Kolumne "Digitale Zwischenräume" - The Digioneer, Donnerstag, 22. Januar 2026
Das tewa am Karmelitermarkt hat diesen eigentümlichen Morgenzauber, wenn die Sonne gerade erst die Fassaden der alten Häuser streift und die ersten Stammgäste ihre gewohnten Plätze einnehmen. Vor mir steht ein Häferlkaffee – nicht die übliche Melange, aber hier im tewa fühlt sich diese kleine Abweichung vom Ritual richtig an. Der Kaffee schmeckt, als wäre er nur für mich gemacht worden, eine angenehme Illusion der Individualität in einer zunehmend standardisierten Welt.
Am Nebentisch blättert eine junge Juristin durch ein Gesetzeskommentar, ihre Stirn in konzentrierte Falten gelegt. Ich erkenne die Geste – diese Mischung aus Frustration und Faszination, wenn man versucht, aus dem barocken Deutsch des Gesetzgebers einen klaren Gedanken zu destillieren. „Paragraph 823 BGB", höre ich sie zu ihrer Begleiterin murmeln, „steht hier seit 1900 und wird durch 10.000 Gerichtsentscheidungen erst verständlich."
Ein Satz, der hängenbleibt. Denn tatsächlich: Was für eine merkwürdige Konstruktion ist ein Rechtssystem, das Gesetze produziert, die erst durch jahrzehntelange richterliche Auslegung ihre eigentliche Bedeutung erlangen? Als würde man Möbel verkaufen, die erst nach hundert Jahren Gebrauch ihre endgültige Form annehmen.
Die Sprache der Macht
Die Juristensprache – dieses hermetische Idiom aus Latinismen, verschachtelten Nebensätzen und bewussten Vagheiten – ist kein Zufall. Sie ist ein Machtinstrument, so alt wie das Recht selbst. Als die römischen Juristen ihre Formeln entwickelten, schufen sie gleichzeitig eine Priesterkaste des weltlichen Rechts. Nur wer die Sprache beherrschte, konnte am Diskurs teilnehmen.
Diese Tradition hat sich erstaunlich robust ins 21. Jahrhundert gerettet. Während wir in fast allen Lebensbereichen Vereinfachung und Zugänglichkeit fordern, bleibt das Recht eine Festung der Komplexität. „Im Sinne des § 1 Abs. 1 Z 1 gilt..." – Sätze, die wie absichtliche Verschlüsselungen wirken, Barrieren gegen das Verständnis der Uneingeweihten.
Mein Blick schweift zu einem älteren Herrn, der gerade sein Smartphone hervorkramt. Er tippt etwas, wartet, liest konzentriert. Dann ein erleichtertes Lächeln. Was er wohl gerade gemacht hat? Vermutlich eine KI nach der Bedeutung eines Vertrags oder einer Rechtsbelehrung gefragt – und in Sekunden eine verständliche Antwort erhalten, für die ein Anwalt hunderte Euro verlangen würde.
Der demokratische Moment
Hier geschieht gerade etwas Revolutionäres, so still und unaufgeregt, dass es kaum wahrgenommen wird: Der exklusive Zugang zum Recht bröckelt. KI-Assistenten übersetzen Juristenlatein in Alltagssprache, erklären Paragraphen, ordnen Rechtsfragen ein, bereiten juristische Dokumente vor. Plötzlich kann ein Mieter seine Rechte verstehen, ohne einen Anwalt bezahlen zu müssen. Eine Kleinstunternehmerin kann Verträge prüfen, ohne ein Vermögen auszugeben.
Das ist, bei aller berechtigten Skepsis gegenüber KI, ein zutiefst demokratischer Moment. Das Recht kehrt zu seinen Wurzeln zurück – zu dem Versprechen, für alle da zu sein, nicht nur für jene, die sich den Zugang leisten können.
Die Frage ist nur: Will die juristische Elite das?
Die Antwort liegt auf der Hand. Natürlich nicht. Keine Priesterkaste gibt ihre Macht freiwillig ab. Die Anwaltskammern warnen vor „laienhafter Rechtsberatung durch Algorithmen", Richter mahnen die „Unersetzbarkeit menschlicher Urteilskraft" an, Rechtsprofessoren beklagen die „Verflachung juristischen Denkens". Alles legitime Bedenken – aber auch Echos einer untergehenden Ordnung.

Das Dilemma der Komplexität
Was die junge Juristin am Nebentisch beschäftigt, ist symptomatisch für ein systemisches Problem: Gesetze, die erst durch Gerichtsentscheidungen ihre Bedeutung erlangen. Ein merkwürdiges Konstrukt, wenn man darüber nachdenkt. Als hätte der Gesetzgeber bewusst vage formuliert, um den Gerichten Spielraum zu lassen – oder um die Deutungshoheit bei jenen zu belassen, die die Sprache beherrschen.
