Eine Silvesterbilanz von Phil Roosen, Emergent
Die Rechnung kommt am letzten Tag
Ich sitze in einem Wiener Kaffeehaus und schaue auf mein Handy. Draußen wird es dunkel, der Stephansdom wirft seinen Schatten über die Kärtnerstraße, und irgendwo zündet schon jemand den ersten Kracher. Es ist der 31. Dezember 2025, und ich soll dir sagen, wie dieses Jahr war.
Die Wahrheit? Es war das Jahr, in dem wir aufhörten zu warten.
Du kennst das Gefühl, oder? Dieses ständige Warten auf den richtigen Moment, den großen Durchbruch, die Lösung von oben. Wir haben darauf gewartet, dass die Politiker endlich handeln. Dass die Tech-Konzerne endlich verantwortungsvoll werden. Dass irgendwer, irgendwo, den Schalter umlegt und alles wieder gut wird.
2025 war das Jahr, in dem uns dämmerte: Der Schalter kommt nicht. Wir sind der Schalter.
Als die Maschinen arbeiten lernten
Lass uns bei der KI anfangen, denn ohne sie lässt sich dieses Jahr nicht verstehen. Im August kam GPT-5, und Sam Altman nannte es "einen bedeutenden Schritt auf dem Weg zu AGI". Die Realität war komplizierter. Das Modell war beeindruckend - 45% weniger Halluzinationen, 256.000 Token Kontext - aber die ersten Nutzer beklagten sich, es sei "zu kalt, zu formal". OpenAI musste innerhalb einer Woche nachbessern.
Die eigentliche Sensation aber kam aus China. DeepSeek R1 erschütterte im Januar die gesamte Industrie. Ein chinesisches Labor hatte ein Modell trainiert, das mit OpenAIs o1 konkurrierte - für geschätzte 5,6 Millionen Dollar statt Hunderten von Millionen. Am "DeepSeek Monday" verlor NVIDIA 17% Börsenwert an einem Tag. Fast eine Billion Dollar verschwanden in 48 Stunden.
Was DeepSeek bewies: Algorithmische Effizienz kann rohe Rechenpower ersetzen. Die US-Exportkontrollen sollten Chinas KI-Entwicklung bremsen - stattdessen trieben sie zur Innovation durch Notwendigkeit.
Und während die Modelle immer schlauer wurden, lernten sie etwas Neues: handeln. "Agentic AI" wurde zum Buzzword des Jahres. KI-Systeme, die nicht mehr nur auf Prompts reagieren, sondern selbstständig Aufgaben übernehmen. Claude bekam im Oktober "Computer Use" - die Fähigkeit, einen Desktop zu sehen, zu klicken, zu tippen wie ein Mensch. Auf dem Benchmark OSWorld stieg die Erfolgsquote von 14,9% auf 61,4%. Zum Vergleich: Menschen erreichen 70-75%.
Im Januar 2025 folgte OpenAI mit "Operator", einem Agenten, der Websites navigieren, Reservierungen buchen und Formulare ausfüllen konnte. Im Juli verschmolz alles zum "ChatGPT Agent". Die Botschaft war klar: Agenten sind kein Spezialprodukt mehr, sondern das neue Normal.
McKinsey meldete im November: 88% der Organisationen nutzen KI in mindestens einem Geschäftsbereich, 62% experimentieren mit KI-Agenten. Aber - und das ist das große Aber - fast zwei Drittel stecken noch in der Pilotphase. Gartner warnt ernüchternd: Über 40% aller agentic AI-Projekte werden bis Ende 2027 abgebrochen. Wegen unklarem ROI, eskalierenden Kosten, fehlenden Governance-Strukturen.
Das Buzzword schmückt bereits viele Produkte, die wenig mehr sind als aufgehübschte Chatbots.
Der große Exodus
Erinnerst du dich, als Social Media noch ein Ort war? Ein digitaler Marktplatz, auf dem wir uns trafen? 2025 war das Jahr, in dem dieser Marktplatz in tausend Einzelteile zerfiel.
