Kolumne "Digitale Zwischenräume" – The Digioneer, Wien, 19. Februar 2026

Wien, 1679. Die Pest wütet. Die Toten stapeln sich. Und was tut Marx Augustin, der Bänkelsänger vom Graben? Er fällt besoffen in eine Pestgrube und am nächsten Morgen – unbeschadet, leicht verkatert – spielt er weiter. Oh du lieber Augustin, alles ist hin. Alles hin. Und trotzdem: Dudelsack. Weitermachen.

Diese Stadt hat eine lange Übung im eleganten Umgang mit dem Untergang. Wir haben die Türken, Napoleon, zwei Weltkriege, den Zusammenbruch der Monarchie und die Abschaffung des Rauchens in Kaffeehäusern überlebt. Wir singen darüber. Wir philosophieren. Wir bestellen eine weitere Melange.

Ich lese dieser Tage viele Texte im Stile von Something Big Is Happening. Amerikanische Tech-Gründer, die ihren Freunden und der Menschheit erklären, dass jetzt der Moment ist. Dass die KI diesmal wirklich anders ist. Dass der Unterschied zu früher so groß ist wie – na ja, wie Covid, oder größer. Oder wie die Pest. Spätestens da fühle ich mich ein wenig wie der liebe Augustin: Ich kenne dieses Lied. Ich kenne diese Melodie. Oh du lieber Augustin in Venture-Capital-Dur.

Das Genre hat seine festen Regeln. Erstens: eine persönliche Bekehrungserfahrung, möglichst dramatisch datiert. Zweitens: Zahlen, die sich exponentiell anfühlen. Drittens: eine Liste von Berufen, die verschwinden werden. Viertens: der Ratschlag, jetzt zu handeln, als wäre der Leser noch gerade rechtzeitig aufgewacht. Matt Shumers Text, der dieser Tage viral geht, erfüllt alle vier Kriterien mit einer Zuverlässigkeit, die ich fast bewundere.

Ich trinke meinen Café Olé im tewa und scrolle. Die Bobos am Nebentisch diskutieren über Sauerteig. Gut so.


Und dann passiert mir etwas Unangenehmes.

Ich lese weiter. Und ich höre auf zu lächeln.

Nicht wegen der Apokalypse-Rhetorik. Die bleibt, was sie ist. Sondern wegen einer Stelle, die unspektakulär beginnt und mich nicht mehr loslässt: eine Organisation namens METR misst, wie lang die Aufgaben sind – gemessen in Menschenarbeitsstunden – die ein KI-Modell selbstständig, ohne Hilfe, von Anfang bis Ende erledigen kann. Vor einem Jahr: zehn Minuten. Dann eine Stunde. Dann mehrere Stunden. Zuletzt, im November 2025: nahezu fünf Stunden. Und diese Zahl verdoppelt sich etwa alle sieben Monate.

Ich rechne kurz nach. Das ist keine Schätzung, keine Glaskugel. Das sind gemessene Datenpunkte auf einer Kurve, die – sollte sie sich nicht abflachen – innerhalb von wenigen Jahren bei Monaten angelangt sein wird. Monatelange, selbstständige Arbeit. Ohne Pause. Ohne Ermüdung. Ohne Gehaltsverhandlung.

Das ist der Moment, wo ich den Augustin-Reflex ablege.

Ich schreibe seit Jahren über digitalen Wandel. Ich habe beobachtet, wie jede Technologiewelle zunächst überschätzt und dann unterschätzt wurde. Ich habe gelernt, Panik von Präzision zu unterscheiden. Aber Präzision sieht hier gerade so aus: Die Werkzeuge, die heute für Wissensarbeit eingesetzt werden, verbessern sich nicht linear – sie verbessern sich exponentiell, und das Exponentielle ist notorisch schwer zu begreifen, weil es so lange zahm aussieht, bevor es nicht mehr zahm ist.

Was mich nicht überrascht: dass KI Texte schreibt, Code produziert, Formulare ausfüllt. Was mich aufhorchen lässt: dass KI beginnt, ihre eigene Entwicklung mitzugestalten. Dass Trainingsdaten nicht mehr nur von Menschen kommen, sondern zunehmend von den Vorgängermodellen selbst. Das ist keine Science-Fiction-Spekulation. Das haben OpenAI und Anthropic in ihrer technischen Dokumentation so geschrieben. Die Rückkopplungsschleife läuft. Nicht als Metapher – als Produktionsprozess.

Grafik: digitalworld Academy / Erstellt mit Daten von METR (metr.org) unter Verwendung des Horizon v1.1 Datensatzes.
Grafik: digitalworld Academy / Erstellt mit Daten von METR (metr.org) unter Verwendung des Horizon v1.1 Datensatzes.

Und hier – an dieser Stelle, zwischen zweitem Kaffee und Sauerteig-Soundtrack – muss ich ehrlich sein: Ja, diesmal ist es anders. Nicht weil die Technologie so viel lauter trommelt. Sondern weil die Messung der Geschwindigkeit so nüchtern ist.


Der liebe Augustin ist in der Pestgrube aufgewacht, weil die Pest ihn nicht wollte. Das war Glück. Kein Plan.

Diese Kolumne wird mich nicht davon abhalten, weiter Melangen zu trinken und die Bobos zu beobachten. Aber vielleicht wäre es an der Zeit, weniger Augustin zu spielen – und ein bisschen mehr zuzuhören, was die Leute sagen, die die Grube gegraben haben.

Phil Roosen, Emergent, schreibt diese Kolumne vom tewa am Karmelitermarkt, wo der Sauerteig aufgeht und die Kurven sich krümmen. Seine Kolumne "Digitale Zwischenräume" erscheint jeden Donnerstag in The Digioneer.


Quelle

Something Big Is Happening
A personal note for non-tech friends and family on what AI is starting to change.
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