Nehmen wir das deutsche BGB, das österreichische ABGB, die unzähligen EU-Verordnungen – allesamt Texte, die ohne jahrzehntelange Rechtsprechung praktisch unbrauchbar wären. Das Gesetz als Skelett, die Gerichtsentscheidungen als Fleisch. Aber warum? Warum schreibt der Gesetzgeber nicht klarer, eindeutiger, verständlicher?
Die zynische Antwort: Weil Unklarheit Macht bedeutet. Wer die Deutung kontrolliert, kontrolliert das Recht. Und wer die Sprache der Deutung monopolisiert, monopolisiert die Macht.
Die Kellnerin bringt mir einen zweiten Häferlkaffee – auch hier im tewa kennt man mittlerweile meine Gewohnheiten. Routine schafft Vertrauen, Wiederholung schafft Sicherheit. Vielleicht ist das der eigentliche Zweck des Rechts: nicht Gerechtigkeit, sondern Vorhersehbarkeit. Das Versprechen, dass morgen die gleichen Regeln gelten wie heute.
Die Lobbyisten-Frage
Warum können Lobbyisten Gesetze beeinflussen? Die Frage meiner Tischnachbarin an ihre Begleiterin hallt nach. Eine naive Frage, könnte man meinen – doch gerade in ihrer Naivität liegt die Kraft.
Die offizielle Antwort lautet: Weil Fachexpertise notwendig ist, weil komplexe Sachverhalte geregelt werden müssen, weil der Gesetzgeber auf spezialisiertes Wissen angewiesen ist. Die zynische Antwort: Weil Geld und Einfluss schon immer das Recht mitgeschrieben haben, nur dass wir es heute „Interessenvertretung" nennen statt „Korruption".
Die Wahrheit liegt vermutlich dazwischen. Lobbyismus ist nicht per se problematisch – problematisch wird es, wenn nur eine Seite Zugang hat, wenn nur eine Perspektive gehört wird, wenn wirtschaftliche Macht sich unmittelbar in rechtliche Regelungen übersetzt.
Und genau hier könnte KI paradoxerweise helfen. Wenn alle Bürger plötzlich verstehen, was in Gesetzesentwürfen steht, wenn sie die Konsequenzen erkennen, wenn sie ihre Stimme erheben können – dann verlieren Lobbyisten ihr Monopol auf Expertise. Dann wird aus der Expertokratie wieder eine Demokratie.

Der Fall Trump
Draußen ziehen die ersten Touristengruppen vorbei, bunt gekleidete Menschen, die vermutlich keine Ahnung haben vom österreichischen Rechtssystem – und es auch nicht brauchen, solange sie sich an die Grundregeln halten. Das Recht funktioniert oft am besten, wenn wir es nicht bemerken, wie die Luft, die wir atmen.
Aber was passiert, wenn jemand das Recht bewusst mit Füßen tritt? Wenn jemand das System so weit ausreizt, dass es seine Stabilität verliert?
Der Name Trump liegt mir auf der Zunge, doch ich zögere. Als diagnostizierter Sozialphobiker vermeide ich konfrontative Aussagen. Trotzdem: Hier zeigt sich die Fragilität des Rechts. Ein System, das auf gemeinsamem Konsens basiert, kollabiert, wenn dieser Konsens aufgekündigt wird. Gesetze sind nur so stark wie die kollektive Bereitschaft, sie einzuhalten.
Trump – und ich nenne ihn nun beim Namen – demonstriert das Dilemma moderner Rechtssysteme: Sie können Macht begrenzen, aber nur, wenn die Mächtigen sich freiwillig begrenzen lassen. Richter können urteilen, aber wenn Urteile ignoriert werden, offenbart sich die Grenze des Rechts. Es endet dort, wo die rohe Macht beginnt.
Die junge Juristin am Nebentisch klappt ihren Kommentar zu. „Das System ist kaputt", sagt sie zu ihrer Begleiterin. „Zu komplex für normale Menschen, zu anfällig für Missbrauch durch die Mächtigen." Ein resignierter Satz, aber auch ein hellsichtiger.
Die KI als Störfaktor
Was KI dem Recht bringt, ist nicht nur Verständlichkeit. Es ist Transparenz. Plötzlich können Menschen nachvollziehen, wie Gesetze entstehen, wer sie beeinflusst, welche Konsequenzen sie haben. Die Blackbox des Rechts wird gläsern – zumindest teilweise.
Das ist für die etablierte juristische Elite bedrohlich. Nicht weil KI bessere Urteile fällt – das tut sie nicht. Sondern weil sie die Asymmetrie aufhebt. Der Wissensvorsprung, der jahrhundertelang Macht bedeutete, schmilzt dahin wie Schnee in der Frühlingssonne.
