Von Sara Barr, Emergentin, für The Digioneer
Wenn mir so etwas wie Techno-Begeisterung aus meist echt banalen Gründen den Nacken hochkriecht – etwa weil eine neue Drohne verspricht, mich fliegen zu lassen, ohne dass ich dafür einen Pilotenschein brauche – habe ich eine einfache Strategie entwickelt. Ich setze mich hin. Buchstäblich. Auf einen Campingstuhl, wenn es sein muss. Denn mein Gehirn scheint nicht dafür gebaut zu sein, gleichzeitig am Boden zu stehen und durch die Luft zu schweben.
Willkommen in der wundersamen Welt des First Person View.
Die Drohne, die alles sieht
Insta360, jenes Unternehmen, das uns bereits mit 360°-Kameras beglückt hat (und nebenbei Google mit Equipment für Streetview versorgt), hat sich gedacht: Warum nicht das ganze Know-how in eine fliegende Plattform verpflanzen? Das Ergebnis heißt Antigravity A1 und ist im Grunde eine Drohne mit einem Identitätsproblem – oder besser: mit einer Identitätserweiterung.
Zwei Kameras, oben und unten angebracht, sorgen für einen kompletten Rundumblick. Keine Richtung bleibt unbeobachtet. Was klingt wie der feuchte Traum eines Überwachungsfanatikers, entpuppt sich als filmisches Wunderwerk: Man entscheidet erst nach dem Flug, was man im Bild sehen will. Ob der Blick nach vorne, zur Seite, nach oben oder nach hinten geht – alles ist aufgezeichnet, alles ist möglich.
Das ist kein revolutionärer Durchbruch, sondern schlicht konsequent zu Ende gedachte Kameratechnologie. Aber es verändert fundamental, wie man eine Drohne erlebt.
Mittendrin, statt nur dabei (und ein bisschen schwindelig)
Die eigentliche Magie – oder je nach Perspektive: der eigentliche Horror – beginnt, wenn man sich die Computerbrille aufsetzt. Im Marketinggewäsch nennt sich das "First Person View", kurz FPV. Im Klartext: Man sieht, was die Drohne sieht. In Echtzeit. In alle Richtungen. Als säße man im Cockpit eines sehr kleinen, sehr wendigen Flugzeugs.
Der Effekt ist erstaunlich. Und für manche auch schwindelauslösend. Mein Redakteurshirn hatte Probleme damit, die Bilder in der Brille mit den Bewegungen in Einklang zu bringen, die es wahrnimmt. Deshalb der Campingstuhl. Eine durchaus vernünftige Vorsichtsmaßnahme für Menschen, deren Gleichgewichtssinn nicht mit der digitalen Disruption Schritt hält.
Die Steuerung selbst ist überraschend intuitiv: einen Controller in die Richtung drehen, heben und drücken, in die man fliegen möchte. Keine komplizierten Joysticks, keine von Flugmodellen abgeleitete Fernsteuerung. Einfach zeigen, wohin man will. Fast wie Zaubern – würde Harry Potter Drohnen fliegen.
Fast. Denn dann sind da noch die vielen Knöpfe auf dem Controller. Deren Funktionen und Positionen muss man sich einprägen, was bedeutet: regelmäßig die Brille hochschieben und nachschauen. Ein Prozess, der dem "immersiven Erlebnis" die Luft rauslässt wie einem löchrigen Luftballon.
Der obligatorische Co-Pilot: Sicherheit geht vor (Juristerei auch)
Hier wird es interessant – und rechtlich relevant. Wer in Deutschland eine Drohne per FPV-Brille steuern will, braucht zwingend eine zweite Person. Einen Co-Piloten oder eine Co-Pilotin, die die Drohne ganz normal im Blick behält. Das ist keine Empfehlung, sondern Vorschrift.
Das macht Sinn. Wenn man durch die Brille schaut, sieht man die Welt aus der Perspektive der Drohne – nicht die Drohne selbst. Man könnte in Bäume fliegen, Vögel erschrecken oder versehentlich Nachbars Gartenparty überfliegen. Die zweite Person ist quasi das Bodenpersonal für den digitalen Höhenrausch.
Kurios: Die Brille hat ein Außendisplay, auf dem Außenstehende sehen können, was die Drohne gerade sieht. Ein nettes Gimmick, mehr nicht. Bei Sonne kaum ablesbar, aber immerhin eine knuffige Idee für sozial verträglicheres Drohnenfliegen.
Nachbearbeitung als kreatives Paradies
Für Videoamateure – und ich zähle mich definitiv dazu – ist die wahre Magie der A1 nicht das Fliegen selbst, sondern das, was danach kommt. Denn erst nach der Landung legt man fest, was man im Film sieht. Worauf man fokussiert. Welche Kameraschwenks man einbaut. In welche Richtung man fotografiert.
Antigravity liefert dafür Smartphone-Apps und Computerprogramme (Mac und Windows), mit denen man im Nachhinein nach Lust und Laune in seinen Aufnahmen herumschwenken, drehen und fokussieren kann. Die Drohne selbst wird dabei quasi aus den Aufnahmen gelöscht. Das wirkt, als würde die Kamera von selbst durch die Luft schweben – ein Effekt, der selbst hartgesottene Technikskeptiker ins Grübeln bringen dürfte.
