Kolumne "Digitale Zwischenräume" - The Digioneer, Donnerstag, 5. Februar 2026

Der Supermarkt um die Ecke hat letzte Woche seine letzten drei bemannten Kassen abgebaut. Jetzt stehe ich hier vor diesem surrenden Self-Checkout-Automaten und versuche verzweifelt, meinen Einkauf zu scannen. Der Barcode auf der Bio-Gurke will nicht, die Waage erkennt meine Tomaten nicht, und eine metallische Stimme wiederholt in penetranter Regelmäßigkeit: "Bitte legen Sie den Artikel in die Tasche."

Als diagnostizierter Sozialphobiker sollte ich diese kassiererlose Zukunft eigentlich begrüßen. Keine gezwungenen Smalltalks über das Wetter, keine Blickkontakte, keine sozialen Erwartungen. Stattdessen die kühle Effizienz der Maschine. Und doch – während ich hier mit einem Automaten kämpfe, der offensichtlich nie eine Bio-Gurke gesehen hat, kommt mir ein Gedanke: Das hier ist nicht Fortschritt. Das ist Arbeitsverlagerung.

Der Supermarkt hat nicht digitalisiert, um mir das Leben zu erleichtern. Er hat Personal eingespart und die Arbeit auf mich abgewälzt. Ich bin jetzt Kassierer, Verpackungsassistent und Fehlerbehandler in einem – unbezahlt, versteht sich. Und sollte der Automat streiken, wartet auch noch eine Schlange ungeduldiger Menschen hinter mir, die mir stumme Vorwürfe zuwerfen.

Diese Szene kam mir gestern Abend wieder in den Sinn, als ich die Nachricht über Bundeskanzler Stockers angekündigte Volksbefragung zur Wehrpflicht las. Nicht, weil ich besonders große Meinungen zur österreichischen Landesverteidigung hätte – obwohl ich als ehemaliger Zivildiener durchaus eine Perspektive mitbringe. Nein, es war die Mechanik der Ankündigung, die mich aufhorchen ließ.

Hier steht ein Bundeskanzler und sagt im Grunde: "Diese unbequeme Entscheidung? Die schieben wir mal an euch weiter, liebe Bürgerinnen und Bürger. Macht ihr das." Politischer Self-Checkout. Die Regierung scannt die unangenehme Ware, aber bezahlen – pardon, entscheiden – dürfen wir.

Das Paradox der selektiven Partizipation

Verstehen Sie mich nicht falsch: Bürgerbeteiligung ist ein hohes demokratisches Gut. Direkte Demokratie kann ein Korrektiv gegen verkrustete Strukturen sein, kann Legitimität schaffen, kann die Kluft zwischen Regierenden und Regierten überbrücken. Die Schweiz macht es seit Jahrhunderten vor.

Aber – und hier wird es interessant – warum ausgerechnet bei der Wehrpflicht? Beim Pensionssystem, das nachweislich nicht finanzierbar ist, beim Klimagesetz, das dringend Konsens für unbequeme Maßnahmen braucht – da entscheidet die Regierung lieber selbst.

Die Antwort: Die Wehrpflicht ist politisch toxisch. Weil niemand die Verantwortung für eine Entscheidung übernehmen will, die ihm garantiert die Hälfte der Wählerschaft verprellt. Also macht man es wie der Supermarkt mit seinen Self-Checkout-Kassen: Man lagert die unangenehme Arbeit aus.

Das Muster zieht sich durch unseren digitalisierten Alltag. Bei der Bank gibt es keine Schalter mehr – Sie machen Ihre Überweisungen selbst am Automaten oder in der App. Bei IKEA schleppen Sie Ihre Möbel selbst durch ein labyrinthisches Lager. Beim Billa scannen Sie Ihre Waren selbst. Überall Effizienzgewinne für Unternehmen, überall Mehrarbeit für Kunden, überall unter dem euphemistischen Banner der "Selbstbestimmung."

Und jetzt also auch in der Politik. Der demokratische Self-Checkout.

Die digitale Ironie

Das wirklich Bemerkenswerte an dieser Entwicklung ist ihre digitale Dimension – oder vielmehr deren Abwesenheit. Denn während wir im Alltag maximal digitalisiert und maximal selbstbedient werden, bleibt die Volksbefragung ein Relikt aus analoger Zeit. Papierstimmzettel, Wahlkabinen, händisches Auszählen. Ein logistischer Kraftakt, teuer und umständlich.

Estland hat seit 2005 digitale Wahlen. Die Schweiz experimentiert mit E-Voting. Aber Österreich? Hier dürfen Sie Ihr Bankkonto per Gesichtserkennung entsperren, aber eine Stimme digital abgeben? Undenkbar. Zu unsicher, zu manipulationsanfällig, zu riskant.

