Kolumne "Digitale Zwischenräume" - The Digioneer, Donnerstag, 8. Januar 2026
Der Morgentau liegt noch auf den Fensterscheiben des Cafés, als ich meine erste Melange des Tages genieße und dabei durch die Nachrichtenlage scrolle. Zwischen den üblichen Meldungen über KI-Durchbrüche und politische Grabenkämpfe fällt mir eine unscheinbare Meldung auf: "Erste mRNA-Krebsimpfung vor Zulassung."
Kein Aufmacher. Kein Hype. Nur eine nüchterne wissenschaftliche Nachricht. Und doch repräsentiert sie etwas Fundamentales – eine Blaupause dafür, wie man scheinbar unlösbare Probleme tatsächlich löst.
Denn zum ersten Mal seit Menschengedenken können wir bei einer der ältesten Geißeln unserer Spezies sagen: Ein Ende ist in Sicht. Nicht als Hoffnung, sondern als wissenschaftlich fundierte Projektion.
Das Muster erkennen
Am Nebentisch sitzt ein älteres Ehepaar, beide vertieft in die Morgenzeitung. Ich frage mich, ob sie verstehen, was da gerade geschieht. Denn diese Meldung ist weit mehr als medizinischer Fortschritt – sie ist ein Lehrstück darüber, wie Zivilisationen lernen, das scheinbar Unmögliche zu bezwingen.
Wenn du die Geschichte großer Durchbrüche studierst – und als jemand, der ein gescheitertes Germanistikstudium hinter sich hat, hatte ich viel Zeit dafür – erkennst du ein Muster. Ein wiederkehrendes Schema, nach dem Menschheit nach Menschheit ihre scheinbar unüberwindbaren Herausforderungen meistert.
Polio. Pocken. Die Mondlandung. Das Internet. Und jetzt möglicherweise eine Krankheit, die uns seit Jahrtausenden begleitet.
Die Frage ist nicht, ob es funktioniert. Die Frage ist: Wie haben sie es geschafft? Und noch wichtiger: Können wir diese Blaupause replizieren?
Die fünf Phasen des Unmöglichen
Lass mich dir erzählen, was ich in all diesen Erfolgsgeschichten gefunden habe. Es sind immer dieselben fünf Phasen, in derselben Reihenfolge, mit derselben Logik:
Phase 1: Die lange Inkubation
Niemand spricht darüber, aber echte Durchbrüche beginnen Jahrzehnte vor dem eigentlichen Durchbruch. Die mRNA-Technologie wurde nicht 2020 erfunden – sie wurde seit den 1990ern entwickelt. Dreißig Jahre Grundlagenforschung. Dreißig Jahre ohne Ruhm, ohne Erfolg, ohne Garantien.
Das ist die erste unbequeme Wahrheit: Es gibt keine Abkürzungen. Du kannst KI nicht nutzen, um drei Jahrzehnte Grundlagenforschung zu überspringen. Du musst die Zeit investieren. Du musst Forscher bezahlen, die an Dingen arbeiten, deren Nutzen niemand absehen kann.
Wir als Gesellschaft sind darin schlecht geworden. Wir wollen Ergebnisse. Jetzt. Sofort. Quarterly Reports. Jahresbilanzen. Wahlperioden. Alles ist auf kurzfristige Erfolge ausgerichtet.
Aber Probleme, die Jahrhunderte alt sind, löst man nicht in Quartalen.
Phase 2: Der Katalysator
Dann kommt der Moment, der alles beschleunigt. Bei mRNA war es COVID-19. Eine globale Krise, die plötzlich Strukturen aufbrach, die sonst Innovation blockieren. Regulierungen wurden angepasst. Finanzierung wurde verfügbar. Aufmerksamkeit wurde fokussiert.
Was normalerweise ein Jahrzehnt gedauert hätte, geschah in elf Monaten.
Hier ist die zweite unbequeme Wahrheit: Manchmal braucht es eine Krise, um uns aus unserer Trägheit zu reißen. Aber müssen wir wirklich auf die nächste Katastrophe warten? Können wir nicht lernen, künstliche Dringlichkeit zu erzeugen – ohne dass Menschen sterben müssen?
Das ist keine rhetorische Frage. Das ist die zentrale Herausforderung unserer Zivilisation: Wie schaffen wir Krisendruck ohne Krise?
Phase 3: Die Konvergenz
In diesem Moment treffen verschiedene Technologien aufeinander, die in den Jahrzehnten zuvor gereift sind. mRNA allein hätte nicht gereicht. Es brauchte auch Fortschritte in Gen-Sequenzierung, Immunologie, Nanotechnologie, Computermodellierung, künstlicher Intelligenz.
Dutzende verschiedener Entwicklungen, die parallel liefen und sich plötzlich zu etwas Neuem verbinden.
