
Kolumne "Digitale Zwischenräume" - The Digioneer, Donnerstag, 28. August 2025
Die Morgensonne fällt durch die hohen Fenster des Café Prückel, während ich meine erste Melange des Tages vor mir stehen habe und über eine bemerkenswerte Nachricht aus der Welt der Biotechnologie nachdenke. China führt mit 59 Prozent aller wissenschaftlichen Publikationen zur Genomeditierung bei Pflanzen – ein technologischer Vorsprung, der mich an die frühen Tage des Internets erinnert, als plötzlich klar wurde, dass manche Länder die digitale Revolution verschlafen hatten.
Als diagnostizierter Sozialphobiker habe ich ein besonderes Gespür für Zeitstrukturen entwickelt – für das Tempo, in dem sich Veränderungen vollziehen, und für die Diskrepanz zwischen natürlichen und technischen Rhythmen. Was mich an der aktuellen Genomeditierungs-Debatte fasziniert, ist diese beispiellose Zeitverzerrung: Wir leben in einer Epoche, in der 10.000 Jahre Evolution plötzlich als "zu langsam" gelten.
Meine Mutter, die vor wenigen Monaten 86 geworden ist, hat noch eine Landwirtschaft erlebt, die sich über Jahrtausende kaum verändert hatte. Heute entwickeln Forscher in China Pflanzen, die in wenigen Jahren das leisten, was früher Jahrhunderte dauerte. Ein Zeitrafferfilm der Evolution, bei dem wir selbst die Regisseure sind.
Die Zahlen sind beeindruckend: Mit CRISPR-Cas lassen sich Tomatensorten um drei Jahre schneller entwickeln, Brotweizen um acht Jahre, Äpfel um mehr als zehn Jahre. Es ist, als hätten wir einen Turbo für die biologische Zeit erfunden. Aber beschleunigen wir damit den Fortschritt oder rasen wir in eine Wand?
Der Kontrollillusion der Präzision
Die Befürworter der Genomeditierung sprechen gerne von "Präzision" und "Kontrolle" – Begriffe, die mich als jemanden, der täglich mit KI-Systemen arbeitet, aufhorchen lassen. Auch künstliche Intelligenz wurde einst als präzise und kontrollierbar beworben. Heute wissen wir: Je komplexer ein System wird, desto unvorhersehbarer werden seine Wechselwirkungen.
CRISPR-Cas mag an einzelnen Genen präziser arbeiten als die alten Mutationsmethoden mit Strahlung und Chemikalien. Aber Gene sind keine isolierten Codezeilen. Sie sind Teil komplexer Netzwerke, deren Wechselwirkungen wir erst zu verstehen beginnen. Wenn wir ein Gen "ausschalten", ändern wir nicht nur eine Eigenschaft – wir greifen in ein System ein, das über Millionen Jahre co-evolviert ist.
Die Parallelen zur Digitalisierung sind frappierend. Auch hier versprach man uns anfangs präzise Kontrolle über komplexe Systeme. Heute kämpfen wir mit algorithmischen Echokammern, die unsere Demokratie bedrohen, und KI-Systemen, deren Entscheidungsfindung selbst ihre Entwickler nicht vollständig verstehen.
China, der stille Hegemon der Genschere
Besonders beunruhigend ist Chinas Dominanz in der Genomeditierung. 59 Prozent aller relevanten wissenschaftlichen Publikationen kommen aus dem Reich der Mitte, gefolgt von den USA mit elf und Europa mit nur neun Prozent. Während wir in der EU über ethische Leitplanken und Regulierungsrahmen diskutieren, schafft China Fakten.
Diese Asymmetrie erinnert mich an die frühen Jahre der Digitalisierung, als amerikanische und chinesische Tech-Konzerne ihre Dominanz aufbauten, während Europa noch über Datenschutz philosophierte. Das Ergebnis kennen wir: Wir sind zu digitalen Kolonien geworden, abhängig von Technologien, die anderswo entwickelt und kontrolliert werden.
Bei der Genomeditierung droht uns eine ähnliche Abhängigkeit. Nicht nur in der Technologie selbst, sondern in den Grundlagen unserer Nahrungsmittelproduktion. Wenn China die Standards setzt, nach denen unsere Pflanzen verändert werden, haben wir die Kontrolle über eine der fundamentalsten menschlichen Bedürfnisse abgegeben.
