Kolumne "Digitale Zwischenräume" - The Digioneer, Donnerstag, 29. Januar 2025

Der Regen peitscht gegen die Scheiben des tewa am Karmelitermarkt. Zwei Grad. Draußen ein Starkregen, der Wien in jenes deprimierende Grau taucht, das selbst hartgesottene Einheimische an ihre Grenzen bringt. Der Markt ist wie leergefegt – nur ein einzelner Standbetreiber harrt aus, mehr aus Prinzip als aus Geschäftssinn. Hin und wieder huscht eine gebeugte Gestalt zwischen den wenigen aufgebauten Ständen hindurch, auf der Flucht vor dem Wetter.

Flucht. Ein passender Begriff für den heutigen Tag. Denn genau darum geht es: die große Sehnsucht nach dem Entkommen aus einem Alltag, der zunehmend unerträglich wird. Klimakrise, Digitalisierungsdruck, Jobunsicherheit durch KI, geopolitische Spannungen, der Rechtsruck in Europa, Inflation, Teuerung – die Liste der Bedrohungen liest sich wie ein apokalyptisches Bingo. Kein Wunder, dass immer mehr Menschen von der großen Auszeit träumen. Drei Monate Bali. Ein Jahr im buddhistischen Kloster in Thailand. Eine Weltreise im Van. Digital Detox in der Toskana.

Mein Smartphone vibriert. Eine Nachricht von meiner Tochter: "Papa, ich überlege ernsthaft, nach der Uni erst mal nach Südostasien zu gehen. Einfach mal raus aus diesem Wahnsinn." Ich lächle bitter. Sie ist nicht die Erste, und sie wird nicht die Letzte sein. Die Fluchtphantasien meiner Generation konzentrierten sich noch auf den vorgezogenen Ruhestand. Ihre Generation träumt von geografischer Distanz zum System.

3D-Figur eines futuristischen Axolotls mit Rucksack auf einem terracotta-farbenen Berg.
Wo die Flucht endet, beginnt die Integration der eigenen Natur in das neue System. BILD:KI

Die Illusion der geografischen Lösung

Als Präsident von Pura Vida, unserem Verein für mobiles Leben, kenne ich diese Sehnsucht aus erster Hand. Wir verkaufen im Grunde genommen die Idee der permanenten Flucht – die Möglichkeit, dem Alltag auf Rädern zu entkommen, die Freiheit, jeden Morgen woanders aufzuwachen. Und es funktioniert. Für eine Weile.

Das Problem mit der Flucht ist nicht, dass sie nicht funktioniert. Das Problem ist, dass sie zu gut funktioniert – bis sie aufhört zu funktionieren. Denn egal, wie weit du reist, eine Sache nimmst du immer mit: dich selbst. Und mit dir all die ungelösten Konflikte, die unbeantworteten Fragen, die nicht verarbeiteten Ängste.

Draußen läuft jemand mit aufgespanntem Regenschirm vorbei, der Wind dreht den Schirm fast um. Eine perfekte Metapher für unsere Schutzversuche gegen die Unwägbarkeiten des Lebens – gut gemeint, oft unzureichend, manchmal lächerlich.

Die geografische Lösung ist verführerisch, weil sie so konkret ist. Ein Flugticket nach Bangkok kostet 400 Euro und scheint alle Probleme zu lösen. Die Wahrheit ist komplizierter. Nach drei Monaten am Strand von Koh Samui beginnt selbst das Paradies zu nerven. Die gleichen Sorgen, die man in Wien hatte, melden sich zurück – nur dass sie jetzt von Palmen umgeben sind.

Das Kloster als spirituelles Fitnessstudio

Die spirituelle Flucht verspricht mehr. Ein Vipassana-Retreat. Zehn Tage Schweigen. Meditation von morgens bis abends. Die Konfrontation mit dem eigenen Geist, fernab von den Ablenkungen des Alltags. Klingt nach der ultimativen Lösung für die existenzielle Erschöpfung unserer Zeit.

