Buchrezension von Michael Kainz für The Digioneer

Die Utopie als Notwendigkeit

Vor einiger Zeit besaß ich das Privileg, ein frühes Manuskript von Maik Hosang zu lesen. Es war ein anderes Werk noch – in der klassischen Sachbuch-Architektur, gemeinsam mit Matthias Horx entwickelt. Die These damals war bestechend: Die Knappheiten der Zukunft werden nicht materialwirtschaftlich sein, sondern psychologisch, ethisch, existenziell. Die entscheidenden Engpässe liegen im inneren Menschen.

Das Buch, das nun vorliegt – „Die wunderliche Welt von Morgen: Oder wie Mutter Teresa Elon Musk inspirierte" – hat eine vollständige Metamorphose durchgemacht. Es ist nicht länger eine ordentliche Diagnose des Zustands, sondern etwas weit Radikaleres: eine erzählerische Vision, die ihre eigene Ko-Kreation mit Künstlicher Intelligenz (Perplexity.ai) produktiv einsetzt, um einen Diskurs zu führen, den eine Maschine und ein Mensch gleichzeitig führen können. Das ist nicht Spielerei. Das ist Methode.

Der provokante Kern: Mutter Teresa und Elon Musk

Der Titel geht auf eine reale Passage zurück, in der sich Musk, dieser rastlose Ingenieur des Weltraums, offenbarte – nicht als Technologie-Fanatiker, sondern als ein von kosmischen Fragen getriebenes Bewusstsein. Hosang ergreift diesen Faden und wob daraus eine literarische Szene von großer Zartheit: Mutter Teresa, die Ikone der bedingungslosen Liebe, erscheint dem Tech-Milliardär im Traum und ermutigt ihn nicht zur Askese, sondern zur Befreiung. Sie offenbart ihm, dass Überfluss – technologisch herbeigeführter Überfluss – der Schlüssel sein könnte, um die Menschheit endlich von ihren urmenschlichen Existenzängsten zu befreien.

Das ist Provokation mit Absicht. Es destabilisiert sowohl die Silicon-Valley-Mythologie als auch die spirituelle Askese gleichermaßen. Es fragt: Was wenn der Weg nicht in Verzicht liegt, sondern in unbegrenzter Fülle? Und: Sind wir psychologisch überhaupt bereit für diese Freiheit?

Von der Knappheit zum Universal High Income

Der ökonomische Kern des Buches ist dabei vollkommen kohärent: Wenn Robotik, KI und unbegrenzte Energieversorgung (Fusionskraftwerke, Solaranlagen im All) die menschliche Arbeit obsolet machen, dann ist nicht „bedingungsloses Grundeinkommen" die Antwort, sondern dessen radikale Steigerung – ein Universal High Income (UHI), ein Überfluss-Einkommen für alle. Die klassische Knappheitsökonomie würde einfach zusammenbrechen. Das ist keine Science-Fiction-Spinnerei, sondern strikte logische Folgerung aus materiellen Gegebenheiten.

Das Problem beginnt erst dann: Was tun Menschen mit Überfluss? Wie organisieren sie ihr Bewusstsein, wenn der Überlebenskampf wegfällt?

Metabewusstsein: Das neue Betriebssystem

Hier kommt das Zentrum des Buches: das Konzept des Metabewusstseins – die Fähigkeit, unser eigenes Bewusstsein zu beobachten, zu steuern, zu reflektieren, ja: zu debuggen, wie Hosang in seiner durchgehend computerwissenschaftlichen Metaphorik sagt.

Er stellt mehrere konkrete Technologien vor, die diesen Übergang ermöglichen sollen:

  • Flow 2.0: Gezielte Steuerung kreativer Zustände durch kostengünstiges EEG-Neurofeedback. Das Gehirn als bedienbares Instrument.
  • Psychedelische Programmierung: Substanzen wie Psilocybin als chemische Backdoor zu unserem neuronalen Betriebssystem – nicht um zu escapieren, sondern um tiefverwurzelte Blockaden und Traumata umzuschreiben.
  • Die Noosphäre: Die technologisch gestützte Vernetzung zu einem globalen Bewusstsein, das kollektive Probleme wie Klimakrise nicht durch Einzelne, sondern durch kooperative Intelligenz löst.

Das klingt ambitioniert. Es ist ambitioniert. Aber es ist auch präzise gedacht.

Die vier Ängste oder: Warum wir uns gegen das Paradies wehren

Der tiefenpsychologische Kern, den Hosang entwickelt – und das ist wirklich das Herzstück dieser neuen Version – ist die Analyse, warum wir dieser Vision so wenig trauen:

Die Narbenangst: Der Mensch hat seine Identität aus Leid gebaut. Jahrtausende. Wenn Leiden verschwindet, fürchten wir, auch unsere Biographie zu verlieren – unsere Authentizität mit ihr. Wer bin ich ohne meinen Schmerz?

Die Fehlerangst: Das Scheitern war unser größter Lehrer. Ein fehlerfreier, algorithmisch optimierter Kosmos wirkt auf uns nicht befreiend, sondern bedrohlich flach.

Die Kontrollangst: Die tiefe Sorge, dass die Fusion in eine globale Noosphäre, die Vernetzung aller Gehirne, uns der Souveränität über unsere eigenen Gedanken beraubt. Big Brother als kosmisches Netzwerk.

