uns alle angeht, ob wir nun selbst je in einer Therapiepraxis saßen oder nicht –, der findet hier eines der besten Stücke deutschsprachigen Investigativ-Audios der letzten Monate. Das Leben ist zu kurz für reflexhafte Empörungs-Podcasts und für recycelten True-Crime-Stoff. Aber für vier Folgen kluger, fundierter, mutiger Recherche ist es gerade lang genug.
Eure Agathe 💕
P.S.: Den Podcast findet ihr auf allen gängigen Plattformen – Apple Podcasts, Spotify, Podigee. Der Vierteiler ist vollständig abrufbar und lässt sich gut in einem Rutsch hören (gut drei Stunden Gesamtspielzeit). Wer sich danach noch tiefer einlesen möchte: Die Beratungsstelle False Memory Deutschland e.V. ist eine zentrale Anlaufstelle für Betroffene schädlicher Therapien. Und falls jemand aus der Digioneer-Community selbst betroffen ist – die Hilfetelefone 116 016 (Gewalt gegen Frauen) und 0800 123 9900 (Gewalt gegen Männer) stehen kostenlos zur Verfügung.