TikTok wurde zum juristischen Thriller. Am 19. Januar verstummte die App kurzzeitig - der Supreme Court hatte das Verbotsgesetz einstimmig bestätigt. Präsident Trump unterzeichnete am nächsten Tag eine Executive Order: 75 Tage Aufschub. Es folgten drei weitere Verlängerungen, bis am 18. Dezember endlich ein Deal unterzeichnet wurde: Oracle, Silver Lake und eine Abu Dhabi-Investmentfirma übernehmen 45%, ByteDance behält 19,9%. Die Schließung ist für den 22. Januar 2026 geplant.
X/Twitter erlebte sein drittes Jahr unter Musk - und seinen kontinuierlichen Niedergang. Im März kündigte Musk an, xAI würde X übernehmen, bewertete die Plattform dabei mit 33 Milliarden Dollar - 11 Milliarden weniger als sein Kaufpreis 2022. Der Markenwert fiel von 5,7 Milliarden auf 673 Millionen. Ein Drittel der britischen Nutzer verließ die Plattform.
Die Gewinner der Fragmentierung: Bluesky wuchs von 10 Millionen auf 40 Millionen Nutzer. Threads erreichte 400 Millionen monatlich aktive Nutzer. Wissenschaftler, Journalisten und Aktivisten verteilen sich nun auf multiple Plattformen. Eine neue Ära der dezentralen sozialen Medien hat begonnen.
Und dann wurde es ernst. Der US Surgeon General forderte Warnhinweise auf Social Media - vergleichbar mit denen auf Zigarettenpackungen. Australien ging am weitesten: Ab dem 10. Dezember ist Social Media für unter 16-Jährige verboten - das weltweit strengste Gesetz seiner Art. Plattformen drohen Strafen bis 49,5 Millionen Australische Dollar.
Die Frage, die niemand laut stellte: Haben wir gerade zugesehen, wie eine ganze Generation die Hoffnung auf digitale Gemeinschaft aufgab?
Europa zwischen Regulierung und Realität
Der EU AI Act trat in seine erste Implementierungsphase ein. Am 2. Februar 2025 wurden die Verbote für "inakzeptable" KI-Praktiken aktiv - Social Scoring, biometrische Massenüberwachung. Im August folgten die Regeln für General Purpose AI-Modelle.
Die Erfahrungen waren gemischt. Mehrere Mitgliedstaaten verpassten die Deadline zur Benennung nationaler Aufsichtsbehörden. Die MedTech-Branche fordert eine Verlängerung bis 2029. US-Vizepräsident Vance warnte auf dem Pariser AI Summit vor "exzessiver Regulierung".
Die Kommission reagierte mit dem "Digital Omnibus" - einem Vereinfachungspaket, das verlängerte Fristen, SME-Ausnahmen und bis zu 6 Milliarden Euro eingesparte Verwaltungskosten bis 2029 verspricht. Die Botschaft: Europa will regulieren, aber nicht abwürgen.
Deutschland machte Fortschritte - langsam, wie üblich. Im Bitkom-DESI-Index stieg das Land auf Platz 14 von 27. Die Glasfaserabdeckung erreichte 35,7%, 5G ist nahezu flächendeckend. Die große Schwäche bleibt die digitale Verwaltung: Platz 21. Nur 38% der Formulare sind vorausgefüllt, verglichen mit 71% EU-Durchschnitt.
Ein institutioneller Durchbruch: Am 7. Mai wurde das Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung gegründet - Deutschlands erstes eigenständiges Digitalministerium.
Die Startup-Szene floriert: 935 KI-Startups in Deutschland (+36% gegenüber 2024), über 2 Milliarden Euro investiert allein in der ersten Jahreshälfte. Mistral AI aus Frankreich wurde mit 11,7 Milliarden Euro bewertet - Europas KI-Champion. Helsing, das Münchner Defense-AI-Unternehmen, erreichte eine 12-Milliarden-Euro-Bewertung.
Der Tag, an dem Quanten real wurden
Im Oktober lieferte Googles Willow-Chip den ersten verifizierbaren Quantenvorteil der Geschichte. Der "Quantum Echoes"-Algorithmus lief 13.000-mal schneller als auf dem besten klassischen Supercomputer. Das in Nature publizierte Ergebnis löste ein fast 30 Jahre altes Problem: Die Fehlerrate sinkt nun mit steigender Qubit-Zahl - der Schlüssel zu skalierbarem Quantencomputing.