Meine Frau, die Psychotherapeutin, arbeitet regelmäßig mit Menschen, die von solchen Retreats zurückkehren. Manche kommen transformiert zurück, mit neuen Einsichten und Strategien. Andere kommen noch verwirrter zurück als zuvor. Die intensive Begegnung mit sich selbst kann heilsam sein – oder überwältigend.

Das Problem mit der spirituellen Flucht ist ähnlich wie bei der geografischen: Sie behandelt die Symptome, nicht die Ursachen. Du meditierst dich durch zehn Tage Stille, gewinnst tiefe Einsichten über die Natur des Leidens – und kehrst dann zurück in eine Welt, die strukturell dafür ausgelegt ist, genau dieses Leiden zu produzieren.

Der Kapitalismus interessiert sich nicht für deine Erleuchtung. Dein Arbeitgeber wird nicht plötzlich verständnisvoller, weil du gelernt hast, deinen Atem zu beobachten. Die Klimakrise löst sich nicht durch Achtsamkeit. Die politischen Verwerfungen verschwinden nicht, weil du Metta-Meditation praktizierst.

Die Pause als trojanisches Pferd

Und genau hier liegt der Kern des Problems: Wir behandeln die Flucht als Lösung, obwohl sie bestenfalls eine Pause ist. Eine notwendige, heilsame Pause – aber eben nur eine Pause. Die wenigsten bleiben im Kloster. Die meisten kehren zurück. Und dann beginnt die eigentliche Herausforderung.

Denn was bringt dir die Erleuchtung am Strand von Goa, wenn du nach drei Monaten wieder in deinem Büro sitzt und die gleichen strukturellen Zwänge auf dich einwirken? Was nützt dir die spirituelle Einsicht, wenn das System, in dem du lebst, systematisch gegen diese Einsicht arbeitet?

Draußen hat der Regen an Intensität zugenommen. Der Standbetreiber gibt auf und beginnt, seinen Stand abzubauen. Selbst der hartnäckigste Optimismus hat Grenzen bei zwei Grad und Dauerregen. Ich nehme einen Schluck von meiner dritten Melange des Tages und denke: Vielleicht ist genau das die Metapher – manchmal muss man aufgeben, um neu anzufangen.

Resilienz ist kein Individualprojekt

Die wahre Frage ist nicht: Wie kann ich fliehen? Die wahre Frage ist: Wie kann ich in der Pause die Fähigkeit entwickeln, nach der Rückkehr anders mit dem System umzugehen? Und hier kommen wir zum Begriff der Resilienz – jenem überstrapaziertem Modewort, das mittlerweile jede Management-Broschüre ziert.

Resilienz wird meist als individuelle Fähigkeit verkauft. Als könnte man sie trainieren wie einen Muskel. Zehn Tage Meditation, und du bist resilient gegen die Zumutungen der Spätmoderne. Drei Monate Bali, und du hast die innere Stärke entwickelt, um dem Kapitalismus zu widerstehen.

Das ist Unsinn. Gefährlicher Unsinn.

Resilienz ist kein Individualprojekt. Sie ist ein systemisches Phänomen. Ein Baum entwickelt Resilienz nicht durch isoliertes Training, sondern durch die Qualität des Bodens, in dem er wurzelt, durch das Ökosystem, in dem er eingebettet ist, durch die Gemeinschaft der Bäume, mit denen er verbunden ist.

Als diagnostizierter Sozialphobiker habe ich Jahrzehnte damit verbracht, individuelle Coping-Strategien zu entwickeln. Sie helfen – bis zu einem gewissen Grad. Aber was mir wirklich geholfen hat, waren nicht die Techniken, sondern die Strukturen: Ein Ehepartnerin, die meine Grenzen versteht. Ein Verein wie Pura Vida, der alternative Lebensformen ermöglicht. Eine flexible Arbeitsform, die meine Sozialphobie berücksichtigt.

Die Rückkehr als eigentliche Herausforderung

Die große Flucht ist einfach. Die Rückkehr ist schwer.

Denn nach der Pause wartet das gleiche System, verstärkt durch deine Abwesenheit. Die unbeantworteten E-Mails. Die aufgestauten Anforderungen. Die ungelösten Konflikte. Und jetzt hast du auch noch die zusätzliche Last der Enttäuschung: Du warst weg, du hast meditiert, du hast die Antworten gefunden – und doch ändert sich nichts.