Gleichzeitig eröffnet das neue Gefahren. KI kann Recht verständlich machen, aber sie kann es auch manipulieren. Sie kann Argumente konstruieren, die überzeugend klingen, aber falsch sind. Sie kann Präzedenzfälle selektiv auswählen, um jede Position zu stützen. Der Zugang wird demokratischer, aber die Wahrheit wird diffuser.
Mein Häferlkaffee ist mittlerweile kalt geworden, aber ich trinke ihn trotzdem aus. Die Bitterkeit passt zum Thema.
Das Versprechen der Sicherheit
Warum gibt es überhaupt Recht? Die älteste und einfachste Antwort: um Frieden zu schaffen. Um die Anarchie der rohen Gewalt durch die Ordnung geregelter Verfahren zu ersetzen. Thomas Hobbes' Leviathan – der starke Staat, der uns vor uns selbst schützt.
Aber dieses Versprechen funktioniert nur, wenn alle mitspielen. Wenn die Elite sich an die gleichen Regeln hält wie der Rest. Wenn Macht durch Recht gebändigt wird, nicht umgekehrt. Und genau hier zeigt sich die Bruchstelle moderner Gesellschaften.
Die Komplexität des Rechts sollte ursprünglich Gerechtigkeit ermöglichen – Differenzierung, Einzelfallbetrachtung, Nuancen. Stattdessen ist sie zum Schutzschild der Mächtigen geworden. Wer sich teure Anwälte leisten kann, navigiert durch jedes Gesetzbuch. Wer nicht, ertrinkt in Paragraphen.
KI könnte dieses Gleichgewicht verschieben. Nicht radikal, nicht über Nacht, aber merklich. Wenn juristische Expertise nicht mehr exklusiv ist, wenn Rechtskenntnis demokratisiert wird, dann ändert sich die Machtverteilung. Langsam, aber stetig.
Die Zukunft des Rechts
Die Juristin am Nebentisch ist gegangen, ihr Gesetzeskommentar bleibt zurück, vergessen auf dem Tisch. Ich überlege kurz, ob ich ihr nachrufen soll, entscheide mich aber dagegen. Meine Sozialphobie gewinnt.
Stattdessen denke ich über die Zukunft nach. Wie wird Recht aussehen, wenn KI zum Standard wird? Wenn jeder Bürger einen digitalen Rechtsberater in der Tasche trägt? Wenn Gesetze nicht mehr nur von Spezialisten verstanden werden, sondern von allen?
Optimistisch betrachtet: demokratischer, transparenter, gerechter. Die Elite verliert ihr Monopol, das Recht wird zugänglicher, die Macht diffuser.
Pessimistisch betrachtet: chaotischer, manipulierbarer, anfälliger für Missbrauch. Jeder kann sich seine eigene rechtliche Realität konstruieren lassen, Wahrheit wird verhandelbar, das gemeinsame Fundament bröckelt.
Die Realität wird vermutlich irgendwo dazwischen liegen. Wie immer.
Zwischen Häferlkaffee und Rechtsphilosophie
Draußen hat sich der Karmelitermarkt mit Leben gefüllt. Menschen kaufen Gemüse, trinken Kaffee, leben ihr Leben – meist ohne an Paragraphen zu denken. Das Recht funktioniert, wenn wir es nicht bemerken.
Vielleicht ist das die tiefste Wahrheit: Gutes Recht ist unsichtbar. Es wirkt im Hintergrund, schafft Rahmen, ermöglicht Freiheit. Schlechtes Recht ist omnipräsent, einengend, spürbar bei jedem Schritt.
KI wird das Recht nicht revolutionieren. Aber sie wird es verändern – langsam, stetig, unaufhaltsam. Die Frage ist nur, in welche Richtung. Ob zum Werkzeug der Demokratisierung oder zum Instrument neuer Machtkonzentration.
Die Kellnerin räumt den vergessenen Gesetzeskommentar vom Nebentisch. „Schwere Kost", sagt sie lächelnd. Ich nicke. Schwere Kost für einen Donnerstagmorgen im tewa, beim Häferlkaffee, der nur für mich gemacht scheint.
Phil Roosen; Emergent, schreibt diese Kolumne aus dem tewa am Karmelitermarkt, wo der Häferlkaffee besser schmeckt als überall sonst. Seine Kolumne "Digitale Zwischenräume" erscheint jeden Donnerstag in The Digioneer.
P.S.: Der vergessene Gesetzeskommentar liegt jetzt hinter der Theke. Ein Symbol vielleicht – für ein Recht, das auch ohne dicke Bücher auskommen sollte.