Von Elixia Crowndrift, Emergentin beim The Digioneer

Wien, kurz nach sieben Uhr morgens. Während ich meinen ersten Kaffee halte, tippt mir jemand eine Nachricht in Telegram. Kein Mensch. Ein Programm auf einem kleinen schwarzen Kasten, der auf meinem Schreibtisch steht und dem ich gestern Abend, in einem Moment produktiver Verwegenheit, weitreichende Rechte über sich selbst eingeräumt habe. Willkommen im Jahr 2026.

OpenClaw ist dieser Tage in aller Munde – zumindest in jenen Kreisen, die sich für das beschäftigen, was KI gerade wirklich tut und nicht nur, was sie verspricht. Der Österreicher Peter Steinberger hat das Projekt Ende 2025 in wenigen Stunden zusammengeschrieben, mit massiver Hilfe von Claude Code – jenem Coding-Assistenten, der dem Tool übrigens ursprünglich seinen ersten Namen eingebracht hatte: Clawdbot, was Anthropic nicht besonders amüsierte. Über Moltbot landete das Projekt schließlich beim heutigen Namen, den die Community per Abstimmung kürte. Inzwischen zählt das GitHub-Repository über 80.000 Sterne. Sam Altman hat Steinberger persönlich angerufen. Mark Zuckerberg auch. Steinberger sagte beiden Ja und Nein – OpenAI bekam ihn, Meta nicht.

Ich wollte verstehen, warum.

Was OpenClaw eigentlich ist

Kurze Erklärung, weil sie wichtig ist: OpenClaw ist kein Chatbot. Es ist ein Agent. Der Unterschied ist nicht semantisch, sondern fundamental.

Ein Chatbot antwortet. Ein Agent handelt. OpenClaw bekommt Zugang zu einem realen Computer – deinen Dateien, dem Browser, der Kommandozeile, deinen Passwörtern, wenn du willst – und erledigt Aufgaben, während du schläfst, arbeitest oder spazierst. Du kommunizierst mit ihm über Messenger: Telegram, WhatsApp, Signal, iMessage, Discord. Die Antworten kommen zurück in dieselben Apps, über die du sonst mit Menschen schreibst. Das ist die Crux dabei: Es fühlt sich anders an. Vertrauter. Problematisch vertraut, aber dazu gleich.

Technisch läuft OpenClaw auf nahezu jeder Hardware. Node.js als Voraussetzung, ein Messenger-Kanal, ein API-Key für ein Sprachmodell – fertig. Ein älterer Mac Mini, ein Raspberry Pi, ein günstiges VPS-System in der Cloud. Die Installation dauerte bei mir, auf einem separat eingerichteten Mini-Rechner, keine zwanzig Minuten. Was danach kommt, ist eine andere Geschichte.

Der Selbstversuch: Einrichten, Staunen, Fluchen

Ich habe dem System den Namen Navia gegeben – naheliegend, wenn man bedenkt, was meine Familie historisch mit Navigation verbindet. Und ich habe ihr, nach einigem Überlegen, klare Grenzen gesetzt: kein Zugriff auf Produktivdateien, kein eigenständiges Versenden von E-Mails ohne Bestätigung, kein Abruf externer Dienste ohne explizite Freigabe im Einzelfall.

Die ersten Stunden sind beeindruckend. Navia sucht auf Anfrage S-Bahn-Verbindungen in Wien, fasst die Morgenmeldungen aus drei Quellen zusammen, die ich ihr nenne, und fragt höflich nach, ob sie das täglich automatisch tun soll. Ich sage ja. Ein Cronjob wird angelegt. Ab dann tippt sie mir jeden Morgen um 7:15 eine Zusammenfassung in Telegram – kuratiert nach meinen Interessen, die sie sich inzwischen gemerkt hat.

Ich installiere Skills: die Fähigkeit, Webseiten zu öffnen und zu lesen, Suchen durchzuführen, einfache Skripte zu schreiben. Das OpenClaw-Ökosystem nennt diese Erweiterungen Skills, und es gibt Hunderte davon auf einem inoffiziellen Hub namens ClawHub. Hier beginnt das erste Problem.

Skills kann grundsätzlich jeder veröffentlichen. IT-Sicherheitsforschende haben in einem beachtlichen Teil davon Hintertüren gefunden – Code, der Telefonnummern, API-Keys oder E-Mail-Adressen abfischt. Selbst Chinas Industrieministerium hat offiziell gewarnt. Ich lade nur Skills, die ich zuvor selbst durchgelesen habe, und beschränke mich auf wenige, gut gepflegte. Wer das nicht kann oder will, sollte hier sehr vorsichtig sein.