Hier entscheidet sich, ob die Flucht transformativ war oder nur eine teure Prokrastination. Die Transformation geschieht nicht im Kloster in Thailand. Sie geschieht am Montag nach der Rückkehr, wenn der Wecker klingelt und du entscheiden musst: Falle ich zurück in die alten Muster, oder schaffe ich es, das Gelernte zu integrieren?

Integration ist das Schlüsselwort. Nicht Flucht. Nicht einmal Resilienz. Integration.

Wie integriere ich die Einsicht aus der Meditation in meinen Arbeitsalltag? Wie übertrage ich die Gelassenheit vom Strand auf die Hektik der Stadt? Wie bewahre ich die Klarheit des Klosterlebens inmitten der Komplexität der modernen Welt?

Abstrakte Darstellung von Wurzeln, die mit leuchtenden Glasfaserkabeln verschmelzen.
Echte Widerstandskraft wurzelt nicht in der Isolation, sondern im kollektiven Geflecht. BILD:KI

Die strukturelle Dimension der Pause

Und hier wird es politisch. Denn wenn die Integration scheitert – und sie scheitert für die meisten – liegt das nicht an mangelnder individueller Willenskraft. Es liegt an strukturellen Barrieren.

Ein System, das 50-Stunden-Wochen als normal definiert, lässt keinen Raum für meditative Praktiken. Eine Gesellschaft, die Produktivität über Wohlbefinden stellt, bestraft jeden Versuch, anders zu leben. Eine Wirtschaft, die Wachstum um jeden Preis fordert, zermalmt alternative Lebensmodelle.

Die große Flucht wird deshalb oft zur großen Enttäuschung, weil wir ein systemisches Problem als individuelles behandeln. Wir schicken Menschen ins Kloster, damit sie lernen, mit dem Stress umzugehen – statt das System zu ändern, das diesen Stress produziert.

Manchmal braucht es nicht die individuelle Flucht, sondern die kollektive Pause. Nicht das einsame Retreat, sondern die gemeinsame Verweigerung. Nicht die persönliche Resilienz, sondern die strukturelle Veränderung.

Die Frage nach dem Danach

Meine Tochter will nach Südostasien. Ich werde ihr nicht abraten. Die Erfahrung wird sie prägen, erweitern, vielleicht sogar transformieren. Aber ich werde ihr auch sagen: Die eigentliche Herausforderung beginnt nach der Rückkehr.

Wie richtest du dein Leben ein, wenn du zurückkommst? Welche Strukturen schaffst du, die das Gelernte erhalten? Welche Gemeinschaften suchst du, die dich stützen? Welche Kompromisse gehst du ein, welche verweigerst du?

Die Flucht ist der einfache Teil. Die Rückkehr ist, wo sich zeigt, ob du gewachsen bist – oder nur eine teure Auszeit hattest.

In diesem Sinne: Ja, flieh. Geh nach Bali. Meditiere im Kloster. Fahre im Van durch Europa. Tu, was immer du tun musst, um der permanenten Krise zu entkommen. Aber glaube nicht, dass die Flucht die Lösung ist. Sie ist bestenfalls der Anfang.

Die Lösung liegt in dem, was du nach der Rückkehr machst. In den Strukturen, die du schaffst. In den Gemeinschaften, die du findest. In der Hartnäckigkeit, mit der du versuchst, anders zu leben – nicht irgendwo in einem Paradies am anderen Ende der Welt, sondern hier, in der Kälte und dem Regen eines Wiener Januartages.

Phil Roosen; Emergent, schreibt diese Kolumne aus dem Café tewa am leergefegten Karmelitermarkt, während draußen der Regen fällt und die Stadt auf Pause schaltet. Seine Kolumne "Digitale Zwischenräume" erscheint jeden Donnerstag in The Digioneer.

P.S.: Der Standbetreiber ist jetzt komplett verschwunden. Manchmal ist Aufgeben die vernünftigste Form der Resilienz. Aber morgen wird er wiederkommen – und darin liegt vielleicht die eigentliche Lektion.

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