Kolumne "Digitale Zwischenräume" - The Digioneer, Donnerstag, 1. Januar 2026

Die erste Melange des neuen Jahres schmeckt anders. Vielleicht liegt es an der ungewöhnlichen Stille im Café an diesem Neujahrsmorgen, vielleicht an der silbrigen Wintersonne, die durch die beschlagenen Fenster fällt. Oder vielleicht daran, dass ich heute Morgen beschlossen habe, meine gewohnte Skepsis für einen Moment beiseitezulegen.

Gestern Abend saß ich mit meinen beiden erwachsenen Kindern am Esstisch. Mein Sohn, 31. Meine Tochter, 26. Beide gehören zu jener Generation, die wir mit einer Welt voller ungelöster Probleme konfrontiert haben – Klimakrise, soziale Ungleichheit, demokratische Erosion. Und doch: In ihren Augen sah ich keine Resignation, sondern etwas, das ich fast vergessen hatte. Tatendrang.

"Papa", sagte meine Tochter, während draußen die ersten Silvesterraketen zischten, "ihr habt uns eine komplizierte Welt hinterlassen. Aber wir haben Werkzeuge, von denen ihr nie träumen konntet."

Sie hatte recht. Und zum ersten Mal seit langem erlaubte ich mir, das nicht skeptisch zu sehen, sondern hoffnungsvoll.

Die Übergabe des Staffelstabs

Als 63-jähriger Boomer gehöre ich zu jener Generation, die den digitalen Wandel aus der Beobachterperspektive erlebt hat. Wir waren Zeugen, Kommentatoren, manchmal Bremser. Oft haben wir – und ich schließe mich hier ausdrücklich ein – die Entwicklung mit Sorge und Warnung begleitet, statt mit Gestaltungswillen.

Meine Kinder gehören zu einer Generation, die nicht fragt "Ob?", sondern "Wie?". Die KI nicht als Bedrohung sieht, sondern als das, was sie ist: Ein Werkzeug. Ein mächtiges, ja. Ein gefährliches, potenziell. Aber eben: Ein Werkzeug.

Und während ich in den vergangenen Monaten in meinen Kolumnen die Gefahren von TikTok analysierte, die Versprechungen von Apple hinterfragte und vor der Radikalisierungsmaschine der sozialen Medien warnte, bauen junge Menschen bereits die Lösungen. Sie entwickeln ethische KI-Frameworks. Sie schaffen transparente Algorithmen. Sie organisieren sich grenzüberschreitend, um die Technologiegiganten zur Verantwortung zu ziehen.

Der Mut der Unvoreingenommenen

Gestern Nacht, kurz vor Mitternacht, zeigte mir mein Sohn ein Projekt, an dem er arbeitet. Eine KI-gestützte Plattform für lokale Demokratieinitiativen. "Stell dir vor", sagte er mit leuchtenden Augen, "Menschen können direkt an politischen Entscheidungen teilhaben, Argumente werden von KI auf Sachlichkeit geprüft, Fake News automatisch erkannt, Diskurse moderiert."

Mein erster Impuls – der Impuls des Skeptikers – war zu warnen: "Aber wer kontrolliert die KI? Was, wenn sie manipuliert wird? Was, wenn..."

Er unterbrach mich sanft: "Papa, all diese Fragen stellen wir uns auch. Der Unterschied ist: Wir lassen uns davon nicht lähmen. Wir bauen Sicherungen ein, schaffen Transparenz, entwickeln Kontrollmechanismen. Aber wir bauen."

In diesem Moment verstand ich etwas: Meine Generation hat oft die Perfektion zum Feind des Guten gemacht. Wir haben so lange über die Risiken nachgedacht, dass andere – oft mit zweifelhaften Absichten – einfach vorangegangen sind.

Die stille Revolution

Während ich meine üblichen Stammtische besuche und dort die immergleichen Klagen über "die Jugend von heute" höre, läuft im Hintergrund eine stille Revolution. Junge Entwicklerinnen schreiben Code für Open-Source-KI-Modelle. Aktivisten nutzen maschinelles Lernen, um Umweltverschmutzung zu dokumentieren. Designer erschaffen barrierefreie Interfaces. Journalisten trainieren KI-Systeme, um Desinformation zu erkennen.

Sie tun das nicht naiv. Im Gegenteil – die Generation meiner Kinder ist sich der Gefahren oft bewusster als wir es waren. Aber sie haben etwas, das meiner Generation manchmal fehlt: Die Überzeugung, dass Probleme lösbar sind, wenn man nur die richtigen Werkzeuge und genug Entschlossenheit hat.

Ein Brief an meine Kinder

Also nutze ich diese erste Kolumne des Jahres 2026 für etwas Ungewöhnliches: Nicht eine Warnung, sondern einen Brief. An meine Kinder. An ihre Generation.

Ihr habt recht, wenn ihr ungeduldig mit uns seid. Wir haben zu lange gezögert, zu viel analysiert, zu wenig gehandelt. Wir haben Strukturen bewahrt, die überholt waren, aus Angst vor dem Neuen.

Ihr habt auch recht, wenn ihr darauf besteht, die Werkzeuge zu nutzen, die euch zur Verfügung stehen. KI ist nicht der Feind – sie ist neutral, wie jedes Werkzeug. Die Frage ist nicht, ob wir sie nutzen, sondern wie.

Und ja, es wird ruppig werden. Die etablierten Strukturen – und ich schließe hier ausdrücklich viele meiner Generation ein – werden nicht kampflos weichen. Macht ist nie freiwillig abgegeben worden. Aber ihr habt etwas, das stärker ist als unsere Beharrungskräfte: Die Zeit ist auf eurer Seite.