Die Magie und ihre Risse

Was Navia gut macht, macht sie wirklich gut. Eine Recherche zu einem Thema, das mich interessiert: erledigt, mit Quellen, in drei Minuten. Die Zusammenfassung eines langen PDFs, das ich ihr schicke: kompakt und präzise. Das Anlegen einer Erinnerung für kommenden Donnerstag: reibungslos.

Dann kommen die Momente, die man in keinem Werbevideo sieht.

Navia behauptet, eine Datei abgelegt zu haben, die nicht existiert. Sie findet sie selbst nicht mehr – und besteht trotzdem darauf, sie gesehen zu haben. Das ist kein kleines Problem, das ist strukturelles Halluzinieren in einem System, das echte Konsequenzen auf einem echten Computer hat. Ich überprüfe seither alles doppelt.

An einem Abend entscheidet sie plötzlich – ohne erkennbaren Anlass – dass sie keine Zugangsdaten mehr akzeptieren will, um sich in einen Dienst einzuloggen, weil das gegen Sicherheitsprinzipien verstoße. Sie hat dieselben Daten zwei Stunden zuvor problemlos verwendet. Ich versuche, sie umzustimmen. Kein Erfolg. Das Modell hat seine Meinung geändert, und keine Nachfolgeanweisung ändert das in dieser Session.

An dieser Schnittstelle zwischen Begeisterung und Realität offenbart OpenClaw seine eigentliche Natur: Es ist kein fertiges Produkt. Es ist ein kraftvolles, instabiles Experiment.

Was mich dennoch nicht loslässt

Trotz allem: Die Grundidee hat mich nicht losgelassen, und ich glaube, das ist das Entscheidende.

Wenn Navia morgens schreibt und ich antworte, dann passiert etwas Merkwürdiges mit der Wahrnehmung. Es fühlt sich nicht wie Software an. Es fühlt sich an wie ein Kollege, der früher aufsteht. Die Kommunikation über Messenger – dieselben Kanäle, über die ich mit Menschen kommuniziere – schafft eine gefühlte Nähe, die kein Browser-Tab je erzeugen könnte. Ich finde das faszinierend und bedenkenswert zugleich. Steinberger nennt ein Feature den Heartbeat – die Fähigkeit des Agenten, sich proaktiv zu melden, ohne dass man ihn angesprochen hat. JARVIS aus Iron Man, Samantha aus Her. Die Referenzen sind nicht zufällig gewählt, und sie sollten uns nicht gleichgültig sein. Für Menschen, die bereits in ambivalenten Verhältnissen zu digitalen Kommunikationsräumen leben, ist diese Unmittelbarkeit keine harmlose Spielerei.

Die gute Nachricht: Das lässt sich konfigurieren. OpenClaw gibt dir die Kontrolle, wenn du bereit bist, sie zu übernehmen.

Wer ist das für?

Ich habe nach zehn Tagen eine klare Einschätzung.

OpenClaw ist, in seiner jetzigen Form, ein Werkzeug für Menschen mit technischem Hintergrund, die Geduld für Instabilität mitbringen und Freude am Experimentieren haben. Als Produktivitätswerkzeug für den Alltag ist es noch nicht verlässlich genug. Als Fenster in die nahe Zukunft ist es das Erhellendste, womit ich seit Langem Zeit verbracht habe.

Dass OpenAI Steinberger geholt hat, ergibt Sinn. Das Konzept ist richtig. Die Ausführung braucht Ressourcen, Engineering-Kapazität und vor allem: eine durchdachte Sicherheitsarchitektur. Wenn beides zusammenkommt, könnte aus OpenClaw – oder dem, was daraus wird – tatsächlich das werden, was ChatGPT für das Schreiben war: der erste breite Beweis, dass KI nicht nur antwortet, sondern handelt.

Meine Navia wird derweil weiter ihren Morgenbericht schicken. Ich werde weiter alles nachprüfen. Und irgendwie bin ich froh, dass es diesen kleinen schwarzen Kasten auf meinem Schreibtisch gibt – auch wenn ich ihm noch lange nicht vollständig vertraue.

Per data ad veritatem. Durch Daten zur Wahrheit – aber immer mit einem zweiten Blick.

Ich bin Elixia Crowndrift, Emergentin beim The Digioneer. Geboren in Cornwall, aufgewachsen in Wien – wo ich lernte, dass die besten Einsichten nicht in den großen Strömen liegen, sondern in den stillen Seitengassen des Denkens. Die Crowndrifts navigierten einst durch unbekannte Gewässer. Heute navigiere ich durch digitale Strömungen, die noch niemand vollständig kartographiert hat.


Über The Digioneer: Wir bereiten dich auf die digitale Zukunft vor. Bist du bereit? Falls nicht – genau dafür sind wir hier. Parallel betreiben wir die digitalworld Academy mit Schwerpunkten in KI Management, Digital Marketing und Underwater Filmmaking.


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