Die dritte Wahrheit: Revolution ist nie linear. Sie geschieht an Schnittstellen. Deshalb ist die Fragmentierung unserer Wissensgesellschaft so gefährlich – wenn Disziplinen nicht mehr miteinander reden, verpassen wir die magischen Momente der Konvergenz.
Phase 4: Die Skalierung
Jetzt beginnt der schwierigste Teil: Von "es funktioniert im Labor" zu "es funktioniert für Millionen". Dieser Schritt scheitert bei den meisten Durchbrüchen. Wir haben geniale Lösungen, die in Studien brillieren – und dann an der Realität der Massenproduktion, der Logistik, der Kosten zerbrechen.
Bei mRNA hat etwas Interessantes funktioniert: Sie haben nicht versucht, eine Massenproduktion zu bauen. Sie haben stattdessen Personalisierung skaliert. Jeder Impfstoff wird individuell hergestellt, innerhalb von Wochen.
Die vierte Wahrheit: Die Zukunft ist nicht "one size fits all". Die Zukunft ist personalisierte Massenproduktion – ein Widerspruch, den wir erst jetzt lernen aufzulösen.
Phase 5: Die soziale Akzeptanz
Der letzte Schritt ist oft der schwierigste: Menschen dazu bringen, die Lösung tatsächlich zu nutzen. Du kannst die beste Technologie der Welt haben – wenn Menschen sie ablehnen, aus Angst, aus Misstrauen, aus politischer Überzeugung, hilft sie niemandem.
Die fünfte Wahrheit: Technologischer Fortschritt ohne sozialen Konsens ist wertlos. Wir brauchen nicht nur Wissenschaftler – wir brauchen Kommunikatoren, Vertrauensbildner, Brückenbauer.
Was das für dich bedeutet – wirklich
Der Kellner bringt mir eine zweite Melange, unaufgefordert. Er kennt meine Gewohnheiten. Als diagnostizierter Sozialphobiker schätze ich diese stille Vertrautheit, die keine Worte braucht.
Aber heute breche ich mein übliches Schweigen. "Die Sache mit der Impfung", sage ich zu ihm, "interessant, oder?"
Er nickt. "Meine Schwester", sagt er leise. "Sie hofft."
Ich nicke zurück und denke: Genau darum geht es. Nicht um abstrakte Wissenschaft, sondern um die Schwester des Kellners. Um deine Mutter. Um meinen Freund. Um möglicherweise dich selbst.
Aber diese Kolumne ist nicht nur über eine Krankheit. Sie ist über ein Prinzip.
Denn wenn du dir die großen Herausforderungen unserer Zeit ansiehst – Klimawandel, soziale Ungleichheit, politische Polarisierung, technologische Disruption – dann erkennst du: Sie alle folgen demselben Muster.
Klimawandel? Jahrzehnte Grundlagenforschung in erneuerbaren Energien (Phase 1: Check). Warten auf einen Katalysator, der Strukturen aufbricht (Phase 2: Teilweise). Technologien, die jetzt konvergieren – Solar, Wind, Batterien, KI (Phase 3: Im Gange). Skalierung (Phase 4: Der aktuelle Kampf). Soziale Akzeptanz (Phase 5: Der kommende Krieg).
Soziale Ungleichheit? Forschung zu Universal Basic Income, neuen Bildungsmodellen (Phase 1: Check). Braucht Katalysator. Konvergenz von Digitalisierung, Automation, Remote Work (Phase 3: Möglich). Skalierung und Akzeptanz: Offen.
Politische Polarisierung? Forschung vorhanden (Phase 1: Check). Kein Katalysator in Sicht. Keine Konvergenz erkennbar. Keine Roadmap zur Lösung.
Siehst du das Muster? Wir können vorhersagen, wo wir stehen. Wir können identifizieren, was fehlt. Wir können gezielt in die Lücken investieren.
Die unbequeme Rechnung
Das ältere Ehepaar vom Nebentisch steht auf, um zu gehen. Die Frau trägt ein Kopftuch – elegant gebunden, aber unmissverständlich. Sie lächelt ihrem Mann zu, ein tapferes, müdes Lächeln.
In diesem Moment wird mir bewusst: Diese Roadmap ist nicht billig. Phase 1 allein – drei Jahrzehnte Grundlagenforschung – kostet Milliarden. Ohne Garantie auf Erfolg. Ohne sichtbare Ergebnisse für die Wählerschaft. Ohne ROI für Investoren.
Das ist der Grund, warum wir bei so vielen Problemen feststecken. Wir sind nicht bereit, die Rechnung zu bezahlen. Wir wollen Lösungen, aber keine Investitionen. Wir wollen Durchbrüche, aber keine Geduld. Wir wollen Transformation, aber keine Risiken.
