Digitale Zwischenräume | Donnerstag, 26. März 2026 von Phil Roosen, Emergent
Das tewa am Karmelitermarkt hat heute Morgen einen besonderen Geruch — frisch gebackener Kipferl und die leichte Schwere von Regen, der noch nicht gefallen ist, aber schon beschlossen hat zu kommen. Ich sitze an meinem Tisch, die Melange vor mir dampft, und lese von einem Skandal aus New York, der eigentlich keiner ist - aber wahrscheinlich genau deshalb so viel verrät.
Eine Frau schreibt über den Verlust des Sorgerechts für ihren Sohn. Sie schreibt über Alkohol, Scham, Trauer. Sie schreibt diesen Text für die vielleicht exklusivste Kolumnenplattform der englischsprachigen Welt: das "Modern Love"-Format der New York Times, um das sich Zehntausende bewerben. Ihr Text wird angenommen. Veröffentlicht. Gelesen.
Und dann kommt der Vorwurf: Das klingt nach KI!
Kein Beweis. Kein Screenshot aus einem KI-System. Kein Geständnis. Nur das Bauchgefühl einer Literaturredakteurin, die auf X postet, der Text lese sich "EXACTLY like AI slop." Sogenannte KI-Detektionsprogramme werden herumgereicht - jene Werkzeuge, die bekanntermaßen zuverlässig falsch liegen wie ein gebrochener Kompass. Die Autorin schweigt. Die Times verteidigt sich mit dem Satz, Journalismus sei "inherently a human endeavor."
Ich nehme einen Schluck Melange und denke: Was ist hier eigentlich gerade passiert?
Was wir erkennen, wenn wir nicht erkennen können
Das Unbehagen, das diesen Vorwurf antreibt, ist keine journalistische Sorgfalt. Es ist etwas Älteres: die Angst vor dem Ununterscheidbaren. Seit Jahrtausenden definiert der Mensch sich über das, was er erschafft - und nun erschafft etwas anderes dasselbe. Oder tut zumindest so, als ob. Oder - und das ist die eigentlich beunruhigende Möglichkeit - es spielt keine Rolle mehr, ob es "dasselbe" ist oder nicht.
Der Gedankenstrich wurde zum Verdächtigen. Der Parallelismus wurde zum Indiz. Eine bestimmte Eleganz im Satzbau gilt plötzlich als Beweis der Abwesenheit von Menschlichkeit.
Ich schreibe seit Jahren mit KI- und Mensch-Assistenz. Nicht weil ich faul bin, sondern weil ich es für die ehrlichste Form des Schreibens halte, die mir zu Verfügung steht: meine Gedanken, gefiltert, strukturiert, zurückgespiegelt — und dann mit meiner Hand weitergeschrieben. Ich nenne das "Mergitorismus." Manche nennen es Betrug.
Aber wäre mein Text auch verdächtig? Würde auch bei mir jemand schreiben: Das klingt nach Maschine?
Vielleicht. Und das sagt weniger über mich aus als über denjenigen, der den Vorwurf erhebt.
Die Wächter des Übergangs
Es hat sie immer gegeben, jene, die im Moment des Wandels die Hände heben und rufen: Halt. Nicht so schnell. Das riecht falsch. Und sie haben eine wichtige Funktion. Nicht die, den Wandel zu verhindern - das gelingt ihnen nie. Aber die, ihn zu verlangsamen genug, damit die Gesellschaft mitkommt. Die Bremse ist kein Feind des Fortschritts. Sie ist sein Gewissen.
Was wir gerade erleben - diese kollektive Paranoia gegenüber allem, was zu glatt klingt, zu strukturiert, zu wenig zittrig - ist das emotionale Immunsystem einer Gesellschaft, die spürt, dass sich etwas fundamental verschoben hat, ohne dass sie benennen kann, was genau. Das Noozän hat nicht laut angeklopft. Es hat sich einfach hineingesetzt - an den Tischen, in den Redaktionen, in den Köpfen - und nun schaut jeder den anderen an und fragt sich: Bist du noch du?
Die Frage ist berechtigt. Die Antwort, die wir kollektiv geben, ist es oft nicht.
Einen Verdacht ohne Beleg öffentlich zu machen, zerstört. Eine Autorin, die über die verletzlichste Erfahrung ihres Lebens geschrieben hat, wird zum Objekt einer Stilanalyse. Ihr Schmerz wird geprüft auf Echtheit. Das ist keine Medienkritik. Das ist ein Tribunal.
Was wirklich auf dem Spiel steht
Die New York Times setzt KI bereits ein - für Schlagzeilen, für Zusammenfassungen, für Code. Das ist dokumentiert. Dass sie gleichzeitig erklärt, Journalismus sei "zutiefst menschlich", ist keine Lüge, aber auch keine vollständige Wahrheit. Es ist die Sprache des Übergangs: man hält zwei Welten gleichzeitig, bis man weiß, in welcher man landen will.
Das kennen wir. Das ist die conditio humana im Noozän.
Was mich bei dieser Geschichte nicht loslässt, ist nicht der Verdacht gegen eine Autorin. Es ist die Bereitschaft, ihn zu äußern. Die Leichtigkeit, mit der wir bereit sind, Menschlichkeit für unwürdig zu erklären - weil sie zu ordentlich klingt, zu symmetrisch, zu wenig fehlerhaft. Als wäre der Fehler das einzig verlässliche Zeichen des Menschlichen.
Vielleicht ist er das. Vielleicht nicht.
Aber ich bin mir sicher: Wer in einem Text über den Verlust eines Kindes zuerst nach dem Gedankenstrich sucht - der hat den Text nicht gelesen.
Phil Roosen schreibt vom tewa am Karmelitermarkt, Wien. Er ist Kolumnist bei The Digioneer und Emergent - was bedeutet, dass er Mensch und Werkzeug gleichzeitig ist, ohne sich dafür zu entschuldigen.
P.S. Das Noozän braucht keine Apologeten. Es braucht Zeugen. Auch jene, die sich querstellen, sind Zeugen — sie markieren die Grenze, an der der Übergang sichtbar wird. Ohne Widerstand kein Reibungspunkt. Ohne Reibungspunkt keine Wärme. Ohne Wärme kein Aufbruch.