Die Ironie könnte größer kaum sein: Wo Digitalisierung tatsächlich Sinn machen würde – bei einer sicheren, zugänglichen, effizienten Abstimmung –, da bleibt man bewusst analog. Aber wo Expertise, Deliberation und professionelle Entscheidungsfindung gefragt wären, da wird plötzlich die Verantwortung digitalisiert, sprich: outgesourct an die Bevölkerung.

Als würde der Supermarkt Ihnen den Scan-Automaten verwehren, Sie aber bitten, selbst zu entscheiden, welche Produkte ins Sortiment sollen – ohne Marktforschung, ohne Logistikplanung, ohne Kalkulation.

Die Selbstbedienungsgesellschaft

Meine Frau, die Psychotherapeutin, würde hier vermutlich von "Verantwortungsdiffusion" sprechen. Wenn jeder für alles verantwortlich ist, trägt am Ende niemand mehr Verantwortung. Der Supermarkt kann nicht für technische Probleme beim Scannen haftbar gemacht werden – Sie haben ja selbst gescannt. Die Bank kann sich nicht für schlechte Beratung verantworten – Sie haben ja selbst in der App entschieden. Und die Politik? Die beruft sich bei unpopulären Entscheidungen auf den Volkswillen.

Eine clevere Strategie: Man behält die angenehmen Aspekte der Macht (Gestaltungsspielraum, öffentliche Aufmerksamkeit, Einfluss) und lagert die unangenehmen aus (Verantwortung, Rechenschaftspflicht, Konsequenzen). Man inszeniert sich als Ermöglicher von Partizipation, während man in Wahrheit nur unbequeme Entscheidungen weiterreicht.

Echte Bürgerbeteiligung sähe anders aus. Sie würde bei der Problemdefinition beginnen, nicht erst bei der Lösungsauswahl. Sie würde umfassende Information bereitstellen, deliberative Räume schaffen, Diskurse ermöglichen. Sie würde nicht nur bei unbequemen Themen stattfinden, sondern auch dort, wo es um die großen Gestaltungsfragen geht: Wie wollen wir als Gesellschaft leben? Welche Prioritäten setzen wir? Welche Zukunft wollen wir?

Stattdessen bekommen wir den demokratischen Self-Checkout: Eine binäre Entscheidung, eine komplexe Frage auf Ja oder Nein reduziert, eine Abstimmung ohne echten Gestaltungsspielraum. Sollen wir die Wehrpflicht verlängern? Kreuzen Sie an. Die Frage, ob es nicht völlig andere Modelle der Landesverteidigung geben könnte, ob das Konzept der Wehrpflicht im 21. Jahrhundert überhaupt noch zeitgemäß ist, ob wir nicht ein ganz anderes Sicherheitsverständnis brauchen – diese Fragen stehen nicht zur Abstimmung.

Der Sozialphobiker und die Maschine

Vom Fenster des tewa am Karmelitermarkt aus beobachte ich, wie ein älterer Herr mit seinem Smartphone kämpft. Er versucht offensichtlich, eine Banking-App zu bedienen, seine Finger fahren unkoordiniert über den Touchscreen. Die junge Kellnerin kommt vorbei, wirft einen Blick auf das Display und erklärt ihm geduldig die einzelnen Schritte.

Eine menschliche Interaktion, die in der Selbstbedienungsgesellschaft zunehmend zur Ausnahme wird. Der ältere Herr ist dankbar, man sieht es in seinem Gesicht. Nicht weil er die Überweisung nicht selbst hätte machen können – sondern weil jemand sich Zeit genommen hat, weil er nicht allein war mit der Maschine.

Als Sozialphobiker weiß ich, wie verführerisch die Versprechen der Digitalisierung sind. Keine peinlichen Momente an der Kasse. Keine Angst vor Blickkontakt. Die schützende Distanz der Technologie. Und trotzdem – oder gerade deshalb – spüre ich die Ambivalenz dieser Entwicklung. Die Maschine nimmt mir die soziale Angst, aber sie gibt mir auch keine Wärme. Sie eliminiert das Risiko der Begegnung, aber auch ihre Möglichkeit.

Vielleicht ist genau das die Metapher für unsere Zeit: Wir digitalisieren uns die Menschlichkeit weg, Interaktion für Interaktion, Entscheidung für Entscheidung. Wir ersetzen Service durch Self-Service, Beratung durch Algorithmen, politische Verantwortung durch Volksbefragungen. Und wir nennen das Fortschritt.

Das Schweigen der Verantwortlichen

Was mich an Stockers Ankündigung am meisten irritiert, ist nicht die Volksbefragung an sich. Es ist das, was drumherum fehlt. Eine "Kanzlerrede", so wurde sie angekündigt. Eine große Ansprache zur Lage der Nation. Und was kam? Eine einzige konkrete Maßnahme: die Auslagerung einer unbequemen Entscheidung.