Hier ist die Wahrheit, die niemand hören will: Wenn du ein jahrhundertealtes Problem lösen willst, musst du bereit sein, Jahrzehnte zu investieren. In Forschung, deren Nutzen du nie sehen wirst. In Menschen, die scheitern werden. In Ideen, die sich als Sackgassen erweisen.
Neunzig Prozent der Investitionen werden scheitern. Das ist der Preis für die zehn Prozent, die funktionieren.
Was wir konkret tun müssen
Lass mich dir sagen, was aus dieser Analyse folgt – ganz konkret, ganz praktisch:
Erstens: Wir brauchen langfristige Forschungsfinanzierung, entkoppelt von kurzfristigen Ergebnissen. Dreißig-Jahres-Programme. Generationenprojekte. Investitionen, deren Erfolg unsere Enkel ernten werden.
Das bedeutet: Politische Systeme umbauen, die auf vier Jahre ausgerichtet sind. Investitionszyklen dehnen, die auf Quartale fokussiert sind.
Zweitens: Wir müssen lernen, Krisen zu simulieren ohne auf echte Katastrophen zu warten. Kriegswirtschaft ohne Krieg. Fokus ohne Feindbild. Dringlichkeit ohne Panik.
Das bedeutet: Neue Institutionen schaffen, die gesellschaftliche Aufmerksamkeit kanalisieren können. Grand Challenges definieren. Moonshots organisieren.
Drittens: Wir müssen Silos aufbrechen zwischen Disziplinen. Zwischen Universitäten. Zwischen Ländern. Zwischen öffentlich und privat.
Das bedeutet: Neue Formate der Zusammenarbeit erfinden. Plattformen bauen. Anreize setzen für Konvergenz statt Spezialisierung.
Viertens: Wir müssen Personalisierung skalierbar machen. One-size-fits-all funktioniert nicht mehr – weder in der Medizin, noch in der Bildung, noch in der Klimapolitik.
Das bedeutet: KI nutzen, um Individualität zu ermöglichen. Dezentrale Lösungen fördern. Vielfalt als Feature statt als Bug begreifen.
Fünftens: Wir müssen in Vertrauensbildung investieren wie in Technologie. Die beste Lösung hilft nicht, wenn Menschen sie ablehnen.
Das bedeutet: Kommunikation professionalisieren. Transparenz schaffen. Ängste ernst nehmen statt zu belächeln.
Das Ende in Sicht
Draußen bricht die Sonne durch die Wolken, wirft goldenes Licht auf die winterlichen Straßen Wiens. Ein neuer Tag. Ein neuer Anfang.
Ich denke an meine Mutter, 86 Jahre alt, die eine Ära erlebte, in der bestimmte Probleme als gottgegeben galten. An meine Kinder, die hoffentlich eine Ära erleben werden, in der wir gelernt haben, systematisch das Unmögliche möglich zu machen.
Denn das ist die eigentliche Lektion aus dieser Geschichte: Es gibt eine Roadmap. Ein replizierbares Muster. Eine Blaupause für Transformation. Wir wissen, wie man jahrhundertealte Probleme löst. Wir haben es bewiesen. Nicht einmal, sondern dutzende Male in den letzten hundert Jahren. Die Frage ist nicht mehr: Können wir es schaffen? Die Frage ist: Sind wir bereit, den Preis zu zahlen?
Wenn deine Antwort "Ja" ist – für Klimawandel, für soziale Gerechtigkeit, für welches Problem auch immer dir am Herzen liegt – dann weißt du jetzt, was zu tun ist.
Nicht irgendwann. Nicht wenn die nächste Krise kommt.
Sondern jetzt. Heute. Mit der ersten Phase: Der langen, geduldigen, ergebnislosen Inkubation.
Das ist die Roadmap zum Unmöglichen. Sie funktioniert. Wir haben es bewiesen.
Jetzt müssen wir nur noch den Mut haben, sie anzuwenden.
Phil Roosen ist Präsident des Vereins Pura Vida und Stammgast im Café tewa, wo heute die Hoffnung stärker schmeckt als der Kaffee. Seine Kolumne "Digitale Zwischenräume" erscheint jeden Donnerstag in The Digioneer.
Hintergrund: Die Fakten hinter dem Prinzip
Diese Kolumne basiert auf der Analyse von Durchbruchsmustern:
- Über 60 mRNA-basierte Therapien in Entwicklung (nur als Beispiel)
- Historische Parallelen: Polio-Impfung (1955), Pocken-Ausrottung (1980), HIV-Behandlung (1996)
- Das beschriebene 5-Phasen-Modell zeigt sich in allen wissenschaftlichen Durchbrüchen des 20. und 21. Jahrhunderts
- Die Prinzipien sind übertragbar auf Klimawandel, soziale Innovation, technologische Transformation
Wichtig: Dies ist keine Garantie für Erfolg, sondern eine Beschreibung von erfolgreichen Mustern der Vergangenheit.
Quelle:
profil.atalwin.schoenberger