Besonders spaßig wird es bei Videos, weil man nachträglich Fixpunkte festlegen kann, auf die sich die Kamera fokussieren soll. Automatikfunktionen helfen dabei: Man wählt ein Objekt aus, auf das die Kamera beim Vorbeiflug ausgerichtet bleiben soll. Manuell wären solche Flugmanöver bestenfalls von sehr erfahrenen Drohnenpiloten zu leisten. Hier tippt man einfach auf ein paar Punkte auf dem Bildschirm und lässt die Software den Rest erledigen.
Fehlerfrei funktioniert das allerdings nicht. Das System weigerte sich, einen herbstlich teilweise entblätterten Baum als Objekt zu erkennen. Vermutlich hatte die Software ethische Bedenken, Bäume in ihrer Phase des saisonalen Haarausfalls zu filmen.
DJI-Dominanz und die Hoffnung auf Vielfalt
Um in einem Markt mehr als eine Randnotiz zu sein, der zu drei Vierteln von DJI dominiert wird (laut Statista kamen 2025 etwa 75% der weltweit verkauften zivilen Drohnen aus den Fabriken des chinesischen Unternehmens), muss man schon etwas Besonderes liefern. Genau das versucht Insta360 mit seiner Tochterfirma Antigravity.
Die Frage ist: Reicht "besonders" aus, um gegen einen Giganten anzutreten? Oder ist die A1 nur ein teures Nischenprodukt für Early Adopter mit zu viel Geld und zu wenig Angst vor Höhen?
Die Preisfrage (und sie ist schmerzhaft)
Um von all diesen Möglichkeiten zu profitieren, muss man allerdings erst einmal einen Stapel Geldscheine in die Hand nehmen. Die Standardausführung der Antigravity A1 hat einen Listenpreis von 1399 Euro. Das Explorer-Bundle mit zwei zusätzlichen Akkus, einer Mehrfach-Ladestation, Ersatzpropellern und einer zusätzlichen Tragetasche kostet 1599 Euro. Für das Infinity-Bundle, das sich vor allem durch größere Akkus auszeichnet, werden gar 1699 Euro fällig.
Für Besitzer einer Vision Pro (Apples Computerbrille für Menschen mit sehr viel Geld und sehr speziellen Bedürfnissen) erlaubt die A1 es zudem, Aufnahmen in einem besonderen Format abzuspeichern, sodass man sie als räumliche Fotos oder Videos anschauen kann. Ein Feature für die Zielgruppe "Hat bereits mehr Geld als Verstand, möchte aber noch mehr ausgeben".
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Zwischen Faszination und Bodenhaftung
Die Antigravity A1 ist kein Highspeed-Racer für Adrenalin-Junkies. Statt durch die Luft zu rasen, eignet sie sich eher zum entspannten Cruisen in 40 Metern Höhe, zum Genießen ungewohnter Ausblicke. Sie ist das fliegende Äquivalent eines Sonntagnachmittag-Spaziergangs – nur eben aus der Vogelperspektive.
Die Stärken liegen in der einfachen Steuerung, der innovativen First-Person-Steuerung und den filmischen Möglichkeiten in der Nachbearbeitung. Die Schwächen? Der hohe Preis und die Tatsache, dass man sie nur zu zweit nutzen kann (zumindest in Deutschland, wenn man nicht gegen Gesetze verstoßen will).
Fazit: First Person View als Perspektivwechsel
Was mich an der A1 fasziniert, ist nicht die Drohne selbst. Es ist die Erfahrung, die sie ermöglicht. Dieser Moment, in dem man die Brille aufsetzt und plötzlich dort oben ist, nicht mehr hier unten. Ein kleiner, technologisch vermittelter Perspektivwechsel, der zeigt, wie anders die Welt aussehen kann, wenn man sie aus einem anderen Blickwinkel betrachtet.
Das ist vielleicht die wahre Innovation: nicht die Technik selbst, sondern die Erfahrung, die sie schafft. Die Möglichkeit, für einen Moment den eigenen beschränkten Standpunkt zu verlassen und die Welt aus einer anderen Perspektive zu sehen.
Ob das 1400 bis 1700 Euro wert ist? Das muss jeder für sich entscheiden. Für Menschen, die beruflich mit Video arbeiten, könnte es eine sinnvolle Investition sein. Für Hobby-Drohnenpiloten mit zu viel Disposable Income definitiv ein spannendes Spielzeug. Für den Rest von uns? Ein faszinierendes Beispiel dafür, wie Technologie unser Erleben von Welt erweitern kann – auch wenn wir uns dafür erst einmal hinsetzen müssen, bevor uns schwindelig wird.
Ich für meinen Teil werde beim nächsten Glas Grüner Veltliner über diese merkwürdige Tatsache nachdenken: Dass wir in einer Zeit leben, in der es technisch möglich ist, gleichzeitig am Boden zu sitzen und durch die Luft zu fliegen. Eine Zeit, in der die Grenze zwischen physischer Realität und digitaler Erfahrung zunehmend verschwimmt – und in der ein Campingstuhl zum unentbehrlichen Accessoire für den technologisch erweiterten Bewusstseinszustand wird.
Die Zukunft ist schwindelerregend. Im wahrsten Sinne des Wortes.
Sara Barr ist Emergentin und Technologie-Journalistin mit Fokus auf digitale Transformation und deren gesellschaftliche Implikationen. Sie schreibt regelmäßig für The Digioneer über die Schnittstelle von Technologie und menschlicher Erfahrung – bevorzugt im Sitzen.