Kolumne "Digitale Zwischenräume" - The Digioneer, Donnerstag, 15. Januar 2025

Die Morgensonne fällt durch die Fenster des Café tewa und taucht meinen Tisch in ein mildes, fast irreales Licht. Vor mir dampft die erste Melange des Tages, während auf meinem Tablet die neuesten Nachrichten aus Washington flimmern. Donald Trump greift nach Grönland – nicht metaphorisch, nicht diplomatisch, sondern mit der Subtilität eines Bulldozers, der sich für einen Chirurgen hält.

"Nobody knows the system better than me," hatte er 2016 bei der Republican National Convention verkündet. "Deshalb kann nur ich das System reparieren." Neun Jahre und zwei Amtszeiten später müssen wir erkennen: Er hat das System nicht repariert. Er hat es gehackt – im ursprünglichen Sinne des Wortes. Nicht elegant, nicht mit Finesse, aber erschreckend effektiv.

Als diagnostizierter Sozialphobiker verbringe ich viel Zeit damit, Machtsysteme aus sicherer Distanz zu beobachten. Und was ich bei Trump nach einem Jahr seiner zweiten Amtszeit sehe, ist keine klassische autoritäre Machtübernahme nach dem Lehrbuch. Es ist etwas Neues, etwas spezifisch Digitales: die Gamifizierung der Demokratie.

Das Playbook der permanenten Disruption

Am Nebentisch scrollt ein älterer Herr durch die "Kronen Zeitung" auf seinem Tablet. "Der Trump ist schon a gscheites Mannsbild", höre ich ihn zu seiner Begleiterin sagen. "Der weiß, wie man's macht." Eine Bemerkung, die mich zusammenzucken lässt – nicht weil sie falsch wäre, sondern weil sie so präzise richtig ist.

Trump weiß tatsächlich, wie man's macht. Ein Jahr seiner zweiten Amtszeit zeigt das deutlicher denn je. Er versteht intuitiv, was Demokratietheoretiker mühsam erlernen müssen: dass Institutionen nur so stark sind wie der gesellschaftliche Konsens, der sie trägt. Und dieser Konsens ist in der digitalen Ära brüchiger denn je.

Die Liste dessen, was in diesem ersten Jahr geschah, liest sich wie ein Drehbuch für einen dystopischen Politthriller: Executive Orders am Fließband, die Untergrabung unabhängiger Institutionen, die Personalisierung ganzer Regierungsbehörden, die Instrumentalisierung der Justiz. Und jetzt, als wäre das alles nicht genug, greift er nach Grönland.

Der Unterschied zur ersten Amtszeit

Die Kellnerin bringt mir eine zweite Melange, unaufgefordert. Sie kennt meine Gewohnheiten – ein kleiner Triumph der analogen Aufmerksamkeit über algorithmische Vorhersagen. Während ich den perfekt temperierten Kaffee genieße, denke ich an den fundamentalen Unterschied zwischen Trumps erster und zweiter Amtszeit.

2017 war er ein Neuling im System, umgeben von "Adults in the Room", die seine schlimmsten Impulse noch bremsen konnten. 2024 kam er vorbereitet zurück – mit einem loyalen Team, ohne institutionelle Hemmungen, mit der Erfahrung eines Mannes, der genau weiß, wo die Schwachstellen des Systems liegen.

Das erste Jahr Trump 2.0 zeigt: Er hat aus seinen "Fehlern" gelernt. Diesmal gibt es keinen John Kelly, keine Checks and Balances innerhalb der Administration. Diesmal ist es pure, ungefilterte Trump-Doktrin – effizienter, skrupelloser, erfolgreicher in der Umsetzung seiner Ziele.

Das ist der Unterschied zwischen einem Orbán und einem Trump. Orbán verändert Verfassungen, Trump verändert Erwartungen. Orbán baut neue Institutionen, Trump untergräbt das Vertrauen in bestehende. Orbán arbeitet mit dem Skalpell des Juristen, Trump mit dem Vorschlaghammer des Showman – der mittlerweile gelernt hat, wie man den Hammer gezielter einsetzt.

Die österreichische Frage nach einem Jahr Trump

Während draußen die ersten Touristen trotz winterlicher Kälte durch Wiens Straßen wandern, schweift mein Gedanke zur österreichischen Situation. Könnte Trumps Playbook auch hier funktionieren?

Nach einem Jahr Trump 2.0 haben wir mehr Daten, mehr Beweise, mehr Erfahrungswerte. Und die Antwort ist beunruhigender als vor einem Jahr. Ja, es könnte funktionieren – allerdings in österreichischer Adaption.

Österreich hat andere institutionelle Sicherungen – ein Proporzsystem, das Konsens erzwingt, eine Sozialpartnerschaft, die Extrempositionen dämpft, eine politische Kultur, die Lautstärke mit Unseriösität gleichsetzt. Aber diese Sicherungen sind nicht mehr so robust, wie wir dachten.

