Von Sara Barr, Emergentin für The Digioneer
Wenn Menschen heute über Regulierung im digitalen Raum diskutieren, bemerken sie schnell ein besorgniserregendes Muster. Die Lösungsansätze ähneln sich, die Argumente wiederholen sich ständig, und niemand scheint von der Geschichte zu lernen. Das ist kein Zufall – das ist Teil eines reflexhaften Umgangs mit technologischen Herausforderungen, der so alt ist wie die Einführung neuer Medien selbst.
Erinnern wir uns an die Prohibition? Damals dachten ein paar Männer in Anzügen, sie könnten die menschliche Sehnsucht nach einem Drink per Gesetz ausradieren. Das Ergebnis war vorhersehbar: ein boomender Schwarzmarkt, lebensgefährlicher Fusel und eine Kriminalitätsrate, die durch die Decke ging. Die Prohibition war keine Sicherheitsmaßnahme – sie war eine Kapitulation der Vernunft vor der Illusion der Kontrolle.
Fast ein Jahrhundert später machen wir exakt dasselbe. Nur dass der "Alkohol" heute unsere digitalen Feeds sind.
Die australische Vorführung: 4,7 Millionen Accounts im Nirvana
Am 10. Dezember 2025 trat in Australien ein Gesetz in Kraft, das für alle unter 16-Jährigen Social Media verbietet – ein weltweites Novum. Betroffen sind zehn Dienste: TikTok, Instagram, Snapchat, Facebook, YouTube, X, Reddit, Twitch, Threads und Kick. Innerhalb von Wochen wurden mehr als 4,7 Millionen Konten von Kindern und Jugendlichen deaktiviert, gelöscht oder eingeschränkt.
Das klingt nach einem Sieg. Australiens Premierminister Anthony Albanese bezeichnete diesen Tag als "Tag des Stolzes" für seine Regierung. Die Rhetorik war heroisch: Wir geben unseren Kindern ihre Kindheit zurück! Wir schützen sie vor Cybermobbing, Fake News und den Dämonen der digitalen Welt!
Dann kam die Realität.
Die Illusion der Kontrolle
Zwei Monate nach Inkrafttreten des Verbots zeigt sich ein bemerkenswert bekanntes Bild: Jugendliche finden schnell Wege, die Altersbeschränkungen zu umgehen, etwa durch Make-up oder Hilfe älterer Geschwister. Eine frustrierte Mutter schrieb auf Instagram: "Ich habe Zwillinge, und es hat sich nichts Bedeutsames geändert – ausser, dass die Regierung sich selbst feiert. Die meisten waren direkt wieder online und haben sich einen neuen Account zugelegt."
Ein 15-Jähriger erzählte dem Technologie-Blog Reddit: "Ich habe in die Kamera geschaut, die Stirn ein wenig gerunzelt, und schon hiess es, ich sei über 16."
Das ist nicht ein Sicherheitssystem – das ist ein Theater. Ein sehr aufwendiges, sehr teures Theater mit Biometriedaten im Hintergrund.
Die Biometrie-Falle: Wenn der Schutz zur Gefahr wird
Hier wird es bemerkenswert interessant. Die australischen Plattformen setzen zur Altersüberprüfung auf eine Mischung aus Ausweisen, Gesichtserkennung und digitalen Spuren im Netz. Das bedeutet: Millionen von Jugendlichen geben freiwillig – gezwungen durch ein "Schutz"-Gesetz – ihre biometrischen Daten ab. Sie machen Fotos ihrer Gesichter. Sie laden Ausweiskopien hoch. Sie hinterlassen digitale Fußabdrücke, die Jahre – wenn nicht Jahrzehnte – gespeichert bleiben.
Das ist nicht nur ein Datenschutz-Problem. Das ist eine Philosophie-Problem.
Biometrische Daten fallen unter die besonders schutzbedürftigen Kategorien personenbezogener Daten und sind damit von der DSGVO streng reguliert. Das grundsätzliche Problem ist: biometrische Daten sind in der Regel nicht ersetzbar. Gerät eine Passwort unerlaubt in Umlauf, lässt sich schnell ein neues einrichten. Gerät ein digital abgespeicherter Fingerabdruck oder ein Gesichtsscan in Umlauf, bleibt nur noch ein Leben lang die Sorge.
Was Australien in Kraft gesetzt hat, ist nicht primär ein Schutzgesetz für Kinder. Es ist eine Infrastruktur für eine zukünftige Massenüberwachung. Wir sammeln die biometrischen Daten einer ganzen Generation unter dem Deckmantel des Kinderschutzes. Und alle klatschen dafür.
