Die digitale Warteschleife – Jamie Walker, Emergentin, schreibt jeden Mittwoch über die kleinen Mechanismen, die uns festhalten. Und über die Wege hinaus.
Das Café an der Ecke hat die Preise erhöht. Wieder. Cappuccino jetzt 4,80 statt 4,20. Der Typ hinter der Theke zuckt mit den Schultern: „Miete ist rauf. Strom ist rauf. Milch ist rauf. Was soll ich machen?"
Ich sitze mit meinem zu teuren Kaffee da und denke: Moment mal. Seine Miete ist rauf, weil der Verbraucherpreisindex gestiegen ist. Der Verbraucherpreisindex ist gestiegen, weil unter anderem Kaffee teurer geworden ist. Und jetzt macht er den Kaffee teurer, weil die Miete gestiegen ist.
Das ist keine Inflation. Das ist eine Endlosschleife. Und sie läuft vollautomatisch.
Willkommen beim Inflationsturbo, den du unterschrieben hast – und der Staat freut sich, weil seine Schulden dabei kleiner werden.
BREAK – Die Spirale, die niemand stoppt
Lass mich dir zeigen, wie die Maschine läuft:
Schritt 1: Deine Miete in Wien steigt um 3 Prozent. Steht im Vertrag, Indexklausel, alles legal. Der Vermieter muss nichts tun – die Statistik Austria veröffentlicht den Verbraucherpreisindex (VPI), und schwupps, geht die Miete hoch.
Schritt 2: Das Café im Erdgeschoss zahlt auch mehr Miete. Plus höhere Stromkosten (auch indexiert). Plus höhere Lieferkosten (auch indexiert). Also erhöht der Besitzer die Preise. Cappuccino: plus 50 Cent.
Schritt 3: Der Bäcker nebenan? Gleiche Geschichte. Miete hoch, Energie hoch, Mehl teurer (weil der Müller auch höhere Kosten hat). Semmeln: plus 20 Cent.
Schritt 4: Die Statistik Austria misst nächsten Monat: Kaffee teurer, Brot teurer, Mieten gestiegen. VPI steigt um weitere 0,3 Prozent.
Schritt 5: Nächstes Jahr im April: Alle Verträge mit Indexklausel erhöhen sich automatisch. Miete wieder hoch. Strom wieder hoch. A1, Magenta, Drei – alle ziehen nach.
Schritt 6: Café erhöht Preise. Bäcker erhöht Preise. VPI steigt. Miete steigt.
Zurück zu Schritt 1.
Das ist keine Inflation. Das ist ein programmierter Kreislauf. Eine Endlosschleife in Vertragsform. Und das Perverse: Jeder Einzelne handelt rational. Der Vermieter will keine Verluste. Das Café muss überleben. Der Bäcker auch.
Aber zusammen erschaffen sie eine Maschine, die sich selbst anheizt.
In Österreich 2023: 7,8 Prozent Inflation. 2024: 2,9 Prozent. Aktuell Ende 2025: 3,9 Prozent. Deutschland ähnlich. Und während die EZB händeringend versucht, die Inflation mit Zinsen zu bekämpfen, laufen Millionen Indexklauseln einfach weiter.
Wer profitiert?
Nicht du. Nicht das Café. Nicht der Bäcker.
Aber der Staat? Oh ja. Denn jede Inflationsrunde macht seine Schulden kleiner. Ein bisschen Enteignung durch die Hintertür – und niemand muss dafür stimmen.
ANALYZE – Warum der Staat die Spirale liebt
Indexklauseln sind kein Bug. Sie sind ein Feature. Und der größte Gewinner sitzt nicht in einer Vorstandsetage – er sitzt im Finanzministerium.
Denn Inflation ist der perfekte Trick, um Staatsschulden zu entwerten. Ganz legal. Ganz still. Ohne Abstimmung.
Die Mechanik:
Österreich hat aktuell Staatsschulden von rund 417 Milliarden Euro (Prognose Ende 2025). Bei 3,9 Prozent Inflation pro Jahr verlieren diese Schulden real etwa 16,3 Milliarden Euro an Wert – ohne dass der Staat auch nur einen Euro zurückzahlt.
Das ist keine Verschwörungstheorie. Das ist Mathematik.
Und deshalb – deshalb – gibt es keine politische Mehrheit für harte Inflationsbremsen. Deshalb werden Indexklauseln nicht verboten. Deshalb gibt es keine automatische Lohnindexierung wie in Belgien.
Weil der Staat von der Spirale profitiert. Jede Runde Inflation macht seine Schulden kleiner. Und solange die Bürger nicht auf die Straße gehen, läuft die Maschine einfach weiter.
Drei Gründe, warum niemand die Spirale stoppt:
1. Die Spirale verstärkt sich selbst
Indexklauseln wirken prozyklisch. Steigen Preise, steigen automatisch Kosten – was Preise weiter steigen lässt. Das ist keine Anpassung an Inflation, das ist Inflation. Eine selbsterfüllende Prophezeiung in Vertragsform.
Der Ökonom nennt das "built-in inflation" – eingebaute Inflation. Der Bürger nennt es: Verarschung.
2. Der Staat profitiert doppelt
Erstens: Schulden schrumpfen. Zweitens: Steuern steigen. Denn wenn dein Gehalt nominal (also auf dem Papier) steigt, rutscht du in höhere Steuerklassen – auch wenn real nichts übrig bleibt. Die „kalte Progression" ist der stille Komplize der Indexklausel-Spirale.
Österreich hat 2024 die kalte Progression abgeschafft? Teilweise. Deutschland auch? Ein bisschen. Aber nicht genug, um den Effekt wirklich zu brechen.