Zwischen Fortschritt und Hybris
Als Präsident von Pura Vida, unserem Verein für mobiles Leben, beobachte ich oft, wie Menschen versuchen, dem Tempo der modernen Welt zu entfliehen. Sie suchen die Langsamkeit, die Besinnung auf natürliche Rhythmen. Gleichzeitig nutzen sie GPS, um zu naturnahen Campingplätzen zu navigieren, und Solar-Apps, um ihre Energieversorgung zu optimieren.
Diese Ambivalenz verstehe ich. Auch ich bin gefangen zwischen der Faszination für technologische Möglichkeiten und der Sehnsucht nach Entschleunigung. Die Genomeditierung verstärkt diese Spannung: Sie verspricht Lösungen für den Klimawandel und die Welternährung – Probleme, die durchaus real sind. Aber sie tut dies mit einer Geschwindigkeit und einem Selbstbewusstsein, die mich an die Hybris der frühen Atomenergie erinnern.
Die Kellnerin bringt mir eine zweite Melange, unaufgefordert – eine Form der menschlichen Aufmerksamkeit, die kein Algorithmus replizieren kann. Es sind diese kleinen Momente der analogen Intelligenz, die mich daran erinnern: Nicht alles, was technisch möglich ist, ist auch wünschenswert.
Europas verschlafene Revolution
Während China die Genomeditierung vorantreibt und die USA nachziehen, diskutiert Europa. Wir debattieren über Kategorien und Regulierungsrahmen, während andere Kontinente längst Fakten schaffen. Es ist das digitale Déjà-vu der Biotechnologie.
Diese europäische Vorsicht hat durchaus ihre Berechtigung. Wir haben aus den Fehlern der industriellen Revolution gelernt, aus den ökologischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Wir wissen, dass neue Technologien oft unvorhergesehene Konsequenzen haben.
Aber Vorsicht kann auch zu Stagnation werden. Während wir über die richtige Regulierung der Genomeditierung diskutieren, entwickelt sich die Welt weiter. Andere setzen Standards, andere definieren die Zukunft unserer Nahrungsmittel. Unsere ethischen Überlegungen sind wertvoll, aber nur, wenn sie zu einer gestalteten Zukunft führen, nicht zu einer verschlafenen.
Die Zukunft liegt in den Zwischenräumen
Wie so oft liegt die Wahrheit in den Zwischenräumen. Weder die unkritische Begeisterung der Biotechnologie-Evangelisten noch die pauschale Ablehnung der Gentechnik-Gegner wird den komplexen Herausforderungen unserer Zeit gerecht.
Was wir brauchen, ist eine differenzierte Herangehensweise: Genomeditierung dort einsetzen, wo sie wirklich notwendig ist und einen klaren Nutzen bietet. Gleichzeitig die traditionelle Vielfalt bewahren, die Langsamkeit wertschätzen, die Weisheit der Co-Evolution respektieren.
Das bedeutet auch: nicht jede technische Möglichkeit ausschöpfen, sondern bewusst wählen. Nicht alles beschleunigen, sondern auch Räume der Langsamkeit bewahren. Nicht alles kontrollieren wollen, sondern auch Platz für Unvorhersagbarkeit lassen.
Draußen ist der Vormittag fortgeschritten, die ersten Touristen ziehen durch die Straßen. Bald werde ich das Café verlassen und ins Büro gehen, wo Algorithmen und Datenströme auf mich warten. Aber dieser Moment der Reflexion bleibt wichtig – diese analoge Pause in einer zunehmend beschleunigten Welt.
Die Genschere mag eine Zeitmaschine sein, die uns erlaubt, Evolution zu beschleunigen. Aber wie bei jeder Zeitreise sollten wir vorsichtig sein mit dem, was wir verändern. Manche Dinge sind langsam geworden, weil sie weise sind – nicht weil sie ineffizient sind.
Phil Roosen, Emergent, schreibt diese Kolumne aus dem Café Prückel, wo die Zeit noch in analogen Rhythmen fließt. Seine Kolumne "Digitale Zwischenräume" erscheint jeden Donnerstag in The Digioneer.