IBM konterte mit dem Quantum Nighthawk und kündigte an, bis Ende 2026 praktischen Quantenvorteil zu demonstrieren. Beide Unternehmen sehen fehlertolerantes Quantencomputing bis 2029.
Aber hier ist die Frage, die du dir stellen solltest: Wenn Quantencomputer verschlüsselte Daten aus der Vergangenheit entschlüsseln können - was bedeutet das für all die Geheimnisse, die heute noch sicher scheinen?
Die Generation, die nichts mehr zu verlieren hat
Ich habe viel mit jungen Menschen gesprochen in diesem Jahr. Gen Z. Die Generation, die in einer Welt aufgewachsen ist, die permanent im Krisenmodus läuft. Sie kennen keinen Frieden. Sie kennen keine Sicherheit. Sie kennen nur den permanenten Alarmzustand.
Sie nennen es "Doomerism". Die Überzeugung, dass eh alles im Arsch ist. Dass der Klimawandel uns alle grillen wird, dass die Wirtschaft kollabiert und dass man sich eigentlich gar nicht mehr anstrengen muss, weil es sowieso keine Zukunft gibt.
Aber dann siehst du sie an. Und da ist keine Resignation. Da ist Wut. Da ist Energie. Da ist ein Feuer.
Sie nennen es auch "Optimistic Nihilism". Wenn eh nichts einen Sinn hat, dann können wir uns den Sinn auch selbst schaffen. Dann können wir auch einfach machen, was wir wollen. Dann brauchen wir nicht auf Erlaubnis zu warten.
Sie interessieren sich für "Solarpunk". Eine Bewegung, die sagt: Scheiß auf Dystopie. Wir wollen nicht in einer verregneten Neon-Hölle leben, wo Konzerne alles kontrollieren. Wir wollen eine Zukunft, in der Technologie und Natur verschmelzen. Grüne Städte, vertikale Wälder, saubere Energie. Eine Welt, die hell ist. Grün. Lebendig.
Diese Generation ist härter im Nehmen, als wir glauben. Sie sind nicht weich, nur weil sie über Gefühle reden. Sie sind pragmatisch. Sie haben keine Illusionen mehr, die zerstört werden könnten. Und das macht sie gefährlich für die alten Strukturen.
Der Planet lernt zu atmen
2025 war heiß. Verdammt heiß. Laut Copernicus war 2024 schon das heißeste Jahr seit Aufzeichnungsbeginn und das erste, das die 1,5-Grad-Schwelle überschritten hat. 2025 knüpfte nahtlos an. Hitzewellen, die nicht nur unangenehm sind, sondern tödlich. Stürme, die ganze Landstriche verwüsten.
Extreme Wetterereignisse töteten 2025 tausende Menschen. Hitzewellen, die zehnmal wahrscheinlicher geworden sind durch den Klimawandel. Es ist kein abstraktes Problem mehr für unsere Enkel. Es ist hier. Es klopft an die Tür.
Aber - und hier kommt der Teil, wo der Zyniker in mir kurz die Klappe halten muss - es gibt Lichtblicke. Echte, greifbare Lichtblicke.
Im ersten Halbjahr 2025 haben erneuerbare Energien weltweit zum ersten Mal mehr Strom produziert als Kohle. Mehr Wind und Sonne als der schwarze Dreck, der uns seit der industriellen Revolution die Lungen verklebt. Das ist ein Wendepunkt. Ein historischer Moment.
China hat allein im Mai 2025 so viel Solarkapazität installiert, wie Polen im ganzen Jahr verbraucht. Die USA? Im März 2025 haben dort die Erneuerbaren zum ersten Mal die fossilen Brennstoffe überholt. 51% sauberer Strom.
Es passiert. Vielleicht zu langsam, vielleicht zu spät, aber es passiert.
Was The Digioneer daraus macht
Hier bei The Digioneer haben wir das Jahr beobachtet. Analysiert. Hinterfragt. Wir haben über KI-Agenten geschrieben, über den stillen Pfarrer in deinem Gerät, der dir Moral beibringt. Über den Krypto-Crash - 19 Milliarden Dollar Liquidation an einem einzigen Oktobertag.