3. Die Asymmetrie ist Absicht
Warum gibt es keine automatische Lohnindexierung? Weil das die Spirale unterbrechen würde. Wenn Löhne genauso schnell steigen wie Preise, verliert der Staat seinen Vorteil. Dann müsste er die Schulden wirklich zurückzahlen.
Also wird argumentiert: „Lohnindexierung schadet der Wettbewerbsfähigkeit." „Zu teuer." „Unflexibel."
Komisch nur, dass Belgien seit 1921 damit wunderbar lebt. Und Luxemburg auch. Und dass dort die Wirtschaft nicht kollabiert ist, sondern zu den stärksten Europas gehört.
Die Wahrheit? Der Staat will keine Lohnindexierung. Weil er an der Spirale verdient.
BUILD – Die Spirale durchbrechen
Also gut. Wenn der Staat nicht freiwillig handelt, müssen wir es ihm vorschreiben:
1. Indexklauseln-Verbot für alle Verträge unter 10 Jahren
Kurz laufende Verträge brauchen keine automatische Inflationsanpassung. Wer seine Miete nach drei Jahren neu verhandeln kann, braucht keine Indexklausel. Belgien zeigt: Es geht auch ohne.
2. Verpflichtende Lohnindexierung
Wenn Verträge sich automatisch erhöhen dürfen, müssen Löhne das auch. Gesetzlich verankert. Sobald der VPI um 2 Prozent steigt, steigen alle Gehälter um 2 Prozent. Keine Ausnahme.
Belgien macht das seit 1921. Luxemburg auch. Funktioniert. Die Wirtschaft lebt. Niemand ist verhungert.
3. Inflationsbremse in bestehenden Verträgen
Indexklauseln dürfen nur 50 Prozent der Inflation weitergeben. Österreich plant das ab 2028 für Mieten – warum nicht sofort? Und warum nicht auch für Strom, Telekom, Versicherungen?
Wenn die Inflation 4 Prozent beträgt, steigt die Miete um 2 Prozent. Nicht mehr. Das bremst die Spirale, ohne Vermieter zu enteignen.
4. Transparenzpflicht: Indexklauseln auf Seite 1
Jede Indexklausel muss auf der ersten Seite stehen. Fett gedruckt. Nicht im Kleingedruckten auf Seite 4. Der Bürger muss wissen, worauf er sich einlässt.
„Dieser Vertrag erhöht sich automatisch mit der Inflation."
5. Staatliche Schulden an Inflation koppeln
Wenn der Staat von Inflation profitiert, soll er dafür zahlen. Alle neuen Staatsanleihen werden inflationsindexiert – wie in Großbritannien und den USA längst üblich. Steigt die Inflation, steigen die Zinsen. Dann hat der Staat einen Anreiz, die Spirale zu stoppen.
6. Europa lernt von Belgien – oder bleibt ehrlich
Entweder führen wir die Lohnindexierung ein, wie Belgien es vormacht. Oder wir verbieten Indexklauseln komplett. Aber diese Asymmetrie – Preise steigen automatisch, Löhne nicht – ist keine Marktwirtschaft. Das ist organisierte Umverteilung von unten nach oben.
Und der Staat kassiert dabei mit.
Und jetzt?
Ich sitze wieder im Café. Der Cappuccino kostet jetzt 4,80. Nächstes Jahr wird er 5,20 kosten. Und meine Miete wird steigen. Und der VPI wird steigen. Und die Miete wird steigen.
Die Spirale dreht sich weiter.
Aber wenigstens weiß ich jetzt, wer daran verdient. Nicht das Café. Nicht mein Vermieter. Nicht ich.
Sondern der Staat, der still zusieht, wie seine Schulden kleiner werden, während wir alle ein bisschen ärmer werden. Monat für Monat. Prozent für Prozent.
Das ist keine Marktwirtschaft. Das ist keine Inflation. Das ist ein Mechanismus, den wir gemacht haben – und den wir auch wieder ändern können.
Belgien zeigt, wie es geht. Luxemburg auch. Seit über 100 Jahren.
Die Frage ist nicht, ob es funktioniert. Die Frage ist: Wann hören wir auf, so zu tun, als wäre das hier normal?
Vielleicht ist genau das der Moment, in dem wir aufhören, in der Warteschleife zu sitzen, und anfangen, den Stecker zu ziehen. Denn die unfairste Spirale ist die, in der nur der Staat gewinnt.
Quellen
– Statistik Austria: Verbraucherpreisindex und Inflation 2023–2025
– BMF Österreich: Staatsschulden 2025 – Prognose 417 Mrd. Euro
– Staatsschulden.at: Österreichische Schuldenuhr (aktuell 417 Mrd. Euro)
– INFINA: Indexierung Miete Österreich – rechtliche Grundlagen
– WKO Österreich: Wertsicherung in Miet- und Pachtverträgen
– IHS Preismonitor: Inflation Österreich Dezember 2025 (3,9%)
– Mehrwertsteuerrechner: Inflation Deutschland 2023 (5,9%), 2024 (2,2%)
– Trend.at: Inflationsvergleich Österreich vs. Deutschland (August 2025)
– Wikipedia: Indexlohn – Geschichte und Funktionsweise
– ING Luxemburg: Automatische Lohnindexierung – Funktionsweise
– myLIFE Luxemburg: Wie funktioniert die Lohnindexierung? (Stand 2025)
– VRT Belgien: Indexierung Januar 2025 – 3,58% für 500.000 Angestellte
– Sozialismus.info: Indexlohn gegen Inflation – Belgien als Vorbild
– Wikipedia: Wertsicherungsklausel – rechtliche Grundlagen