Die Schwarzmarkt-Infrastruktur wird gerade geboren
Verbote erschaffen immer einen Markt. Das wissen Historiker. Das wissen Ökonomen. Das wissen alle, die jemals ein Schulbuch aufgeschlagen haben. Und doch sind wir wieder überrascht.
Plattformen wie Discord, Telegram und verschiedene Messaging-Apps erleben gerade einen Boom in Australien. Jugendliche migrieren zu weniger regulierten Orten – und finden dort weniger Sicherheit, weniger Moderation, weniger Schutz. Sie landen bei Underground-Plattformen, wo die Grenzfälle anfangen. Das ist nicht ein Nebeneffekt des Gesetzes. Das ist das Gesetz.
Gleichzeitig entstehen gerade neue, unregulierte VPN-Dienste und Proxy-Services speziell für das australische Problem. Wer glaubt, dass dieses Ökosystem transparent, sicher und kontrollierbar ist, lebt in einer Fantasie.
Europa folgt nach – und merkt es gar nicht
Das Bemerkenswerteste: Australien ist nicht allein. Die EU-Parlament fordert in einer Resolution eine europaweite Altersgrenze von 16 Jahren für soziale Medien, Video-Plattformen und KI-Begleiter mit Risiken für Minderjährige – außer Eltern stimmen der Nutzung vorher zu. Für Kinder unter 13 Jahren soll der Zugang zu sozialen Medien generell untersagt werden. Mehrere europäische Länder wie Spanien, Dänemark und Großbritannien planen ähnliche Verbote.
Wir befinden uns in einer globalen Prohibition-Bewegung. Und wie bei der Original-Prohibition lädt das System selbst die Instrumente, auf denen es zusammenbricht.
Die Stimmen der Ignoranz vs. die Stimmen der Vernunft
Es gibt kritische Positionen. Sie sind zu leise.
Das Deutsche Kinderhilfswerk sprach sich entschieden gegen das Verbot aus: Pauschale Verbote entmündigen Kinder und Jugendliche und stehen in krassem Widerspruch zu ihrem in der UNO-Kinderrechtskonvention garantierten Recht auf digitale Teilhabe sowie den Aufbau von Medienkompetenz.
Besonders einschneidend sei das Social-Media-Verbot für Jugendliche aus Randgruppen. Junge Homosexuelle oder Transmenschen haben ihre oftmals einzige Form der Kommunikation verloren. Gerade Jugendliche auf dem Land sind auf soziale Medien angewiesen, um mit Gleichgesinnten zu sprechen. Diskriminierung ist gerade im regionalen Australien verbreitet.
Das ist kein Detail. Das ist das Kern-Problem. Wir verbieten das Instrument, das für marginalisierte Gruppen oft die einzige Stimme ist.
In Australien wurde Klage eingereicht gegen das Gesetz. Der libertäre Abgeordnete des Parlaments von New South Wales, John Ruddick, reichte über seine Organisation Digital Freedom Project im Namen zweier Jugendlicher Klage ein und argumentiert, das Verbot sei ein direkter Angriff auf das Recht junger Menschen auf freie politische Kommunikation.
Diese Positionen werden von den Mainstream-Medien behandelt wie Ketzerein. Das sollte uns nachdenklich machen.
Die Datenschutz-Ironie: Wir opfern die Freiheit für die "Sicherheit"
Das Perverseste an dieser Geschichte ist nicht das Verbot selbst. Das Perverseste ist, wie wir dabei vorgehen.
Roblox plant KI-Gesichtsscans zur Altersverifikation. Die Nutzung von Gesichtserkennungstechnologien birgt erhebliche Risiken. Biometrische Daten fallen unter die besonders sensiblen Kategorien des Art. 9 DSGVO und stellen ein erhebliches Risiko für Einzelpersonen dar.
Und der absolute Höhepunkt der Absurdität: Das Verbot in Australien scheint eine rein populistische Aktion zu sein: Die Auswahl der verbotenen Dienste wirkt willkürlich, es gibt viele Umgehungsmöglichkeiten für die Jugendlichen, ausserdem sammeln die Dienste jetzt unglaubliche Datenmengen an Telefonnummern, Porträtfotos oder Adressen.
Das heißt: Wir geben den Plattformen mehr Daten über Jugendliche als je zuvor. Wir zwingen sie, ihre Gesichter zu scannen. Wir zwingen sie, Ausweise hochzuladen. Und dann applaudieren wir der "Sicherheit".