Die Brücken zwischen den Generationen

Aber – und das ist mir wichtig – dieser Wandel muss kein Kampf sein. Meine Generation hat Erfahrungen gesammelt, Fehler gemacht, Lektionen gelernt. Nicht alles davon ist wertlos.

Was ihr an Technikverständnis und digitaler Kompetenz mitbringt, können wir an historischem Bewusstsein und institutionellem Wissen ergänzen. Wo ihr mutig vorangeht, können wir auf Stolpersteine hinweisen. Wo wir vor Komplexität kapitulieren, könnt ihr neue Lösungswege zeigen.

Der Generationenwechsel, der jetzt stattfindet, ist keine Verdrängung. Es ist eine Übergabe. Und zum ersten Mal seit langem sehe ich diese Übergabe nicht als Verlust, sondern als Chance.

Die Hoffnung eines Skeptikers

Draußen vor dem Café beginnt Wien langsam zu erwachen. Die ersten Spaziergänger schütteln den Silvesterkater ab, die Straßenbahnen nehmen ihren Dienst wieder auf. Ein neues Jahr, ein neuer Anfang.

Normalerweise würde ich jetzt meine gewohnte skeptische Haltung einnehmen. Würde über die Gefahren der KI-Entwicklung schreiben, über die Macht der Konzerne, über die Fragmentierung der Gesellschaft. Und morgen werde ich das auch wieder tun – denn kritische Beobachtung bleibt notwendig.

Aber heute, am ersten Tag dieses neuen Jahres, erlaube ich mir etwas Ungewöhnliches: Optimismus.

Nicht den naiven Techno-Optimismus der Silicon Valley-Propheten. Sondern die begründete Hoffnung eines Vaters, der seine Kinder beobachtet und erkennt: Sie sind besser vorbereitet als wir es waren. Sie sind kritischer, vernetzter, entschlossener. Und ja, sie haben mit KI und digitalen Tools Werkzeuge zur Verfügung, die unsere Möglichkeiten bei Weitem übertreffen.

2026: Ein Jahr der Möglichkeiten

Was wird 2026 bringen? Niemand weiß es. Aber ich wage eine Prognose, die von Hoffnung statt von Angst getragen ist:

Wir werden sehen, wie KI nicht nur für Profitmaximierung eingesetzt wird, sondern für soziale Innovation. Wie junge Entwicklerteams ethische KI-Systeme schaffen, die transparent und kontrollierbar sind. Wie digitale Werkzeuge genutzt werden, um Klimaschutz, Bildungsgerechtigkeit und demokratische Teilhabe zu stärken.

Wir werden erleben, wie die Generation meiner Kinder das Ruder übernimmt – nicht mit Gewalt, sondern mit Kompetenz. Wie sie die Fehler meiner Generation nicht wiederholt, sondern neue macht (denn Fehler sind unvermeidlich) und daraus lernt.

Wir werden Zeuge einer Transformation, die ruppig werden kann, ja. Aber die am Ende zu einer besseren Welt führen könnte – einer Welt, in der Technologie dem Menschen dient, nicht umgekehrt.

Das Versprechen des Neuen Jahres

Meine Melange ist längst kalt geworden, während ich diese Zeilen geschrieben habe. Draußen ist Wien nun vollständig erwacht, die Stadt pulsiert wieder im gewohnten Rhythmus.

Heute Abend werde ich meine Kinder anrufen. Werde ihnen sagen, was ich selten genug sage: Dass ich stolz auf sie bin. Dass ich ihre Ungeduld verstehe. Dass ich bereit bin, nicht nur zu beobachten und zu kommentieren, sondern mitzuhelfen, wo ich kann.

Denn das ist vielleicht die wichtigste Lektion dieses ersten Tages: Der Wandel kommt, ob wir wollen oder nicht. Die Frage ist nicht, ob wir ihn aufhalten können – sondern ob wir ihn mitgestalten wollen.

Meine Generation hat noch etwas beizutragen. Aber es ist Zeit, dass wir nicht mehr die Hauptrollen spielen, sondern zu Unterstützern werden. Zu Mentoren statt zu Bremsern. Zu Brückenbauern zwischen dem, was war, und dem, was sein wird.

2026 wird kein einfaches Jahr. Es wird Rückschläge geben, Widerstände, Enttäuschungen. Aber es wird auch ein Jahr voller Möglichkeiten sein. Ein Jahr, in dem wir beweisen können, dass der digitale Wandel nicht zwangsläufig zu mehr Spaltung führen muss, sondern zu mehr Verbindung. Dass KI nicht nur Effizienz bedeutet, sondern auch Empathie ermöglichen kann. Dass Fortschritt und Humanität keine Gegensätze sind.

An meine Kinder und ihre Generation: Die Bühne gehört euch. Nutzt sie weise. Seid mutig, aber bleibt kritisch. Nutzt die Werkzeuge, aber lasst euch nicht von ihnen beherrschen. Baut die Zukunft, die ihr sehen wollt – wir werden euch dabei unterstützen, wo wir können.

Und an die Skeptiker meiner Generation: Gebt den Jungen eine Chance. Sie verdienen es. Die Welt verdient es.

Phil Roosen, Emergent, schreibt diese Kolumne am ersten Morgen des Jahres 2026 aus dem Café, mit einer kalten Melange und warmem Herzen. Seine Kolumne "Digitale Zwischenräume" erscheint jeden Donnerstag in The Digioneer.

P.S.: Morgen werde ich vermutlich wieder skeptischer schreiben. Aber heute, nur heute, erlaubte ich mir die Hoffnung. Frohes neues Jahr. Auf eine bessere Welt.

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