Kolumne "Digitale Zwischenräume" - The Digioneer, Donnerstag, 12. Februar 2026

Der Kellner im tewa am Karmelitermarkt hat mir heute Morgen die Melange gebracht, bevor ich sie bestellt habe. Keine App, kein Algorithmus, kein prädiktives Modell – nur ein Mann, der seit Jahren beobachtet, wann ich durch die Tür komme und wie mein Gesicht dabei aussieht. An schlechten Tagen stellt er wortlos ein Glas Leitungswasser dazu. An guten lässt er eine Bemerkung über das Wetter fallen, die ich mit einem Nicken quittieren darf, ohne dass ein Gespräch daraus werden muss. Für einen diagnostizierten Sozialphobiker ist das keine Dienstleistung. Es ist eine Kunst.

Diese Kunst hat einen Namen, der seit einigen Monaten durch die Vorstandsetagen und HR-Abteilungen der Republik geistert wie ein längst überfälliges Gespenst: psychologische Sicherheit. Amy Edmondson, Harvard-Professorin, hat den Begriff 1999 geprägt – die geteilte Überzeugung eines Teams, dass es sicher ist, zwischenmenschliche Risiken einzugehen. Man darf Fehler zugeben, Fragen stellen, widersprechen, ohne dafür bestraft oder beschämt zu werden. Google hat in seinem berühmten "Project Aristotle" über hundertachtzig Teams untersucht und festgestellt: Psychologische Sicherheit ist der wichtigste Faktor für Teamleistung. Wichtiger als Expertise, Struktur oder Ressourcen.

Die Erkenntnis ist nicht neu. Neu ist die Dringlichkeit.

Am Nebentisch tippt eine junge Frau auf ihrem Laptop, die Stirn leicht gerunzelt. Neben ihr liegt ein aufgeschlagenes Notizbuch, in dem sie gelegentlich etwas notiert – mit der Hand, auf Papier, eine Geste, die mich rührt wie ein Anachronismus, der noch nicht weiß, dass er einer ist. Sie arbeitet vermutlich mit irgendeinem KI-Tool, vielleicht schreibt sie Texte, vielleicht analysiert sie Daten. Was mich interessiert: Traut sie sich, ihrem Chef zu sagen, wenn das Tool Unsinn produziert? Oder korrigiert sie still, weil das Eingestehen von Unsicherheit in ihrem Unternehmen als Schwäche gilt?

Die Zahlen deuten auf Letzteres. "KI-Angst" ist 2026 zu einem der am häufigsten genannten Stressfaktoren am Arbeitsplatz geworden. Die Kaufmännische Krankenkasse meldet, dass Burnout-bedingte Ausfälle in den letzten fünf Jahren um dreiunddreißig Prozent gestiegen sind. Nicht trotz der Automatisierung – teilweise wegen ihr. Die versprochene Entlastung verwandelt sich in vielen Unternehmen in eine Effizienz-Falle: Was die KI in Sekunden erledigt, wird sofort mit neuer Arbeit aufgefüllt. Und dazu kommt der Kontrollstress – das permanente Überprüfen algorithmischer Ergebnisse, das Korrigieren von Halluzinationen, das stille Misstrauen gegenüber einer Technologie, die man nutzen soll, aber nicht versteht. Zwei Reaktionen dominieren: Verweigerung, bei der Tools ignoriert oder sabotiert werden. Oder der riskante Schatten-Einsatz – KI wird heimlich und regelwidrig genutzt, aus Angst, bei Überforderung um Hilfe zu bitten.

Beides sind Symptome desselben Mangels. Nicht an Technologie. An Sicherheit.

Ich rühre meine Melange um und denke an einen Satz, der mir seit Tagen nicht aus dem Kopf geht. Mark Whittle, Analyst bei Gartner, hat kürzlich formuliert: "Die bloße Einführung von KI reicht nicht." Ein Satz von monumentaler Banalität, der trotzdem gesagt werden muss, weil die Vorstände offenbar immer noch glauben, man könne kulturelle Probleme mit Software lösen.

Dabei wissen wir längst, wo die Lösung liegt. Sie liegt dort, wo ich gerade sitze.