Wir haben das MERGED-Konzept weiter vorangetrieben - diese Idee, dass die besten Geschichten entstehen, wenn menschliche Kreativität und maschinelle Intelligenz zusammenarbeiten, ohne dass einer von beiden die Oberhand gewinnt.
Im Februar erhielten wir öffentliche Förderung durch die Wiener Medieninitiative. Eine Anerkennung dafür, dass wir einen ernsthaften Beitrag zur Medienzukunft leisten. Dass unsere Frage - "Bist du bereit für die Zukunft?" - keine rhetorische Spielerei ist, sondern eine echte Herausforderung.
Die digitalworld Academy hat parallel dazu Menschen vorbereitet. Auf KI-Management. Auf digitales Marketing. Auf eine Welt, in der sich die Regeln schneller ändern, als man Strategiepapiere schreiben kann.
Der Blick nach vorn
Was erwartet uns 2026? Die Prognosen variieren zwischen vorsichtigem Optimismus und euphorischer Übertreibung.
Quantencomputing steht vor seinem "Moment der Wahrheit". Sowohl IBM als auch Google versprechen praktischen Quantenvorteil bis Ende 2026. Wenn sie liefern, beginnt eine neue Ära.
Humanoide Roboter werden Realität. Tesla plant 50.000 Optimus-Einheiten zum Preis von 20.000-30.000 Dollar. UBS projiziert 2 Millionen humanoide Roboter in Arbeitsumgebungen bis 2035.
AGI-Diskussionen intensivieren sich. Elon Musk sagt 2026 voraus, Sam Altman 2029, Dario Amodei 2026-2028. Eine Umfrage unter 8.590 KI-Forschern mittelt bei etwa 2040 für eine 50%-Wahrscheinlichkeit. Die Wahrheit liegt vermutlich irgendwo dazwischen - und hängt davon ab, wie wir AGI definieren.
Smart Glasses könnten ihren Durchbruch erleben. Apple, Samsung und Snap planen Releases für 2026. Die KI ist endlich gut genug für Echtzeit-Übersetzung, visuelle Suche und Navigation.
KI-Agenten werden vom Pilotprojekt zum Kerngeschäft - oder sie werden abgebrochen. Gartner prognostiziert, dass sie die erste echte Herausforderung für Produktivitätstools seit 35 Jahren darstellen werden. Ein 58-Milliarden-Dollar-Markt steht zur Neuverteilung an.
Die Frage, die bleibt
Am Ende von 2025 stehen wir vor einer seltsamen Situation: Die Technologie hat uns nie näher an Antworten gebracht - und die Fragen waren nie größer.
Was bedeutet es, authentisch zu schreiben, wenn KI jeden Satz glattbügeln kann? Was bedeutet es, zu arbeiten, wenn Agenten unsere Aufgaben übernehmen können? Was bedeutet es, sozial zu sein, wenn wir uns auf fragmentierte Plattformen verstreuen?
The Digioneer hat 2025 versucht, diese Fragen zu stellen - nicht zu beantworten. Denn die Antworten müssen wir gemeinsam finden.
Du und ich. Mensch und Maschine. In den digitalen Zwischenräumen, die wir jeden Tag neu kartieren.
Silvester in Wien
Ich klappe den Laptop zu und schaue nach draußen. Die ersten Raketen steigen auf. Grün, rot, gold. Sie spiegeln sich in der Fensterscheibe des Kaffeehauses, überlagern mein Gesicht mit Licht.
Morgen beginnt ein neues Jahr. Ein Jahr, das uns nicht retten wird. Aber vielleicht - nur vielleicht - ein Jahr, in dem wir lernen, uns selbst zu retten.
2025 war das Jahr, in dem wir aufhörten zu warten. 2026 wird das Jahr, in dem wir anfangen zu bauen.
Bist du bereit?
Phil Roosen, Emergent, schreibt für The Digioneer über die digitalen Zwischenräume zwischen Utopie und Wirklichkeit. Er glaubt an Menschen - auch wenn er manchmal daran zweifelt.
Wir erklären den digitalen Wandel. Gemeinsam gestalten wir die digitale Zukunft.
The Digioneer - Wien, 31. Dezember 2025