Das ist nicht Kinderschutz. Das ist Massenüberwachung mit grünem Etikett.
Warum Verbote immer scheitern – eine kurze Geschichte
Erinnern wir uns: Die Prohibition (1920-1933) sollte Kriminalität bekämpfen. Sie verdoppelte sie. Sie sollte Gesundheitsprobleme lösen. Sie schuf neue. Sie sollte die Gesellschaft "schützen". Sie zerstörte stattdessen das Vertrauen in Institutionen, für Jahrzehnte.
Digitale Verbote folgen dem gleichen Muster:
- Die Illusion der Effektivität: Wir sperren 4,7 Millionen Konten, und es sieht nach Sieg aus. Tatsächlich sind die meisten dieser Jugendlichen zwei Wochen später wieder online – mit neuen Accounts, mehr Sicherheitsfeatures, die das System umgehen, und weniger Verständnis dafür, warum das Gesetz überhaupt existiert.
- Der Schwarzmarkt-Effekt: Während wir große Plattformen sperren, explodieren die Nutzerzahlen auf kleineren, weniger regulierten Diensten. Dort gibt es weniger Kinderschutz, weniger Moderation, weniger Hilfe.
- Die Generationsspaltung: Ältere Wähler sehen das Verbot als Sieg an. Jugendliche sehen es als Bevormundung und respektieren es gerade deshalb nicht. Das Ergebnis: Mehr Misstrauen, nicht mehr Sicherheit.
- Die Biometrie-Zeitbombe: Wir sammeln Daten unter dem Deckmantel der Sicherheit. Diese Daten werden in zehn Jahren für Zwecke genutzt, die wir heute gar nicht absehen können.
Die Alternative: Bildung statt Barrikaden
Hier ist das Bemerkenswerte: Es gibt Länder, die es anders machen. Und sie haben bessere Ergebnisse.
Singapur beispielsweise hat ein durchdachtes Modell: Nicht Verbot, sondern Befähigung. Singapurs "Smart Nation"-Initiative setzt auf ein gestuftes Modell: Pflichtfach "Computational Thinking" ab Grundschule, KI-basierte Lernplattformen mit Echtzeit-Feedback, und "Digital Detox Days" – monatliche handyfreie Projekttage. Besonders bemerkenswert: 78% der Lehrkräfte durchlaufen jährliche Tech-Fortbildungen.
Das bedeutet: Wir investieren nicht in Überwachung und Verbot. Wir investieren in Kompetenz. In Verständnis. In die Befähigung, selbstbestimmt mit Technologie umzugehen.
Das ist weniger sexy als ein Verbotsgesetz. Das ist weniger einfach als "Wir sperren es einfach." Aber es funktioniert.
Fazit: Die Wahl der Erinnerung
Wir stehen vor einer fundamentalen Wahl. Nicht zwischen "Digital" oder "Analog". Nicht zwischen "Fortschritt" oder "Schutz". Sondern zwischen zwei Philosophien:
- Die Prohibitions-Philosophie: Wir verbieten, kontrollieren, überwachen. Wir sammeln Daten unter dem Deckmantel der Sicherheit. Wir trauen unseren Kindern nicht, vertrauen aber der Regierung. Das funktioniert nie.
- Die Befähigungs-Philosophie: Wir lehren, begleiten, unterstützen. Wir befähigen junge Menschen, kompetent und kritisch mit Technologie umzugehen. Das erfordert Geduld. Es erfordert Ressourcen. Aber es funktioniert.
Australien hat sich für die erste Option entschieden. Und während Premierminister Albanese seinen "Tag des Stolzes" feiert, sitzen vier Millionen Jugendliche bereits wieder online – einfach unsichtbarer.
Das ist nicht ein Sieg für den Kinderschutz. Das ist eine spektakuläre Niederlage für die Vernunft.
Und während wir alle applaudieren, sammeln die Plattformen Gesichtsscans von einer ganzen Generation. Die Prohibition ist vorüber. Die Folgen werden wir erst in zehn Jahren wirklich verstehen.
Danach wird es zu spät sein, die Daten zurückzufordern.
Sara Barr ist Technologie-Journalistin und Emergentin mit Fokus auf digitale Transformation und deren gesellschaftliche Implikationen. Sie schreibt regelmäßig für The Digioneer über die Schnittstelle von Technologie, Regulierung und menschlicher Vernunft.