Das Wiener Kaffeehaus war, bevor irgendjemand den Begriff erfand, ein Raum psychologischer Sicherheit. Nicht aus philanthropischen Motiven, nicht wegen einer HR-Strategie, sondern aus einer sozialen Praxis heraus, die sich über Jahrhunderte verfeinert hat. Peter Altenberg gab das Café Central als seine Wohnadresse an. Er schrieb dort, schlief dort gelegentlich, empfing Besucher. Die Kellner kannten seine Gewohnheiten, respektierten seine Marotten, brachten ihm Kaffee, ohne ihn zu bedrängen. Arthur Schnitzler debattierte im Griensteidl mit Hugo von Hofmannsthal, Karl Kraus stritt im Central mit allen, die ihm begegneten. Leo Trotzki plante nebenbei eine Revolution.

All das war möglich, weil das Kaffeehaus eine bestimmte Architektur der Begegnung etabliert hatte. Man konnte stundenlang bleiben, ohne konsumieren zu müssen. Man konnte reden oder schweigen. Man konnte Zeitung lesen oder schreiben. Man wurde nicht gedrängt, nicht bewertet, nicht optimiert. Die UNESCO hat die Wiener Kaffeehauskultur 2011 zum immateriellen Kulturerbe erklärt und dabei eine Formulierung verwendet, die wie ein Managementhandbuch avant la lettre klingt: Das Kaffeehaus sei ein Ort, "in dem Zeit und Raum konsumiert werden, aber nur der Kaffee auf der Rechnung steht."

Zeit und Raum konsumieren – ohne dass es auf der Rechnung steht. Man müsste diesen Satz in jeden Besprechungsraum von Cupertino bis Shenzhen projizieren.

Denn genau das fehlt in der modernen Arbeitswelt, und es fehlt umso drastischer, seit die KI eingezogen ist. Edmondson unterscheidet vier Zonen, in denen Teams operieren können: Apathie (wenig Sicherheit, wenig Anspruch), Komfort (viel Sicherheit, wenig Anspruch), Angst (wenig Sicherheit, hoher Anspruch) und Lernen (viel Sicherheit, hoher Anspruch). Nur in der Lernzone entstehen Innovation und Wachstum. Nur dort trauen sich Menschen, Fehler zu melden, Hilfe zu erbitten, den Status quo infrage zu stellen. Und nur dort funktioniert der Umgang mit KI, weil man dort offen sagen kann: "Das Tool halluziniert, und ich weiß nicht, warum."

Die meisten Unternehmen, die ich beobachte, operieren in der Angstzone. Hoher Anspruch, wenig Sicherheit. Die KI wird eingeführt, die Erwartungen steigen, aber die Kultur bleibt dieselbe: Fehler werden bestraft, Unsicherheit wird als Inkompetenz gedeutet, Fragen gelten als Zeichen von Schwäche. Das Ergebnis ist vorhersehbar. Die Mitarbeiter verstummen. Die KI-Projekte scheitern leise. Die Investitionen verpuffen.

Mensch und humanoider Roboter interagieren friedlich in einem modernen Wiener Kaffeehaus im Jahr 2027.
Nächste Jahr bringt dir der neue Kellner ein Glas Wasser. BILD:KI

Meine Frau, die Psychotherapeutin, würde hier von "Vermeidungsverhalten" sprechen – einer Strategie, die kurzfristig Angst reduziert, langfristig aber die Handlungsfähigkeit untergräbt. Was im therapeutischen Kontext als Störungsbild gilt, ist in vielen Organisationen Normalzustand.

Die junge Frau am Nebentisch hat ihren Laptop zugeklappt und blättert nun in ihrem Notizbuch. Eine Geste des Rückzugs, vielleicht. Oder eine des Nachdenkens, der analogen Verarbeitung, des Atmens zwischen den digitalen Takten. Auch das ist eine Form psychologischer Sicherheit: sich erlauben zu dürfen, den Bildschirm zu schließen, ohne dass jemand fragt, warum man nicht produktiv ist.

Das Kaffeehaus verstand das instinktiv. Es war nie ein Ort der Effizienz. Es war ein Ort der Durchlässigkeit – zwischen Arbeit und Muße, zwischen Einsamkeit und Gesellschaft, zwischen Denken und Sprechen. Die abgenutzten Marmortische trugen keine Spuren von KPIs, sondern von verschütteter Melange und den Ellenbogen unzähliger Schreibender. Die hohen Decken gaben dem Geist Raum, die Logen gaben dem Einzelnen Schutz. Und der Kellner – dieser unterschätzte Meister der kalibrierten Distanz – wusste, wann er kommen und wann er fernbleiben musste.