Die Machtangst: Die etablierte Elite – wirtschaftlich, politisch, militärisch – ahnt dunkel, dass Überfluss und dezentrale kollektive Intelligenz ihre Hierarchien einfach überflüssig macht. Nicht durch Rebellion, sondern durch Irrelevanz.

Das ist tiefsitzende Psychologie, nicht oberflächliche Polemik.

Die Lösung: Humoronie

Im Epilog bietet Hosang keine technokratischen Blaupausen, sondern etwas viel Subtileres: die Humoronie – ein Kofferwort aus Humor, Ironie und Harmonie. Eine metamoderne Grundhaltung, die fähig ist, über die eigenen Narben sanft zu lachen, Widersprüche auszuhalten, ohne sie zu glätten, und das Leben endlich nicht als Überlebenskampf, sondern als Lila – das göttliche Spiel – zu verstehen.

Das ist nicht Kitsch. Das ist Reife.

Die wunderliche Welt von Morgen: Oder wie Mutter Teresa Elon Musk inspirierte eBook : Hosang et al., Maik: Amazon.de: Kindle-Shop
Die wunderliche Welt von Morgen: Oder wie Mutter Teresa Elon Musk inspirierte eBook : Hosang et al., Maik: Amazon.de: Kindle-Shop

Das ist kein Affiliate Link! Ich habe das Buch gelesen und empfehle es weiter.

Kritische Betrachtung

Das Buch hat durchaus seine Bruchstellen – und Hosang würde wahrscheinlich selbst darauf hinweisen.

Die Software-Metaphorik ist konsequent, manchmal zu konsequent. Das Gehirn als Code, der sich debuggen lässt – das hat einen subtilen Techno-Solutionismus in sich, der Komplexität zu schnell in Machbarkeit auflöst. Der Mensch ist nicht nur ein optimierbares System.

Die Science-Fiction-Ausflüge – Terraforming des Mars, Sonden zu Alpha Centauri – können eskapistisch wirken. Sie lenken ab von den heutigen Strukturproblemen: Wie verhindern wir, dass derselbe Kapitalismus, der bereits Überfluss schafft, ihn ungleich verteilt? Wie stellen wir sicher, dass UHI nicht nur ein Traum der Reichen ist?

Und: Die Rolle der KI selbst bleibt unterbelichtet. Wenn Perplexity.ai dieses Buch mitschrieb – welche Gedanken sind menschlich, welche maschinell? Und: Kann KI überhaupt Humoronie verstehen, oder simuliert sie sie nur?

Warum es trotzdem notwendig ist

Aber diese Kritiken sind Luxus-Kritiken. Sie entstehen aus Sorgfalt, nicht aus Verachtung.

Die wunderliche Welt von Morgen ist nicht ein anderes Zukunftsbuch neben tausend anderen. Es ist eine Weigerung – eine mutige, hartnäckige Weigerung – sich der allgegenwärtigen Dystopie-Rhetorik zu unterwerfen. Während überall Untergangs-Narrative gestrickt werden, schreibt Hosang einen Text über Befreiung, Bewusstseinserweiterung, menschliche Reife im technologischen Zeitalter.

Was bemerkenswert ist: Hosang ist nicht allein mit dieser Herangehensweise. Verschiedene innovative Köpfe arbeiten derzeit intensiv an der Vermessung dieser neuen Ära. Phil Roosen beispielsweise – unser Protagonist und Emergent bei The Digioneer, der sein analytisches Werk „The Awakening" diesem Übergang widmet – hat das Noozän als neuer Begriff etabliert: die Ära der bewussten menschlichen Koevolution mit intelligenten Systemen. Es ist ein Zeichen der Zeit, dass nicht ein isoliertes Genie diese Zukunft entwirft, sondern dass verschiedene, unabhängig voneinander arbeitende Denker zur gleichen fundamentalen Einsicht gelangen: Wir befinden uns nicht in einer Verlängerung des Anthropozäns, sondern im Übergang zu etwas fundamental Neuem. Das Metabewusstsein, das Noozän, die Humoronie – unterschiedliche Vokabeln für den gleichen zivilisatorischen Umbruch.

Hosang liefert keine Blaupause. Gott bewahre. Aber er schafft einen gedanklichen Raum, in dem es erlaubt ist, zu denken: Was ist, wenn Technologie nicht unser Ende bedeutet, sondern das Werkzeug, mit dem wir endlich unsere volle Menschlichkeit – Neugier, Liebe, Kreativität, Spiellust – entfalten können?

Für Leserinnen und Leser von The Digioneer – für Zukunftsgestalter, Tech-Enthusiasten, für alle, die nicht nur verstehen, sondern auch imaginieren wollen – ist dieses Buch unverzichtbar geworden.

Die entscheidende Frage bleibt: Sind wir bereit, unsere alten Narben loszulassen?


Maik Hosang: „Die wunderliche Welt von Morgen oder wie Mutter Teresa Elon Musk inspirierte" | Mit Perplexity.ai | 2026

Das Buch ist erhältlich über Amazon: https://www.amazon.de/Die-wunderliche-Welt-von-Morgen-ebook/dp/B0GQSR8QV3/

sowie über den Verlag: https://www.cocre.eu/metamodern-verlag/

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