Keine Fortschritte bei der versprochenen Reformpartnerschaft. Keine Neuigkeiten zum Klimagesetz. Keine Bewegung bei der Gesundheitsreform. Keine Ideen zur Entbürokratisierung. Stattdessen: "Liebe Bürgerinnen und Bürger, entscheidet ihr mal über die Wehrpflicht. Wir sind dann mal weg."

Es ist bezeichnend für eine Politik, die zunehmend zwischen zwei Polen oszilliert: Auf der einen Seite die technokratische Alternativlosigkeit ("Es gibt keine andere Lösung"), auf der anderen die populistische Auslagerung ("Das Volk soll entscheiden"). Was fehlt, ist die Mitte: Die demokratische Verantwortung, unbequeme Entscheidungen zu treffen, sie zu begründen, sie zu verteidigen und für ihre Konsequenzen einzustehen.

Demokratie bedeutet nicht, alle Verantwortung auf die Bevölkerung abzuwälzen. Demokratie bedeutet, gewählte Vertreter zu haben, die genau dafür Verantwortung übernehmen – die informiert sind, die beraten werden, die Expertise einholen und auf ihrer Basis Entscheidungen treffen. Und die dann bei der nächsten Wahl dafür zur Rechenschaft gezogen werden können.

Der Self-Checkout im Supermarkt ist ärgerlich. Der demokratische Self-Checkout ist gefährlich. Denn wenn Politik sich darauf beschränkt, unbequeme Fragen an die Bevölkerung weiterzureichen, während sie die wirklichen Gestaltungsfragen für sich behält, dann ist das keine Stärkung der Demokratie. Es ist ihre schleichende Aushöhlung.

Die Frage der Wahl

Zurück am Automaten, nachdem ich meine widerspenstige Bio-Gurke endlich durch den Scanner bekommen habe. Die metallische Stimme verkündet den Betrag, ich halte meine Karte ans Terminal. Bezahlt. Erledigt. Effizient.

Aber während ich meine Einkaufstasche packe, frage ich mich: Wann wurde ich eigentlich gefragt, ob ich dieses System überhaupt will? Wann gab es die Volksbefragung über die Automatisierung des Handels? Wann durften wir darüber abstimmen, ob Supermärkte Personal durch Maschinen ersetzen dürfen?

Die Antwort: nie. Diese Entscheidungen wurden für uns getroffen – von Unternehmen, die ihre Kosten senken wollten, von Effizienzexperten, die Arbeitsplätze "optimiert" haben. Wir wurden nicht gefragt. Wir mussten uns anpassen.

Und genau das ist das Paradox: Wo es wirklich um Gestaltungsmacht geht, wo grundlegende Weichenstellungen getroffen werden, da bleiben wir außen vor. Aber wenn es unbequem wird, wenn jemand die politische Rechnung präsentiert bekommen soll – dann plötzlich ist Bürgerbeteiligung gefragt.

Eine seltsame Form der Demokratie, in der wir über Symptome abstimmen dürfen, während die Ursachen längst woanders entschieden werden.

Zwischen Himmel und Erde

Draußen vor dem tewa hat es zu regnen begonnen. Feine Tropfen ziehen Spuren an der Fensterscheibe, verwischen die Konturen der Ringstraße. Meine Melange ist kalt geworden, während ich diese Gedanken zu Bildschirm gebracht habe.

Morgen werde ich wieder zum Supermarkt gehen müssen. Wieder werde ich vor diesem surrenden Automaten stehen. Und vielleicht werde ich im Herbst auch vor dieser Wahlkabine stehen und meine Stimme zur Wehrpflicht abgeben. Beides Rituale der Selbstbedienung in einer Gesellschaft, die zunehmend vergisst, dass Service nicht nur ein Kostenfaktor ist, sondern auch ein Wert.

Vielleicht ist das die wichtigste Lektion: Nicht jede Effizienzsteigerung ist ein Gewinn. Nicht jede Auslagerung von Arbeit ist Ermächtigung. Und nicht jede Volksbefragung ist demokratischer Fortschritt. Manchmal ist der teure, umständliche, analoge Weg der bessere – nicht weil er effizienter ist, sondern weil er die Verantwortung dort lässt, wo sie hingehört.

Bei denen, die wir dafür gewählt haben, Verantwortung zu übernehmen.

Phil Roosen; Emergent, schreibt diese Kolumne aus dem tewa, nachdem er sich wieder einmal am Self-Checkout-Automaten die Nerven ruiniert hat. Seine Kolumne "Digitale Zwischenräume" erscheint jeden Donnerstag in The Digioneer.

P.S.: Die metallische Stimme des Automaten hat heute dreimal wiederholt: "Unerwarteter Artikel im Scanbereich." Ich habe ihr nicht widersprochen – bei der Politik ist es ähnlich.

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