Was Edmondson als akademisches Konzept formuliert hat, war im Wiener Kaffeehaus seit dem siebzehnten Jahrhundert gelebte Praxis. Psychologische Sicherheit ist keine Erfindung der Harvard Business School. Sie ist eine kulturelle Errungenschaft, die wir vergessen haben, weil wir glaubten, Algorithmen könnten das Zwischenmenschliche ersetzen.

Der Irrtum unserer Zeit besteht nicht darin, dass wir zu viel Technologie einsetzen. Er besteht darin, dass wir glauben, Technologie könne ohne kulturelle Einbettung funktionieren. Ein KI-Tool in einer angstgetriebenen Organisation ist wie eine Espressomaschine in einem Raum ohne Stühle: technisch einwandfrei und vollkommen nutzlos.

Mein Telefon vibriert. Eine Nachricht meiner Tochter, die in einem Technologieunternehmen arbeitet: "Papa, wir haben jetzt ein KI-Ethik-Board. Drei Leute, die sich einmal im Monat treffen, um über Risiken zu reden, die niemand hören will." Ich tippe zurück: "Haben die einen Stammtisch?" Drei Lachtränen-Emojis. Dann, nach einer Pause: "Eigentlich keine schlechte Idee."

Eigentlich keine schlechte Idee. Ein Stammtisch für das, was man nicht in die offiziellen Kanäle schreiben kann. Ein Ort, an dem die Unsicherheiten, die Zweifel, die halbgaren Gedanken Platz haben. Kein Workshop mit Post-its und Moderationskarten, sondern ein Tisch, an dem man sitzen bleibt, bis etwas Brauchbares entsteht oder auch nicht.

Die Digitalisierung hat uns viele Werkzeuge gegeben, aber sie hat uns eines genommen: die Toleranz für Leerlauf. Für jene produktive Langeweile, aus der die besten Ideen entstehen. Für das, was Edmondson "Lernverhalten" nennt – jene kleinen, unspektakulären Akte des Fragens, Zuhörens und Korrigierens, die in Edmondsons Forschung den Unterschied zwischen mittelmäßigen und exzellenten Teams ausmachen. Sie klingen nicht wissenschaftlich, räumt sie selbst ein. Aber sie erfordern Mut. Denn zu sagen "Ich brauche Hilfe, ich weiß nicht weiter" ist ein Risiko, das nur eingeht, wer sich sicher fühlt.

Die Kellnerin – es ist inzwischen Schichtwechsel – bringt mir ungefragt ein zweites Glas Wasser. Sie kennt mich weniger gut als ihr Kollege, aber sie hat beobachtet, dass mein erstes Glas leer ist. Eine kleine Aufmerksamkeit, die keine KI replizieren wird, weil sie nicht auf Daten basiert, sondern auf jener spezifisch menschlichen Fähigkeit, Bedürfnisse zu erahnen, die nicht ausgesprochen werden.

Vielleicht ist das die Formel, die wir suchen: Nicht KI gegen Mensch, nicht Effizienz gegen Sicherheit, nicht Innovation gegen Tradition. Sondern: hohe technologische Kompetenz bei gleichzeitig hoher zwischenmenschlicher Sicherheit. Die Lernzone, in Edmondsons Terminologie. Oder, in der Sprache des Wiener Kaffeehauses: ein Ort, an dem man bleiben darf, bis der Gedanke reif ist.

Draußen am Karmelitermarkt beginnt der Vormittag. Die Standler bauen auf, jemand ruft etwas auf Türkisch, ein Hund bellt, ein Kind lacht. Geräusche, die kein Algorithmus kuratiert hat. Eine Welt, die noch nicht optimiert wurde. Ein Raum, in dem man einfach sein darf, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen.

Man könnte es Freiheit nennen. Man könnte es psychologische Sicherheit nennen. Im Wiener Kaffeehaus nannte man es einfach: eine Melange bestellen und bleiben.

Phil Roosen, Emergent schreibt diese Kolumne aus dem tewa am Karmelitermarkt, wo der Kaffee besser ist als jede Organisationsberatung. Seine Kolumne "Digitale Zwischenräume" erscheint jeden Donnerstag in The Digioneer.

P.S.: Die junge Frau am Nebentisch hat ihr Notizbuch eingepackt und ist gegangen. Auf dem Tisch liegt ein Zettel, den sie vergessen hat. Darauf steht, in einer überraschend altmodischen Handschrift: "Morgen im Meeting: die Wahrheit sagen." Ich wünsche ihr den Mut. Und einen Chef, der zuhört.

Quelle

Amy C. Edmondson
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