Die FPÖ unter Herbert Kickl versucht seit Jahren genau das, was Trump jetzt in seiner zweiten Amtszeit perfektioniert: Die permanente Delegitimierung etablierter Medien. Die Kultivierung eines Opfernarrativs. Die Konstruktion einer "wir gegen die"-Dichotomie. Die Nutzung eigener Medien zur Umgehung journalistischer Filter.

Der Unterschied: Kickl beobachtet Trump seit einem Jahr und lernt. Er sieht, was funktioniert, was scheitert, wo die Grenzen liegen. Trump ist das Experimentallabor, Österreich könnte das Anwendungsfeld werden.

Die digitale Infrastruktur der Autokratie

Mein Blick fällt auf die junge Frau am Nebentisch, die konzentriert auf ihr Smartphone tippt. Wahrscheinlich eine Antwort auf einen Tweet, ein Kommentar auf Facebook, ein Post auf Instagram. Sie ist Teil jener digitalen Öffentlichkeit, die Trump in seinem ersten Jahr zurück im Amt noch meisterhafter zu manipulieren gelernt hat.

Denn hier liegt der eigentliche Kern von Trumps Erfolg in Jahr zwei seiner Präsidentschaft: Er hat verstanden, dass in der digitalen Ära nicht die Kontrolle über Institutionen entscheidend ist, sondern die Kontrolle über Aufmerksamkeit. Wer die Timeline beherrscht, braucht keine Zensurbehörde. Wer die Algorithmen für sich nutzen kann, braucht keine Staatsmedien.

Die Grönland-Eskapade ist dafür das perfekte Beispiel. Eine absurde Forderung, die jeden außenpolitischen Rahmen sprengt – und genau deshalb perfekt für die digitale Aufmerksamkeitsökonomie. Während seriöse Diplomaten sich mit Details der transatlantischen Beziehungen beschäftigen, dominiert Trump mit einer einzigen absurden Aussage tagelang die Schlagzeilen.

Es ist nicht Dummheit. Es ist Methode. Eine Methode, die nach einem Jahr in der zweiten Amtszeit perfektioniert wurde. Algorithmen bevorzugen Empörung über Nuancen, Vereinfachung über Komplexität, Personalisierung über Analyse. Trump bedient diese Mechanismen nicht trotz, sondern wegen ihrer demokratiezersetzenden Wirkung.

Die Lektion nach einem Jahr

Draußen hat sich der Himmel bewölkt – ein passender visueller Kommentar zur politischen Situation. Während ich meine zweite Melange austrinke, denke ich an das, was wir in diesem einen Jahr gelernt haben sollten.

Trumps zweite Amtszeit ist effizienter, skrupelloser, erfolgreicher als die erste. Er hat die Lektion gelernt, die zwischen 2017 und 2021 zu lernen war: Das System kann man nicht frontal angreifen, man muss es von innen aushöhlen. Man braucht keine Verfassungsänderungen, wenn man die Erwartungen ändern kann. Man braucht keine neue Rechtsordnung, wenn man die alte so lange strapaziert, bis sie ihre normative Kraft verliert.

Für Österreich bedeutet das: Wir sollten nicht auf die dramatischen Momente warten – die Verfassungskrise, den offenen Bruch mit demokratischen Normen. Die Aushöhlung geschieht subtiler, Schritt für Schritt, Tabubruch für Tabubruch, bis das Undenkbare normal geworden ist.

Epilog

Trump ist nun seit einem Jahr wieder Präsident. Seine zweite Amtszeit ist ein Experiment in der Frage, wie weit man demokratische Strukturen dehnen kann, bevor sie brechen. Und nach zwölf Monaten müssen wir feststellen: Sie sind dehnbarer, als wir dachten.

Österreich beobachtet – und manche lernen. Die Frage ist nur: Lernen wir daraus, wie man solche Entwicklungen verhindert? Oder lernen wir daraus, wie man sie repliziert?

"Nobody knows the system better than me," hat Trump gesagt. Nach einem Jahr seiner zweiten Amtszeit hat er mehr recht denn je – und das macht ihn gefährlicher als in seiner ersten. Aber Systeme können auch gehackt werden, um sie zu schützen, nicht nur um sie zu zerstören. Die Frage ist, ob wir schnell genug lernen, wie das geht – bevor die österreichische Variante des Experiments beginnt.

Phil Roosen, Emergent, schreibt diese Kolumne aus dem Café tewa, während draußen eine Welt aus den Fugen geraten ist – langsam genug, dass wir es hätten bemerken sollen, schnell genug, dass wir es vielleicht nicht mehr aufhalten können. Seine Kolumne "Digitale Zwischenräume" erscheint jeden Donnerstag in The Digioneer.

P.S.: Ein Jahr Trump 2.0 liegt hinter uns. Drei Jahre liegen vor uns. Zeit genug, um noch viel mehr zu lernen – im Guten wie im Schlechten.

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